Marc Platten, 19.07.2020, https://mplatten.de/predigten/2020-07-19-predigt-ueber-5-mose-deuteronomium-7-6-11-aus-liebe-zur-freiheit-berufen/

Predigt über Deuteronomium 7,6–9: Aus Liebe zur Freiheit berufen

Am 6. Sonntag nach Trinitatis, 19.07.2020 in Gummersbach

Siehe auch die ältere Predigt von 2011: [Predigt über 5. Mose/Deuteronomium 7,6–12: Eine Liebeserklärung mit Folgen][1]

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen!

Liebe Gemeinde, das Thema dieser Predigt ist Freiheit: Gott hat das Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten befreit. Dies ist eine der bekanntesten Erzählungen, wie Gott sein Volk »mit starker Hand« (Ex 13,3) in die Freiheit führte.

Der Predigttext steht im fünften Buch Mose, Deuteronomium, Kapitel 7. Darin geht es um die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei: das, was damals geschah, soll Folgen haben. Ich lese aus der Gute Nachricht Bibel:

Dtn 7,6–9 (Gute Nachricht Bibel) [Gott spricht:] Denn ihr seid ein Volk, das ausschließlich dem HERRN gehört. Der HERR, euer Gott, hat euch unter allen Völkern der Erde ausgewählt und zu seinem Eigentum gemacht. Das tat er nicht etwa, weil ihr größer seid als die anderen Völker – ihr seid vielmehr das kleinste unter ihnen! Nein, er tat es einzig deshalb, weil er euch liebte und das Versprechen halten wollte, das er euren Vorfahren gegeben hatte. Nur deshalb hat er euch herausgeholt aus dem Land, in dem ihr Sklaven wart; nur deshalb hat er euch mit seiner starken Hand aus der Gewalt des Pharaos befreit. Er wollte euch zeigen, dass er allein der wahre Gott ist und dass er Wort hält. Er steht zu seinem Bund und erweist seine Liebe bis in die tausendste Generation an denen, die ihn lieben und seine Gebote befolgen.

Gott, wir danken Dir für Dein Wort. Sende Deinen Heiligen Geist, dass wir es fassen und zum unsrigen machen. Amen.

Liebe Gemeinde, der Predigttext ist eine Liebeserklärung an Israel. »Ihr seid mein Volk«, erklärt Gott. Und aus Liebe hat er sein Volk in die Freiheit geführt.

Sehnsucht nach Freiheit

Der Begriff »Freiheit« ist vieldeutig und wie wichtig er ist, illustriert vielleicht der folgende Bericht:

Am 16. September 1979, vor 41 Jahren, sind zwei Familien, Strelzyk und Wetzel, auf spektakuläre Weise aus der damaligen DDR »in den Westen« geflohen. Einer der Entflohenen, Günter Wetzel, erzählt, was der Antrieb dazu war:

Das Leben in der DDR war für uns unbefriedigend, da es eine Reihe von Punkten gab die uns nicht gefielen, denn wir mussten in vielen Punkten Einschränkungen in Kauf nehmen.
Wesentliche Gründe waren, dass es nicht möglich war, öffentlich oder auch in kleinem Kreis seine Meinung zu äußern, da man nicht sicher sein konnte, ob nicht ein oder sogar mehrere Beteiligte Spitzel waren.1

Seine und eine andere Familie hatten deshalb einen tollkühnen Fluchtplan ersonnen: Mit einem selbst gebauten Heißluftballon wollten sie die Grenze überqueren.

In vielen Einkäufen trugen sie genügend Stoff für die Ballonhülle zusammen; große Mengen auf einmal zu kaufen wäre ihnen nicht möglich gewesen, dann wäre ihr Fluchtvorhaben sofort aufgefallen. Republikflucht wurde in der DDR mit Gefängnis bestraft.

Die Ballonplattform, Gebläse und Brenner haben sie auch selbst gebaut und dann, an einem Sonntagabend, machten sie sich auf den Weg. In der Nacht fuhren sie zu einem Waldstück in Grenznähe, warteten etwas ab, ob sie bemerkt worden waren, und dann machten sie den Ballon startbereit. Über fünf Minuten musste das Gebläse lärmen und mit dem Brenner nachgeholfen werden – ein riskantes Unterfangen und die Hülle fing sogar Feuer, das konnten sie löschen.

Ballon

Vier Erwachsene und vier Kinder waren die beiden Familien zusammen, die sich auf der selbst gebauten Plattform drängten. Schnell wurde ein ernstes Problem sichtbar: die Kappe des Ballons hatte sich gelöst, sodass die warme Luft oben entweichen konnte. Damit hatten sie nicht gerechnet und so musste der laute Brenner im Dauerbetrieb laufen. Ihr Ballon war durch die Flamme hell erleuchtet und von Weitem zu sehen. Aber sie stiegen höher und höher.

Jetzt wurde es eisig kalt, die Temperatur fiel weit unter den Gefrierpunkt. Als sie in gut 2.000 Metern Höhe waren, erreichten sie die stabile Windströmung, mit der sie gerechnet hatten. Sie trieb den Ballon westwärts, Richtung Freiheit.

Doch der Wind wehte nicht ganz in die richtige Richtung. Scheinwerfer leuchteten nach ihnen, erreichten sie in dieser Höhe aber nicht: sie hatten eine Grenzstation überflogen. Als nach knapp einer halben Stunde der Brenner ausging, versuchten die beiden Männer alles, um ihn wieder in Gang zu bringen. Doch es war keine Vereisung, die ihn hatte erlöschen lassen: Das Gas war aufgebraucht.

Jetzt ging es zügig abwärts und sie landeten hart. Die Frauen und Kinder versteckten sich und die Männer erkundeten die Gegend. Wo sie genau waren, wussten sie nach der wilden Fahrt nicht. Sie fanden Fahrzeuge mit westdeutschen Kennzeichen und dann trafen sie auf einen Streifenwagen. Die Polizisten erklärten ihnen, dass sie in Bayern wären.

Ihre Flucht war gelungen: Sie waren in frei.

Was ist Freiheit?

Ich erinnere mich an diese Flucht, die ich als kleiner Junge in den Nachrichten gesehen habe. So etwas hatte es noch nicht gegeben.

Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit und die Familien Wetzel und Strelzyk haben zehn Jahre vor dem Mauerfall ein hochriskantes Unternehmen durchgeführt, um einem System der Unfreiheit zu entkommen.

Für uns heute ist Freiheit vermutlich das höchste Gut. Im Grundgesetz heißt es in Artikel 2:

Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.2

Viele vergessen heute den zweiten Halbsatz. Sie meinen, dass ihre Freiheit absolut sei, dass sich der alles andere unterordnen müsse. Man selbst hat Rechte – die anderen sind nicht so wichtig.

Mit solchem Egoismus hat Freiheit nichts zu tun. Freiheit hat mehr als eine persönliche Dimension. Sie kann in einer Gesellschaft nur in ein Regelwerk eingebettet funktionieren und sie braucht Grenzen. Diese bedeuten nicht das Ende der Freiheit, sondern geben ihr einen Rahmen, sodass man sie leben kann.

An diesen Grenzen kann man »sich reiben« und man kann sie überschreiten. Und solche Grenzen müssen immer wieder überprüft werden und einem gesellschaftlichen Konsens entsprechen. Freiheit ist mehr als Autonomie, Ungebundenheit oder Beliebigkeit à la »Was möglich ist, ist erlaubt«.

Freiheit im Predigttext

Liebe Gemeinde, im Predigttext ist es Gott, der Freiheit möglich macht.

Zuerst klingt das aber ein wenig eng: Gott hat sein Volk auserwählt und den Arm fest um es gelegt. »So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.« (V. 11, Lutherbibel 2017)

Den Rahmen zur neuen Freiheit liefert Gott gleich mit. Er hat Israel nicht in den Egoismus entlassen, sondern in die Gemeinschaft mit sich befreit. Die Gebote eröffnen Israel damit einen Raum des Heils, einen Raum, in dem man Freiheit leben kann.

Was macht mich frei?

Was macht mich frei? Eine seltsame Frage in einer Gesellschaft, in der immer mehr Grenzen fallen und alles gleich gültig und erlaubt sein soll.

Doch ist das Freiheit? Freiheit ist mehr als Freizeit oder ein den Zwängen des Alltags zu entfliehen. Was die Mallorca-Reisenden letzte Woche3 veranstaltet haben, hat nichts mit Freiheit zu tun, sondern mit purem Egoismus. Echte Freiheit weiß um ihre Grenzen und achtet Regeln. Sie achtet die Freiheit des anderen und tritt diese nicht mit Füßen.

Freiheit heißt durchaus, Grenzen auszudehnen und sie, manchmal, zu überschreiten. Dies ist eine der grundsätzlichsten Versuchungen für uns Menschen; schon die Geschichte von Adam und Eva erzählt davon: sie gebrauchten ihre Freiheit dazu, die eine Regel zu übertreten.

Was versucht mich? Wo dehne ich die Grenzen aus, lasse mich nicht in ein absolutes Regelwerk einsperren? Wo lebe ich Freiheit auch im Sinne von harmlosen Grenzüberschreitungen aus?

Nicht wahr: das macht schon Spaß, das Gaspedal einmal etwas weiter durchzutreten, wo das sicher möglich ist. Und wie lecker ist das Stück Kuchen, das man eigentlich besser nicht äße. »Verbotene Früchte« sind einfach die leckersten und mancher Versuchung muss man einfach nachgeben, zumindest ein klein wenig.

Regeln können überschritten werden, doch dies hat Folgen. Grenzüberschreitungen können nicht in einer Weise geschehen, die andere negativ berührt. In der Schriftlesung haben wir Paulus dazu gehört:

Gott hat euch zur Freiheit berufen, meine Brüder und Schwestern! Aber missbraucht eure Freiheit nicht als Freibrief zur Befriedigung eurer selbstsüchtigen Wünsche, sondern dient einander in Liebe. Das ganze Gesetz ist erfüllt, wenn dieses eine Gebot befolgt wird: »Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst. […] Der Geist Gottes dagegen lässt als Frucht eine Fülle von Gutem wachsen, nämlich: Liebe, Freude und Frieden, Geduld, Freundlichkeit und Güte, Treue, Bescheidenheit und Selbstbeherrschung.«4

Freiheit hat neben der persönlichen Dimension nicht nur eine gesellschaftliche, sondern auch eine geistliche. Paulus schreibt dazu: »Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.« (2. Kor 3,17)

In Jesus Christus haben wir diese neue Freiheit. Sie ermöglicht, anders zu leben und anders zu handeln. Sie ermöglicht, in einer ungerechten Welt unseren Egoismus immer wieder neu zu bezähmen und darauf hinzuwirken, dass alle frei leben können – das ist ein steter Kampf.

Wahre Freiheit liegt deshalb in Gott, weil sie uns als Menschen in unserer Welt über diese hinaus erhebt. Wir wissen um mehr als den Kick, den der Tritt aufs Gaspedal oder die ein oder andere Regelüberschreitung mit sich bringt. Wir brauchen keine »Challenges«, um zu spüren, dass wir leben, weil unser Leben nicht hohl und leer ist.

In Christus sind wir deshalb frei, weil wir mitten im Leben wissen, dass da noch mehr ist als das, was vor Augen steht. Er kann unseren so oft unruhigen Herzen Ruhe schenken. Er kann uns unsere Nächsten erkennen lassen. Und er kann uns erinnern, dass wir mit all unseren Fehlern trotzdem seine geliebten Kinder sind. Seine Liebe ist für uns – wie für das Volk Israel – der feste Grund für unsere Freiheit.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Mehr zum protestantischen Freiheitsbegriff unter https://www.luther2017.de/reformation/und-gesellschaft/muendigkeit-freiheit/die-freiheit-eine-erfindung-martin-luthers/index.html


  1. https://www.ballonflucht.de/idee.html (abgerufen am 13.07.2020). ↩︎

  2. https://www.gesetze-im-internet.de/gg/BJNR000010949.html (abgerufen am 15.07.2020). ↩︎

  3. Vgl. https://www.tagesschau.de/ausland/mallorca-corona-ballermann-103.html (abgerufen am 17.07.2020). ↩︎

  4. Gal 5,13f.22 (Gute Nachricht Bibel), s. https://www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/gute-nachricht-bibel/bibeltext/bibelstelle/gal%205/. ↩︎