Predigt über Matthäus 16,13–19

Liebe Gemeinde: wer ist Gott? Und wo kann man ihn finden?

Das sind Fragen, die wir wohl alle kennen. Zu allen Zeiten hatten die Menschen, die sich mit Gott beschäftigen, eine große Sehnsucht: ihm zu begegnen, ihn zu fassen. Schauen statt Glauben – so könnte man es in einen Slogan fassen.

Schon das Alte Testament berichtet, wie Mose Gott begegnet und von ihm wissen will, wie er heißt:

2.Mose 3,13–15 (Gute Nachricht) Mose sagte zu Gott: »Wenn ich nun zu den Leuten von Israel komme und zu ihnen sage: ›Der Gott eurer Vorfahren hat mich zu euch geschickt‹, und sie mich dann fragen: ›Wie ist sein Name?‹ – was soll ich ihnen sagen?« Gott antwortete: »Ich bin da«, und er fügte hinzu: »Sag zum Volk Israel: ›Ich-bin-da hat mich zu euch geschickt: der HERR! Er ist der Gott eurer Vorfahren, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.‹ Denn HERR (Er-ist-da) ist mein Name für alle Zeiten. Mit diesem Namen sollen mich auch die kommenden Generationen ansprechen, wenn sie zu mir beten.«

Gott gibt dem Mose eine spielerische Antwort, spielt mit dem Verb »Sein«. Der Grundtext überliefert das »ich bin da« mit »Ich werde sein, der ich sein werde«. Das Sein schlechthin, das ist Gott, so definiert er sich selbst. Gott, er ist geballte Existenz, Grundstock allen Lebens.

Doch können wir ihn mit diesem Wissen fassen, besser erkennen? Oder ist diese universelle, alles Dasein umspannende Selbstbeschreibung nicht zu groß, als das wir sie begreifen könnten?

Auf der Suche nach Gott gibt es viele Wege, die wir einschlagen können. Und der Heilige Geist, der Pfingsten als eine der drei Personen Gottes auf die Welt gekommen ist – ist er nicht ebenso schwer zu greifen wie Gott selbst?

Der Predigttext des heutigen Pfingstmontags gibt uns einen fassbaren Hinweis auf Gott – ganz greifbar, ganz leicht erkennbar. Ich lese aus Matthäus 16 die Verse 13–19:

Mt 16,13–19 Da kam Jesus in die Gegend von Cäsarea Philippi und fragte seine Jünger und sprach: Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei? Sie sprachen: Einige sagen, du seist Johannes der Täufer, andere, du seist Elia, wieder andere, du seist Jeremia oder einer der Propheten. Er fragte sie: Wer sagt denn ihr, dass ich sei? Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn! Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.

In Jesus Christus ist Gott greifbar geworden. Gott wurde Mensch – viel konkreter geht es nicht mehr. »Was sagen die Leute über mich, wer ich sei?« fragt Jesus seine Jünger eines Tages. An so vielen Orten war er aufgetreten, hatte gepredigt, hatte Wunder gewirkt. Und nun stellt er diese Frage! Ist die Antwort da nicht eigentlich sonnenklar? Gottes Sohn; wie anders hätte Petrus antworten sollen!

Doch seinen Zeitgenossen war das gar nicht wirklich klar. Dieses Bekenntnis, das Petrus hier so eindeutig formuliert, es wurde nicht einmal von allen Jüngern zu diesem Zeitpunkt geteilt. Erinnern Sie sich noch an die Predigt vom Ostermontag, vor fünfzig Tagen? Darin ging es um die beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus. Als Jesus ihnen begegnete und unerkannt mit ihnen ging, erzählten sie, das Jesus ein wichtiger Mann gewesen sei, ein Prophet, vielleicht gar der Messias – doch dass sie sagten: er war Gottes Sohn – das ging selbst diesen beiden nicht von den Lippen…

Wie ist das bei uns? Wer ist Jesus Christus? Ist er für uns derjenige, in dem Gott greifbar und konkret geworden ist? Oder nur eine historische Person, um die selbst nach zweitausend Jahren ein großes Brimborium gemacht wird? Unsere Antwort ist: Er war Gottes Sohn; was hätten wir sonst heute Morgen hier zu schaffen.

Im Predigttext hören wir die Antwort, die Jesus Petrus auf sein Bekenntnis gibt: »Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.«

Gott hat Petrus diese Erkenntnis geschenkt. Dieser Satz ist einer der Gründe, weshalb dieser Text heute am Pfingstmontag gepredigt werden soll. Pfingsten, das heißt, dass Gott als Heiliger Geist auf die Erde gekommen ist. Er ist heute unter uns. Der Geist ist es, der den Glauben in uns wirkt. Und wenn wir heute im Namen des dreieinigen Gottes hier zusammen feiern, dann ist er es, der uns das fassen lässt, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist.

Dieser Glaube ist immer wieder angefochten und alles Glauben kennt den Ausflug in die Niederungen des Zweifelns und Hinterfragen. So felsenfest wie Petrus im Text genannt wird, sind wir nicht im glauben – Petrus war es ja auch nicht; er musste erst den Hahn krähen hören, bis er sich auf seinen gottgegebenen Glauben besann.

Christus, in dem Gott konkret und greifbar geworden ist, er entgleitet uns. Und doch: immer wieder können wir ihn fassen. Wenn wir gleich das Heilige Abendmahl feiern, begegnen wir ihm in, mit und unter der Gestalt von Brot und Wein. Dieses Zeichen seiner Nähe, seines mit uns seins hat er uns geschenkt. Nehmen wir es in allem Zweifeln als Glaubensnahrung zu uns, als ein kleines, leises Zeichen, seine Gegenwart zu be-greifen.

Jesus Christus kommt nicht mit Macht daher; er bahnt sich nicht die Bahn wie ein Star – kein »Platz da, hier komme ich«. Er kommt unscheinbar, leise und niemals mit Gewalt. Er kommt zu verbinden, was verwundet ist. Er kommt zu stärken, was schwach ist. Er kommt um nach Hause zu führen, was verloren ist.

Anthony de Mello erzählt über diesen unscheinbaren Jesus Christus, den wir im Abendmahl begegnen können, eine Geschichte, die es in sich hat:

Ein Gespräch zwischen einem kürzlich zu Christus bekehrten Mann und einem ungläubigen Freund:
»Du bist also zu Christus bekehrt worden?« »Ja.«
»Dann musst du eigentlich gut über ihn Bescheid wissen. Sag mir: In welchem Land wurde er geboren?« »Das weiß ich nicht.«
»Wie alt war er, als er starb?« »Das weiß ich nicht.«
»Wie viele Predigten hat er gehalten?« »Das weiß ich nicht.«
»Du weißt sehr wenig für jemand, der behauptet, zu Christus bekehrt worden zu sein!«
»Du hast recht. Ich schäme mich, so wenig von ihm zu wissen. Aber soviel weiß ich: Noch vor drei Jahren war ich ein Trinker. Ich hatte Schulden. Meine Familie brach auseinander, Meine Frau und Kinder fürchteten sich jeden Abend vor meiner Heimkehr. Aber jetzt habe ich das Trinken aufgegeben; wir haben keine Schulden mehr; wir sind eine glückliche Familie. Meine Kinder erwarten mich ungeduldig jeden Abend. Das alles hat Christus für mich getan. Soviel weiß ich von Christus!«

Auch wir wissen nicht alles über Christus. Auch wir sind im Glauben und nicht im Schauen. Und doch können wir im Glauben erleben, wie er an uns handelt. »Mit meinem Gott kann ich Mauern überspringen« – das ist etwas, das der Mann in der Geschichte erlebt hat.

Jesus Christus ist der menschgewordene Gott, der im Glauben erkannt und im Abendmahl begriffen werden kann. Und doch ist da noch mehr. Im Text wird Petrus als der »Fels« bezeichnet, auf dem Christus seine Kirche bauen will. Es ist ein schönes Bild. Ein Fels ist ein hervorragendes Fundament, stabil und unverrückbar. Und dass Petrus, ein Mensch mit Schwächen, Ecken und Kanten dieser Fels sein soll zeigt, was es mit der Kirche auf sich hat: Sie ist kein Gebäude, sondern die Gemeinschaft der Menschen, die sich in allem Zweifeln unter dem Kreuz versammeln die das Evangelium hören und im Abendmahl Gott begegnen.

Petrus der Fels – zwei Kapitel weiter, in Matthäus 18 (Vers 18) greift Jesus das noch einmal auf, doch verändert es leicht: er sagt: Ihr seid es, die auf der Erde meine Jünger seid. Er nimmt die übrigen Jünger in die Vollmacht, die er Petrus gab, mit hinein. Und heute sind wir seine Jüngerinnen und Jünger. Auch wir können uns das sagen lassen, das wir ein Stück seiner Kirche sind, all unseren Zweifeln zum Trotz. So sind wir es, die Christus sendet, die Gute Nachricht weiterzuerzählen: Dass Gott immer noch fassbar und nahe ist, dass er es gut mit uns meint und ein Ziel für uns hat, und dass er schon hier und jetzt unser Leben verändern kann, wo wir mit ihm leben. In Christus ist uns das verheißen und der Geist ist es, der es uns fassen lässt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.