Predigt über Lukas 24,13–35

thumbnail for this post

Liebe Gemeinde, im heutigen Predigttext hören wir von den beiden Jüngern, die sich auf nach Emmaus gemacht hatten. Lukas beschreibt es in seinem Evangelium so:

Lk 24,13–35 (Luther revid. 1984) Und siehe, zwei von ihnen gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa zwei Wegstunden entfernt; dessen Name ist Emmaus. Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. Und es geschah, als sie so redeten und sich miteinander besprachen, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten. Er sprach aber zu ihnen: »Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs?« Da blieben sie traurig stehen. Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: »Bist du der einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist?« Und er sprach zu ihnen: »Was denn?« Sie aber sprachen zu ihm: »Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Taten und Worten vor Gott und allem Volk; wie ihn unsre Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben. Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist. Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind früh bei dem Grab gewesen, haben seinen Leib nicht gefunden, kommen An Ostermontag, 13.04.2009.und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe. Und einige von uns gingen hin zum Grab und fanden’s so, wie die Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht.« Und er sprach zu ihnen: »O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben! Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?« Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war. Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen. Und sie nötigten ihn und sprachen: »Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt.« Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben. Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen. Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. Und sie sprachen untereinander: »Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?« Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren; die sprachen: »Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und Simon erschienen.« Und sie erzählten ihnen, was auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen erkannt wurde, als er das Brot brach.

Emmaus – wer ist es, der da hingeht?

Liebe Gemeinde, dieser Bericht hat es in sich! Was sind das für zwei Jünger, die sich da auf den Weg gemacht haben? Solche, die kaum, dass Jesus Gekreuzigt worden ist, schon auf dem Weg nach Hause waren. Die Sensation, die Sache mit Jesus ist vorbei und nun haben sie gepackt und sich aufgemacht – vielleicht zurück in ihr altes Leben.

Enttäuscht, das sind sie. Auf dem Weg erzählen sie, gehen in Gedanken und Worten noch einmal all die Stationen durch, die sie mit Jesus gegangen sind. Nein, das ist wohl alles aus und vorbei.

Der Mitreisende, dem sie auf dem Weg begegnen, er scheint nichts davon zu wissen und in ihrem Erzählen kommt alles zum Ausdruck, was in ihnen zerbrochen ist. Jesus, er war ihre Hoffnung. So sehr hatten sie sich gewünscht, dass er der Messias sei. Dass er es sei, der im Land neue Verhältnisse heraufführte. Vielleicht sogar die Römer zurück ins Meer trieb, dem sie »entstiegen« waren. »Er war ein Prophet, mächtig in Taten und Worten vor Gott und allem Volk«, so lautet ihr Fazit.

Liebe Gemeinde, wer ist er für Sie? Wer ist dieser Jesus Christus, in dessen Namen wir uns heute hier versammelt haben? Ist er für uns wie für diese Jünger ein guter Mensch, der eine Menge guter Dinge vollbracht hat? Oder ist er unser Heiland?

Die Emmausjünger haben ihre Antwort gegeben. Wie sollten sie auch anders, in ihrer Situation: sie mussten miterleben, wie Christus starb. Ihre Welt war in Scherben gegangen. Alles vergebens, trotz der langen Zeit, die sie gemeinsam mit Jesus verbracht hatten.

Kennen Sie das? So eine Situation, in der einfach alles den Bach ’runtergeht, in der alles in sich zu zerfallen scheint und nichts mehr so ist, wie es sein sollte?

  • Da ist die Mutter, die mit ihren Kindern auszieht, weil sie für ihre Ehe keine Perspektive mehr sieht.
  • Da ist der Mann, dessen berufliche Perspektive gerade vor die Wand fährt.
  • Da ist der Rentner, der von seinem Ruhestand nichts hat, weil die Gesundheit völlig im Eimer ist.
  • Da ist die Schülerin, die schlecht schläft und andauernd Beklemmungen hat, weil ihre Abi-Note vielleicht nicht ausreicht, den N.C. ihres Traumstudienganges zu erfüllen.
  • Da ist der Brandstifter, der um die Häuser zieht und aus lauter Hass auf alles anderer Leute Autos anzündet.

Liebe Gemeinde, das sind fünf Beispiele, die nicht erfunden sind, sondern die mir in den letzten beiden Wochen untergekommen sind.

Wir kennen alle solche Momente, in denen wir wie die Emmausjünger sind. Wie sehr die für uns stehen können, zeigt sich schon darin, dass nur einer mit Namen genannt wird. Der andere Jünger – vielleicht setzen Sie Ihren Namen für ihn ein! Und dieses Emmaus – wir wissen heute gar nicht mehr, wo es genau gelegen hat, welcher Ort es genau gewesen ist. Emmaus – für uns heute ist es eine Chiffre für das unbekannte Ziel, zu dem wir auf dem Weg sind, zu der noch unerfüllten Zukunft, die jetzt noch unklar ist, bis sie zur Gegenwart und damit zur Realität wird.

Nicht wahr: irgendwie sind wir, allen Sicherheiten, allen Gewohnheiten, allem Eingerichtet sein im Leben zum Trotz, unterwegs zu unserem Emmaus. Denn irgendwie ist es nur die Vergangenheit, die verlässlich und gewiss ist.

Diese beiden Zweifler auf dem Weg jedenfalls halten sich daran fest – an der Vergangenheit. Ob sie wohl »Damals war alles besser« gesagt oder bei sich gedacht haben? Jedenfalls schwelgen sie noch einmal in der Erinnerung, gehen in Gedanken die Wege noch einmal, die sie mit Jesus gegangen sind.

»Emmaus« – das Ziel, zu dem Gott mit uns mitgeht

Die Geschichte der Frauen vom fortgewälzten Stein, vom Engel im Grab und der Botschaft: «Der Herr ist auferstanden; er lebt!» – sie konnten sie nicht fassen. Fassen wir es? Oder sind wir heute hier, weil das so Brauch ist, weil man das so macht und es irgendwie dazugehört? Oder weil wir, ohne Christus getroffen zu haben, weiter sind als diese Beiden und wissen: Der Herr ist auferstanden!

Der Mitreisende jedenfalls, der so unkundig in Sachen Jesu zu sein schien, er war in allem Zweifel, in aller Depression wie der »helle Morgenstern«, wie das Licht in der Dunkelheit und der Ausweg in der Not.

Er wusch ihnen den Kopf. »Ihr Unwissenden«, ruft er ihnen zu – Martin Luther übersetzt es noch deutlicher: »Ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben!« Und dann erklärt er ihnen Gottes Plan noch einmal: weshalb Gott Mensch geworden ist. Weshalb er sich in Jesus Christus selbst geopfert hat. Wie er alles das, was uns von ihm trennt, mit an das Kreuz genommen und es für uns aus der Welt geschafft hat. Denn es ist unsere Schuld, die gekreuzigt worden ist.

Die beiden auf dem Weg – etwas in ihnen muss wieder zu Kräften gekommen sein, trotz aller Traurigkeit, trotz der Anstrengung, trotz des sich neigenden Tages. »Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt« – Lassen sie uns diese Worte der Jünger jetzt singen!

eg 483 Herr, bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneiget.

Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben …

»Und ging hinein, bei ihnen zu bleiben. Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen. Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn.« (VV. 29c–31a)

Liebe Gemeinde, diese Szene hat auch Michelangelo Caravaggio in einem Gemälde verarbeitet. Der Tisch, er ist reichhaltig gedeckt mit Obst, Fleisch, Brot und Wein. Der Wirt steht noch dabei: es ist angerichtet. Jesus – er hat die Hand zum Segen ausgestreckt.

Die Jünger – was für eine Körpersprache bei den Jüngern! Wäre es eine Fotografie, dann wäre es beinahe so, als habe Caravaggio einen Moment zu früh auf den Auslöser gedrückt. Dieses Bild, es markiert die Schwelle zwischen Karfreitag und Ostern. Es markiert die Schwelle zwischen noch auf dem Weg und schon angekommen sein. Es markiert die Schwelle zwischen Zweifeln und Glauben.

Wären wir die Jünger – wie wäre unsere Haltung? Wo würden wir stehen – bei Karfreitag oder bei Ostern?

Diese beiden jedenfalls: ihr Blick ist nach oben gerichtet. Auf dem Weg, im Schwelgen in Erinnerungen, da wird er nach unten auf den Boden, in sich gekehrt gewesen sein. Jetzt blicken sie auf. Und mehr noch: Kleopas hält nichts mehr auf dem Sitz; links vorne im Bild hält er die Stuhllehnen umklammert, um aufzuspringen: Halleluja – der Herr ist auferstanden!

Der andere Jünger – vielleicht ist es Jakobus – mit der Jakobsmuschel deutet Caravaggio dies über die Schrift hinaus an – er reißt die Arme auseinander, will Jesus um den Hals fallen.

Starten Sie den Film; malen Sie sich diese Szene weiter aus: was wird dann, nach diesem in Öl auf Leinwand verewigten Moment geschehen sein?

Mit Sicherheit ein großes Hallo und riesige Freude. Hatte der Zweifel und Schmerz sie auf dem Weg noch gelähmt, werden die Jünger in helle Begeisterung versetzt worden sein!

Nach Emmaus gehen heißt durchzustarten

Das ist Ostern; das bedeutet dieses jährlich wiederkehrende Fest für uns: dass auch wir uns begeistern lassen dürfen, allen Schwierigkeiten im Leben zum Trotz. Denn das heißt Ostern doch: dass Gott, der unsere Schuld aus der Welt getragen hat, nicht auch aus ihr heraus gegangen ist, sondern dass er wiedergekehrt ist. Auf dem Weg zu unserem je persönlichen »Emmaus« ist auch er mit dabei, das ist die Botschaft. So wie zu den beiden damals spricht er auch zu uns. So wie die beiden damals, die am Abend ihrer Hoffnung angekommen waren, stärkt und kräftigt er uns immer wieder, dass auch wir neuen Morgen, neue Freude, neue Begeisterung erfahren können:

  • Das tut er durch die Menschen, die er uns an die Seite gestellt hat – freilich: nicht an jedem Tage.
  • Das tut er durch die Gaben, mit denen er uns beschenkt hat.
  • Das tut er durch die Gemeinde, in der er der lebendige Mittelpunkt ist, in der Begegnung, im Gebet füreinander, in den Sakramenten als Wegzehrung.
  • Und das tut er auch in der Vergebung, die er uns immer wieder schenkt, wo wir umkehren von falschen Wegen, von Engstirnigkeit und Zorn und Vergebung üben – wenn wir uns denn überwinden, das zu tun.

Emmaus – das ist eine Schwelle. Es steht für den Neuanfang, den die beiden gewagt haben, den auch wir an jedem Tag auf ein Neues herausgefordert sind, zu wagen. Lassen sie uns dazu die ersten drei Strophen des Liedes unter Nr. 389 singen:

eg 389, 1. Ein reines Herz, Herr, schaff in mir, / schließ zu der Sünde Tor und Tür; / vertreibe sie und lass nicht zu, / dass sie in meinem Herzen ruh. 2. Dir öffn ich, Jesu, meine Tür, / ach komm und wohne du bei mir; / treib all Unreinigkeit hinaus / aus deinem Tempel, deinem Haus. 3. Lass deines guten Geistes Licht / und dein hell glänzend Angesicht / erleuchten mein Herz und Gemüt, / o Brunnen unerschöpfter Güt.

Emmaus – ein Weg zu neuer Gewissheit?

Liebe Gemeinde, die Jünger haben sich in Begeisterung versetzen lassen. Sie sind umgekehrt, haben »Emmaus« hinter sich gelassen und sind nach Jerusalem zurückgelaufen. Man könnte auch sagen: Sie sind aus der Ungewissheit zurück in die Gewissheit gelaufen. Denn dafür steht diese Geschichte mit diesem heute nicht mehr zu lokalisierenden Ort.

Auf so manchem Lebensabschnitt sind auch wir unterwegs nach »Emmaus« – der Weg zum Ziel ist noch weit; es ist vielleicht gar nicht das Ziel, zu dem wir mit Herzen und Wollen hin unterwegs sind und das Eigentliche, das gerade einen Abbruch erfährt, liegt hinter uns.

Doch die Emmausjünger sind auch ein Symbol dafür, dass Gottes Verheißungen auch da fortgelten, wo wir es nicht erwarten; dass Gott auch auf anderen Wegen als den Erträumten mit uns geht.

Die Emmausgeschichte ist eine Mahnung, den Kopf nicht in den Sand zu stecken, sondern fortzuschreiten, auch auf rauen Wegen die Augen für Gott offen halten und für das, was er vor uns legt.

Und Emmaus heißt auch, dass wir mit Gottes Hilfe zum Ziel kommen – auch wenn es sich als ein anderes Ziel entpuppt, als etwas, dass nicht augenfällig ist und erst offenbar werden muss.

An Ostern ist Christus als Auferstandener erneut als Wort Gottes offenbart worden – in ihm liegt die Offenbarung für unser Leben, denn in Jesus Christus hat Gott uns alles gesagt, was für uns wichtig ist: Dass er da ist, dass er mit uns ist, dass er ein Ziel für uns hat.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.