Veränderung ist möglich und mit Gottes Hilfe kann es einen Neuanfang mit anderen geben. Machen wir uns auf den Weg in eine gerechtere Welt.

Predigt über Amos 5,21–24: Veränderung – jetzt

Am 11.02.2024, Estomihi. Veröffentlicht 11.02.2024, Stand 13.02.2024, 1187 Wörter.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch!

Liebe Gemeinde, »der Ton macht die Musik«, das gilt in allen Belangen. Wenn jemand im Geschäft beim Einkauf die Vokabeln »Bitte« und »Danke« nicht in den Mund bekommt, ist das für das Personal herausfordernd und zeugt sicher nicht von der Klasse solcher Zeitgenossen.

Der Prophet Amos übte in seiner Gesellschaft Kritik am Verhalten der Menschen. Ungerechtigkeit war ihm ein Dorn im Auge. Vor gut 2.700 Jahren zog er, eigentlich ein Kleinbauer und Obstzüchter aus dem südlichen Israel, in die damalige Hautstadt Samaria. Amos war laut, seine Kritik an den Verhältnissen untereinander und in Bezug auf die Frömmigkeit unüberhörbar. Amos war auch der Erste, der seine Prophetenworte aufschrieb. Im fünften Kapitel seines Buches hören wir, wie er Gottes Wort an die Menschen in Samaria überliefert:

[Gott der HERR spricht:] Ich hasse und verachte eure Feste und mag eure Versammlungen nicht riechen [– es sei denn, ihr bringt mir rechte Brandopfer dar –,]1 und an euren Speisopfern habe ich kein Gefallen, und euer fettes Schlachtopfer sehe ich nicht an. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!
Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.
–Amos 5,21–24 (Lutherbibel 2017)

Gott, wir danken Dir für Dein Wort. Schenke uns, dass wir es fassen und zu unserem machen. Amen.

Opfer und Versöhnung im Alten Testament

Liebe Gemeinde, im Alten Testament gibt es noch das Opfer. Der Opferkult am Tempel in Jerusalem hatte die Funktion, Schuld durch ein Opfer zu beseitigen und natürlich an Schaltstellen des Lebens zu Gott in Beziehung zu treten, zum Beispiel bei Heirat oder der Geburt von Kindern.

Einer der bekanntesten jüdischen Feiertage ist der Jom Kippur2, der Versöhnungstag. Im Dritten Buch Mose, Leviticus, wird erzählt, was an diesem Tag geschehen soll (Lev 16): Die Schuld des ganzen Volkes soll vom Hohepriester symbolisch einem Bock aufgelegt werden, der dann in die Wüste gejagt wird; die Redensart »jemanden in die Wüste schicken« kommt daher. Damit ist die Schuld »aus der Welt«.

Heutzutage ist der Jom Kippur ein Tag der inneren Einkehr, um sich mit Gott ins Reine zu bringen. In Israel ruht an diesem Tag das öffentliche Leben, viele Menschen fasten und bemühen sich, zwischenmenschliche Schuld in der Begegnung zu bereinigen. Sich miteinander zu vertragen, ist eine Voraussetzung dafür, mit Gott ins Reine zu kommen. Wenn abends das Widderhorn Schofar geblasen wird, ist der Feiertag abgeschlossen.

Gottes Ablehnung der Opfer bei Amos

Bei Amos hören wir von Gott: »Ich hasse und verachte eure Feste und mag eure Versammlungen nicht riechen.« (V. 21) Für uns klingt dies harmlos, aber für die Israeliten zu Amos’ Zeit war dies die klassische »volle Breitseite«: drastischer konnte eine Kritik nicht formuliert werden. »Du kannst tun, was du willst, Gott nimmt es nicht an« ist die Botschaft. Was war geschehen, dass Amos solch harsche Worte überbringt?

Die Einheit des Reiches war nach König Salomo zerbrochen. Die zwölf Stämme Israels waren auseinander getreten, die zehn nördlichen Stämme standen gegen das Südreich mit Jerusalem als Hauptstadt. Samaria, auf gut halber Strecke zwischen Totem Meer und See Genezareth gelegen, war die neue Hauptstadt geworden. Sogar den Ehrennamen Israel, der das ganze Volk bezeichnete, hatte man »mitgenommen«.

Der einzige legitime Ort der Anbetung war jedoch, da ist sich das Alte Testament gewiss, der Tempel in Jerusalem. In Samaria hatte man dies missachtet, denn in Jerusalem wohnten die, mit denen man »im Clinch« lag und nichts zu tun haben wollte.

In theologischer Hinsicht ist dies der Grund für die Ablehnung Samarias. Die Geschichte vom »Barmherzigen Samariter« (vgl. Lk 10,25–37) zeigt, dass noch gut siebenhundert Jahre später, zu Jesu Zeiten, die Samaritaner deshalb als nicht rechtgläubig abgelehnt wurden.

Gott will Gerechtigkeit

Bei Amos ist ein anderer Grund vielleicht sogar wichtiger: In Samaria sah er keine Gerechtigkeit. Jude übervorteilte Jude und während sich die einen schamlos bereicherten und prassten, versanken die anderen in bitterster Armut. Die hart konturierten sozialen Gegensätze und das Fehlen eines Ausgleichs waren das »Lager«, an dem Amos den »Hebel« seiner Kritik ansetzte.

Ein Volk, in dem der soziale Zusammenhalt verloren geht, obwohl man auf dem Fundament eines gemeinsamen Glaubens steht, ist für ihn ein Unding, also sagt er den Samaritanern auf den Kopf zu: »Opfert, soviel ihr nur wollt: solange ihr so gegen die Gemeinschaft handelt, wird Gott euer Opfer nicht annehmen.« Er fährt fort: »Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!«

Bei uns heute gilt anderes: Brand- und Rauchopfer kennen wir nicht, auch sonst keine Opfer. Unsere Altäre sind dies eben nicht, sondern nur funktionale Tische, denn Christus hat das letzte Opfer gebracht, als er sich für uns in den Tod gab, um unsere Schuld nicht in die Wüste, sondern in die tiefste Hölle zu bringen. Und auch diese hat er endgültig besiegt, als er vom Tod auferstand.

Gott lässt durch Amos ausrichten, nicht einmal Gesang oder Musik anhören zu wollen von Menschen, die Ungerechtigkeit sozusagen zu ihrem Markenzeichen ausgebaut haben.

Umkehr zu Gerechtigkeit

Den Vers »Nimm fort das Geplärr deiner Lieder« können wir bei uns wiederfinden, denn gesungenes Gotteslob ist auch Teil unseres Gottesdienstes.

Machen wir uns Amos’ Kritik einmal zueigen und schauen, ob sie passt. Wie steht es um unsere Gerechtigkeit heute? Am Jom Kippur geht es zuerst um das Bereinigen der Schuld untereinander, bevor es an die Schuld vor Gott gehen kann.

Kyrie und Gloria, Schuldbekenntnis und Gnadenzuspruch haben wir vorhin ausgesprochen und gehört. Wie gut ist es, dass unser Gott ein gnädiger ist, der uns Vergebung schenkt, einen Neubeginn. Darin liegt die Chance, das Misslungene beim nächsten Mal besser zu machen.

Prüfen wir uns selbst: leben wir das? Was ist denn mit dem ein oder anderen Groll, den wir hegen: Da sind die Leute, die wir nicht grüßen oder freundlich behandeln, weil irgendwann etwas geschehen ist. Und das konservieren wir, halten es fest. Wie steht es um unser Kyrie, wenn wir selbst nicht vergeben?

Es Ströme das Recht wie Wasser

Bild von Pexels aus Pixabay

Bild von Pexels aus Pixabay.

Amos schließt: »Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.« (V. 24) Liebe Gemeinde, der heutige Sonntag richtet unseren Blick auf die Aschermittwoch beginnende Passionszeit aus.

Auch wir gehen immer wieder »hinauf nach Jerusalem«, damit vollendet wird, was durch die Propheten geschrieben steht: dass unsere Schuld durch Jesus Christus getilgt wird. Veränderung ist möglich. Tun wir das uns Mögliche, damit Gerechtigkeit für alle Wirklichkeit wird.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen.


  1. Die Lutherbibel übersetzt hier nicht gut, der von mir durchgestrichene Teil in Vers 22ab heißt richtiger: »Wenn ihr mir Brandopfer und Opfergaben darbringt, sehe ich sie nicht an …« (כִּ֣י אִם־תַּעֲלוּ־לִ֥י עֹלֹ֛ות וּמִנְחֹתֵיכֶ֖ם לֹ֣א אֶרְצֶ֑ה וְשֶׁ֥לֶם מְרִיאֵיכֶ֖ם לֹ֥א אַבִּֽיט׃). Das כִּ֣י אִם ist mit dem einschränkenden »es sei denn …« falsch übersetzt, es geht einzig um Ablehnung aller Opfer (aufgrund der Haltung der Opfernden!) im Sinne »Wenn ihr (grundsätzlich) opfert … dann …«. ↩︎

  2. Eine gute Erläuterung zum Feiertag finden Sie beim MDR unter https://www.mdr.de/religion/religion/jom-kippur-datum-bedeutung-geschichte-fuer-den-versoehnungstag-104.html (abgerufen am 05.02.2024). ↩︎

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