Predigt über Hebräer 9,15.26b–28: Weshalb Christus sich geopfert hat

Liebe Gemeinde, diese Predigt habe ich mit »Weshalb Christus sich geopfert hat« überschrieben. Au Backe: geopfert. Was für ein Wort!

Seit einigen Jahren wird vermehrt darum gestritten, dass Jesu Tod am Kreuz ein Opfer oder gar ein »Sühneopfer« gewesen sei – selbst unter Theologen. Wenn Gott ein liebender Gott ist, geht es auch ohne Jesu Kreuzestod, ist die Argumentation.

Um es kurz zu sagen: wir wollen keine Opfer. Und jemand, der sich zum Opfer macht, ist abzulehnen. Kinder und Jugendliche rufen einander verächtlich »Du Opfer!«, wenn jemand im Getriebe des Miteinanders die Unterhand hat. Und glauben Sie nicht, dass so jemand heutzutage Unterstützung erfährt, nein, da wird munter draufgehauen und mit dem Finger draufgezeigt oder in der WhatsApp-Gruppe weiter gemobbt.

Heute ist nun Karfreitag, der Tag, an dem es um den stellvertretenden Tod Jesu für uns alle geht – um sein Selbstopfer. Lassen Sie uns diesen Gedanken einmal beleuchten, gerade angesichts des zunehmenden Unverständnisses, auf das dieser stößt. Hören Sie den Predigttext aus dem Hebräerbrief:

Hebräer 9 (Lutherbibel 2017) 15 Und darum ist er auch der Mittler des neuen Bundes, auf dass durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen.
26b Nun aber, am Ende der Zeiten, ist er ein für alle Mal erschienen, um durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben. 27 Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: 28 so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal erscheint er nicht der Sünde wegen, sondern zur Rettung derer, die ihn erwarten.

Das Thema des Karfreitags

Liebe Gemeinde, heute ist ein »schwarzer Tag«. Nicht nur die liturgische Farbe ist heute schwarz, sondern das Thema überhaupt: Christus ist tot.

Für die Jünger damals war das eine Katastrophe. Alles war verloren, Judas ein Verräter und selbst Petrus, der »Fels«, hatte sich als »Sand« erwiesen und nicht zu Jesus gehalten.

Karfreitag ist der Tag, an dem es wirklich ernst wurde. Hier war das Ende des Möglichen erreicht, gab es keinen Ausweg, kein Entkommen. Drei Mal hatte Jesus seinen Jüngern seinen Tod angekündigt (vgl. Mk 8,31–33; 9,30–32; 10,32–34). Er hatte gewusst, was kommen würde. Dann war er in Jerusalem eingezogen (vgl. Mk 11,1–11) – trotzdem, oder besser: gerade deshalb.

Mittler des neuen Bundes

Im Predigttext hören wir, dass Jesus Christus der »Mittler des Neuen Bundes« (V. 15) sei. Der Hebräerbrief schöpft, was die Voraussetzungen bei seinen Hörerinnen und Lesern angeht, aus dem Vollen. Gemeint ist der Bund Gottes mit Israel.

Drei Bundesschlüsse Gottes mit uns Menschen kennen wir:

  • Der erste ist der Noah-Bund, den Gott am Ende der Sintflut mit Noah für die ganze Menschheit schloss: nie wieder wollte Gott die Erde zerstören. Das Bundeszeichen dafür ist der Regenbogen (vgl. 1. Mo/Gen 9,12–17), er kann uns daran erinnern, dass Gott das Gute für uns will.
    Ich möchte anmerken: den Teil mit dem »die Erde zerstören«, das machen wir selbst ganz hervorragend.
  • Der zweite Bund ist der Abrahamsbund (vgl. 1. Mo/Gen 17,1–16). Es ist der Erwählungsbund mit dem Volk Israel, den Gott mit Abraham als einem der Erzväter Israels schloss. Er sagte zu ihm: »Sieh gen Himmel und zähle die Sterne; kannst du sie zählen? Und sprach zu ihm: So zahlreich sollen deine Nachkommen sein!« (1. Mo/Gen 15,5b) Deshalb bekam Abram auch einen neuen Namen, der eine Bedeutung hat: »Darum sollst du nicht mehr Abram heißen, sondern Abraham soll dein Name sein; denn ich habe dich gemacht zum Vater vieler Völker.« (1. Mo/Gen 17,5) Ab-raham bedeutet übersetzt Vater der Menge.
    Dass Israel Gottes auserwähltes Volk ist, mutet seltsam an. Wieso sollte Gott ein Volk den anderen vorziehen? Und doch ist es so. Im Buch des Propheten Sacharja steht: Wer euch antastet, der tastet seinen Augapfel an.« (Sach 12,12b) Israel ist Gottes Volk.
  • Der dritte Bund ist der Christusbund (vgl. 1. Kor 11,25: ἡ καινὴ διαθήκη).

Bund, das heißt auf Latein testamentum. Die Bezeichnung der beiden Bibelhälften, Altes und Neues Testament, kommt daher. Eigentlich heißen sie also »alter Bund« und »neuer Bund«. Daran merkt man, wie wichtig die Sache mit dem Bund Gottes ist.
Der Apostel Paulus schreibt im Römerbrief über diesen neuen Bund in Jesus Christus, dass wir durch ihn in den Erwählungsbund Gottes hineingekommen sind (s. Röm 11). Christus ist es, der den neuen Bund Gottes begründet. Die Taufe ist der Weg in diesen Bund hinein.

Opfer?!

Dass Christus auch »durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben« (V. 26) kam, ist heute schwierig. Der Begriff Opfer hat in unserer Zeit seine eigentliche Bedeutung verloren, ist reduziert und deshalb schwer verständlich geworden. Gemeint ist, dass Jesus Christus das alles – sein Leiden und Sterben – bewusst in Kauf genommen hat. Ein Opfer ist er eigentlich nicht, denn er hatte die Möglichkeit, das alles zu vermeiden.

Vielleicht ist das sperrige Wort Selbsthingabe hier ein wenig verständlicher als Opfer? Denn darum geht es heute: dass Christus den Tod auf sich genommen hat, um die Macht des Todes für uns aufzuheben. Ja, wir sind sterblich. Als Christinnen und Christen wissen wir aber um mehr: dass nach diesem Leben Gott auf uns wartet. Den Weg zu ihm hin hat Jesus durch seine Selbsthingabe frei gemacht. Er hat sich in die »Brücke« verwandelt, die den »Abgrund« zwischen Gott und uns Menschen Geschichte sein lässt.

Im Alten Testament steht ganz vorne (Vgl. 1. Mo/Gen 2f; zum Folgenden vgl. Röm 5) die Erzählung von Adam und Eva im Paradies. Paradies, das ist die Sphäre Gottes und die beiden – sie sind eine Chiffre für alle Menschen – waren Gott nah, begegneten ihm persönlich. Das einzige Verbot Gottes übertraten sie aber aus Neugierde. Die Gemeinschaft zwischen Gott und uns Menschen zerbrach in Folge.

Was da eigentlich vorne in der Bibel steht ist, dass wir Menschen gar nicht anders können, als uns immer wieder gegen Gott zu entscheiden. Dass wir seine Gebote übertreten. So können wir die Paradiesgeschichte auch als Erklärung dafür lesen, wieso Gott und wir Menschen getrennt sind.

Gott selbst starb in Jesus Christus. Damit ist in uns alles, was uns von Gott trennt, gestorben und wir sind frei, mit ihm zu leben.

Noch nicht – aber das ist keine Vertröstung

Wir leben in der Welt, die Gott uns geschenkt hat. Bebauen und Bewahren sollen wir sie, doch das tun wir nicht.

Ostern ist ein Endpunkt. Das Äußerste ist erreicht: Gott selbst hat gehandelt. Aber wie: als Kinder eines medialen Zeitalters sind es Zentren wie Hollywood, die unsere Kultur beeinflussen und, vor allen, die Bilder, die wir uns von unserer Welt machen, vorgeben. Christus stirbt am Kreuz, als Aufständischer, von der größten Macht im Lande hingerichtet.

Und das soll uns Heil bringen, den Weg zu Gott frei machen? Wie würde die Möglichkeit, Gott zu begegnen, wohl heute vermittelt werden? Sicher wären es bombastische Bilder und Töne, mit denen Hollywood das vermitteln würde.

Der Karfreitag ist unspektakulär. Schwarz, dunkel, traurig und ohne special effects. Und die Begegnung mit Gott steht auch noch aus. So könnte kein Film enden.

Das Bild, das der Karfreitag macht, ist heute vielen ebenso suspekt wie das, was Christus da für uns getan hat.

Im Predigttext hören wir, dass Christus noch einmal wiederkommen wird (V. 27f). Nein, damit ist nicht Ostern gemeint, als Gott ihn vom Tode zu neuem Leben auferweckt hat.

Ostern ist ein Hinweis darauf, dass diese Wiederkunft anders sein wird. Ein Beispiel dafür: die Jünger haben Jesus nach Ostern meist nicht wiedererkannt: Maria hielt ihn zuerst für den Gärtner (vgl. Joh 20), die Jünger auf dem Weg in das Dorf Emmaus erkannten ihn gar nicht (vgl. Lk 24). Dieser Auferstandene zwischen Ostern und Himmelfahrt war anders als zuvor, nicht mehr der vorösterliche Jesus, aber auch noch nicht der Aufgefahrene.

Am Ende der Zeiten wird Christus wiederkehren und alles neu machen. Vor allem: was er am Karfreitag getan hat, wird dann konkret werden. Es bedeutet, dass wir Gott wieder begegnen werden, ohne alle Trennung.

Liebe Gemeinde, heute feiern wir das noch nicht. Heute versuchen wir zu begreifen, was Jesus getan hat. Dass in seinem Tod Gott aus Liebe zu uns gehandelt hat, damit wir Gott begegnen können – heute im Glauben und im Gebet, einst aber von Angesicht zu Angesicht: »Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben« (nach Joh 3,16).

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.