Predigt über 1. Korinther 9,24–27: Von Ziellauf und Hürden

Die Gnade unseres Herr Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch!

Weihnachten und die Folgen von Plätzchen und gutem Essen

Liebe Gemeinde, die kalorienreichen Weihnachtstage liegen hinter uns. Ich vermute: so ziemlich jeder hat sich inzwischen auf die Waage gestellt und geschaut, wie sich das Fest ausgewirkt hat. Christstollen, Plätzchen, Spekulatius, reichlich gutes Essen – das hat Folgen.

Ich vermute weiter: so manche unter möchte verhindern, dass die zusätzlichen Pfunde, nun ja, Langzeitfolgen haben werden.

Mir geht das so. Auf meinem Telefon habe ich deshalb eine Fitness-App installiert. Die kann man bei allen Geschwindigkeiten einsetzen und nach und nach wird einem eine spannende Geschichte erzählt, wenn man unterwegs ist: man läuft angeblich durch eine postatomare Stadt und wenn man zu langsam wird, hört man eine Horde bösartiger Zombies näher kommen. Wenn man dann nicht wirklich schneller geht, erwischen die einen. So bewegt man sich auch tatsächlich flotter, um nicht eingeholt zu werden. Zugegeben: diese Methode ist nichts für jedermann, allerdings bin ich auf dem Weg zum Einkaufen seitdem deutlich schneller.

Es gibt ja auch andere Methoden: am Stock gehen – Sie wissen schon: nordic walking –, Fahrrad fahren, im Fitness-Studio anmelden … es gibt viele Möglichkeiten und manche können sogar Spaß machen.

Im Predigttext geht es heute auch ganz schön sportlich zu – hören Sie, was Paulus den Korinthern schreibt:

1. Kor 9,24–27 (NGÜ) Ihr wisst doch, wie es ist, wenn in einem Stadion ein Wettlauf stattfindet: Viele nehmen daran teil, aber nur einer bekommt den Siegespreis. Macht es wie der siegreiche Athlet: Lauft so, dass ihr den Preis bekommt! Jeder, der an einem Wettkampf teilnehmen will, unterwirft sich einer strengen Disziplin. Die Athleten tun es für einen Siegeskranz, der bald wieder verwelkt. Unser Siegeskranz hingegen ist unvergänglich.
Für mich gibt es daher nur eins: Ich laufe wie ein Läufer, der das Ziel nicht aus den Augen verliert, und kämpfe wie ein Boxer, dessen Schläge nicht ins Leere gehen. Ich führe einen harten Kampf gegen mich selbst, als wäre mein Körper ein Sklave, dem ich meinen Willen aufzwinge. Denn ich möchte nicht anderen predigen und dann als einer dastehen, der sich selbst nicht an das hält, was er sagt1.

Der Schreibanlass und unberechtigte Vorwürfe an Paulus

Paulus hat diese Worte in einer schwierigen Situation aufgeschrieben. Nein, nicht nach zu »nahrhaften Weihnachten«, sondern als er mit der Gemeinde in Korinth Schwierigkeiten hatte.

Die Gemeinde in Korinth hatte er selbst gegründet, auf einer Missionsreise. Später hörte er, dass es dort Probleme gab: einige Leute verstanden ihr Christ-sein so, dass es ein Freibrief für schlechtes Verhalten sei. Schlechter Umgang miteinander und eine schlechte Lebensführung, das alles gab es in Korinth. Einige sagten sich: Durch Jesus Christus wird mir alles vergeben – also kann ich auch so richtig sündigen.

Paulus versuchte mit dem Ersten Korintherbrief viele Probleme zu lösen. Im Brief wird deutlich: die Korinther hatten auch mit Paulus und seinen Mitarbeitern ihre Schwierigkeiten.

Die Korinther meinten, dass ein Apostel wie Paulus sich nicht durch die Gemeinde versorgen lassen dürfe.2 Paulus, der von Beruf Zeltmacher war, hatte in diesem Beruf immer wieder auf den Missionsreisen gearbeitet.3 Er hatte sich von der Gemeinde nicht versorgen lassen, wenn er intensiv in ihr arbeitete.4

Obwohl er das nicht tat, forderten die Korinther von ihm einen noch besseren Lebenswandel, als er ihn schon ohnehin pflegte. Einige forderten von Paulus und seinen Leuten auch, dass sie ehelos leben sollten (was Paulus als eingefleischter Junggeselle sowieso tat). Paulus wies deshalb auf das Beispiel der anderen Apostel hin: selbst Petrus war mit seiner Ehefrau unterwegs.

Paulus schreibt daraufhin, dass auch ihm etwas zustehe, wenn er für die Gemeinde arbeitete – mindestens Kost und Logis. »Du sollst dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden«, zitiert er das Alte Testament.5

Die Pointe ist eine andere: Nachdem Paulus unterstreicht, dass er und seine Leute genau so wie alle anderen Apostel, wie das üblich ist, Ansprüche stellen können, schreibt er: »Ich aber habe von alledem keinen Gebrauch gemacht.« (1. Kor 9,15a; vgl. auch Vers 17f.)

Dann erläutert Paulus, wie er sein Amt als Apostel lebt. »Denn dass ich das Evangelium predige, dessen darf ich mich nicht rühmen; denn ich muss es tun. Und wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte!« (1. Kor 9,16)

Der Predigttext 1. Kor 9,24–27

Was folgt, ist der Predigttext. Die Sprache nimmt Bilder aus dem Sport auf, aus dem, was in den Arenen damals üblich war.

Paulus schreibt, wie er sein Apostelamt ausfüllt. Er tut das wie ein Boxer, der nicht knock out geht, sondern gewinnt. Er tut dies wie ein Zweihundermeterläufer, der sein Ziel wirklich erreicht, nicht nachlässt.

Das sind sportliche Bilder, die die Korinther sofort verstanden, schließlich gab es mit den Gymnasien, den Nacktübungsplätzen, in Griechenland die ersten organisierten Sportstätten. Und gerade Korinth war Austtragungsort der zweitwichtigsten Spiele in der Antike.6

Christsein – mehr als eine Sonntagsreligion

Paulus macht mit der Wahl seiner Sprache deutlich, dass Christsein mehr als Alltag ist. Gelebtes Christentum ist eines, dass sich einsetzt.

Wofür setzen wir uns ein?

Vielleicht fällt uns da gar nicht so viel ein, deshalb nur zwei Beispiele:

  • Durch die Kollekten setzen wir uns jeden Sonntag dafür ein, dass anderen Chancen eröffnet werden.
  • Durch den diakonischen Einsatz unserer Gemeinde setzen wir uns dafür ein, dass Kranke und ihre Angehörigen entlastet werden.

Neben diesen allgemeinen Beispielen gibt es zahlreiche individuelle, zum Beispiel in der Suppenküche, bei der Arbeit mit Flüchtlingen, in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen – diese Liste könnte man leicht verlängern.

Christsein ist mehr als eine »Sonntagsreligion«. Christsein lebt im Verbundensein mit Jesus Christus und, als Folge davon, im Einsatz für andere. Paulus weist die Korinther darauf hin, was er alles getan hat.

Wir heute brauchen nicht dabei stehenbleiben, unseren Glauben nur für uns ganz persönlich zu leben. Glaube strahlt aus, verändert die Welt.

Im Predigttext greift Paulus nun Bilder aus sportlichem Wettkampf auf. Es wäre fatal, wenn wir das als Norm für ein Christenleben missverständen.

Ja, Glaube, den man nur für sich lebt, ist zu wenig. Und nein, Glaube, der im permanenten Wettkampf steht, ist zu viel.

Klingt in einem »Leistungsglauben« nicht Werkgerechtigkeit an? Sich den Himmel zu verdienen, »gute Taten« anzuhäufen, um von Gott anerkannt zu werden – alles das ist nach evangelischem Verständnis kein Weg zu Gott.

Die Sportfreunde unter uns wissen, dass in den letzten Jahren selbst im Profisport der harte Wettkampf zu ausgesprochenen Fehlentwicklungen geführt hat. Egal, ob das Radsport, Leichtathletik oder Fußball ist: irgendwie scheint Doping seit Jahrzehnten dazu zu gehören, um das eine Quäntchen an Durchhaltevermögen oder die zum Gewinnen entscheidenden Sekundenbruchteile mitzubringen. Das gibt dem Profisport ein ausgesprochen unsportliches »Geschmäckle« und beschädigt die »sauberen« Sportler – die, die es auf ehrliche Weise versuchen.

Sich zu messen, sich zu vergleichen, lernen Kinder schon in der Grundschule – spätestens. Das setzt sich ein Leben lang fort. Wir wollen besser sein und mehr haben. Die Werbung bedient diesen Bedarf, weckt Wünsche.

Von guten Zielen

Paulus entlarvt im Predigttext die Motivation, zu gewinnen, ganz vorne zu sein, besser als die anderen zu sein, mehr zu haben, wichtiger und bedeutender zu sein … als zu wenig:

»Die Athleten tun es für einen Siegeskranz, der bald wieder verwelkt. Unser Siegeskranz hingegen ist unvergänglich.« (V. 25)

Au Backe. »Mein Haus, mein Auto, mein Boot« – Sie kennen die Werbung eines Geldinstituts von vor einigen Jahren noch – alles das ist »vergänglicher Siegerkranz«. Das erinnert mich an das Sprichwort: »Das letzte Hemd hat keine Taschen«.

Fakt ist: es ist eigentlich wenig, was wir wirklich brauchen und dennoch sind unsere Wohnungen zu voll mit Dingen, die uns mehr Luft zum Atmen nehmen als uns wirklich dienlich zu sein.

»Tand, Tand, ist das Gebilde von Menschenhand« rufen die Hexen bei Fontane.7

Lebendiger Glaube weiß um das, was wirklich zählt. Das ist mehr als nur Besitz oder »Gewinnen«. »Geld allein macht nicht glücklich, aber es beruhigt« heißt ein anderes Sprichwort.

Paulus weist auf den anderen »Siegerkranz«, den anderen »Pokal«, das andere »Siegertreppchen« hin, um das es uns gehen sollte. Unsere Beziehung zu Gott ist es, die jenseits unseres Lebens – sei das im Bereich von Arbeit, Partnerschaft, Beziehungen, Hobbies und Besitz – Leben »rund machen« kann. Weshalb? Weil sie ewig ist. Paulus spricht hier von unserem bei-Gott-Sein.

Schluss

Liebe Gemeinde, was Paulus geschrieben hat, kann für uns heute Morgen der »Startschuss« sein, Inventur zu machen:

  • Welche Ziele haben wir?
  • Auf was für Wegen sind wir unterwegs?
  • Was ist das Ziel unseres Lebens?

Schenke uns Gott, gute Antworten zu finden und, vor allen Dingen, das Vertrauen auf ihn. Wo wir uns an Gott festmachen, kann uns das in Krisen Halt geben. Wo wir uns an Gott festmachen, verändert es unser Leben und Handeln. Wo wir uns an Gott festmachen, ist uns der Platz auf dem Siegertreppchen gewiss.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen.


  1. … μή πως ἄλλοις κηρύξας αὐτὸς ἀδόκιμος γένωμαι. [return]
  2. Vgl. 1. Kor 9,1–23. [return]
  3. Vgl. Apostelgeschichte 18,3. [return]
  4. Ausnahme: Die Gemeinde in Philippi, vgl. Phil 4,10. [return]
  5. Dtn 25,4. [return]
  6. Der istmischen Spiele, vgl. Udo Schnelle, Einleitung in das Neue Testament, Göttingen 8.2013 (UTB-Band Nr. 1830), 79. [return]
  7. Vgl. Theodor Fontane: Die Brück’ am Tay. [return]