Predigt über Genesis 22,1–19: Abraham – Glaube in der Bewährung

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Liebe Gemeinde, in der Predigtreihe der Sommerkirche geht es 2014 um die Fenster der Kreuzkirche. Heute ist das vorderste Fenster im rechten Seitenschiff im Blick, auf der Postkarte können Sie es anschauen.

Hören Sie dazu den Predigttext aus dem ersten Mosebuch Genesis:

(1. Mose/Genesis 22,1–19, Gute Nachricht Bibel) Einige Zeit danach geschah es: Gott stellte Abraham auf die Probe. »Abraham!«, rief er. »Ja?«, erwiderte Abraham. »Nimm deinen Sohn«, sagte Gott, »deinen einzigen, der dir ans Herz gewachsen ist, den Isaak! Geh mit ihm ins Land Morija auf einen Berg, den ich dir nennen werde, und opfere ihn mir dort als Brandopfer.« Am nächsten Morgen stand Abraham früh auf. Er spaltete Holz für das Opferfeuer, belud seinen Esel und machte sich mit seinem Sohn auf den Weg zu dem Ort, von dem Gott gesprochen hatte. Auch zwei Knechte nahm er mit. Am dritten Tag erblickte er den Berg in der Ferne. Da sagte er zu den Knechten: »Bleibt hier mit dem Esel! Ich gehe mit dem Jungen dort hinauf, um mich vor Gott niederzuwerfen; dann kommen wir wieder zurück.« Abraham packte seinem Sohn die Holzscheite auf den Rücken; er selbst nahm das Becken mit glühenden Kohlen und das Messer. So gingen die beiden miteinander. Nach einer Weile sagte Isaak: »Vater!« »Ja, mein Sohn?« »Feuer und Holz haben wir, aber wo ist das Lamm für das Opfer?« »Gott wird schon für ein Opferlamm sorgen!« So gingen die beiden miteinander. Sie kamen zu dem Ort, von dem Gott zu Abraham gesprochen hatte. Auf dem Berg baute Abraham einen Altar und schichtete die Holzscheite auf. Er fesselte Isaak und legte ihn auf den Altar, oben auf den Holzstoß. Schon fasste er nach dem Messer, um seinen Sohn zu schlachten, da rief der Engel des HERRN vom Himmel her: »Abraham! Abraham!« »Ja?«, erwiderte er, und der Engel rief: »Halt ein! Tu dem Jungen nichts zuleide! Jetzt weiß ich, dass du Gott gehorchst. Du warst bereit, mir sogar deinen einzigen Sohn zu opfern.« Als Abraham aufblickte, sah er einen einzelnen Widder, der sich mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen hatte. Er ging hinüber, nahm das Tier und opferte es anstelle seines Sohnes auf dem Altar. Er nannte den Ort »Der HERR sorgt vor«. Noch heute sagt man: »Auf dem Berg des HERRN ist vorgesorgt.« Noch einmal rief der Engel des HERRN vom Himmel her und sagte zu Abraham: »Ich schwöre bei mir selbst, sagt der HERR: Weil du mir gehorcht hast und sogar bereit warst, mir deinen einzigen Sohn zu geben, werde ich dich segnen! Deine Nachkommen mache ich so zahlreich wie die Sterne am Himmel und die Sandkörner am Meeresstrand. Sie werden ihre Feinde besiegen und ihre Städte erobern. Bei allen Völkern der Erde werden die Leute zueinander sagen: ›Gott segne dich wie die Nachkommen Abrahams!‹ Das ist die Belohnung dafür, dass du meinem Befehl gehorcht hast.«
Abraham kehrte wieder zu seinen Knechten zurück und sie gingen miteinander nach Beerscheba. Dort blieb Abraham wohnen.

Anfragen an den unmöglichen Predigttext

Liebe Gemeinde, wollten Sie Abraham zum Vater haben? Wohl kaum! Ein Vater, der sein Kind seinem Gott opfert, mag ein frommer Mensch sein. Ein wahnsinniger Mörder ist er trotzdem.

Mitte Mai thematisierten die Medien einige Tage lang den qualvollen Tod der vier Monate alten Fee, die ihre Mutter hatte verhungern lassen, weil sie eine Woche lang zum Feiern ausgegangen war. Mittlerweile ist sie zu lebenslanger Haft, also ungefähr fünfzehn Jahren Gefängnis, verurteilt.

Ist das nicht eher die Rubrik, in die der Predigttext gehörte?

Was der Predigttext beschreibt, ist religiöser Fanatismus der schlimmsten Sorte. Ein Vater, der Stimmen hört und deshalb sein Kind umbringt, ist ein Fall für die Psychiatrie, ist nicht Herr seiner Sinne.

Und nun das Erstaunliche: Abraham wird auf das Höchste gelobt. Im Alten Testament gilt er als Erzvater des Volkes Israel. Im Neuen Testament wird er als Glaubensvorbild gepriesen.

Von Isaak hören wir an keiner Stelle ein Wort der Kritik. Erstaunlich: wenn man dem Predigttext folgt, hatte sein Vater ihn doch überwältigt, gefesselt, oben auf das Feuerholz gelegt und das Schlachtmesser schon über ihn erhoben. Da könnte man doch schon eine leichte Belastung des Familienverhältnisses annehmen. Aber dazu hören wir kein Wort in der Bibel.

Wie passt das zusammen?

Und: was ist das für ein Gott, der hier vorgestellt wird? »Nimm deinen einzigen Sohn, der dir ans Herz gewachsen ist, und opfere ihn mir dort als Brandopfer« – wie passt das zum Bild eines gerechten, liebenden Gottes? Ist das nicht eher ein Dämon, der so etwas Schändliches fordert? Gott ist doch dadurch gekennzeichnet, dass er gütig ist. Hier wird uns das Gegenteil präsentiert.

Ein anderer Blickwinkel ist nötig

Liebe Gemeinde, wenn wir den Predigttext so lesen, als hätte er in der Zeitung gestanden, werden wir wohl nicht weiter kommen. Dann können als einziger Ausgang nur Gott und auch Abraham als schwer beschädigt angesehen werden und festgestellt werden: solch ein grausamer Gott ist ebenso inakzeptabel wie ein Vater, der ohne ein einziges Wort des Widerspruchs bereit ist, sein Kind sinnlos zu opfern. Und, um es präziser zu sagen: zu ermorden, denn ein Opfer hat einen Sinn. Hier aber ist nur Wahnsinn.

So dramatisch – ja: unnötig grausam und schrecklich – der Text ist, will er doch etwas anderes sagen und das ist es, worauf wir schauen sollten. Lassen Sie uns den Predigttext also unter einem anderen Blickwinkel betrachten.

Die erste, bedeutsame, Korrektur ist: Isaak überlebt. Er wird nicht verletzt, kein Haar wird ihm gekrümmt. Die eigentliche Opferung lässt Gott eben doch nicht zu, sondern schickt dem Abraham ein Opfertier, das der stattdessen darbringt. Später spricht Isaaks Sohn Jakob, wenn er über den HERRn redet, vom »Schrecken Isaaks« (Gen 31,42: וּפַ֤חַד יִצְחָק֙).

Der jüdische Philosoph Emil Fackenheim erzählt zum Predigttext folgende Geschichte:

Einst wurde ich in Jerusalem von einem jungen Mann besucht, dessen Frömmigkeit ich keinen Grund hatte zu bezweifeln: Er trug die schwarze Kleidung der Ultra-Orthodoxen. »Haben Sie je darüber nachgedacht,« fragte er mich, »warum Gott selbst zu Abraham spricht, wenn Er ihm den Befehl gibt, Isaak zu opfern, aber einen Engel sendet, um die Erlassung mitzuteilen?« Ich gab zu, darüber nicht nachgedacht zu haben. »Gott hat sich über Abraham geärgert,« fuhr er fort. »Abraham hat die Prüfung nicht bestanden. Er ist durchgefallen. Als Gott Abraham befahl, Isaak zu opfern, wollte Er Abrahams Weigerung. Er wollte nicht ›Ja‹ sondern ›Nein‹.«

Wie ist es um diesen Abraham bestellt? Ging es Gott wirklich darum, sein »Nein« zu hören? Was meinen Sie: wäre das nicht eines Vaters würdig gewesen, sein geliebtes Kind zu schützen? Allen schlimmen Schaden von ihm abzuhalten?

Ein Abraham, der Gott eine Absage erteilt hätte, der wäre mehr nach unserem Geschmack.

Das Fensterbild

Im Predigttext geht es um anderes. Häufig wird dieser so gedeutet, dass es dabei um eine Prüfung des Glaubens gehe. Im Fensterbild will der Künster diese Deutung aufgenommen haben. Abraham kniet, die Hände zum Himmel gereckt.

Isaak kniet hinter ihm in einem blutroten Glasteil. Sind seine Hände hinter dem Rücken gefesselt? Und sein Gesichtsausdruck: »Meinst Du das ernst?« scheint er zu fragen, den Kopf leicht schräg gelegt.

Im alten Kirchenführer steht, dass dem Abraham hingegen ein zweiter Arm aus der Schulter wachse, mit dem er Isaak beschirme.

Den mit Holz beladenen Esel hat der Künstler gleich noch mit dazu gemalt, der scheint bei ihm eine »tragende Rolle« zu haben.

Beides, das zum Brandopfer Notwendige und das Opfer selbst, Isaak, sind so zur Rechten Abrahams aufgebaut, bereit. Und nun fleht er zu Gott, so anders, als es der Bibeltext beschreibt, in dem er nur widerspruchslos dem Befehl folgt.

Eine jüdische Deutung

Das Judentum spricht weniger von der »Opferung Isaaks«, sondern viel mehr von der »Bindung Isaaks«. Gebunden war er, gefesselt, konnte nicht entkommen. Im Judentum wird diese biblische Erzählung oftmals auf das Volk Israel gedeutet, dass durch seinen Glauben an den HERRn auch vieles durchleiden musste, in Ghettos eingesperrt und in Vorurteile oder Ablehnung gebunden wurde.

Was bedeutet Abraham für Israel und für uns?

Abraham ist für Israel aufgrund seines Glaubens ein Vorbild. Mit seinem Sohn Isaak und seinem Enkel Jakob bildet er die Erzväter: die drei, die Israel für seine Existenz als Volk als grundlegend ansieht. Und Judentum, Christentum und Islam bezeichnen sich gemeinsam als »abrahamitische Religionen«, was die Bedutung Abrahams als Glaubensvorbild unterstreicht.

Die Legende von der Beinahe-Opferung Isaaks ist eben nicht die Geschichte eines wahnsinnigen Kindesmörders. Es ist auch nicht die Geschichte eines Dämons, der die Menschen zu seinem Vergnügen leiden lässt.

Das eigentliche Thema ist Glaube und an Abraham wird gezeigt, dass Glaube zur Beziehung zu Gott untrennbar dazugehört.

Mehr noch: Glaube ist immer mit Unsicherheit und Zweifel verbunden. Am Extrembeispiel des Abraham wird gezeigt, dass Glaube, Treue zu Gott, belohnt wird.

Israel hat in seiner leidvollen Geschichte erkannt, dass solcher Lohn eben manchmal nicht in diesem Leben zur »Auszahlung« kommt.

Das Predigtthema »Glaube in der Bewährung«

Damit sind wir mittendrin im Titel dieses Gottesdienstes, der »Glaube in der Bewährung« heißt.

Situationen, wo sich unser Glauben bewähren musste, kennen wir alle: da sind die Momente, über die wir heute sagen können: »Gott sei Dank ist damals…« usw. Und andererseits sind da auch die Zeiten, wo wir Gottes Beistand nicht entdecken können, wo er im Dunkeln bleibt.

Wie ist das bei Ihnen: was ist Ihr bedeutendstes Glaubenserlebnis? Und wo haben Sie Gott nicht finden können, obwohl Sie ihn gesucht haben?

Glaube ist harte Arbeit. Was Gottes Geist uns eingibt, kann uns wie Sand zwischen den Fingern zerrinnen – umso schneller, je fester wir ihn zu fassen versuchen.

Aber ist Glaube so ein stummer, bedingungsloser Gehorsam, wie wir ihn bei Abraham sehen? Ist es so wie im Predigttext, dass Glaube uns zu stummen, dummen Kreaturen macht? »Ich habe nur Befehlen gehorcht« – dieser Satz, den so mancher Mittäter zu seiner Entschuldigung nutzte, erinnert doch an den Abraham, der die Zähne geschlossen hält und stattdessen das Messer hebt.

Glaube bringt das angefochten Sein mit sich, muss sich bewähren. Das geschieht am Besten, indem wir unseren Glauben immer wieder hinterfragen, prüfen – auf der einen Seite. Auf der anderen Seite heißt es aber auch, Glauben immer wieder einzuüben, ihn zu pflegen, in im Alltag anzuwenden und ihm Rang bei unseren Entscheidungen zuzuweisen.

Abraham hat sein Gottvertrauen über alles gestellt – sogar über das »Du sollst nicht töten.« (Ex 20,13) Aber wie gesagt: nicht darum geht es, sondern darum an Abraham zu lernen, das Glaube und Gottvertrauen auch seine unverständlichen, unklaren, unsicheren Seiten hat – und dann, dies auszuhalten.

Gebunden sein an Gott

Was kann uns helfen, so an Gott zu bleiben?

Abraham hatte Isaak gebunden. Gott hat ihn befreit, ihm neues Leben geschenkt. Auch wir sind in der Taufe zu einem Leben neu geboren, das in Beziehung zu Gott stehen soll. Jesus Christus ist derjenige, in dem sich Gott um unseretwillen, ja: an uns, gebunden hat.

Vielleicht ist es dies, was wir von Abraham lernen können: Schlimmes auszuhalten im Vertrauen auf Gott. Aber anders als Abraham sollten wir nach unseren Kräften allem Bösen in den Arm fallen und zum Guten wenden, was wir vermögen.

Lassen Sie uns gleich in der Fürbitte um Frieden bitten an den Orten, an denen wir sind und um Frieden in Israel und Palästina.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen. (Phil 4,7)

Lied: Liedheft Nr. 18, Du bist der Weg