Predigt über Jeremia 1,4–10 – Gefährliche Mission

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen!

Liebe Gemeinde, in der heutigen Predigt geht es um den Propheten Jeremia. Jeremia lebte in einer unruhigen Zeit an der Schwelle vom siebten zum sechsten Jahrhundert vor Christus. In Israel kamen und gingen die Könige, der Prophet Jesaja hatte Unheil angesagt und die Assyrer hatten dieses »Ungemach« bereitet. Jetzt waren die schwach und eine neue Großmacht im Entstehen begriffen. »Der Feind aus dem Norden«, so nannte Jeremia diese Leute, die wir heute als Babylonier kennen.

Jeremia sagte den Israeliten Gericht, nämlich Krieg mit Babylon, an und litt deshalb das Schicksal der meisten Propheten. Wer will schon jemanden in seiner Mitte, der auch einmal unbequeme Wahrheiten ausspricht? Das tat Jeremia aber! Doch so sehr unterschieden sich die Menschen damals nicht von uns heute. Auch wir wollen positive, freundliche, harmlose Dinge hören und nicht die oft unbequeme Wahrheit. Der kommende Wahlkampf wird ja auch nach diesem Muster geführt werden.

Einmal, als die Lage schon kritisch war und Hunger sich breit machte, hatten einige von diesem Jeremia, der immer nur warnte und zur Umkehr zu Gott aufrief, die Nase voll. Sie packten den Propheten und warfen Jeremia in eine Zisterne, ein Brunnenloch, wo er in den Schlamm einsank, immer tiefer (Jer 38). Gott sei Dank rettete ihn ein Diener des Königs, zog ihn an einem Seil heraus, bevor er dort unten verhungerte.

So behandelte man Propheten, denn Propheten waren im Regelfall Überbringer unangenehmer Botschaften. Im Mittelalter schlug man solchen ja gerne auch einmal den Kopf ab.

Prophet werden? Sich als Gottes Sprachrohr hergeben? Den Leuten sagen, wo sie sich zu sehr auf sich selbst statt auf Gott verlassen? Keine gute Idee! Genau deshalb wollte Jeremia das auch niemals – ich lese uns seine Berufungserzählung, Jeremia Kapitel eins, aus der Gute Nachricht Bibel:

Das Wort des HERRN erging an mich, er sagte zu mir: »Noch bevor ich dich im Leib deiner Mutter entstehen ließ, hatte ich schon meinen Plan mit dir. Noch ehe du aus dem Mutterschoß kamst, hatte ich bereits die Hand auf dich gelegt. Denn zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt.« Ich wehrte ab: »Ach, Herr, du mein Gott! Ich kann doch nicht reden, ich bin noch zu jung!« Aber der HERR antwortete mir: »Sag nicht: ›Ich bin zu jung!‹ Geh, wohin ich dich sende, und verkünde, was ich dir auftrage! Hab keine Angst vor Menschen, denn ich bin bei dir und schütze dich. Das sage ich, der HERR.« Dann streckte der HERR seine Hand aus, berührte meine Lippen und sagte: »Ich lege meine Worte in deinen Mund. Von heute an hast du Macht über Völker und Königreiche. Reiße aus und zerstöre, vernichte und verheere, baue auf und pflanze an!«

So weit der Predigttext. Zerstörung und Vernichtung kam durch die Babylonier dann auch, schließlich die große Gefangenschaft in der Fremde. Jeremias Prophezeiungen hatten sich als wahr erwiesen, doch hier, im Predigttext, ist dies alles noch Zukunft, noch nicht eingetreten. Stattdessen haben wir einen jungen Mann, der Propheten in seiner Umwelt kannte und wusste, wie diese angesehen waren, wie man diese behandelte.

Nun hörte er selbst Gottes Ruf. »Noch bevor ich dich im Leib deiner Mutter entstehen ließ, hatte ich schon meinen Plan mit dir. Noch ehe du aus dem Mutterschoß kamst, hatte ich bereits die Hand auf dich gelegt. Denn zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt« sagt Gott zu Jeremia. Kann man da noch Nein sagen? Gibt es da noch einen Weg heraus?

Zu jung? Zu klein? Zu unbedeutend?

Gott sagt Jeremia, dass er ihn schon von Anfang an, noch bevor er das Licht der Welt erblickte, auserwählt hatte, sein Prophet zu sein. »Ich hatte schon meinen Plan mit dir«, sagt er dem Jeremia.

Und der? Ihm geht die Lampe, er will nicht. »Ich bin zu jung«.

Als ich vor den Ferien mit Schülern in einem Hochseilgarten war, dachte ich spontan bei mir: dafür bist Du aber zu alt; Höhe ist sowieso nichts für Dich! Meine Lust auf den Ausflug ins »Affengehege« war nämlich in Wirklichkeit denkbar gering.

Wie ist das bei Ihnen: was sind Ihre Erlebnisse, bei denen sie sich zu jung, zu alt, schlicht: unwohl gefühlt haben?

Jeremia jedenfalls kam mit diesem Argument nicht durch. Zu jung, zu alt, zu unbedeutend, zu wenig damit vertraut – das sind letztlich in den meisten Fällen doch nur Ausreden, sozusagen Ausgeburten des inneren Schweinehundes.

»Sag nicht, ich bin zu jung!« sagt Gott ihm dann als Allererstes. »Geh, wohin ich dich sende und verkündige, was ich dir sage«, fährt er fort.

Au Backe. Der kleine Jeremia bekommt hier sozusagen einen göttlichen Klaps als kleine Ermunterung und schon war es aus und vorbei mit »Und probiers’s mal mit Gemütlichkeit …«

Wie steht es mit ihren Erfahrungen um so ein angeschoben Werden, so ein ins-kalte-Wasser-geworfen Werden? Manchmal ist das doch richtig gut, wenn jemand unsere Einwände nicht gelten lässt. Ist es nicht erstaunlich, hinterher zu sehen, was man geschafft hat, ohne es sich zuvor zuzutrauen?

Jeremia wird von Gott also trotz seines »Ich will aber nicht« ins Becken befördert. Und mehr noch: Gott ordiniert den Propheten für seine Tätigkeit, näht ihm gewissermaßen das Seepferdchen auf die Badehose: »Dann streckte der HERR seine Hand aus, berührte meine Lippen und sagte: »Ich lege meine Worte in deinen Mund. Von heute an hast du Macht über Völker und Königreiche.«

Aller Anfang ist schwer – auch im Glauben

Liebe Gemeinde, »aller Anfang ist schwer«, so lautet ein geflügeltes Wort. Und das stimmt ja auch. Neues zu wagen, offen und bereit zu sein, das nimmt mit zunehmendem Alter ab. Da setzt man lieber auf Altbewährtes und -bekanntes, statt das Wagnis einzugehen, Neues kennenzulernen.

Neues ist immer mit Risiken verbunden, nicht einzuschätzen und ein unbekanntes Land. Da setzt man doch lieber auf alte Pferde, bei denen weiß man, wo es langgeht.

»Ich bin noch zu jung« – so wollte Jeremia sich aus der Affäre ziehen, als Gott in sein Leben treten wollte. Jeremia hatte seine Probleme damit, sich auf Gott einzulassen. Und zu viel Verbindlichkeit, das ist auch für uns heute schwierig.

Wie ist es denn um unser Verhältnis zu Gott bestellt? Ist Gott da eher nah oder fern? Ist er eher Zentrum unseres Lebens oder hat er den Ehrenplatz am Rand und wird bei besonderen Gelegenheiten hervorgeholt – am Sonntag, an Weihnachten, wenn der Steuerbescheid kommt oder der Straßengraben durch die Vorderscheibe immer näher rückt?

Wo ist Gott in unserem Leben und welchen Platz weisen wir ihm darin zu? Diese Frage können wir uns an diesem Jeremia-Text heute morgen stellen.

Eine Freundin erzählte mir eine Geschichte, die sie erlebt hat. Da sagte ihr ein Mann beim Kirchcafé: »Wenn ich auf der Arbeit sage: ›Ich bin Christ‹, dann werde ich gemobbt.«

Kennen Sie das? Ist es nicht erstaunlich, dass es heute zum guten Ton gehört, Religion in Gesprächen auszuklammern? Ist es nicht erstaunlich, dass Hedonisten und Atheisten heutzutage guten Gewissens Religion als Blödsinn abtun können, ohne damit die von ihnen propagierte Gleich-gültigkeit aller Weltanschauungen verletzt zu sehen? Und ist es nicht erstaunlich, dass wir meistens brav unseren Mund halten, so wie Jeremia das gerne getan hätte?

Schließlich haben wir Profis, die für alles Religiöse zuständig sind, nehmen wir den Pastor als Beispiel. Der kann öffentlich beten, der hat Seepferdchen und springt gerne vom Block.

Liebe Gemeinde, vielleicht geht es Ihnen gerade wie den Israeliten, denen Gott den Jeremia vor die Nase gesetzt hat? Unangenehme Wahrheiten, ich sagte es eingangs, wollen wir nicht hören und dass wir in der Bibel nicht nur von Gottes Zuspruch hören, sondern es da auch um einen Anspruch Gottes an uns und unser Leben geht, das ist reichlich unbequem. Wie verbindlich darf Gott für uns eigentlich werden? Für Jeremia jedenfalls war klar: nicht all zu sehr!

Im Predigttext berichtet Jeremia, wie Gott ihn direkt ansprach. Wie können wir denn hören, was Gott von uns will?

Na klar: indem wir in der Bibel lesen, nachdenken, lernen. Und versuchen, nach seinem Wort zu leben. Reinspringen und nicht sagen: ich bin zu jung.

Und warum, wozu das Ganze? Weil ein »Wasch mich, aber mach mich nicht nass« nicht wirklich funktioniert. Wir können nicht nur ein bisschen Christ sein und wenn das gerade unbequem ist, einfach den Mund halten. Gott ist ja auch nicht nur sonntags Gott.

An Gott zu glauben heißt, in diesen Glauben immer wieder hineinzuspringen wie in einen Swimming Pool. Manchmal ist das Wasser zu kalt, sind wir mehr als abgeneigt, uns mit unserem Glauben zu beschäftigen. Gerade wenn wir mit Verächtern zusammen sind, wird dies schwer.

»Hab keine Angst vor Menschen, denn ich bin bei dir und schütze dich. Das sage ich, der HERR.« Jeremia überliefert uns dieses Wort, dass ihm galt. Gilt es nicht auch uns?

Glauben zu leben heißt, ihn immer wieder neu zu wagen, sich darin zu bewegen, ihm Rang und Bedeutung zuzuweisen.

Ich bete:

Herr, in Jesus Christus bist Du in unsere Welt gekommen. Im Heiligen Geist bist Du immer noch bei uns, kommst uns nahe. Berühre uns, dass wir Deine Nähe spüren und mit Dir leben. Rüste uns mit Kraft aus, wo uns dies schwerfällt, wo wir zweifeln, Dich nicht sehen, Du verborgen erscheinst. Rüste uns mit Mut aus, nicht zu schweigen, wo andere Dich und Deine Christenheit verlästern, sondern darauf hinzuweisen, dass Du da bist und dass Du es bist, der mit uns durch dick und dünn geht und unserem Leben ein wirkliches Ziel gibt. Hab Dank dafür, dass wir an Jeremia sehen können: selbst der größte Prophet hat mit all dem so seine Probleme gehabt. Das kann uns Mut machen, so wie er Schritte mit Dir zu gehen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen in Jesus Christus! Amen.

Lied: eg 644 Vergiss nicht zu danken