Predigt über Johannes 8,3–11 – von Liebe, Grenzen und allzu viel Selbstgerechtigkeit

Lied: Wo Menschen sich vergessen (Da berühren sich Himmel und Erde)

Liebe Gemeinde, in der heutigen Predigt geht es um Richtig und Falsch, um Bewerten und Verurteilen, ja schließlich darum, wie wir als Christinnen und Christen mit unseren Mitmenschen umgehen können.

Ich lese den Anfang des Predigttextes (Joh 8,3–11) aus Kapitel acht des Johannes-Evangeliums:

Joh 8,3 Aber die Schriftgelehrten und Pharisäer brachten eine Frau zu ihm, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?

Verdammt – oder auch nicht

Liebe Gemeinde, was ist denn hier schief gelaufen? Die Frau ist nach den Sittengesetzen des Israels der Zeitenwende eindeutig nur eines: schuldig. Die Steinigung ist die vorgesehene Strafe, zumal die Frau auf frischer Tat erwischt wurde, der Fall also eindeutig ist.

Zugegeben: wenn man, wie wir jetzt, nur diesen Teil des Predigttextes hört, könnte man meinen, ich hätte eine Unterhaltungssendung aus dem Privatfernsehen beschrieben. Fehlt nur noch der Hinweis auf Firmen, die das unterstützen und die Möglichkeit, via Internet abzustimmen, wie Jesus sich jetzt verhalten soll, und schon mal die Kieselsteine zu bestellen.

Was soll Jesus also mit der beim Ehebruch ertappten Frau tun? Soll er rufen: »Los, steinigt sie!« oder sollte er sagen: »Lasst sie gehen!«?

Doch Halt! Ist das eigentlich alles, vielmehr: sind das eigentlich schon alle? Anwesend sind Jesus, die Frau, die sie Verklagenden und Zuschauer. Sie, die in flaganti Ertappte, hatte man also durch das Dorf geschleppt zu dem gerade durchreisenden Rabbi, Jesus.

Doch zum Ehebruch gehören bekanntlich zwei – wo also ist eigentlich der dazugehörende Ehebrecher?

Ganz richtig: der fehlt. Ehebrecher wurden nicht gesteinigt, sie mussten eventuell eine Kompensation bezahlen. Nur die Frauen wurden halt, da sie ja sowieso nicht rechtsfähig waren, getötet.

Man muss dazu sagen: so wirklich oft wurde die Todesstrafe nicht praktiziert. Ungerecht ist das System in unseren Augen aber dennoch, denn wie kann man die eine in zutiefst ehrenrühriger Form durch das Dorf zur Hinrichtung schleifen, während sich ihr Komplize für dasselbe Vergehen davon machen darf?

Ein Graben von zwei Jahrtausenden und ein grundverschiedenes Rechtssystem trennen uns davon, am Beschriebenen irgend etwas Gutes entdecken zu können, geschweige denn, das Wort »Gerechtigkeit« in diesem Kontext zu gebrauchen.

Doch nicht nur der Anlass ist anstößig, auch der Fortgang des Predigttextes – ich lese, wie es weitergeht:

Das sagten sie aber, ihn zu versuchen, damit sie ihn verklagen könnten. Aber Jesus bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.

Die Ehebrecherin war nur als »Stolperfalle« für Jesus gedacht. Hätte er geantwortet, hätte er nur zwei Dinge sagen können: entweder »Sie hat gegen das Gesetz verstoßen – steinigt sie« oder »Lasst sie gehen.«

Hätte er sie steinigen lassen, wäre er in den Ruf des harten, lieblosen Gesetzesauslegers geraten, der seine eigene Verkündigung nach Belieben mit Füßen tritt.

Hätte er sie gehen lassen, hätte er gegen das Gesetz verstoßen, was für seine Gegner eine willkommene Möglichkeit gewesen wäre, ihn aus dem Verkehr zu ziehen. Das war ja auch der Grund gewesen, weshalb sie die Frau überhaupt erst zu ihm gebracht hatten.

Was macht Jesus stattdessen? Er bringt das ein oder andere Gemüt zum Kochen, wenn er dem Mob antwortet:

Als sie nun fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie aber das hörten, gingen sie weg, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand.

Mit diese Antwort hatten sie wohl nicht gerechnet. Das Netz des Gesetzes, dass sie ausgelegt hatten, um Jesus darin zu fangen, war ihnen selbst zum Fallstrick geworden. So viel Anstand war noch in ihnen, dass sie in dem Spiegel, den Jesus ihnen vorgehalten hat, auch sich selbst erkannten. Wer ist schon wirklich sündlos?

Die Ankläger verließen also einer nach dem anderen den Ort, der statt der Erniedrigung der Frau zum Ort ihrer eigenen Schande geworden war.

Jesus aber richtete sich auf und fragte sie: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? Sie antwortete: Niemand, Herr. Und Jesus sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

Niemand hatte ihre Schuld todeswürdig empfinden können angesichts seiner eigenen Ungerechtigkeit und Bosheit.

Ob das eine heilsame Erfahrung gewesen sein mag? Jesus hatte sie mit sich selbst konfrontiert, ihnen die Augen geöffnet und sie statt auf die am Boden liegende Frau auf ihren eigenen Schatten hingewiesen, der doch viel größer war.

Selbsterkenntnis, Vergebung und neues Leben

Selbsterkenntnis

So weit der Predigttext. Geschickt und unkonventionell, ja: beinahe liberal, verhält Jesus sich. Mehr noch: er spricht mit der Frau, was damals wie auch heute im Orient noch undenkbar war. Fremde Frauen sprach kein Mann an – schon gar keine Ehebrecherinnen.

Springen wir zwei Jahrtausende weiter in unsere Zeit. Aus der älteren Generation höre ich, wie vor vierzig Jahren bei uns noch das Verhältnis zwischen den Geschlechtern sozial reglementiert wurde. Wenn da ein junger Mann seine Braut besuchte, saß die Mutter dabei – bis man gefälligst zur Nacht wieder heimkehrte. Aus heutiger Sicht ist dies inakzeptabel unter Erwachsenen. Dies möchte ich hier aber nicht thematisieren, denn auch an die heutigen Strömungen, alles und jedes freizugeben, könnte man sehr wohl Anfragen richten.

Lassen Sie mich vor dem Hintergrund des Predigttextes anders fragen: Wie ist das bei uns, wenn jemand etwas Falsches tut? Sind wir nicht oftmals ähnlich wie die Leute damals, die die »Sünderin« zur Raison bringen wollten? In der Evangeliums-Lesung hörten wir es schon: »Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr?« (Lk 6,41) fragte Jesus da.

Wahr ist doch: auch bei uns gibt es selbsternannte Gerechte, die die Fehler anderer nur all zu deutlich erkennen – nennen wir sie einmal moderne Pharisäerinnen und Pharisäer. Und, stimmt das nicht auch: manchmal sind wir selbst das.

Beispiele gefällig? Da sieht man doch genau,

  • wenn der Nachbar das Auto zu Hause wäscht,
  • die Mitschülerin wieder kaugummikauend, das Handy noch in der Hand, nebenbei Hausaufgaben abschreibt,
  • der Kollege im Betrieb die Zigarettenpause immer ausdehnt,
  • Frau Mustermann schon wieder Herrenbesuch hat – und so weiter.

(Bildbetrachtung: Ein Nashorn malt, jedes Bild zeigt in der Mitte prominent eine nashornförmige Lücke – so sieht es die Welt. Auch wir sehen die Dinge so an, wie es unserer Einstellung, Werten usw. entspricht.)

Bei anderen ist es einfach, das kleinste Fehlverhalten zu entdecken – bei sich selbst wohl kaum. Unsere Perspektive ist bei uns selbst deutlich »trüber« und die »Fünfe« sind da auch schon einmal eher »gerade«.

Im Wochenspruch, »Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen« (Gal 6,2) finden wir einen Hinweis, wie wir uns als Christinnen und Christen im Umgang mit anderen verhalten sollten. Sie merken: so gesehen ist dies ein hehres Ziel. Woran es uns jedoch erinnern kann, ist, dass unser Verhalten anderen gegenüber auch Folgen hat – im Positiven wie im Negativen. Ein Beispiel:

Das Gerücht
Eine geschwätzige Frau, die Freude daran hatte, andere Menschen zu verleumden, bekam von ihrem Beichtvater folgende seltsame Buße auf: »Gehen sie nach Hause, schlitzen sie ein Kopfkissen auf und streuen sie die Federn auf die Straße. Dann kommen sie wieder zu mir.« Als sie wiederkam, befahl ihr der Pfarrer: »Jetzt sammeln sie die Federn wieder ein!« Darauf die Frau: »Aber das geht doch nicht mehr. Die sind doch jetzt in alle Winde zerstreut!« Da antwortete er: »Genauso wie ihre bösen Worte über andere. Das können sie gar nicht mehr gutmachen!«

Wie gerne handeln wir doch in irgendeiner Weise wie die Frau aus dieser kleinen Geschichte – und zumeist doch ohne eine wirklich böse Absicht! Die Folgen können weitreichender sein, als wir es meinen.

Sind Gerüchte nicht etwas unerhört Interessantes? Schauen wir nicht besonders dann hin, wenn jemandem etwas missrät? Denken wir nur an politisches Kabarett oder die allgemeine Aufregung über den prominenten süddeutschen Steuerhinterzieher – zu dem Fall hat scheinbar jeder eine Meinung.

Dieses eine Meinung zu Dingen haben, die einen selbst nicht betreffen, thematisiert der Predigttext. Auch die Frau wird vorgeführt, mehr noch: in der schlechtesten Absicht soll sie dazu dienen, dass die Pharisäer endlich einen Grund hätten, gegen Jesus vorzugehen.

Vergebung

Jesus wendet sich nicht gegen die bestehenden Regelungen. Doch es geht ihm nicht so sehr um ein äußerliches Gesetz, das (in Bezug auf andere) buchstabengetreu befolgt wird, sondern um den Geist, der dem zugrunde liegt. Was ist das? Der Geist des Gesetzes ist, Leben zu ermöglichen – ein Leben, bei dem für jeden das ihm Zustehende auch erreichbar ist.

Es ist nicht möglich, immer alles richtig zu machen. Wir sind Menschen, die im Umgang mit anderen auch versagen. Wir sind der Vergebung Gottes bedürftig.

Am Umgang Jesu mit der Frau finden wir einen Hinweis darauf, wie Gott mit unserem Versagen umgeht. Da ist nicht primär die Anklage oder, schlimmer noch, ein öffentliches Durch-den-Kakao-Ziehen in der Art der im Predigttext geschilderten Hexenjagd. Jesus geht es nicht um ein Verurteilen, sondern darum, dass wir uns ernsthaft bemühen, anders zu handeln.

Was Jesus sagt, kann für uns eine Weisung zum Leben sein. Es geht darum, Vergebung zu erfahren, aber auch anderen zu vergeben. Wo wir so handeln, ist unser Blick auf die Zukunft und gelingendes Miteinander gerichtet und nicht rückwärts in einem Konservieren früheren Misslingens.

Neues Leben

Wie viele Menschen tun genau das: da werden frühere Verletzungen in »süßer Andacht« festgehalten, um schlechte zwischenmenschliche Verhältnisse zu rechtfertigen und sie so fortzusetzen:

  • Die Nachbarin grüßt nicht ordentlich – also übersehe ich sie auch.
  • Der Kollege hat seine frühere Arbeitsstelle wegen Unregelmäßigkeiten in der Buchführung verloren – bei dem sollte man bloß aufpassen, was er tut.
  • Frau Mustermann ist mir 1978 mal dumm gekommen – also erzähle ich jedem, wie schwierig sie doch ist.

So handeln viele Menschen, vielleicht ja auch wir? Gott schenke uns die rechte Selbsterkenntnis, doch vor allem: dass wir den Mut haben, Jesu Beispiel zu folgen und Neuaufbrüche zu wagen.

Das heißt nicht, alle alte Schuld anderer pauschal beiseite zu lassen. Es heißt, Probleme offen anzusprechen und gemeinsam zu klären. Dann, wenn etwas auch ausgesprochen ist, kann man sich am Vergeben einüben – das ist ein steiler Weg, aber einer, der »nach oben« führt.

Ich bete:

Gott, menschliche Beziehungen sind immer auch durch Streit, verschiedenen Meinungen und Verletzungen gekennzeichnet. All zu leicht nehmen wir nur uns selbst als das Maß aller Dinge, meinen, wir machen alles stets nur richtig und sehen Schuld und Versagen nur bei anderen.
Schenk uns einen klaren Blick auf uns selbst. Schenk uns den Mut, unsere Probleme mit anderen zu klären. Schenk uns die Kraft, uns selbst wie auch ihnen zu vergeben.
Hab Dank dafür, dass Du uns vergibst und uns immer wieder einen Neuanfang ermöglichst.
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Lied: eg 353,1–5.7 Jesus nimmt die Sünder an