Predigt über Matthäus 6,7–13 – Das Vaterunser oder der Himmel auf Erden

Liebe Gemeinde, den Predigttext des heutigen Sonntags Rogate, was so viel heißt wie betet, kennen Sie alle! Ich lese aus Matthäus, Kapitel 6:

Mt 6,6–13 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten. Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten:

Und der Fortgang ist das Vater Unser – bitte stehen Sie auf und lassen Sie es uns jetzt gemeinsam beten!

Vater Unser im Himmel!
geheiligt werde Dein Name
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
[Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.]

Liebe Gemeinde, dieses Gebet kennen wir von Kindesbeinen an. Erinnern Sie sich noch daran, wann Sie es gelernt haben? Wer es ihnen beigebracht hat?

Es gibt Texte, die kennen wir alle, förmlich aus dem Eff-eff: würde man uns in der Nacht wecken und danach fragen, könnten wir es flüssig und ohne Probleme aufsagen.

Aber ist gut gekonnt auch gleich verstanden? Sind es nicht gerade solche überlernten Texte, bei denen wir ganz automatisch Silbe an Silbe reihen, ohne den Inhalt groß zu bedenken?

Heute nun beschert uns die Auswahl der Predigtreihen also den Vorschlag, das Vaterunser zu bedenken – lassen Sie es uns in Teilen tun!

Die Hinführung – von »richtigem« und »falschem« Beten

Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten. Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.

Liebe Gemeinde, kann man eigentlich falsch beten? In diesen Worten leitet Jesus an, wie man beten soll – ist es so richtiges Beten?

Offenkundig gibt es ein Richtig und ein Falsch. Jesus wendet sich gegen ein »Schau-Beten«, das nur darauf zielt, den Beter als fromme Persönlichkeit darzustellen – dazu soll Gebet nicht dienen.

»Richtiges« Beten ist mehr. Gebet ist Verbindung mit Gott, ihn anzurufen, mit ihm zu kommunizieren. Gebet ist damit etwas Intimes und Persönliches.

Mehr noch: es gibt Zeiten, da weiß man Gott gar nichts zu sagen, da ist nur »Rauschen im Draht«. Für solche Zeiten empfiehlt Jesus das Vaterunser – es ist ein Gebet, das auch dann noch klappt, wenn wir kein eigenes Anliegen formulieren können. In Notsituationen ist es das Gebet, das gesprochen wird und dann, wenn alle anderen Worte verstummen.

Jesus geht es um die Ernsthaftigkeit des Gebets als Gespräch mit Gott und dass wir beten – dass dies nicht zu Schauzwecken geschehen soll kann aber nicht als Grundlage dafür dienen, seinen Glauben zu verschweigen oder gar zu verleugnen nach dem Motto: ich bete nur zu Hause.

Das Vater Unser – ein Stück »Himmel auf Erden«

Das Vater Unser ist mehr als ein Gebet. Der Evangelist Matthäus überliefert das Gebet des Herrn in der Mitte der Bergpredigt. Die Bergpredigt schildert auch, wie die Verhältnisse im Reich Gottes sein werden.

Dein Reich komme – das ist das Einstimmen in den Ruf nach der Verwirklichung dieses Reiches Gottes, der Ruf nach dem Ende der Trennung zwischen Mensch und Gott und dem Ankommen des Himmels auf Erden.

Lassen Sie uns das näher betrachten! Was ist denn Ihr »Himmel auf Erden« – der Zustand, den das Vaterunser herbeisehnt?

Einige Antworten zu diesem höchst glücklichen Zustand können wir in einem Video sehen. Darin werden ganz viele Menschen befragt: »Was macht dich glücklich«.

Silbermond: Was macht Dich glücklich? (YouTube)

»Wann reißt der Himmel auf«, dieses Lied der Popgruppe Silbermond bildete den Hintergrund der vielen Interviews, die der Film zeigte. Was Glück darin nicht alles ist! Widersprüche hörten wir zahlreiche und sicher auch einige originelle Deutungen.

Für die einen waren es Möglichkeiten:

  • Geld
  • Ausbildung
  • Führerschein
  • eine Arbeitsstelle
  • Gesundheit.

Viel häufiger bedeutete Glück aber, eine Beziehung zu haben – im Film:

  • die junge Frau, die sich an ihrem Partner freute
  • der Junge, für den das Schönste ist, Zeit mit seinen Eltern zu verbringen
  • der Barkeeper, der sich nach seiner verstorbenen Tochter sehnt
  • die alte Dame, die sich an den Mauerfall erinnert und dass sie daraufhin frei war, mit ihrer Mutter überall hinzufahren
  • wenn da jemand ist, der mich liebt

»Wann reißt der Himmel auf« war im Hintergrund zu hören – ich finde, man kann das als eine moderne Version des »Dein Reich komme« im Vaterunser verstehen. All die ersehnten Dinge, die so glücklich machen: ist es nicht ein Stück Himmel, ein Stück Reich Gottes, wenn das da ist?

Vielleicht wäre es auch sinnvoll, theologisch statt von »Glück« lieber von »Segen« zu sprechen. Was ist, was bedeutet Segen denn? Im Neuen Testament heilt Jesus Menschen durch eine segnende Berührung.

Segen bedeutet, die Zuwendung Gottes zu erfahren – es bedeutet, in Beziehung zu Gott zu stehen.

Fast alles, was im Video genannt wurde, können wir als Folge von Gottes Segen verstehen: Segen zielt darauf ab, bewahrt zu bleiben, er heilt und schafft Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft ist eine, der Frieden zugrundeliegt – Frieden mit sich selbst, den Nächsten und Gott (vgl. Evangelischer Erwachsenenkatechismus EEK, 814). Jesus selbst fordert uns, seine Jüngerinnen und Jünger auf, uns mit dem Friedensgruß zu grüßen (vgl. Mt 10,5–15), Paulus gar schreibt: »Grüßt euch untereinander mit dem heiligen Kuss« (2. Kor 13,12).

Im Vaterunser beten wir nun »Dein Reich komme« – eben, weil Gottes Reich noch nicht »da« ist. Hier und da blitzt etwas davon auf, wo wir als Christenmenschen handeln. Doch eben nur manchmal und punktuell, denn meistens handeln wir nicht zuerst als Christen, sondern als Menschen – was wäre auch anderes zu erwarten. Als Mensch zu handeln heißt doch, das einem die eigene Nase näher ist als die unseres Gegenübers.

Gottes Reich ist eine endzeitliche Größe. Christus selbst wird es verwirklichen, wenn er am Ende der Zeiten wiederkommt.

Und dennoch: Das, was Reich Gottes bedeutet, haben wir alle schon erfahren dürfen. Mit »Glück« wird es im Video beschrieben. Reich Gottes bedeutet grundsätzlich gelingendes Leben, in Nähe zu Gott und intakter Gemeinschaft untereinander. Das, was wir in unseren Beziehungen immer wieder erleben, dass es da auch Streit und Hader gibt, das ist nicht das, was in Gottes Reich sein soll.

»Reich Gottes«, das bedeutet rundum gelingendes Leben, ohne die Schattenseiten, die uns nur allzu vertraut sind. Im Video klangen einige an:

  • keine Zeit füreinander zu haben,
  • in wirtschaftlich unsicheren Verhältnissen zu leben,
  • auf »keinen grünen Zweig« zu kommen,
  • Sorgen durch gesundheitliche Probleme zu haben,
  • Streit in Partnerschaft oder Familie zu erleben,
  • allein zu sein.

Alles das sind quasi Gegenbilder zu dem, was Reich Gottes bedeutet. Wir wissen nicht genau, was, ja: wie Reich Gottes sein wird. Aber was es nicht ist, das können wir sagen und das eben Genannte ist es nicht.

»Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit«, mit diesen Worten schließt das Vaterunser. Herrlichkeit, das ist die Überschrift, die über Gottes Reich steht.

Den »Himmel auf Erden« erfahren wir eben nicht. Es sind köstliche Zeiten, wo wir uns dem nahe fühlen, doch diese Zeiten sind immer nur Episoden, sind begrenzt und flüchtig.

Ist Glück messbar?

Kann man »Himmel auf Erden«, oder sagen wir es mit dem Video umgangssprachlich vereinfacht: Glück, eigentlich messen? Es gibt ja verschiedene Ideen, wie man dies anstellen könnte. Eine ist zum Beispiel die, den Wohlstand einer Gesellschaft zu ermitteln. Der Human Development Index der Vereinten Nationen ist so etwas – aktuell ist demnach Deutschland das weltweit fünftbest entwickelte Land der Erde in Bezug auf Wohlstand und Entwicklungschancen für den Einzelnen.

Aber sagt dies etwas über Glück aus? Wohl kaum. Vielmehr nimmt die Anzahl seelisch kranker Menschen zu – durch die G8 genannte Schulzeitverkürzung werden sogar immer mehr junge Menschen durch ein zuviel an Leistungsdruck krank.

Ist Wohlstand gleich Glück? Lassen Sie mich anders fragen: ist es nicht erstaunlich, dass sobald Menschen zu einem gewissen Vermögen gekommen sind, die Unsicherheit immer größer wird? Da werden Hecken gepflanzt, Zäune gesetzt, Schlösser montiert und Alarmanlagen eingeschaltet.

Wer Wohlstand für Glück oder gar Segen hält (wie zum Beispiel der Reformator Johannes Calvin), verwechselt etwas grundsätzlich.

Glück ist eben ein flüchtiges Gut, das wir allzuoft nicht festhalten können. Es als Abglanz von Gottes Reich zu verstehen, ist aber manchmal gar nicht verkehrt: dann, wenn es Frieden bezeichnet, gelingendes Leben in Beziehung und Gemeinschaft mit Gott. Wo das ist, ist ein Stück Himmel auf Erden.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihr persönliches Stück Himmel immer wieder erfahren und Gott dafür danken. Dass Sie den Augenblick genießen und eine Ahnung bekommen: so wird es sein, wenn Gottes Reich für uns Realität werden wird. Gottes Reich wird kommen, denn er ist da – mitten in unserem Leben.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Sinne und Herzen in Christus Jesus. Amen.

Lied: Singt ein Lied von Gott (Ich bin da)