Predigt über Johannes 6,47–51: Christus macht den Weg für mich frei

Liebe Gemeinde, noch zwei Sonntage kommen nach heute, dann sind wir in der Karwoche angekommen. Wer ist Jesus Christus – wer ist er, dass er bis ans Kreuz gegangen ist? – Das ist das Thema der Passionszeit.

Mehr noch: Wenn wir nach Jesus Christus fragen, fragen wir als Christen immer zugleich nach uns selbst, weil unser Leben mit ihm verbunden ist.

Jesus Christus hat für uns eine existentielle Bedeutung. Darum, um Existentielles, Grundlegendes für’s Leben, geht es auch im Predigttext – Hören Sie, was im Johannesevangelium in Kapitel sechs steht:

Johannes 6,47–51: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer glaubt, der hat das ewige Leben. Ich bin das Brot des Lebens. Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit, wer davon isst, nicht sterbe. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Und dieses Brot ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt.

Das »Brot« ist hier nur ein Bild

Liebe Gemeinde, frisches Brot – gibt es viel Köstlicheres als frisch gebackenes, noch warmes Brot? Denken Sie allein an den Geruch! Die Kruste! Wie es sich in der Hand anfühlt! An den ersten Bissen hinein!

Okay – den Mund mache ich Ihnen wässrig, aber der Magen muss nicht knurren; lassen Sie uns das lieber jetzt gleich Erleben, was frisches Brot bedeutet: bitte nehmen Sie ein Stück, wenn jetzt frisches Brot durch die Reihen gereicht wird – guten Appetit!

Frisches Brot ist etwas ganz Wundervolles, dafür lässt man manches andere stehen. Andererseits: wenn ein paar Tage ins Land gegangen sind, wird Brot nicht mehr zu einer besonderen Köstlichkeit, sondern pappig, hart, altbacken, Hühnerfutter.

Brot ist eines DER Sinnbilder schlechthin für lebensnotwendige Nahrung. Für das, was neue Kraft gibt. »Unser tägliches Brot gib uns heute« beten wir deshalb im Vater Unser. »Brot und Spiele« waren bei den Römern die Basis, die Bevölkerung friedlich zu halten.

Auch im Alten Testament ist Brot DAS Lebensmittel schlechthin. Denken Sie nur an das Passahfest, das ja auch »Fest der ungesäuerten Brote heißt« – am 26. März (2013) fängt es wieder an und Ostern liegt bewusst in dieser Zeit, an der Israel sich an Befreiung und neues Leben erinnert, an den Anfang des Auszugs aus der Sklaverei ins Land, »darin Milch und Honig fließt« (2. Mo/Ex 3,17).

»Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben« (V. 49) – Jesus bezieht sich mit diesem Satz auf den Exodus, den Auszug aus Ägypten ins »gelobte Land«: Als das Volk Israel auf dem Weg war, die ägyptische Armee nach dem Durchzug durch das Schilfmeer abgehängt hatte, hungerten und dursteten sie bald. In dieser Zeit sandte Gott Wachteln und Manna – »Brot vom Himmel« (cf. Ex 16), so dass sie nicht verhungern mussten.

Jesus ergänzt, dass Israel wunderbar versorgt war, aber dass dieses Himmelsbrot eben auch nur Nahrung war. Es weckt neuen Hunger, sättigt nur auf Zeit.

Mehr als nur »Brot«

Das Brot ist eben nur ein Bild. Wofür es auf Christus bezogen steht, erläutert der Predigttext:

»Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer glaubt, der hat das ewige Leben. Ich bin das Brot des Lebens. […] Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit, wer davon isst, nicht sterbe. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Und dieses Brot ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt.«

Mit dem Bild vom Brot möchte Jesus auf einfache Weise seine Bedeutung für uns und unser Leben erläutern. Er ist so etwas ganz Grundsätzliches, ja: lebensnotwendiges, für uns. »Ohne mich geht’s nicht!« – das ist die Botschaft und in letzter Konsequenz bedeutet sie: Ja, wir können ohne den in Jesus Christus zu uns gekommenen Gott leben. Wir können heiraten, arbeiten, Urlaub machen und das Leben genießen und eines Tages hoffentlich alt und lebenssatt sterben.

Jesus Christus sagt: Wer mit mir lebt, für den steht mehr bereit als dies; für den stellt der Tod nicht das Ende, sondern nur einen Übergang dar. »Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer glaubt, der hat das ewige Leben« (V. 48), und weiter: »Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit, wer davon isst, nicht sterbe. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist« (V. 50f).

Was macht mich satt?

Jetzt, in der Passionszeit, fastet der ein oder die andere unter uns – mancher verzichtet auf bestimmt Nahrungsmittel, andere auf Dinge, die sie viel – vielleicht zu viel – nutzen wie Fernsehen, Internetdienste oder Sonstiges.

Es gibt Dinge, die bei zu häufiger Nutzung oder einem zu großen Stellenwert im Leben zu Fesseln werden, uns gefangen nehmen. Solche Dinge sind wie das »Manna in der Wüste« (V. 49). Sie machen uns auf irgendeine Weise »satt« und zufrieden, stillen einen Bedarf oder sind ganz einfach praktisch.

So manches Einfache, Praktische, Bequeme wird irgendwann zum Bumerang: Wer jeden Meter mit dem Auto fährt, wird bald bei der kürzesten Strecke nach Luft ringen. Wer immer nur den Fahrstuhl nimmt, fürchtet bald jede Treppe. Wer bei jeder Mahlzeit Fleisch ist, wird bald ein oft gesehener Patient. Und so fort.

Was ist eigentlich Ihr »Manna«, was sind die Abkürzungen und Bequemlichkeiten in Ihrem Alltagsleben, die Dinge, die Sie schnell und einfach »satt« machen sollen?

Was davon möchten Sie eigentlich am liebsten gar nicht mehr hergeben, darauf lieber nicht verzichten?

Was ist so eigentlich mehr zu einer Fessel geworden, die ihr Leben gängelt und durch Einseitigkeit beschränkt?

Die Passionszeit kann ein Abschnitt des Nachdenkens über uns und unser Leben sein, eine Zeit der »inneren Inventur« und »Entrümpelung«, des wieder frei Werdens.

Wie schwer ist das! Wie zäh werden so manche liebe Angewohnheiten, wie hilfreich sind sie, den Lebensweg wie durch tief eingefahrene Fahrspuren zurückzulegen, ohne groß nach rechts und links schauen zu müssen. Und wie öde macht es das Leben doch eigentlich, wenn man eigentlich immer nur dasselbe tut, mechanisch wie ein Roboter dahinlebt.

Das ist es, wofür das Bild vom Manna steht – es ist eine süße Versuchung, sich die Dinge in den Schoß fallen zu lassen. Und das ist manchmal angebracht, doch auf Dauer eine Verödung.

Für Israel war das Manna ein Gottesgeschenk, um Wüstenzeiten zu überstehen. Als sie ins gelobte Land kamen, endete es.

Liebe Gemeinde, wer sein Leben nicht mehr hinterfragt und sich nur noch seinen Gewohnheiten hingibt, bleibt hinter seinen Möglichkeiten zurück. Das ist so, als ob man sich immer nur sein Lieblingsessen wünscht und sich sagt: oh wie lecker, o wie schön. Aber nie anderes probiert oder Neues versucht.

Die Passionszeit ist für uns eine Chance, unsere Fesseln abzustreifen und wieder freier zu werden.

Im Predigttext erinnert uns Christus daran, was er für unser Leben bedeuten kann. Wo wir auf ihn blicken, können wir Kraft in »Wüstenzeiten« finden und Mut bekommen, auf den eingefahrenen Strecken im Leben immer wieder neue Wege gehen.

Die Älteren und Alten unter uns wissen, wie schwierig das ist. Je mehr man sich eingerichtet hat im Leben, umso weniger kann man noch neue Aufbrüche wagen. Nein, da investiert man lieber in ein weiteres Schloss oder einen zusätzlichen Riegel, um alles andere draußen zu lassen: das Schneckenhaus ist ja auch ein Schutz vor den Unbilden des Lebens und das Gerümpel, das man über Jahre angesammelt hat, kommt einem ja auch meist sehr vertraut und beruhigend vor.

Gott sei Dank blickt Jesus nicht nur auf dieses Leben, wenn er uns daran erinnert, dass er die wahre, sattmachende Nahrung ist. Was hier ist, werden wir eines Tages hinter uns zurücklassen müssen – das letzte Hemd hat bekanntlich keine Taschen. Für viele wird dies die ultimative Befreiung sein.

»Ich bin das lebendige Brot« (V. 51), sagt Jesus. Er ist das im Leben, was uns immer wieder frei und lebendig machen kann und mit ihm können wir aus dem Schneckenhaus unserer Gewohnheiten, des immer Selben, aufbrechen. Und ja, wo wir mit ihm leben, wird Leben auch aufregend: neue Wege haben eben noch keine eingefahrenen Spuren.

Für das Leben dieser Welt – für uns hat Christus sein Leben hingegeben. Über den letzten Abgrund hat er eine Brücke gebaut: der Weg zu Gott ist in ihm wieder frei geworden. Das kann uns neue Möglichkeiten schon jetzt eröffnen. Das wird uns den Weg zu einem ganz neuen, anderen und besserem Leben am Ende der Zeiten frei machen: wir haben ein Ziel, einen Heimathafen, ein Zuhause bei Gott.

Die Passionszeit kann für uns eine Zeit der Besinnung darauf sein, eine Möglichkeit, die »Fesseln« und »Taue« abzustreifen, die uns auf dem Weg dahin immer wieder bremsen oder uns davon abhalten, unser eigentliches Ziel zu erkennen.

Jesus als »Brot des Lebens« hat alles getan. Erinnern wir uns daran, dass er uns ein Ziel gegeben hat. Nehmen wir ihn als Kraftquelle auf dem Weg dorthin und als Lotsen in den Zeiten, wo wir den Weg nicht erkennen. Gottes »Himmelsgabe« auf dem Weg zu ihm ist Christus, das »Brot des Lebens«, dass allen Hunger nach wahrem Leben stillt. Greifen wir zu, so dass wir gestärkt wieder aufbrechen auf den Weg zu Gott, indem wir alte Fesseln abstreifen!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Lied: eg 395,1–3 Vertraut den neuen Wegen