Predigt über Matthäus 27,33–52a.54

Liebe Gemeinde, traut man den Tüchern an Altar, Kanzel und Kreuz, dann ist heute ein »schwarzer Freitag«. Christus ist am Kreuz gestorben, das haben wir in der Lesung des Evangeliums gehört und das ist auch Thema im Predigttext. Christus tot – ja, wenn das wahr ist, dann ist dies wirklich ein schwarzer Tag für uns, weil alle Hoffnung aus der Welt ist.

Gott sei Dank: Übermorgen werden wir feiern, dass Gott ihn nicht dem Tode überlassen hat, sondern dass er selbst in seinem Christus die äußerste Grenze überwunden hat. Wenn wir uns heute an Karfreitag an das Leiden und Sterben Jesu Christi erinnern, dann bedeutet das eben nicht, dass wir uns an einen Toten erinnern, sondern an den, der lebt und der den Tod überwunden hat.

Hören wir den Predigtext aus dem vorletzten Kapitel des Matthäus-Evangeliums:

Mt 27,33–52a.54(Luther revid. 1984) Und als sie an die Stätte kamen mit Namen Golgatha, das heißt: Schädelstätte, gaben sie ihm Wein zu trinken mit Galle vermischt; und als er’s schmeckte, wollte er nicht trinken. Als sie ihn aber gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider und warfen das Los darum. Und sie saßen da und bewachten ihn. Und oben über sein Haupt setzten sie eine Aufschrift mit der Ursache seines Todes: Dies ist Jesus, der Juden König.
Und da wurden zwei Räuber mit ihm gekreuzigt, einer zur Rechten und einer zur Linken. Die aber vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe und sprachen: Der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz! Desgleichen spotteten auch die Hohenpriester mit den Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen: Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen. Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab. Dann wollen wir an ihn glauben. Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn. Desgleichen schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren.
Und von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Einige aber, die da standen, als sie das hörten, sprachen sie: Der ruft nach Elia. Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. Die andern aber sprachen: Halt, lass sehen, ob Elia komme und ihm helfe! Aber Jesus schrie abermals laut und verschied. Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus. Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen. Als aber der Hauptmann und die mit ihm Jesus bewachten das Erdbeben sahen und was da geschah, erschraken sie sehr und sprachen: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!

Matthäus erzählt das Drama, das sich damals in Jerusalem abgespielt hat. Was das ein Zug gewesen sein muss, der gefolterte Jesus mit dem Kreuzesbalken auf den Schultern, von den Soldaten gnadenlos vorwärtsgetrieben zum Hinrichtungsort. Entwürdigend, wie sie ihn aller Hüllen beraubt und vor seinen Augen um seine Kleidung gelost haben. Entwürdigend das Schild, das sie über ihn genagelt hatten, um ihn zu verspotten. Entwürdigend, mit zwei Verbrechern, wie einer von ihnen, gekreuzigt zu werden.

Und auch die Todesart war entwürdigend: »Wer am Holze hängt, ist von Gott verflucht« heißt es im Alten Testament (cf. Dtn 21,23). Kreuzigung, das war die schlimmste Art für einen Juden zu sterben. Die Römer praktizierten diese Tötungsart. Der jüdische Politiker Flavius Josephus berichtet, das Titus bei der Eroberung Jerusalems kreuzigen ließ, bis der Platz für die Gekreuzigten ringsum knapp wurde (cf. Josephus, Bellum, V. 11.1).

Schließlich stirbt Christus am Kreuz. Johannes der Täufer hatte von ihm gesagt: Seht: das Lamm Gottes(cf. Joh 1,29.36). Wie ein Opferlamm ist Christus gestorben, zur Vergebung der Schuld aller derer, die an ihn glauben.

Für viele Menschen ist es irritierend, dass Gott seinen Sohn wie einen Sündenbock in den Tod geschickt hat, damit er stellvertretend unsere Schuld büßt. Und doch ist es nur konsequent, denn aus eigener Kraft können wir – so sehr wir das auch wollen – niemals die Distanz zu Gott überbrücken, die durch unsere Schuld immer wieder wie ein Graben aufreißt.

Matthäus beschreibt ein ganz anderes Reißen:

Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus. Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen.

Der Vorhang zerriss – das Allerheiligste des Tempels lag frei, stand allen Augen offen. Das gleiche geschah auf Golgatha: Gott stand allen unverhüllt, nackt, vor Augen. Der römische Hauptmann ist der Erste, der ihn am Kreuz erkennt: Jesus ist der Christus, der Sohn Gottes.

Das Erbeben der Erde, das Zerreißen der Felsen: sind das nicht Bilder für das, was Gott bei diesem Opfer empfunden haben muss? Herzzerreißend muss dieses Gefühl gewesen sein, solch ein Opfer zu erbringen. Auch wir wissen um die Situationen in unserem Leben, in denen wir erbeben, in denen uns das Herz bis zum Halse schlägt. Das sind die Momente, wo es für uns um ganz viel geht – im Beruf, in der Liebe, in existentiellen Fragen.

Damals, am Kreuz, hat Gott seinen Christus aller Welt sichtbar vor Augen gestellt. Ausgerechnet der Römer, der für seine Hinrichtung zuständig war, erkannte das. Vielen Menschen fiel dieses Erkennen schwer – vielen Menschen fällt das heute schwer, so schwer, dass sie es nicht erkennen können. Das soll Gott sein, der da jämmerlich stirbt? Da war kein Trommelwirbel, keine special effects, nur Christus, der sein Leben gab.

Auch über die Spötter schreibt Matthäus. Bei ihm klingt das beinahe so, als habe reger Verkehr auf Golgatha geherrscht, als seien die Leute zur Unterhaltung dahingewandert, um sich am Anblick der Gekreuzigten zu ergötzen. So bekam Jesus einiges an Spott zu hören:

- Die Gaffer: »Der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, *hilf* dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz!« - Die Hohenpriester: »Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen. Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab. Dann wollen wir an ihn glauben.« - Die Soldaten: »Lass sehen, ob Elia komme und ihm helfe

Wie gesagt: es gab keine special effects und es kam auch kein Engelsheer in letzter Minute zu Hilfe. Christus ist am Kreuz gestorben. Immer wieder erntete er da, wo die Leute die Worte »Hilfe« und »Rettung« in den Mund nahmen anstelle dessen nur Spott.

So wie Christus damals verspottet wurde, so werden heute die Christen in aller Welt von vielen verspottet, die keinen Glauben finden und Christus nicht (er­)kennen. »*Ihr werdet gehasst werden von jedermann um meines Namens willen. Wer aber bis an das Ende beharrt, der wird selig werden.*« (Mt 10,22) sagt Christus.

Einer der Spötter damals war anders: Als Christus aufschreit, rennt er los, um zu helfen. Er geht nicht, sondern er rennt. Welch ein Gegensatz zur Unbeweglichkeit der Kreuzigungsszene. Da setzt jemand alles daran zu helfen, wo keine Hilfe möglich ist. Wo keine Hoffnung ist. Denn die gab es nicht. Auch bei Gott war es beschlossene Sache, den Weg zu uns bis zu Ende zu gehen.

Uns heute kann dieser Mensch ein Vorbild sein. Er hat Christus nicht aufgegeben, obwohl er schon gekreuzigt war. Wenn wir Jesus Christus nur als den Gekreuzigten verstehen, dann machen wir uns nicht besser als die Spötter damals unter dem Kreuz. Wenn wir Jesus Christus nur als historische Person verstehen, die nichts mit unserem Leben zu tun hat, dann streichen wir alle Hoffnung für uns aus und nehmen uns selbst in die Pflicht, unseres Glückes Schmied zu sein. Das müssen wir ohne Christus auch sein, denn dann muss dieses Leben hier und jetzt glücken und gelingen – denn mehr ist dann da nicht.

Liebe Gemeinde: An Karfreitag erinnern wir uns: Gott ist bis an die Grenze gegangen und darüber hinaus. Damit hat er uns frei gemacht, uns befreit, mit ihm zu leben.

Dieses uralte Bild aus dem Jahr 1420 zeigt uns, wie wir heute, im 21. Jahrhundert, Jesus Christus immer noch verstehen können. Es ist ein Kosmos, ein ganzes Universum, das wir da sehen. Himmelswesen verhüllen dies freilich. Damit wird der Blick frei auf das Entscheidende. Gott, in königlichem Gewand und mit einer prächtigen Krone hält seinen Sohn, Jesus Christus, in den Armen, zieht in zu sich heran.

Der Heilige Geist wird durch eine Taube, zwischen Jesu Haupt und Gottes Bart, symbolisiert.

Der Christus im Bild ist der Christus des Karfreitags. Seine Augen sind geschlossen – er ist tot. An den Armen trägt er die Stigmata, die Wundmale. An den Füßen ist es das gleiche: auch hier sind Stigmata zu sehen.

Nein, diesen Christus, den Gott als sein Vater zu sich zieht, hat sein Leben gegeben. Deshalb muss er zu Gott zurück, denn bei ihm ist der Ort des Gerichts und der letzten Entscheidung. Wie sollte er, der Sohn, da fehlen – er ist doch unser Fürsprech und Anwalt, der uns von aller Schuld frei spricht. Denn die ist sein Tod gewesen.

Er, Gott in Menschengestalt, ist mitten in diese Welt gekommen, um uns zu erlösen und frei zu machen. Das sieht man auch im Bild, ganz unten. Die Füße Jesu schweben über der Erde, die wie die Welt in einer Schneekugel dargestellt wird. Schauen wir einmal genauer hin!

Es ist eine mittelalterliche Szene, trifft schon fast nicht mehr die Entstehungsepoche des Bildes. Aber was da sichtbar ist, ist eindeutig: Burgen und Städte, Wald und Wiese, Menschen beim Fischen und mit Handelsgüter in Booten unterwegs. Es ist diese Welt, die dargestellt wird. Die durchbohrten Füße hängen noch über ihrem Firmament, daran die Sterne zu erkennen sind. Es ist seine Welt, aus der Gott Christus heraus zu sich zieht. Und es ist Gottes Welt, das deuten die Gewandsäume an, die links und rechts unter und hinter dieser Welt liegen. Gott, er ist der Existenzrahmen dieser Welt.

Und Jesus Christus, sein Sohn, hat sich für diese Welt geopfert und so zieht Gott ihn nun an sich heran, ganz der Vater, der um seinen Sohn trauert.

Wie gesagt: Dieses Bild zeigt den Karfreitag, zeigt eine Vorstellung dessen, was nach Jesu Tod und Begräbnis in »höheren Sphären« vielleicht abgelaufen ist. Und es reicht bis in den Karsamstag, den Tag der Grabesruhe, hinein.

Liebe Gemeinde, auch wenn heute Karfreitag ist und wir das feiern, was viele Menschen als gegeben annehmen, nämlich den Tod Jesu Christi, können und dürfen wir auch heute dort nicht stehenbleiben. Der Ausblick auf Ostern, wo Gott seinen Christus zu neuem Leben für alle Welt auferweckt hat, darf nicht verschwiegen werden.

Denn das gilt für uns: Wo wir Christus als den Gekreuzigten und Auferstandenen verstehen, da fangen wir an, frei zu werden und ein neues Leben zu führen – ein Leben, dass jenseits unseres Vorstellungsvermögens einst bei Gott sein wird. »Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.« (Röm 14,9)

Lassen wir uns also von den Tüchern an Altar und Kanzel nicht täuschen: Heute erinnern wir uns an keinen »schwarzer Freitag«, sondern an den Auftakt des Handelns Gottes mitten unter uns.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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