Predigt über 1. Johannes 3,1–6

Liebe Gemeinde, der Heilige Abend liegt nun hinter uns. Die Geschenke sind getauscht und der Auftakt des familiären Beisammenseins vorüber. Und wie jedes Jahr waren die Kirchen richtig gut gefüllt.

Und doch: Weihnachten ist in unserer Gesellschaft dabei, seinen Stellenwert zu verlieren – oder vielmehr: einen anderen zugewiesen zu bekommen, der mit dem Anlass nichts mehr zu tun hat. Immer weniger Menschen wissen noch, worum es an Weihnachten wirklich geht. Die extreme Kommerzialisierung des Festes in den letzten Jahrzehnten hat dazu ein Übriges getan. Der Advent beginnt Ende August im Einzelhandel. In städtischen Kindergärten wird im Regelfall aus einer falschen Rücksicht auf Kinder aus andersgläubigen Familien nicht von Weihnachten gesprochen.

Am heutigen Ersten Weihnachtstag kommen, wenn man den Statistiken glauben kann, hauptsächlich die regelmäßigen Kirchgängerinnen und Kirchgänger. Also diejenigen, bei denen Glaube einen wichtigen Platz im Leben einnimmt. Deshalb möchte ich in dieser Predigt die Frage stellen: wenn Weihnachten die »Geburtsstunde« christlichen Glaubens ist und die Bedeutung von Weihnachten in unserer Gesellschaft immer mehr zugunsten eines Konsumverhaltens ausgehöhlt wird: sollten wir dann nicht als Menschen dieser Gesellschaft deutlicher machen, was glauben und wieso wir das tun?

In unserer Zeit gilt es als ein falsches Verhalten, religiöse Fragestellungen anzusprechen. Gerade in der Schule erlebe ich, dass religiöse Themen geradezu verboten scheinen. Dass religiöse Kompetenz auch gerade in schwierigen Zeiten etwas ist, das diese bewältigbar macht, brauche ich nicht zu erwähnen. Dass es schlimm ist, wenn junge Leute vorgemacht bekommen, dass Religion etwas zu Unterschlagendes ist, sehr wohl. Wenn das dann schon im Kindergarten bewusst unterschlagen wird, ist das furchtbar.

Aus vermeintlicher Scham nicht über Religion zu sprechen ist falsch, denn christlicher Glaube ist etwas, das unsere Gesellschaft, unsere Werte, unsere Sprache überhaupt, unsere Vorstellungen von richtig und falsch, grundlegend geprägt hat. Christlicher Glaube ist jenseits seiner religiösen Dimension etwas, das für unsere Gesellschaft ein Fundament ist und ein Umgang damit, wie ich ihn gerade beschrieben habe, wird letztlich dazu führen, dass es keinen gesellschaftlichen Konsens in Grundfragen mehr gibt.

Der Predigttext am heutigen Weihnachtsfest ist das Gegenteil zu diesem Trend in unserer Gesellschaft. Hier geht es um das, was Weihnachten ganz unmittelbar bedeutet. Nein, es geht nicht um Hirten, Engel und Gesang auf Feldern. Im Predigttext geht es um das, was in unserer Gesellschaft ausgeblendet, verdeckt und inhaltlich umgedeutet wird. Hören wir, die Botschafterinnen du Botschafter an Christi statt, auf Worte aus Kapitel eins des Ersten Johannes-Briefs:

1. Johannes 3,1–6 Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum kennt uns die Welt nicht; denn sie kennt ihn nicht. Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden [οὔπω ἐφανερώθη τί ἐσόμεθα]. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Und ein jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist. Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht, und die Sünde ist das Unrecht. Und ihr wisst, dass er erschienen ist, damit er die Sünden wegnehme, und in ihm ist keine Sünde. Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht; wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen und nicht erkannt.

Liebe Gemeinde, in diesem Text geht es um Jesus Christus. Er ist es, in dem Gott uns seine Liebe erwiesen hat. Durch die Taufe auf Christus sind wir Kinder Gottes.

Der Predigttext fährt spannungsreich fort: »Darum kennt uns die Welt nicht; denn sie kennt ihn nicht.« Dass das heute leider wieder zunimmt, ist erkennbar. Für die Christen des ersten Jahrhunderts war es normal, dass kaum jemand wusste, was das Christentum bedeutet. In den ersten Jahrzehnten wurde das Christentum mehrheitlich noch nicht als eigene Religion wahrgenommen. Viele Menschen im römischen Weltreich verwechselten die Christen mit Juden. Später wurden sie »Chrestianer« genannt, diese Bezeichnung rührt aus einem Missverständnis her, und erst in Antiochia kam die Bezeichnung Christen auf (vgl. Apg 11).

Was wir sein werden

Der Text wagt aber zugleich einen Ausblick – über dieses Leben hinaus: »Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden.« Heute und einst – darauf wird hier angespielt. Es geht um die Zukunft in diesem Vers, um das, was kommen wird. Dieses dereinst spielt auf Gottes endzeitliches Reich an. Im Neuen Testament finden wir, übrigens in Fortsetzung alttestamentlichen Gedankenguts, die Vorstellung von einem endzeitlichen Reich Gottes. Als Kinder haben wir dafür die Bezeichnung »Paradies« gehört.

Die ersten Menschen, Adam und Eva, entschieden sich mit ihrem freien Willen, sich von Gott zu trennen. Das Paradies ist die Überwindung dieses Bruchs. Am Ende werden wir wieder bei Gott sein, wird die Gemeinschaft mit ihm wiederhergestellt. Das ist mit dem »es ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden« gemeint.

Das bezeichnet nichts andere als eine Veränderung, eine Verwandlung. Dieses endzeitliche Reich Gottes wird ganz anders sein als alles, was wir kennen oder erfassen, verstehen können. Das Schwierige ist, auszuhalten, dass es keine Aussagen darüber gibt, wie es konkret sein wird. Die einzigen Hinweise sagen eines: es wird sehr gut sein – gewissermaßen unbeschreiblich gut.

»Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist« – so fährt der Predigttext fort. Das ist die Spannung im Predigttextes: hier geht es um eine Erwartungshaltung, die es zu erfüllen gilt, die aber Gott erfüllen muss und auch nur kann, und deren Zeitplan uns entzogen ist.

Liebe Gemeinde: diese wartende Haltung, die uns auferlegt ist, verbindet uns mit dem Volk Israel, das bis heute auf den Messias wartet. Doch anders als Israel, das seine Hoffnung als bisher unerfüllt glaubt, haben wir an Weihnachten den Messias kommen sehen und warten nun auf die endgültige Veränderung am Ende der Zeiten.

Die Predigt als Lied

Lassen Sie uns davon singen: eg 16 Die Nacht ist vorgedrungen

1. Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern! So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern! Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein. Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.
2. Dem alle Engel dienen, wird nun ein Kind und Knecht. Gott selber ist erschienen zur Sühne für sein Recht. Wer schuldig ist auf Erden, verhüll nicht mehr sein Haupt. Er soll errettet werden, wenn er dem Kinde glaubt.
3. Die Nacht ist schon im Schwinden, macht euch zum Stalle auf! Ihr sollt das Heil dort finden, das aller Zeiten Lauf von Anfang an verkündet, seit eure Schuld geschah. Nun hat sich euch verbündet, den Gott selbst ausersah.
4. Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld. Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld. Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr, von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.
5. Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt. Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt. Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht. Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht.

Was bleibt

Das unser Warten ein anderes ist, eines, dass auf einer schon erfüllten Verheißung beruht, haben wir gerade gesungen: Gott ist schon in unserer Welt erschienen. Deshalb ist der Schluss des Predigttextes auch keine »verschlossene Tür«, sondern im Gegenteil »weiter Raum«. Da steht:

Und ein jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist. Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht, und die Sünde ist das Unrecht. Und ihr wisst, dass er erschienen ist, damit er die Sünden wegnehme, und in ihm ist keine Sünde. Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht; wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen und nicht erkannt«

Im Lied vorhin haben wir in der zweiten Strophe gesungen: »Gott selber ist erschienen zur Sühne für sein Recht.« Das ist die Voraussetzung dafür, dass wir Gottes Wiederkunft am Ende der Zeiten erwarten können und nicht fürchten brauchen. Und das ist Weihnachten: das Kommen Gottes in die Welt, damit wir zu ihm zurückkommen können. Weihnachten ist die Aufhebung der Trennung, die am Anfang der Zeiten stattfand. Es ist für uns die Möglichkeit, zu Gott eine Beziehung zu haben, hier und jetzt, weil das in Christus möglich wurde. Und es ist die Verheißung, dass heute und morgen noch nicht alles ist – das es nach diesem Leben mehr gibt.

Doch jetzt leben wir in einer Welt, der das immer unbekannter wird und erleben: selbst die Christen schweigen von ihrer Hoffnung, weil Religion politisch inkorrekt ist.

Liebe Gemeinde: eine Strömung, die religiöse Äußerungen verstummen machen will, ist falsch. Dass christlicher Glaube für unser Land, seine Geschichte, die deutsche Sprache, unsere Werte grundlegend ist, habe ich eingangs gesagt. Was unser Glaube beinhaltet, haben wir anhand des Predigttextes bedacht.

Wagen wir nun den Übertrag in unser eigenes Leben und fragen uns: was bedeutet es für mich, dass Gott in diese Welt gekommen ist? Traue ich mich, meinen Glauben Folgen haben zu lassen, oder ist er nur Tradition oder Sonntagsfrömmigkeit? Lasse ich ihn scheinen, den Stern über Bethlehem, oder stelle ich sein Licht unter den Scheffel, auf dass er nur im Verborgenen leuchte?

Gebe Gott, dass wir die richtigen Antworten darauf kennen, denn dann gilt doch, was der Predigttext beinhaltet: Wer in ihm bleibt, der hat ihn gesehen und erkannt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Lied: eg 53,1–3 Als die Welt verloren