Predigt über 1. Mose 3,1–24

Liebe Gemeinde, der Karneval liegt hinter uns, die Passionszeit beginnt: keine vierzig Tage sind es mehr bis Ostern. Ostern ist das Zentrum christlichen Glaubens, auch wenn auf den ersten Blick Weihnachten das bedeutendere Fest ist.

Der Predigttext heute, auf dem »Weg zu Ostern«, mag erst einmal erstaunen, denn das Thema Ostern kommt darin so nicht vor. Ich lese uns den Predigttext aus dem Ersten Buch Mose, Kapitel drei aus der Bibelübersetzung Hermann Menges:

1. Mose (Genesis) 3,1–24 (Menge-Bibel) Nun war die Schlange listiger als alle Tiere des Feldes, die Gott der HERR geschaffen hatte; die sagte zum Weibe: »Sollte Gott wirklich gesagt haben: ›Ihr dürft von allen Bäumen des Gartens nicht essen!‹« Da antwortete das Weib der Schlange: »Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen; nur von den Früchten des Baumes, der mitten im Garten steht, hat Gott gesagt: ›Ihr dürft von ihnen nicht essen, ja sie nicht einmal anrühren, sonst müsst ihr sterben!‹« Da erwiderte die Schlange dem Weibe: »Ihr werdet sicherlich nicht sterben; sondern Gott weiß wohl, dass, sobald ihr davon esst, euch die Augen aufgehen werden und ihr wie Gott selbst sein werdet, indem ihr erkennt, was gut und was böse ist.« Da nun das Weib sah, dass von dem Baume gut zu essen sei und dass er eine Lust für die Augen und ein begehrenswerter Baum sei, weil man durch ihn klug werden könne, so nahm sie eine von seinen Früchten und aß und gab auch ihrem Manne, der bei ihr war, und der aß auch. Da gingen ihnen beiden die Augen auf, und sie nahmen wahr, dass sie nackt waren; darum hefteten sie Blätter vom Feigenbaum zusammen und machten sich Schürze daraus. Als sie dann aber die Stimme Gottes des HERRN hörten, der in der Abendkühle im Garten sich erging, versteckten sie sich, der Mann und sein Weib, vor Gott dem HERRN unter den Bäumen des Gartens. Aber Gott der HERR rief nach dem Mann mit den Worten: »Wo bist du?« Da antwortete er: »Als ich deine Stimme im Garten hörte, fürchtete ich mich, weil ich nackt bin; darum habe ich mich versteckt.« Da fragte Gott: »Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Du hast doch nicht etwa von dem Baume gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe?« Da antwortete Adam: »Das Weib, das du mir beigesellt hast, die hat mir von dem Baume gegeben, da habe ich gegessen.« Da sagte Gott der HERR zu dem Weibe: »Warum hast du das getan?« Das Weib antwortete: »Die Schlange hat mich verführt; da habe ich gegessen.« Da sagte Gott der HERR zu der Schlange: »Weil du das getan hast, sollst du verflucht sein vor allen Tieren, zahmen und wilden! Auf dem Bauche sollst du kriechen und Staub fressen dein Leben lang! Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deiner Nachkommenschaft und ihrer Nachkommenschaft: er wird dir nach dem Kopfe treten, und du wirst ihm nach der Ferse schnappen.« Zum Weibe aber sagte er: »Viele Mühsal will ich dir bereiten, wenn du Mutter wirst: mit Schmerzen sollst du Kinder gebären und doch nach deinem Manne Verlangen tragen; er aber soll dein Herr sein!« Zu dem Manne aber sagte er: »Weil du der Aufforderung deines Weibes nachgekommen bist und von dem Baume gegessen hast, von dem zu essen ich dir ausdrücklich verboten hatte, so soll der Ackerboden verflucht sein um deinetwillen: mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang! Dornen und Gestrüpp soll er dir wachsen lassen, und du sollst dich vom Gewächs des Feldes nähren! Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du zum Erdboden zurückkehrst, von dem du genommen bist; denn Staub bist du, und zu Staub musst du wieder werden!« Adam gab dann seinem Weibe den Namen Eva; denn sie ist die Stammmutter aller Lebenden geworden. Darauf machte Gott der HERR dem Manne und seinem Weibe Röcke von Fellen und bekleidete sie damit. Und Gott der HERR sagte: »Der Mensch ist jetzt ja geworden wie unsereiner, insofern er gut und böse zu unterscheiden weiß. Nun aber – dass er nur nicht seine Hand ausstreckt und auch vom Baume des Lebens nimmt und (sie) isst und unsterblich wird!« So stieß ihn denn Gott der HERR aus dem Garten Eden hinaus, damit er den Erdboden bestelle, von dem er genommen war; und als er den Menschen hinausgetrieben hatte, ließ er östlich vom Garten Eden die Cherube sich lagern und die Flamme des kreisenden Schwertes, damit sie den Zugang zum Baume des Lebens bewachten.

Liebe Gemeinde, diese uralte Geschichte kennen wir alle. Es ist der Zweite Schöpfungsbericht (ab 1. Mose 2,4), übrigens die ältere der beiden Erzählungen vom Anfang der Welt. Wir hören dort, wie Gott den Menschen schafft, ihn in einen besonderen Garten als Lebensraum setzt und ihn damit beauftragt, diesen Garten zu bebauen und zu behüten. Was dann geschieht, berichtet der Predigttext.

Wenden wir uns diesen Text in drei Teilen zu:

  1. Die Verführung
  2. Die Entlarvung
  3. Die Verbannung – und beschließen dies mit einem Ausblick.

1. Die Verführung

Die Verführung der Frau durch die Schlange – lassen Sie uns das als Bild verstehen. Die Frau – sie steht für uns alle, für jeden Menschen. Die Schlange – sie steht für das, was unsere Begierde weckt, uns anstachelt, etwas haben zu wollen. Dass »Das Gras auf der anderen Seite« saftiger, besser und leckerer ist, wissen wir alle. Im Predigttext sehen wir anschaulich, wie das gehen kann: das, was man nicht hat, weckt den Appetit, es zu haben. Die Frucht am Baum steht dafür.

Sie merken: wenn wir den Predigttext so ansehen, dann sind wir schlagartig mittendrin – dann sind wir es, die im Garten stehen, auf die leckere Frucht stieren und eine Stimme hinter uns hören: greif zu – was ist schon dabei. Nimm Dir, was Du gerne hättest, halte Dich nicht zurück.

Was sind Ihre »Früchte«? Was ist es, das Sie gerne hätten? Sind das Reisen, eine neue Küche, ein besseres Auto, ein neues Handy, ein Großbildfernseher, die schöne Bluse, die Sie neulich gesehen haben, eine neue Uhr oder das schöne Collier? Ist das die Torte, die man als Diabetiker besser nicht nascht? Sie wissen selbst, was für Sie »süße Frucht« ist, wo Sie gerne zugreifen würden.

Und doch: sobald man das Ersehnte hat, nutzt sich seine Bedeutung recht schnell ab und bald schon geht das von vorne los, entdeckt man etwas Neues, das man gerne hätte. Sind wir nicht manchmal auch ein Stück weit so wie die Frau, die im Predigttext auf die süße Frucht stierte und dann zugriff?

2. Die Entlarvung

Und was sind die Konsequenzen, wenn man sich nimmt, was man haben will! Der Diabetiker, der den Kuchen isst, ist schon mal schnell auf 180 … Die Jugendliche, die das neue Handy kauft, schafft es schon mit einem unbemerkt gebuchten Abo, in die Schuldenmaschinerie der Konsumgesellschaft hinein zu gelangen. Das Paar, das seinen Dispo regelmäßig nutzt und für den Urlaub auch mal einen Kredit aufnimmt, ist da schon viel tiefer in die Dornen verstrickt. Und so weiter. Und wenn etwas schief geht, die Arbeit weg ist, man krank wird oder die Wirtschaft stolpert, ist man ganz schnell ganz schlimm dran, oft nämlich pleite und insolvent.

Richard David Precht beschreibt das Streben nach zuviel so: »Sie kaufen Dinge die sie nicht brauchen, um Leute zu beeindrucken, die sie nicht mögen, mit Geld, das sie nicht haben.«1

Im Predigttext hat der Griff nach dem »Zuviel« auch nicht geklappt: dort war es der Eigentümer des Baumes, der die Obstdiebe stellte. Und was passiert: das, was dann dran ist, wenn man mit dem, was nicht geklappt hat, auf die Nase fällt. Tunlichst keine Verantwortung übernehmen: das ist die Reaktion der beiden im Paradiesgarten. Der eine schiebt’s der anderen zu, die schon weiß, dass die Schlang schuld war … und am Ende war es keiner. Nur – die Frucht, die war trotzdem weg.

Solches Schuldvermeiden ist in unserer Gesellschaft gang und gebe. Es fängt schon bei den Kindern an, setzt sich in der Schule fort – Sie ahnen ja gar nicht, wie erschreckend viele kaputte Drucker in diesem Land Schüler daran hindert, ihre ganz unzweifelhaft gemachten Hausaufgaben leider nicht in die Schule mitbringen zu können! – und geht weiter durch alle Altersschichten. Eine kleine Kostprobe: wer hat angeblich Schuld daran, dass Herr zu Guttenberg zurücktreten musste? Die Presse … Die ehemalige Bischöfin und EKD-Vorsitzende Margot Käßmann scheint auf weiter Flur die einzige Person der Öffentlichkeit zu sein, die konsequent und ehrlich mit eigenem Versagen umgegangen ist.

3. Die Verbannung

Die Strafe folgt im Predigttext auf den Fuß. Und doch: sie ist anders, als man sie erwarten würde. Die beiden »Obstdiebe« werden nicht etwa umgebracht: sie werden »rausgeworfen«. Das Paradies, das Gott extra für sie als besonderen Lebensraum mit allem zum Leben Notwendigen geschaffen hat, steht ihnen nicht mehr zur Verfügung.

War das den Preis wert? Das Fragen sich Entgleiste wie Bill Clinton, »Googleberg« oder Käßmann. Und wir kennen die Antwort alle: wer vergisst auf das zu sehen, was er hat, wo er ist und wer zu ihm steht, zahlt gewöhnlich einen viel zu hohen Preis für das Nichtige, das man sich in einem schwachen Moment genommen hat.

Adam und Eva sind aus dem Paradies geflogen. Freilich: Gott hat sie mit allem ausgerüstet, was sie »draußen« brauchten. Er hat ihnen Kleidung gegeben und brachte sie auf den Weg. Das Paradies freilich, da standen die Cherubim mit dem flammenden Schwert davor. Adam und Evan hatten sich auf eine Einbahnstraße begeben, als sie die einzige gestellte Bedingung nicht akzeptiert hatten und sich am Baum der Erkenntnis bedient hatten. Und, ja: das hatten sie danach dann auch wirklich erkannt, vorher eben nicht. Manchmal bedarf es eines Veilchens, damit einem die Augen geöffnet werden.

Ausblick

Was können wir nun mit diesem Predigttext, der sich vom »Sündenfall« bis zur »Vertreibung aus dem Paradies« erstreckt, mitnehmen? Doch das: Dieser Predigttext, so alt er sein mag, erzählt in unüberholbarer Weise von uns, die wir hier sitzen. Die beiden damals im Paradies, der erste Mann und die erste Frau, sind Gleichnisse für uns. Wir sind diese beiden und an ihnen sollen wir lernen, richtig zu leben.

Was wir nicht alles gerne hätten, wären und könnten – unsere Unzufriedenheit ist unser Antrieb und das ist gut so, doch nur dann, wenn wir das rechte Maß nicht aus den Augen verlieren und nicht über unsere Verhältnisse leben – nicht nur in finanzieller Hinsicht. Denn dies führt dazu, dass wir unsere Mitte verlieren.

Im Predigttext findet sich das so: Der Baum der Erkenntnis stand in der Mitte des Gartens. Als Eva sich an ihm bediente, hat sie am Zentrum ihres Daseins gerührt. Das konnte nicht gut gehen.

Wie ist das eigentlich bei uns: was ist der Mittelpunkt Ihres Lebens? Was ist Ihr Zentrum, der Punkt, an dem Sie sich fest machen?

Sicherlich fällt Ihnen jetzt Mehreres ein: Gott; Partner und Familie; Heimat und Arbeitsstelle; Gesundheit und Glück.

Wieso sind wir eigentlich so schrecklich unfähig, an dem, was unsere Mitte ist und uns ein gutes, glückliches Leben ermöglicht, nicht zu rühren? Warum wollen wir uns immer mehr »einverleiben« und wieso ist dies ein niemals endendes Begehren – ein Teufelskreis?

Wo wir an dem rühren, was uns hält und trägt, verlieren wir die Balance und fallen. Wo wir auf den vermeintlichen Glanz von Dingen und Eitelkeiten hereinfallen, schlagen wir im Regelfall hart auf. Wo wir unseren Schwächen nachgeben, geraten wir unter Dornen und Disteln.

Der Apostel Paulus kannte dies. Er erzählt, was er von Gott zu seiner Schwäche gehört hat. Gott sagte dem Paulus: »Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.« (2. Kor 12,9b)

Liebe Gemeinde, in aller Schwachheit können wir dieses Wort auch hören. Da ist einer, der über all unser Begehren hinaus eine Antwort hat, die nicht auf Abwege führt und die uns nicht hart aufschlagen lässt. Wo wir den Blick auf Gott richten, entfernen wir uns nicht vom Zentrum, sondern bewegen uns auf die tragfähige Mitte für unser Leben zu. Lassen Sie uns das nicht vergessen.

Ein Letztes: nun gibt es ja Situationen, in denen wir ungesunde Begierde und nicht Herz und Verstand walten lassen. Von prominenten Leuten, die so gescheitert sind, haben wir gehört.

Das ist an der Paradiesgeschichte das Schöne: als die ersten Menschen in ihrer Beziehung zu Gott als lebendiger Mitte des Lebens gescheitert sind und am Boden lagen, hat Gott nicht nachgetreten. Er hat sie vielmehr mit dem ausgerüstet, was sie einstweilen zum Leben brauchten. Und auch wenn der Weg zurück ins Paradies versperrt war, hat er uns doch einen Weg zurück zu sich in Jesus Christus eröffnet, uns eine zweite Chance gegeben. Das ist der Bezug des Predigttextes zur Passion.

Jedenfalls: wo wir erleben, dass Menschen sich an der falschen Frucht den Magen verderben: sollten wir da uns und ihnen nicht auch zur rechten Zeit eine neue Chance geben? Ich wünsche es uns.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


  1. Richard David Precht: Wer bin ich – und wenn ja, wie viele, s. im Kapitel Vanuatu, epub-S. 309. [return]