Predigt über Römer 6,3–6

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Liebe Gemeinde, wenn es heute um Taufe geht, dann geht es meiner Meinung nach bei uns um ein Doppeltes. Zum einen sind die meisten unter uns getauft, sind schon als kleine Kinder getauft worden. Zum anderen weiß man doch eigentlich, was die Taufe ist. Wenn jemand danach fragt, erhält er aber meistens verschiedene Antworten. Die eine sagt: Taufe, das heißt zu Gott zu gehören.« Ein anderer sagt: »Durch die Taufe kommt man in den Himmel.« Eine Dritte erklärt: Durch die Taufe gehört man zur Kirchengemeinde dazu!« Und so fort.

Bei der Vorbereitung der heutigen Taufen haben wir uns mit dieser Frage, wozu man sich eigentlich taufen lassen sollte und was das bedeutet, beschäftigt. Hören wir im Predigttext, wie Paulus den Römern erklärt, was die Taufe bedeutet:

Römer 6 (Gute Nachricht Bibel) Ihr müsst euch doch darüber im Klaren sein, was bei der Taufe mit euch geschehen ist. Wir alle, die »in Jesus Christus hinein« getauft wurden, sind damit in seinen Tod hineingetauft, ja hineingetaucht worden. Durch diese Taufe wurden wir auch zusammen mit ihm begraben. Und wie Christus durch die Lebensmacht Gottes, des Vaters, vom Tod auferweckt wurde, so ist uns ein neues Leben geschenkt worden, in dem wir nun auch leben sollen. Denn wenn wir mit seinem Tod verbunden wurden, dann werden wir auch mit seiner Auferstehung verbunden sein. Das gilt es also zu begreifen: Der alte Mensch, der wir früher waren, ist mit Christus am Kreuz gestorben. Unser von der Sünde beherrschtes Ich ist damit tot, und wir müssen nicht länger Sklaven der Sünde sein.

Ich und Gott – eine Verhältnisbestimmung

Paulus greift wenig schöne Bilder auf. Von Tod spricht er, von begraben, von unserem »von der Sünde beherrschtem Ich«.

Liebe Gemeinde, verstehen wir eigentlich noch, wovon Paulus spricht? Sind wir nicht in unserer Zeit regelrecht darauf gedrillt, »Sünde« nicht mehr bei uns zu erkennen? Provokant gesagt: Sind wir nicht alle jung, gesund, aktiv und vor allem: selbstbestimmt und schuldfrei? Schulden – ja. Aber Schuld oder gar Sünde?!?

Die Ideale unserer Zeit lassen leicht vergessen, dass auch wir sündhafte Menschen sind. Sünde scheint schlicht und ergreifend veraltet. Doch machen wir uns diese Meinung nicht vorschnell zu Eigen! Eine kurze Definition von Sünde lautet: Sünde ist Abkehr von Gott.

Können wir uns mit diesem Sündenbegriff nicht auch als Sünderinnen und Sünder wiedererkennen – sogar, wenn wir jung, gesund, aktiv und selbstbestimmt sind? Zwei alltägliche Beispiele dazu:

  • Oft ist anderes für uns wichtiger als Gott – unser Denken, Handeln, Träumen dreht sich darum.
  • Und oft – allzu oft – sind in erster Linie uns selbst treu. Wir lieben unsere Mitmenschen nicht wie uns selbst. Erst ich, dann die anderen – ist das nicht ein gängiges Credo, besonders im Wirtschafts- und Geschäftsleben?

Unser »Sündenspiegel«, oder moderner gesagt: die Messlatte unserer Verschuldungen ist das Doppelgebot der Liebe gegen Gott und Mitmenschen. Ich meine: keiner erfüllt es stets und umfänglich. Also: Willkommen im Land der modernen, selbstbestimmten Sünderinnen und Sünder!

Gott und Ich und wie er beiseite räumt was trennt

Paulus gebraucht im Text zugleich kräftige Gegenbilder zu den düsteren. Auferstehung und Freiheit nennt er. Diese Bilder koppelt er mit den vorhin genannten, und zwar so, dass deutlich wird: die Negativbilder sind durch die Taufe gegenstandslos geworden. Sie haben keine Gültigkeit mehr.

Viele Leute stellen die Frage: »Genügt es nicht, einfach so an Gott zu glauben und ihm im Leben einen Platz einzuräumen? Warum sollte ich mich denn bitteschön taufen lassen? Zu glauben reicht doch auch!«

Ein Blick in die Kirchengeschichte zeigt: es hat immer schon Menschen gegeben, die so dachten und handelten. Der Kaiser Konstantin zum Beispiel, der das Christentum in Rom zur erlaubten Religion gemacht hat, hat sich erst auf dem Sterbebett taufen lassen. Im Leben wollte er das nicht.

Sein Grund war ein ganz einfacher: er hat nicht richtig verstanden, was die Taufe bedeutet. Kaiser Konstantin meinte: »Wenn man getauft ist heißt das, dass alle Schuld durch Jesus Christus vergeben ist. Aber was ist danach, wenn ich wieder schlecht handle – dann wächst mein Schuldenkonto ja wieder.« Und genau das ist falsch.

Der dreifache Wasserguss bei der Taufe steht dafür, dass unsere Schuld abgewaschen und alles, was uns von Gott trennt, beiseite geräumt wird. In der Taufe werden wir mit Jesus Christus verbunden und, anders als Konstantin meinte, bleibt diese Verbindung allezeit bestehen – auch und ganz gerade nach der Taufe. Gottes Vergebung – sie brauchen wir immer wieder, denn kein Mensch ist und handelt vollkommen. Und wir bekommen Gottes Vergebung in Jesus Christus immer wieder. So unwiederholbar, so einmalig die Taufe ist, so überreich ist Gottes Gnade, dass er uns an jedem Tag aufs Neue in seine Vergebung in Jesus Christus hinein nimmt.

Die Taufe ist Folge des Glaubens an Jesus Christus – wer glaubt, soll sich taufen lassen und so zum Ausdruck bringen: Ich gehöre zu Gott.

Was Taufe bedeuten kann – ein Beispiel

Die bekannte Schauspielerin Nina Hagen hat sich vor einigen Wochen, im August 2009, als Erwachsene taufen lassen. Im Interview durch die Bildzeitung gab sie dem Reporter auf die Frage: »Was bedeutet Ihnen die Taufe?« folgende Antwort: »Sie ist ein Geschenk. Sie ist der Beginn eines neuen Lebens. Nur durch Christus können wir uns in die richtige Richtung entwickeln. Gott bewahrt uns davor, dass unsere Seele eingeht und verdorrt.« Nina Hagen hat verstanden, was die Taufe ist.

Das Bild vom »verdorren der Seele« ist ein gut gewähltes. Es gibt Situationen im Leben, da verdorrt uns so einiges.

  • Was ist, wenn jemand beruflich keine Perspektive hat? In unserer Gesellschaft definieren wir uns zum Teil über das, was wir tun. Wenn es nun unmöglich wird, Lebensziele zu erreichen, kann es sein, dass Pläne verdorren.
  • Was ist, wenn die Beziehung zum Partner zerbricht oder eine Partnerin stirbt? Das sind doch Situationen, in denen Beziehungen regelrecht verdorren und es zu einem Abbruch kommt.
  • Was ist, wenn eine ernste Krankheit es unmöglich macht, den bisherigen Lebensweg weiter zu gehen? Etwas in uns verdorrt dann und oftmals muss das ganze Leben umgestellt werden, ändert sich der Bekannten- und Freundeskreis.

In unserem Leben kann etliches verdorren – sei es in solchen Situationen, sei es, dass wir einfach mit dem Alt werden ein Stück weit verdorren. Ein »Verdorren der Seele« geschieht ein Stück weit sicher da, wo wir gegen Wände anlaufen, wo kein Weg bleibt. Da wird, mit Paulus gesagt, etwas in uns tot.

Taufe hingegen markiert den Anfang eines neuen Lebens. Der dreifache Wasserguss symbolisiert ein Ertrinken. Sicherlich haben Sie schon alle Bilder gesehen, wo Menschen in Flüssen oder Seen getauft werden – dort werden die Täuflinge richtig untergetaucht, so wird dieses Bild des Ertrinkens dabei noch deutlicher. Das Auftauchen symbolisiert den Beginn eines neuen Lebens.

Was ich mit meiner Taufe machen kann

Doch worin unterscheidet sich dieses Leben vom alten, vorherigen Leben? Wenn wir unsere Täuflinge jetzt als Getaufte fragten, ob sie denn jetzt wirklich neue Menschen seien, dann werden sie sicherlich feststellen: eigentlich hat sich nicht viel geändert. Und doch, sozusagen »unter der Haube«, hat sich etwas ganz fundamental geändert:

  • Zum einen heißt getauft zu sein, über dieses Leben hinaus wissen zu dürfen: Gott ist für mich da – er führt mich zu einem guten Ziel, über dieses Leben hinaus
  • Zum anderen heißt getauft sein, neue Schritte jenseits aller Gewohnheiten, aller eingefahrenen Zustände gehen zu dürfen. Neues Leben bedeutet, Zustände verbessern zu dürfen:
    • Das kann in Beziehungen zu anderen sein
    • Das kann bei uns selbst sein, zum Beispiel wenn wir alte, auf Halde verstaubte Ziele wieder anpacken oder neue finden
    • Das kann heißen, schlechte Gewohnheiten abzulegen und es besser zu machen

Das neue Leben aus der Taufe – es kann bei uns vieles aufblühen lassen. Die Taufe ist eine Weichenstellung, sie bedeutet, von nun an mit und zu Gott unterwegs zu sein.

Taufe – das heißt, als Mensch mit Ecken und Kanten und – ja, auch wenn es so manchem altbacken und überholt erscheint – als Sünder zu wissen: Gott liebt mich, wie ich bin. Er führt mich auf neue, gute Wege, wo ich mich ganz bewusst auf ihn einlasse. Das kann heißen, manches anders zu machen als früher. Doch es heißt eben auch, auf dem Weg zu einem Ziel zu sein, dass das wahre Zuhause aller derer ist, die sich zu Christus bekennen.

Ich möchte diese Predigt mit einem Bild beschließen:

DaVinciSistina

Michelangelos berühmtes Deckenbild in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan enthält einen Ausschnitt, den wir alle kennen. Was Taufe bedeutet, wird daran ganz deutlich: Getauft zu sein heißt, von Gottes berührt worden zu sein.

Sein Heiliger Geist, den wir in der Taufe empfangen, hilft uns, mit ihm in Kontakt zu bleiben. Denn gerade in den Situationen, in denen wir Gott nicht spüren, kann uns diese Gewissheit helfen, unseren Glauben zu bewahren: dass Gott uns in der Taufe mit seinem Geist begabt hat. Dass nichts diesen Geist Gottes aus uns wegnehmen kann und wir so als Getaufte darauf vertrauen können: Gott ist bei uns.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.