Predigt über Johannes 20,19–29: Auferstehung begreifen?!

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Bankett im Kreml. Chruschtschow zieht Gagarin beiseite: »Hast Du – ich meine: da oben – IHN gesehen?« Der Astronaut nickt. »Habe ich mir doch gedacht!» ächzt der Boss. »Niemandem was sagen, verstanden!«
Kurz darauf greift sich der orthodoxe Metropolit den Erdumkreiser: »Hast Du – ich meine, als Du da draußen warst, nicht wahr – IHN, hast Du IHN gesehen?« Gagarin schüttelt den Kopf. »Habe ich es mir doch gedacht!« stöhnt der Bärtige. »Niemandem was sagen, verstanden?«

Liebe Gemeinde, in der heutigen Predigt geht es um das Zweifeln und um den Apostel Thomas – Sie wissen schon: den »ungläubigen Thomas«, der erst dann glauben wollte, dass Jesus vom Tod auferstanden sei, wenn er ihn sehen und seine Wunden befühlen könnte.

Damit ist Thomas zum Prototypen des Auferstehungszweiflers schlechthin geworden. Und damit ist dieser »ungläubige« Thomas zugleich für alle Christinnen und Christen eine brandaktuelle und wichtige Gestalt, denn Zweifeln, das tun wir alle. Unser Fragen heißt manchmal doch auch: Was ist im Leben eigentlich sicher, was ist gewiss? Worauf kann man sich wirklich und unzweifelhaft verlassen?

Dieser Tage erleben wir: altehrwürdige Institutionen wie Banken und große Wirtschaftunternehmen sind nicht davor gefeit, unterzugehen. Der »Fallschirm« – er öffnet sich nicht. Vieles von dem, was als sicher und beinahe unverrückbar erschien, stand wie auf tönernen Füßen – heute wissen wir das.

Da kann man dann zweifeln, was aus der Welt geworden ist. Gerade neulich begegnete ich einem alten Herrn, der an der Allmacht Gottes zweifelt, weil die Menschen im Zweiten Weltkrieg zahlreiche Gräuel begangen haben und Gott nicht eingegriffen hat.

Zweifel, den gibt es an allen Ecken und Enden und alles, was wir nicht selbst prüfen, messen, sichern können, wird von uns nach Kräften bezweifelt. Da mutmaßen, schätzen, hoffen wir, doch sind wir ohne Gewissheit. Und wenn es anders kommt, als wir meinen und wünschen, dann muss der Fehler doch auch bei Gott liegen, oder?

Hören wir den Predigttext aus Johannes 20:

Joh 20,19–29 Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen. Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.
Thomas aber, der Zwilling genannt wird, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich’s nicht glauben. Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals drinnen versammelt, und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch! Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!

Liebe Gemeinde, dieser Bibeltext legt doch regelrecht eine Hand in die Wunde, die wir alle dann und wann haben und die den Namen Zweifel trägt.

Seit unserer Kindheit haben wir von Gott und Jesus Christus gehört. Wir kennen biblische Geschichten. Wir kennen Lieder und Gebete. Wir wissen: Sonntags geht man in die Kirche, und wenn schon nicht regelmäßig, dann doch mindestens an hohen Festtagen. Lassen Sie mich eine provokante Frage stellen: Ist letztlich nicht vieles von dem, was bei uns unter dem Stichwort »Religionsausübung« zusammengefasst ist, nur Brauchtumspflege?

Der heutige Predigttext geht ein Stück weiter. In ihm enthalten ist die Frage nach uns, nach mir und Dir. Was glaube ich eigentlich, jenseits aller Gewohnheit und Brauchtumspflege? Wer ist dieser Jesus Christus für mich, mein Leben, und was ist damals wohl wirklich geschehen?

Diese Fragen können wir nur je für uns beantworten. Dieser Thomas aus dem Predigttext – sicherlich fühlen wir uns ihm verbunden. Wir sind ja auch nicht dabei gewesen, sind darauf angewiesen zu glauben, ohne Beweise zu haben. Ohne mit eigenen Augen zu sehen.

Nichts anderes wollte Thomas auch. Glauben und Wissen, es sind zwei paar Schuhe. Aus dem Wirtschaftleben wissen wir: Glaube ist im Alltag nur selten angebracht und die alte Weisheit »Was Du schwarz auf weiß nach Hause tragen kannst, das nimm getrost mit« stimmt. Auf Treu und Glaube handeln kann man in unserer Zeit an kaum einer Stelle. Und wo man es dennoch riskiert, erlebt man manchmal unangenehme Überraschungen.

Thomas glaubte seinen Freunden nicht, dass sie Jesus gesehen hatten. Nein, das nahm er ihnen nicht ab. Er wollte es eben selbst überprüfen.

Thomas wäre, lebte er dieser Tage, sicher Fokus-Leser, denn dieses Magazin wirbt ja damit, allein Fakten zu publizieren. Er ließ sich von der euphorischen Aufregung der übrigen Apostel nicht anstecken.

Doch zurück zur Frage von vorhin: wie halte ich es mit Jesus Christus? Wer ist er für mich? Und was kann ich tun, um Gewissheit zu erlangen?

Denn das ist doch das Kreuz, das wir mit unserem Glauben haben: dass wir von Kindheit an davon gehört haben, dass wir durch Eltern und Familie gewöhnt sind, zur Kirche zu gehen und so fort. Aber macht das christlichen Glauben zur Wahrheit?

Nun, es ist gut zu wissen, dass es andere gibt, die vor uns geglaubt haben und uns den in Jesus Christus Mensch gewordenen Gott bekannt gemacht haben. Und mögen das auch Eltern oder Personen gewesen sein, die wir für glaubwürdig halten, so sind wir dennoch selbst herausgefordert, ein eigenes Ja oder Nein zu Jesus Christus zu finden. Thomas hat es trotz der zehn vertrauten Freunde nicht gekonnt.

Doch für ihn geschah es, dass Christus sich ihm zeigte. Und so war er gezwungen, seine Meinung angesichts des Auferstandenen vor seinen Augen zu revidieren. Was er zuvor groß getönt hatte, das wollte er dann auch nicht mehr. Er traute seinen Augen und bekannte: »Mein Herr und mein Gott.«

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Auf dem Handzettel sehen sie, wie der Maler Michelangelo Caravaggio sich diese Szene vorgestellt hat. Er hat Thomas auf dem Gemälde im Zweifeln belassen und ein Bild geschaffen, das so über den biblischen Bericht hinausgeht. Thomas beugt sich darauf vor und berührt Christus am Körper, prüft genau nach. Er will es be–greifen, dass die Berichte über Jesu Auferstehung wahr sind und der wirklich vor ihm steht.

Auch die übrigen namenlosen Jünger, die Caravaggio in diese vorgestellte Szene eingefügt hat, beugen sich interessiert vor, mit gerunzelter Stirn. »Kann das wirklich wahr sein« – das wäre vielleicht auch ein Arbeitstitel für dieses Gemälde. Viel zweifelnder kann man nicht aussehen als die Leute auf diesem Bild. Dass sie nicht noch ein Maßband auspacken und Jesus vermessen, ob er es denn wirklich sei, das fehlt noch.

Ein französischer Gelehrter durchstreift die Wüste und hat sich als Führer einige Araber mitgenommen. Beim Sonnenuntergang breiten die Araber ihre Teppiche auf den Boden und beten. »Was machst du da?« fragte er einen. »Ich bete.« »Zu wem?« »Zu Allah.« »Hast du ihn jemals gesehen – betastet – gefühlt?« »Nein.« »Dann bist du ein Narr!« Am nächsten Morgen, als der Gelehrte aus seinem Zelt kriecht, meint er zu dem Araber: »Hier ist heute Nacht ein Kamel gewesen!« Da blitzt es in den Augen des Arabers: »Haben Sie es gesehen, betastet, gefühlt?« »Nein.« »Dann sind Sie aber ein sonderbarer Gelehrter!« »Aber man sieht doch rings um das Zelt die Fußspuren!« Da geht die Sonne auf in all ihrer Pracht. Der Araber weist in ihre Richtung und sagt: »Da, sehen Sie: die Fußspuren Gottes!«

Liebe Gemeinde, vielleicht erkennen Sie sich in diesem Bild oder der Geschichte ein Stück weit wieder – vielleicht auch nicht. Die Aussage, die in beiden steckt, ist doch: Zu glauben, das ist vom Wissen verscheiden. Das Neue Testament definiert es so: »Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.« (Hebr 11,1)

Wir sind herausgefordert, uns selbst über das, was wir glauben bewusst zu werden. Anders als dem Thomas wird bei uns nicht die Tür aufgehen und Jesus Christus eintreten, so dass wir ihm die Hand schütteln könnten. Was also können wir tun, um etwas weniger ein »Thomas« zu sein?

Vielleicht ist es der richtige Weg, auf die »Fußspuren Gottes« in unserem Leben zu achten, uns auf die Situationen zu besinnen, in denen Gott uns bewahrt hat. Gewissheit können wir finden, indem wir mit Gott im Gespräch bleiben, zu ihm beten. Und schließlich: In seinem Namen haben wir uns versammelt und wissen ihn unter uns. Die Gemeinde ist ein Ort, wo wir uns austauschen können, wo wir Glaubensfragen bewegen können.

So wie der Jesus auf dem Bild das Tasten des Thomas zulässt, so lässt er auch unser Zweifeln und Fragen zu, ächtet es nicht.

Und auch uns gibt er Gewissheiten an die Hand: Taufe und Abendmahl, Milliarden von Christinnen und Christen durch 2.000 Jahre, die sich nicht alle geirrt haben können, die Bibel als Bibliothek von Zeugenberichten.

Liebe Gemeinde, Christus als Auferstandenen zu glauben ist nicht einfach, aber eben auch nicht schwer. Lassen Sie es uns immer auf’s Neue versuchen. Schauen wir auf die Spuren, die Gott schon in unserem Leben hinterlassen hat, wo wir erlebt haben, dass er mit uns ist uns zu Zielen führt. Und vielleicht können wir dann ja auch, wie Thomas zuletzt, sagen: Mein Herr und mein Gott.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.