Predigt über Markus 16,1–8

Neuere Predigt zu Mk 16,1–8 aus dem Jahr 2015

Liebe Gemeinde, »Dass Gott die Welt geschaffen hat, in sieben Tagen – das glaube ich nicht. Ich brauche das alles sowieso nicht; ich bin Atheist.« – so ungefähr hörte ich es neulich in einem Gespräch.

Die »Sache« mit Gott – sie ist nicht immer einfach, ist oft voller Zweifeln, uns so mancher kommt zu einem ähnlichen Schluss wie dem eben gehörten. Da ist Gott dann nichtexistent oder ein ferner, abgewandter Gott. Und selbst Jesus Christus rief ja am Kreuz: »Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?«

Glauben oder Nichtglauben, das ist die Frage. Der Normalfall dürfte etwas zwischen diesen beiden Polen sein. Wo stehe ich gerade?

Ostern – ein Weg vom Zweifel zum Glauben?

Der heutige Ostersonntag nimmt eine Spitzenstellung in Bezug auf Glauben ein. Eigentlich kann man den Anmarschweg an Ostern gut nachvollziehen: Jesus kam nach Jerusalem. Er war im Tempel, sehr zum Verdruss der Priester und der gesellschaftlich Hochstehenden – in den späten 1960ern wurde für solche Gruppen gerne der Begriff des »Establishments« verwendet. Und dem Establishment stank dieser Jesus aus Galiläa ganz gewaltig.

Das letzte Abendmahl, der Gang in den Garten und dort schließlich der Verrat – kein Zweifel, das ist der Stoff, den Vorabendserien nutzen: die zwischenmenschlichen Katastrophen.

Auch mit Verhaftung, Prozess und Verurteilung hat kaum jemand ein Problem – warum auch? Unser heutiges Justizsystem basiert auf dem römischen Recht als Vorläufer und so hat die biblische Darstellung ein beinahe zeitloses Element.

Spätestens bei der Kreuzigung wird es dann komplizierter: Man bringt in einer zivilisierten Gesellschaft nicht einfach Menschen um und auch der Staat mordet, wenn er Todesurteile verhängt und vollstreckt. Und Jesus hatte ja kein Verbrechen begangen; der Prozess gegen ihn war ein Scheinprozess, war schreiende Ungerechtigkeit mit einem Richter, der einen aufgestachelten Mob das Urteil finden ließ.

Doch der eigentliche »Knackpunkt«, er liegt am Ostermorgen. Die Frauen machten sich auf zum Grab und dann ist nichts mehr so, wie sie es erwartet hatten. Ab hier beginnt der Teil, der religiös ist, genauer: ab hier braucht es Glauben, das weitere Geschehen nachvollziehen zu können.

Mk 16,1–8 (Luther revid. 1984) Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: »Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?« Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß.
Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. Er aber sprach zu ihnen: »Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.« Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.

Was halte ich von diesem Bericht? Ein Jüngling mit strahlend hellem Gewand, der die Ansage macht, dass das Grab leer ist.

Liebe Gemeinde, diese Aussage hat es in sich. Sie ist der Aussage zur Schöpfung und dem Vorhandensein Gottes vorhin am Predigtanfang verwandt. Was ist los mit diesem Grab am Ostermorgen?

  • Ist es leer gewesen, weil Anhänger Jesu den Leichnam gestohlen haben? Das Neue Testament enthält den Hinweis, dass das »Establishment« diesen Satz in die Welt gesetzt habe. (Vgl. Mt 28,11–13)
    Doch warum hätte man den Leichnam Jesu rauben sollen? Dieses flammneue Felsgrab, das Joseph von Arimathia zur Verfügung gestellt hatte, war ein kleines Vermögen wert. Die Wenigsten konnten sich damals solch ein Grab leisten; es war ein Ehrenbegräbnis, das Jesus hatte, mitten im Zentrum der Christenheit.
  • Eine andere Möglichkeit: Ist das Grab am Ostermorgen voll gewesen, weil Jesus nicht auferstanden ist?
  • Oder ist das Grab, wie es Paulus unter Verweis auf viele Zeugen berichtet (Vgl. 1. Kor 15), leer gewesen, weil Jesus Christus wirklich derjenige ist, den uns die Bibel vorstellt: Gottes Sohn? Dass das Grab leer war, weil er den Tod auf den Platz verwiesen hat, auferstanden ist und lebt!

Was machen wir aus diesen drei Möglichkeiten? Welche ist die Richtige?

Nun, das ist klar: wenn Jesu Leichnam geraubt wurde oder wenn er noch im Grab lag, dann hätten wir heute Morgen zu Hause bleiben können. Dann hätten sich unzählbar viele Menschen durch zwei Jahrtausende hindurch gewaltig geirrt. Dann hieße menschliches Leben geboren zu werden und am Ende zu sterben und bestünde vielleicht darin, ein paar Tugenden wie Ehrlichkeit, Treue und Anstand so einigermaßen zu wahren und den Lieben in guter Erinnerung zu bleiben.

Zugegeben: das ist eine ganz schön plakative Auflistung. Doch wenn Jesus Christus nicht von den Toten auferstanden ist – was bleibt uns dann in diesem Leben zu hoffen? Was kann uns tragen, wenn wir hier und da auf unserem Lebensweg entdecken, dass es nicht nur wie gewünscht auf gut ausgebauten Strecken vorwärts geht, sondern dass es auch Umleitungen, Gräben und Sackgassen gibt?

Liebe Gemeinde, das Grab leer zu wissen, weil Jesus Christus von den Toten auferstanden ist, widerspricht aller Vernunft und aller Erfahrung. Es ist Glaubensgegenstand und Glaube ist das Werk Gottes als Heiliger Geist in uns. Die Hürden sind also nicht niedrig.

Ostern als Chance zum Glauben

Und doch, allem Zweifeln und Wägen zum Trotz: Wo wir im Glauben Jesus Christus als den Auferstandenen kennen, findet sich das, was wir nicht nur in Zeiten wie dieser weltweiten Wirtschaftskrise so dringend brauchen: Wo wir Jesus Christus als den Auferstandenen glauben, können wir weiter blicken als auf unser Leben und wie es uns und unseren Lieben darin ergeht.

Wo wir Christus als Auferstandenen glauben, bleibt es bei all dem nicht, sondern da ist mehr: da ist Leben, auch wo sich Schlimmes ereignet. Da ist Leben, wo Gesundheit bröckelt oder alles wie auf des Messers Schneide steht. Da ist Leben, wo mein Haus, mein Auto und mein Boot im wirtschaftlichen Niedergang gleich mit abgesoffen sind.

Die Frage ist nicht so sehr, ob das Grab voll oder leer war. Als Christen ist es für uns eigentlich ganz klar, dass es leer und Christus auferstanden ist. Und wer lebt, der braucht kein Grab. »Lasst die Toten ihre Toten begraben«, sagt Jesus (Vgl. Lk 9,60).

Die Frage ist: was können wir tun um das, was uns den Glauben versperrt, wie den Stein vom Grab wegzuwälzen? Wie kann mein je persönlicher Glaube mit neuer Kraft auferstehen?

Im Kloster der Russischen Schwestern in Jerusalem gibt es ein Altarbild, auf dem dargestellt ist, wie Maria Magdalena dem römischen Kaiser ein Ei vorweist. Daran knüpft sich die Legende, einst habe der Imperator spöttisch gelacht, als er vom Auferstehungsglauben der Christen gehört habe. Keck sei daraufhin Maria Magdalena vor ihn getreten und habe ihm ein beinahe ausgebrütetes Ei gezeigt. »Sieh diesen Stein. Nie würdest du glauben, dass aus totem Stein neues Leben wird.« Sie habe darauf vorsichtig die Eierschale zerschlagen und das Küken sei herausgeschlüpft. Zeichen neuen Lebens.

Zu neuen Aufbrüchen im Glauben können wir gelangen, wenn wir alles Zweifeln und Hinterfragen ernst nehmen. Im Gebet können wir es Gott sagen und ihm die Dinge nennen, die uns wie ein Stein auf der Seele liegen, uns drücken. Das kann neuen Auf-Bruch in uns schaffen, weil es gut tut, Schweres abzugeben, sich Erleichterung zu verschaffen.

Mein Glaube kann wachsen, wenn ich ihm Raum gebe, ihn drehe und wende und auf dem Prüfstand des Lebens erprobe. Hilfe kann die Gemeinschaft in der Gemeinde sein, nicht nur am Sonntag, und Quelle die Bibel.

Ostern als Gegengewicht zum Zweifeln

So manche Umstände im Leben erleben wir wie einen Stein, der uns den Weg versperrt oder wie eine Schale, die uns gefangen hält. Und das hemmt unser Gottvertrauen.

Im Bericht über den Ostermorgen hören wir auch so etwas, an einer, wie ich finde, irritierenden Stelle: Da haben die Frauen nun erfahren: Christus lebt. Natürlich werden sie mehr als fassungslos gewesen sein ob der Begleitumstände; so einem Engel begegnet man ja nicht alle Tage. Doch der letzte Satz heißt: »Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.«

Zittern – Entsetzen – Furcht: das sind die Reaktionen und Gefühle der Frauen angesichts dieser rational so schwer begreiflichen Auferstehung. Die ersten Auferstehungszeuginnen brachen nicht in einen Osterjubel aus oder riefen ein Halleluja. Sie brachen beinahe zusammen vor Erschrecken. Sicher werden sie einige Zeit gebraucht haben, sich von ihrer Verwirrung zu erholen.

Kann man Zweifel besser skizzieren als mit diesen wenigen Worten? Das Erleben des fortgewälzten Steins hat den Stein, mit dem ihr Glaube verschlossen war, in diesen Stunden noch nicht befreit; im Gegenteil.

Sicher kennen wir so etwas auch. Wie gesagt: So manche Umstände im Leben verstellen uns den Glauben. Wir alle wissen um unsere Zweifel und um das, was sie bestärkt.

Vielleicht reagieren wir ebenso entsetzt wie die Frauen am Ostermorgen – von den Männern können wir diesbezüglich gar nicht reden, die hatten sich gar nicht erst getraut, zum Grab zu gehen.

»Sie sagten niemandem etwas«, so beschreibt das Markusevangelium ihr Handeln. Die Frauen brachten sich vor diesem merkwürdigen Mann im hellen Gewand in Sicherheit und schwiegen.

Gut, dass sie dabei nicht geblieben sind, sondern dass sie den Jüngern später berichtet haben, was sie erlebt haben. Gut, dass die sich dann, auch voller Zweifel, überwunden und nachgeschaut haben. Und gut, dass der auferstandene Christus sich ihnen später gezeigt hat und sogar die Zweifel des ungläubigen Thomas ausräumte.

Ostern als Aufbruch

Finden wir die Kraft zu solch einem Aufbruch auch? Trauen wir uns, Gott immer auf’s Neue zu suchen, damit er uns auch in den anstrengenden Lebenszeiten neue Kraft geben kann?

Ich wünsche es uns. Lassen Sie uns auch nicht dabei stehenbleiben, niemanden etwas von Jesus Christus zu sagen, weil wir uns fürchten. In dieser Zeit ist das nötig, denn unsere Welt hat im Moment die Orientierung verloren und ist kräftig ins Schlingern geraten.

Das Wertekorsett dieser Zeit hat versagt, das zeigt die Wirtschaftkrise ganz deutlich. Spekulationen und Leerverkäufe sind nur ein Indiz dafür, dass das Geld als Wert an sich gesetzt worden ist und nicht mehr als Repräsentanz von realen Werten. In den USA hat dies dazu geführt, dass viele Menschen ihre aus Aktienpaketen und Fonds bestehende Altersversorge verloren haben und im Alter völlig verarmt sind oder das werden. Erschreckend, dass letzte Woche erste Berichte laut wurden, nach denen um die größeren Metropolen der USA Zeltstädte entstehen, dass sich Slums bilden. Angesichts solcher Meldungen kann man Angst bekommen.1

Sicherlich ist es wieder an der Zeit, dass wir uns auf das besinnen, was uns im Leben wirklich tragen kann. Eine den Finanzmarkt verabsolutierende Vorstellung ist es nicht, das zeigt die momentane Situation weltweit schmerzlich und aufrüttelnd. Wir sollten den Dingen wieder den Wert zuweisen, der ihnen zusteht.

Dass Jesus Christus an Ostern auferstanden ist, ist nur im Glauben zu verstehen. Wo wir uns auf diesen Glauben einlassen, wo wir Gott Raum in unserem Leben geben, da werden wir Auf-Brüche auch in unserer Vorstellung von Werten erleben und können neue Prioritäten im Alltag setzen. Das kann uns manchen Stein vom Herzen und manche Last von der Seele fallen lassen.

Ich wünsche Ihnen solche Aufbrüche. Als Zeichen dafür können Sie nach dem Gottesdienst etwas mitnehmen: ein Osterei. Denn das steht für das neue Leben in Jesus Christus, das steht für ein Durchbrechen von Umständen, die uns die Luft zum Atmen nehmen und das steht dafür, dass wir mit Gottes Hilfe so manche Steine aus dem Weg rollen können.

Ein Nachtrag:

Der französische Philosoph und Verspotter der christlichen Religion Voltaire gab zum Thema Auferstehung einmal eine Antwort, die man kaum von ihm erwartet hätte. Eine Dame hatte gefragt, wie es möglich sei, dass es überhaupt Menschen gäbe, die an die Auferstehung glauben. Wer weiß, warum Voltaire widersprach, vielleicht, weil ihm die Dame allzu gescheit daherkam, oder weil sie nur billige Zustimmung erwartet hatte, oder auch, weil sie von Voltaire ein Urteil über die angebliche Dummheit der Leute hören wollte. Voltaire sagte: »Madame, die Auferstehung ist die einfachste Sache von der Welt. Der, der den Menschen einmal geschaffen hat, kann ihn auch zum zweiten Male schaffen.« (Rolf Sättlern)

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


Neuere Predigt zu Mk 16,1–8 aus dem Jahr 2015


  1. Siehe dazu Berichte bei sueddeutsche.de und Spiegel. [return]