Predigt über Hebräer 10,35–39

Liebe Gemeinde, hätten wir es nicht fast vergessen: »Du bist Deutschland!« Es ist schon einige Zeit her, da wurde so in Fernsehen, Kino und auf Plakaten geworben, damit durch die Stimmung im Land ein «herzöglicher Ruck» läuft, das Jammertal im Rücken liegt und nicht vor uns. Allein: ist diese Kampagne nicht der Versuch gewesen, mittels einer billigen Durchhalteparole die Moral zu stärken? Jedenfalls ist diese Kampagne sehr schnell sang- und klanglos in der Versenkung verschwunden.

Im Predigttext für den heutigen Sonntag könnte man beinahe meinen, ebenfalls eine Durchhalteparole zu hören. Er spricht in die Situation der Christen in der jungen Kirche. Sie waren viele geworden und die von Paulus gegründeten Gemeinden hatten Strukturen ausgebildet, erste Ämter eingeführt.

Eine Erfahrung aber warf viele aus der Bahn: Die Apostel begannen zu sterben. Diejenigen, die Augenzeugen gekannt hatten, wurden immer weniger. Der Bedarf nach Briefen und Evangelien wurde größer um zu wissen, was sich ereignet hatte und um die Hoffnung nicht zu verlieren.

Für viele der damaligen Christen war das eine schwierige Situation, eine Situation, in der Zweifel und Fragen stärker wurde. Worauf konnte man eigentlich hoffen, worauf sein Vertrauen setzen? Hatten die ersten Christen nicht gesagt: die Wiederkehr Gottes auf Erden, das kann jeden Moment geschehen? Nichts war passiert! Sie waren immer noch da, die Zustände waren immer noch dieselben, wenn nicht schlimmer, und die Verbindungsglieder zur guten alten Zeit starben aus.

Hören wir aus Hebräer 10 Worte, die in diese Situation hinein geschrieben wurden:

Hebr 10, 35–39 Darum werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat. Geduld aber habt ihr nötig, damit ihr den Willen Gottes tut und das Verheißene empfangt. »Denn nur noch eine kleine Weile, so wird kommen, der da kommen soll, und wird nicht lange ausbleiben. Mein Gerechter aber wird aus Glauben leben. Wenn er aber zurückweicht, hat meine Seele kein Gefallen an ihm.« (Hab 2,3f) Wir aber sind nicht von denen, die zurückweichen und verdammt werden, sondern von denen, die glauben und die Seele erretten.

»Werft Euer Vertrauen nicht weg!« Das ist der Ruf in die eben beschriebene Situation aus Zweifeln und Fragen hinein. »Bleibt bei Eurem Vertrauen auf Jesus Christus!« ist die Botschaft. Klassisch gesagt: Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen. Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen. (eg 362) dichtete Martin Luther. Denn darum geht es: dem Angriff von Zweifel, dem Ansturm des Fragens standzuhalten und die Hoffnung an Gott zu befestigen. Das ist das Thema des Predigttextes.

Werft Euer Vertrauen nicht weg – dieser Ruf galt nicht nur den Christen der jungen Kirche, er gilt auch uns heute Morgen in Strombach. Also: »Werft Euer Vertrauen nicht weg!«

Was angefochtenes Vertrauen, Zweifel und Fragen angeht, hat sich in den letzten zweitausend Jahren überhaupt nichts geändert. Auch wir kennen das nur zu gut, vielleicht sogar noch besser als unsere früheren Geschwister. Unsere Welt ist größer insofern, als unser Horizont weiter ist.

Soziale und ökonomische Strukturen sind verändert, unsere Lebenserwartung höher, Bildungsmöglichkeiten viel weitreichender. Doch das alles bringt auch neben einem Plus an Lebensumständen ein Plus an zu treffenden Entscheidungen mit sich. Und in einer Welt, die nicht länger christliches Abendland ist, sondern sich der religiösen Vielfalt der Antike wieder annähert, sind wir vielen anderen Geisteshaltungen ausgesetzt und herausgefordert, uns über unsere Hoffnung klar zu sein. Sie nicht wegzuwerfen.

Freilich: eine Wegwerfgesellschaft sind wir schon seit langem. Wie viele Mülleimer haben Sie in Ihrer Wohnung? Es stimmt doch: in unserer Gesellschaft repariert man nicht mehr, was defekt ist, auch wenn es sich um Kleinigkeiten handelt. Arbeitsstunden dafür sind teurer als ein neues Gerät zu kaufen. Ex und Hopp.

Der Predigttext ermuntert uns, unsere Hoffnung nicht wegzuwerfen – auch dann nicht, wenn Zweifel sich einschleichen und seine Makellosigkeit beschädigt wird. Wir werden erinnert: Unser Vertrauen hat eine große Belohnung (V. 35). Diese Belohnung ist, dass Gott uns über diese Welt hinaus erhält.

Geduld ist laut dem Predigttext dazu notwendig, im Glauben kräftig zu bleiben: »Wir aber sind nicht von denen, die zurückweichen und verdammt werden, sondern von denen, die glauben und die Seele erretten« (V. 39) heißt es da, was freilich eine schlechte Übersetzung ist. »Wir aber wenden uns nicht ab zur Vernichtung, sondern glauben zum Gewinn des Lebens« trifft die Aussage des Grundtextes wesentlich besser. Vernichtung oder Leben, Alles oder nichts sind die Alternativen, die genannt werden.

Nicht zu glauben führt zu nichts, an Gott zu glauben führt zum Leben. »Mein Gerechter wird aus Glauben leben«, so wird dann auch im Predigttext ein durch den Propheten Habakuk überliefertes Gotteswort zitiert.

In einer Welt, in der so viele Errungenschaften weggeworfen werden wie Arbeitsplätze, soziale Leistungen, eine einigermaßen brauchbare Abdeckung an Ärzten und Krankenhäusern, Chancen für junge Leute und so fort, sollen wir unser Vertrauen nicht wegwerfen. Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen dichtete Martin Luther im Lied Ein feste Burg weiter.

Der Predigttext erinnert daran, dass Christus eines Tages wiederkommen wird. Insofern ist er eine Durchhalteparole – und doch ist es davon verschieden. Eine Durchhalteparole ist ein schönes Wort, das gerne gehört wird, das Kraft gibt, sich zum ersehnten Ziel zu strecken.

Die Hoffnung, die Gott uns schenkt, ist mehr, denn sie birgt das Ziel schon in sich. Zu Hoffen heißt, Vertrauen und Glaube zu Gott zu wagen und so zu ihm zu gehören – schon jetzt und deshalb auch dereinst. Das Wort sie sollen lassen stahn und kein’ Dank dazu haben; er ist bei uns wohl auf dem Plan mit seinem Geist und Gaben. Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib: laß fahren dahin, sie haben’s kein’ Gewinn, das Reich muß uns doch bleiben, so beschloss Luther 1529 sein Lied Ein feste Burg.

Das Wort von Jesus Christus, es ist uns im Heiligen Geist als Glaube gegeben. Was man uns auch nimmt – und die Beispiele im Lied könnten kaum drastischer sein! – das Gottvertrauen sollen wir uns bewahren. »Das Reich muß uns doch bleiben«, darum geht es. Hiob brachte es auf den Punkt: »Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren. Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen; der Name des HERRN sei gelobt!« (Hiob 1,21).

Fast alles kann man uns nehmen, aber nicht die Verheißungen Gottes, die über das Diesseits hinaus ihren Zielpunkt haben. Doch wo wir dieses Vertrauen fahren lassen, sind wir dann auch hoffnungslos.

Der Liederdichter Jochen Klepper sagte einmal: »Manchmal denkt man, Gott müsste einem in all den Widerständen des Lebens ein sichtbares Zeichen geben, das einem hilft. Aber dies ist eben sein Zeichen: dass er einen durchhalten und es wagen und dulden lässt!«

Vielleicht ist es ja so: Manchmal braucht man einfach einen langen Atem, auch in widrigen Zeiten nicht von Gott zu lassen. Seine Zeichen, wir erkennen sie nur im Nachhinein. Gott hinterlässt Spuren in unserem Leben, um uns gerade in den schweren Zeiten, den Jammertälern, daran zu erinnern: er wird weiter mit uns gehen, über Stock und Stein. Wie hieß es im Predigttext: »Wir aber sind nicht von denen, die zurückweichen; darum werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat.« (V. 39.35)

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Lied: eg 648 Wir haben Gottes Spuren festgestellt