Predigt über 2. Korinther 13,11–13

Liebe Gemeinde, Trinitatis heißt der heutige Sonntag – dieses Wort »Trinitatis« kennen wir alle. Die Hälfte des Kirchenjahres besteht aus den Sonntagen nach Trinitatis und vielleicht hat ja die ein oder der andere innerlich ein klein wenig aufgestöhnt, dass diese Trinitatiszeit jetzt schon wieder losgeht. Denn dafür steht diese Zeit eben auch: für einen Abschnitt, in dem wenig passiert, in dem keine bedeutenden Feste oder Feiertage sind.

Trinitatis ist ein Ideenfest, da es keinen unmittelbaren biblischen Bezug hat, sondern sich theologisch begründet. So schließt sich die Trinitatiszeit an die drei vorigen Festkreise an, die man ebenfalls trinitarisch, also von der Dreieinigkeit Gottes her, gliedern kann: so ist Weihnachten eine Zeit des Handelns des Vaters, die Passions- und Osterzeit eine Zeit des Handelns des Sohnes und Pfingsten eine Zeit des Handelns des Heiligen Geistes.

Trinitatis bedeutet so viel wie Heilige Dreifaltigkeit und in der Trinitatiszeit geht es um das Geheimnis des in drei Personen erscheinenden einen Gottes.

Diese Dreieinigkeit wird schon im Predigttext angedeutet. Ich lese, was Paulus im Zweiten Korintherbrief, Kapitel 13 geschrieben hat. Da heißt es:

Zuletzt, liebe Brüder, freut euch, lasst euch zurechtbringen, lasst euch mahnen, habt einerlei Sinn, haltet Frieden! So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein.
Grüßt euch untereinander mit dem heiligen Kuss. Es grüßen euch alle Heiligen.
13 Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

Und damit endet der Predigttext auch schon und auch der Zweite Korintherbrief, denn diese drei Verse sind die letzten des Briefes. Und doch: sie haben es in sich und die Auswahl dieses Textes stellt eine interessante Eröffnung dieser Trinitatiszeit dar.

»Zuletzt, liebe Brüder« schreibt Paulus – eine andere Übersetzung wäre, wenn es hieße: »Zuletzt, liebe Geschwister« und das ist wohl auch gemeint, denn auch damals gab es Frauen in der Gemeinde und anders als in der recht frauenfeindlichen griechischen Antike ist ein Wesensmerkmal christlichen Glaubens, dass Unterschiede wie Geschlecht oder Abstammung nebensächlich sind, nicht zählen.

Und doch ist und bleibt es eine Ermahnung, die Paulus da ausspricht. Als Gründer der Gemeinde fühlt er sich ein Stück weit wie ein Vater, und als solcher spricht er an dieser Stelle zu den Korinthern. Seine Fürsorge ist der Antrieb.

»Lasst euch zurechtbringen« schreibt er, so übersetzt es die Lutherbibel. Das ist ein ziemlich merkwürdiges, altmodisches Wort, das zu verstehen nicht einfach ist. Im Grundtext steht eine viel deutlichere, aber auch anspruchsvollere Formulierung: lasst euch vervollkommnen. Die alte englische King-James-Bibel übersetzt es mit den Worten »*Be perfect*« – seid Perfekt, seid vollkommen. Doch so weit geht Paulus nicht: das, was uns »zurechtbringt«, und der Vollkommenheit näher bringt, es ist Gott selbst im Heiligen Geist. Und doch: Paulus strengt da ein wenig an, denn er fährt fort: »Lasst euch mahnen!« Das nimmt er sich heraus, die Korinther zu ermahnen.

Gilt das auch uns? Sind es auch wir, die Paulus hier anspricht; sollten wir uns angesprochen fühlen?

Natürlich, das ist die Antwort. Auch uns gilt das, auch wenn es ganz schön unbequem ist, sich von so einem Paulus durch die Zeiten hindurch etwas sagen lassen zu müssen. Auch wir sollen uns ermahnen lassen, sollen uns von Gott vervollkommnen lassen, weil wir eben nicht die perfekten Menschen sind, bei denen kein Fehl und Tadel vorhanden ist.

Trinitatiszeit – eine Zeit, in der uns mit jeder Predigt so richtig der Kopf gewaschen wird, wo wir uns sagen lassen müssen, was wir tun und lassen sollen und warum unser Bemühen nicht reicht? Mitnichten. Wenn wir Pauli Worte so hören, dann hören wir sie verkehrt.

Die Mahnung, die der Apostel ausspricht soll davor bewahren, einen entscheidenden Fehler zu machen – als Person wie als Gemeinde. Paulus will uns nicht mahnen, etwas zu tun, sondern es geht ihm darum, dass wir etwas nicht unterlassen. Und das ist, eine Gemeinde zu sein und zu bleiben. Das ist sein Thema hier am Ende des Briefes, und das kann auch ein Thema für uns sein.

Gerade als Volkskirche sind wir immer wieder herausgefordert, unser Kirche-sein zu bedenken. Und, das sei der Ordnung halber ergänzt: Kirche sind wir ja alle, jede und jeder Getaufte ist Kirche. Kirche ist die Gemeinschaft aller derer, die Gott im Heiligen Geist in die Nachfolge Jesu Christi berufen hat.

Paulus geht es darum, dass Christenmenschen Gemeinde sind und das bleiben, dass sie nicht wieder vereinzeln, sich voneinander isolieren. Sein Rezept dazu schreibt er den Korinthern:

»Habt einerlei Sinn, haltet Frieden!«, das ist ihm wichtig. Einerlei Sinn haben, das heißt, einmütig zu sein. Eine große Herausforderung, nicht wahr? Einmütigkeit fällt uns ja schon im Kleinen, zum Beispiel in der Familie, so manches Mal nicht leicht. Da will der Mann einen Actionfilm sehen und seine Geliebte lieber die Herz-Schmerz-Sendung, die so herrlich romantisch ist. Da wollen die Kinder am liebsten zu McDonald’s essen gehen, wenn Gemüse auf dem Speiseplan steht. Das sind ja nur zwei kleine Beispiele für etwas, das jeden Tag zur Genüge an zig Orten zugleich geschieht und das wir alle kennen. Sicher fallen Ihnen auch einige Beispiele ein, von der Diskussion über das letzte Urlaubsziel bis hin zu der Frage, welchen Bezug das neue Sofa haben soll und so fort.

Einmütigkeit – die zu erreichen ist meistens mit Arbeit verbunden, setzt Kompromissfähigkeit und Geduld voraus. Miteinander im Gespräch zu sein und das auch bei verschiedenen Meinungen zu bleiben, das kommt nicht über Nacht. Einmütigkeit anzustreben ist der Auftrag, den Paulus den Korinthern gibt und der allen Gemeinden zu allen Zeiten gilt – also auch uns.

Seht auf das, was verbindet, was gemeinsam ist – dieses Prinzip hat in den letzten zwanzig Jahren in der Ökumene, der weltweiten Gemeinschaft von Gemeinden unterschiedlicher Konfession und Prägung die meisten Fortschritte gebracht. Wenn im Presbyterium Entscheidungen gefällt werden, dann wird dort auch, was oft nicht einfach ist, Einmütigkeit angestrebt.

Einmütigkeit anzustreben beginnt im Kleinen, beginnt im Umgang miteinander. Den und die anderen in Blick zu nehmen, nicht allein auf sich selbst zu sehen, ist der erste Schritt dahin.

»Haltet Frieden« schreibt Paulus. Damit ist wohl weniger ein »Ja und Amen«-Sagen zu allem und jedem gemeint, also ein fauler Frieden aus Furcht, Notwendiges zu besprechen und vielleicht auch kontrovers zu diskutieren. Damit ist gemeint, zu gemeinsamen Entscheidungen zu kommen, an einem Strang zu ziehen.

Gut, dass wir dies nicht allein leisten müssen, sondern dass Gottes Geist es ist, der uns dazu stärken will. Paulus schreibt dann auch: »So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein«. Was für eine Verheißung – und doch: wo wir es schaffen, in echtem Frieden miteinander zur Einmütigkeit zu kommen: ist da nicht Gott mitten unter uns?

Doch in der Fortführung des Briefes legt Paulus noch einmal kräftig nach: »Grüßt euch untereinander mit dem heiligen Kuss« schreibt er.

Liebe Gemeinde, sie kennen das alle, wenn wir in so manchem Gottesdienst ein Friedenszeichen austauschen, zum Beispiel indem wir uns unseren Sitznachbarinnen oder den Hintermännern zuwenden und uns zum Beispiel die Hände schütteln. Der Heilige Kuss, also der Bruderkuss, ist auch ein sehr schönes Friedenszeichen. Nicht umsonst schreibt Paulus das den Korinthern, denn ein Kuss drückt eine große Nähe aus, ist (anders als das Händeschütteln) der Familie den Partnern oder engen Freunden vorbehalten. Oder eben, so wie es in Urchristenheit üblich war, unter den Geschwistern in der Gemeinde.

Bei uns ist der »Heilige Kuss« kein Brauchtum, er ist uns als Menschen in einem ganz anderen Kulturkreis so auch nicht wirklich bekannt. Doch was darin zum Ausdruck kommt, nämlich dass Gemeinde wie eine große Familie sein soll, das verstehen auch wir.

»Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!«, so beendet Paulus den Zweiten Korintherbrief. Sie kennen diese Worte als den Kanzelgruß, mit dem der Prediger die Gemeinde begrüßt – allerdings nur dann, wenn er nicht zugleich auch für die Liturgie zuständig ist. Diese Worte des Paulus so zu gebrauchen, ist passend, denn alles Predigen geschieht im Namen des dreieinigen Gottes und niemals nur im Namen nur einer der drei Personen Gottes.

Gnade Christi, Liebe Gottes, Gemeinschaft des Geistes – mit diesem Dreischritt schließt Paulus gleichsam alles ein: Aus Liebe hat Gott die Welt und alles darin geschaffen. Seinen Sohn sandte er, um uns den Weg zurück zu ihm zu zeigen. In Gnade hat Christus uns angenommen und sich mit uns im Heiligen Geist verbunden. Der Geist, er ermöglicht uns Gemeinschaft und verstehen, in ihm eröffnet Gott allem Glauben Raum. Der Heilige Geist ist die Kraft, mit der Gott durch Jesus Christus an uns handelt.

Was unsere Gemeinde für uns ist, das können wir uns mit diesem Predigttext fragen. Paulus fordert die Korinther auf, an einem Strang zu ziehen, wie eine große Familie zu sein. Auch uns gilt das.

Den Raum zu Gemeinschaft, den Gott uns durch Christus im Heiligen Geist eröffnet: lassen sie ihn uns nutzen. Erste Schritte auf dem Weg zu einem christlicheren Miteinander müssen keine Sprünge sein. Um ein Beispiel zu nennen: Für’s erste genügt es, wenn wir lernen, einander wahrzunehmen und einander zu grüßen – und alle Ausreden, warum das nicht möglich sei, einfach mal zurück zum Teufel schicken.

Und, mit Paulus gesagt: Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! Amen.