Predigt über Hebräer 11,8–10

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Liebe Gemeinde, kennen Sie das auch: Alte Bekannte scheint man immer wieder aus den Augen zu verlieren. Kaum, das jemand weggezogen ist und man sich nicht mehr regelmäßig begegnet, kühlt die Beziehung ab. Das Telefon ist kaum ein Ersatz und Briefe schreiben heutzutage die Wenigsten. Kurz: je weiter alte Freunde fortziehen, umso fremder wird man sich im Lauf der Zeit. Wenn man sich dann wieder einmal trifft, dann braucht es immer etwas Zeit, die Entfremdung zu überwinden, wieder »warm« zu werden.

Etwas ähnliches ist in den Gemeinden, an die der Hebräerbrief gerichtet ist, geschehen. Viele der Christinnen und Christen der dritten Generation wandten sich von den Gemeinden ab, wichen den Nachteilen und Gefahren der staatlichen Christenverfolgung aus. Gerade diese Menschen erinnert der Hebräerbrief daran, dass Christ sein in der Welt immer etwas exklusives ist, dass das in mancher Hinsicht auch Trennung von der Welt, von Sitten und Gebräuchen, bedeutet.

Viele der Alten unter uns haben das am eigenen Leibe erfahren, in den Jahren vor und während des Zweiten Weltkrieges, als Glaube durch das Regime korrumpiert werden sollte und man Christen Probleme bereitete. Und wer in der Sowjetunion oder der DDR gelebt hat weiß, wie die Ausübung von Glaube dort behindert, ja: verhindert worden ist. Christ sein, das hieß in diesen Verhältnissen, sich seinen Glauben etwas Kosten zu lassen.

Heute, in unserem so reichen und sicheren Land, in dem jeder mindestens eine Grundsicherung erfährt, ist die Ausübung des Glaubens frei. Wir sind sogar so frei in Deutschland, dass wir alles mögliche oder überhaupt nichts glauben dürfen. Längst sind wir Christen nicht mehr Einwohner eines Christlichen Abendlandes, sondern eine religiöse Gruppe unter vielen.

Anders als in vergangenen Zeiten müssen wir nicht mehr fürchten, Nachteile durch die Ausübung unseres Glaubens zu erfahren. Es ist ganz anders geworden: Glaube ist heute privatisiert, und den meisten ist es völlig egal, ob oder was die anderen Glauben.

Der Hebräerbrief ist für uns heute deshalb wieder ein recht aktuelles Schreiben, denn er kann uns für unser Christsein eine Menge sagen und besonders über den Gegenstand unseres Glaubens: den in Jesus Christus Mensch gewordenen Gott.

Ich lese den Predigttext aus dem Hebräerbrief, Kapitel 11, die Verse 1 und 8–10:

Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.
Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, in ein Land zu ziehen, das er erben sollte; und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme. Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen in dem verheißenen Lande wie in einem fremden und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung. Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.

Glaube ist das zentrale Thema. Was glauben wir eigentlich? Diese Frage möchte ich heute morgen in den Raum stellen. Jede, jeder hat darauf wohl eine Antwort.

Und doch: so richtig genau kann man diese Frage ja meist nicht beantworten. »Was glaube ich eigentlich?« Das hängt doch von vielen Faktoren ab! Glaube hat wohl auch so etwas wie Kondition: je nach Pflege und Training ist er stärker oder schwächer, und auch der spirituelle Bänderriss als Abbruch der Beziehung zu Gott kann darin vorkommen. Und um dann im Glauben wieder zu wachsen, muss man sich damit beschäftigen, braucht vielleicht sogar jemanden, der einem wieder auf den Weg des Glaubens hilft. Die Konfirmationsurkunde an der Wand allein, sie hilft als fromme Trophäe nicht weiter dazu. Eine Geschichte:

Ein portugiesischer Seifenfabrikant sagte zu einem Priester: »Das Christentum hat nichts erreicht. Obwohl es schon bald zweitausend Jahre gepredigt wird, ist die Welt nicht besser geworden. Es gibt immer noch Böses und böse Menschen.«
Der Priester wies auf ein ungewöhnlich schmutziges Kind, das am Straßenrand im Dreck spielte, und bemerkte: »Seife hat nichts erreicht. Es gibt immer noch Schmutz und schmutzige Menschen in der Welt.«
»Seife«, entgegnete der Fabrikant, »nutzt nur, wenn sie angewendet wird.«
Der Priester antwortete: »Christentum auch.«

Glaube will gelebt und praktiziert werden. Er soll nicht nur gut geschont werden für Sonn- und Feiertage, sondern im Alltag erprobt werden. Der Hebräerbrief mahnte die Christen damals genau dazu, sich nicht ihres Glaubens als etwas Unbequemen zu entledigen oder es hinter Glas zu sperren.

Der Hebräerbrief erinnert Christinnen und Christen zu jeder Zeit daran, das wir Gottes auserwähltes Volk sind, das wir zum Israel Gottes durch Jesus Christus dazugehören. Und dessen dürfen wir gewiss sein: auch wenn unser Glaube an Gott oft etwas recht Diffuses, kaum konkret Beschreibbares ist, so gilt doch für Gott: er glaubt an uns. Das kann uns Mut machen, immer wieder Glauben zu wagen.

Was Glaube eigentlich ist, das sagt uns der Hebräerbrief mit den Worten: »Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.« Am Erzvater Abraham wird das dann illustriert.

Abram war ja damals, so berichtet das Erste Mosebuch beginnend im 12. Kapitel, von Gott berufen und gesegnet worden. Und Gott beauftragte ihn, aufzubrechen und seine Heimat zu verlassen. »Geh in ein Land, das ich dir zeigen will« (Gen 12,1), hatte Gott zu ihm gesagt.

Abram hatte, obwohl er kein junger Mann mehr war, gehorcht. Auf das Wort Gottes hin war er aufgebrochen und hatte sich auf den Weg in das Land gemacht, zu dem Gott ihm den Weg wies.

Das war übrigens keine Folge in einer der zahllosen Auswandererserien, die man im Fernsehen schauen kann, wo Menschen in ein neues Leben wollen, das Alte hinter sich lassen. Abram ist aber in mehr aufgebrochen als nur eine neue Heimat oder ein neues Land.

Abram ist damals in das Land des Glaubens aufgebrochen. Er hat es riskiert, hat sich auf Gottes Wort eingelassen. Glaube, die Beziehung zu Gott, das alles ist wie ein unentdecktes Land. Wir können es nicht überblicken, können die Grenzen nicht erkennen.

Abram lebte in diesem Land des Glaubens dann auch nur recht provisorisch, die Bibel berichtet: »Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen in dem verheißenen Lande wie in einem fremden und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung.« (V. 9). Abram hat keine Häuser gebaut oder sich groß eingerichtet. Er hielt sich bereit, weiter im Glauben, in der Beziehung mit Gott voran zu kommen.

Das machte ihn »wie einen Fremden«, und das, obwohl er doch im Land der Verheißung Gottes schon angekommen war! Glaube heißt, sich für die Beziehung mit Gott zu entscheiden und das im Leben wie im Alltag Folgen haben zu lassen. Glaube heißt zu gehen, auch wenn das Ziel noch nicht sichtbar ist. Es ist eine Lebensreise.

Abram hat es riskiert. Er hat, allen Widrigkeiten trotzend, erlebt, dass Gott ihn zu gutem Ziel geführt hat. Er ist auf der Reise geblieben, ist nicht an einer Stelle hängen geblieben. »Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist,« (V. 10) fährt der Predigttext fort.

Wenn wir Glauben ernst nehmen, dann leben wir ihn jeden Tag neu, was auch immer kommen mag. Was Glaube angeht, sollten wir wie Abram »im Zelt leben«, also lebendig in der Nachfolge sein und nicht darin stehen bleiben.

Glaube bedeutet zu erwarten, dass sich die Verheißung Gottes erfüllt. Der Predigttext gibt das mit dem Bild der festen Stadt Gottes wieder. Martin Luther dichtete dazu einst das Lied Ein feste Burg ist unser Gott, die genau das zum Ausdruck bringt: der ewige, unveränderliche Gott, er ist der Bezugspunkt unseres Glaubens, auf ihn zielt all unser Glauben.

Im Predigttext ist Gott der Baumeister der festen Stadt. Gott, er ist es, der unser Glauben schafft und bewirkt. Gott ist es, der uns alles Glauben schenkt. Und doch bleibt es dabei: unser eigenes Glaubensleben bleibt wie das leichte Zelt, bleibt immer etwas Vorläufiges, etwas Unfertiges. Anders als Abram begegnet Gott uns ja nicht leibhaftig – eine Geschichte dazu:

Zu einem Rabbi kam ein Schüler und fragte: »Früher gab es Menschen, die Gott von Angesicht zu Angesicht geschaut haben; warum gibt es sie heute nicht mehr?«
Da antwortete der Rabbi: »Weil sich heute niemand mehr so tief bücken kann.«

Eine nachdenklich stimmende Geschichte, finde ich. Glaube heißt eben, sich auf Unbeweisbares einzulassen, ist ein Risiko. Und doch: wer von Gott Glaube geschenkt bekommen hat, der bückt sich vor ihm, erhascht einen Blick auf ihn.

Glaube ist Beziehung zu Gott. Doch eben weil diese Beziehung immer wieder wie ein unentdecktes Land ist, ist es gut, nicht allein auf dem Weg zu sein. Gott hat damals Abram berufen, sich aufzumachen. Auch uns ruft Gott.

Kirche, das ist die Gemeinschaft derer, die auf dem Weg im Land des Glaubens sind, die darauf warten, in Gottes Stadt anzukommen. Der Hebräerbrief gebraucht für uns Christen das Bild des »wandernden Gottesvolkes«, das gemeinsam unterwegs ist; wo Menschen sich auf dem Weg zu Gott gegenseitig den Rücken stärken.

In unserer westlichen Welt heute genießen wir große Freiheiten. Wir dürfen unseren Glauben leben, den Gott uns geschenkt hat. Wir können ihn gemeinsam trainieren und kräftigen, indem wir miteinander auf dem Weg zu Gott sind. Wir dürfen anderen davon weitererzählen und sie auf das hinweisen, was unserem Leben Sinn gibt.

Lassen Sie uns das tun und jeden Tag aufs Neue aufbrechen – ins Land des Glaubens, und nur mit einem leichten Zelt beladen, damit wir nicht auf dem Weg zu Gott sesshaft werden.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.