Predigt über Matthäus 4,1–11: Versuchung – mehr als Schokolade

Am 6. März 2022, Invocavit, in Wiedenest. Veröffentlicht 06.03.2022, Stand 05.08.2022, 1419 Wörter.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch!

Liebe Gemeinde, der Evangelist Matthäus schreibt im 4. Kapitel:

Jesus [wurde] vom Geist in die Wüste geführt.
Dort sollte er vom Teufel
auf die Probe gestellt werden.
Jesus fastete 40 Tage und 40 Nächte lang.
Dann war er sehr hungrig.
Da kam der Versucher und sagte zu ihm:
»Wenn du der Sohn Gottes bist,
befiehl doch, dass die Steine hier zu Brot werden!«
Jesus aber antwortete:
»In der Heiligen Schrift steht:
›Der Mensch lebt nicht nur von Brot.
Nein, vielmehr lebt er von jedem Wort,
das aus dem Mund Gottes kommt.‹«

Dann nahm ihn der Teufel mit in die Heilige Stadt.
Er stellte ihn auf den höchsten Punkt des Tempels
und sagte zu ihm:
»Wenn du der Sohn Gottes bist, spring hinunter!
Denn in der Heiligen Schrift steht:
›Er wird seinen Engeln befehlen:
Auf ihren Händen sollen sie dich tragen,
damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt.‹«
Jesus antwortete:
»Es steht aber auch in der Heiligen Schrift:
›Du sollst den Herrn, deinen Gott,
nicht auf die Probe stellen!‹«

Wieder nahm ihn der Teufel mit sich,
dieses Mal auf einen sehr hohen Berg.
Er zeigte ihm alle Königreiche der Welt
in ihrer ganzen Herrlichkeit.
Er sagte zu ihm: »Das alles will ich dir geben,
wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest!«
Da sagte Jesus zu ihm: »Weg mit dir, Satan!
Denn in der Heiligen Schrift steht:
›Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten
und ihn allein verehren!‹«
Daraufhin verließ ihn der Teufel.
Und es kamen Engel und sorgten für ihn.

— Matthäus 4,1–11 (Basisbibel)

Gott, wir danken Dir für Dein Wort. Schenke uns, dass wir es fassen und zu unserem machen. Amen.

Liebe Gemeinde, drei Dinge werden im Predigttext erzählt: Als Jesus vierzig Tage lang in der Wüste fastete, versuchte der Satan ihn, (1) sich Brot zu zaubern, (2) sich vom Tempeldach zu stürzen, damit die Engel ihn auffingen und (3) ihn, den Satan, anzubeten, um dafür im Gegenzug die Weltherrschaft zu bekommen. Aber Jesus lässt den Satan dreimal »gepflegt abblitzen«, verweigert sich dessen Ansinnen.

Der Teufel, das personifizierte Böse

Zu Martin Luthers Zeit im 16. Jahrhundert war die Vorstellungswelt noch mittelalterlich geprägt. Den Teufel hatten die Menschen noch »auf dem Radar«; der Teufel war für viele eine reale Lebensmacht.

Uns heute erstaunt es, wenn im Predigttext der Teufel vorkommt, es ist schließlich 2022. Den Teufel kennen wir bestenfalls aus Sprichwörtern oder Horrorfilmen.

Viermal kommt der Teufel (διάβολος, V. 1.5.8.11) vor, einmal wird er Versucher (ὁ πειράζων, V. 3) genannt. Im griechischen Original steht das Wort Diabolos, das ist die Übersetzung des alttestamentlichen Wortes Satan. Der Satan bezeichnet den Gegner, den Widersacher schlechthin: den, der uns von Gott abbringt. Im Diabolos klingt dann ein durcheinander oder auseinander bringen an.1 Und egal, ob man nun Satan, Diabolos oder Teufel als Bezeichnung bevorzugt: Es ist bemerkenswert, dass die Bibel das, was uns von Gott abbringt, personifiziert.

Wieso kommt denn so eine personifizierte Größe in der Bibel vor, wozu dient sie? Karl-Heinrich Ostmeyer skizziert die Funktion so:

Wo ein Weg hin zum Heil skizziert wird, bedarf es einer negativen Größe von der sich dieser Weg fort bewegt. […] In der noch nicht heilen Welt ist die Existenz einer wie auch immer gearteten Negativfigur theologisch denknotwendig.2

Aha. Also weil das Heil im Messias, für uns in Jesus Christus, personifiziert ist, bedurfte es eines Gegenspielers. Eines ist jedenfalls sicher: Satan oder Teufel ist kein Name, sondern eine Bezeichnung, mehr nicht.

Von der Versuchung

Im Predigttext begegnet Jesus diesem Teufel und der macht seinem Namen – Pardon: seiner Bezeichnung – alle Ehre. Er will Jesus von Gott abbringen, will zerteilen, was zusammengehört.

Heute ist der erste Sonntag der Passionszeit, Invocavit. Weil dieses Jahr niemandem nach Karneval zumute war, haben wir den Aschermittwoch letzte Woche gar nicht bemerkt und an dem beginnt ja die Passionszeit. In der Katholischen Kirche heißt sie Fastenzeit und damit fängt auch unserer heutiger Predigttext an: Jesus war in der Wüste, um vierzig Tage und Nächte lang zu fasten.

Vierzig Tage – eine heftige Diät, aber die Zahl bedeutet mehr. Vom Aschermittwoch bis Ostern sind es vierzig Tage, wenn man die Sonntage weglässt. Und die Zahl erinnert an die vierzig Jahre, in denen Israel mit Mose in der Wüste unterwegs war, damit nur die Generation ins gelobte Land kam, die sich nicht gegen Gott versündigt hatte. (Die feministische Erklärung, dass Israel vierzig Jahre lang in der Wüste war, weil Männer ja nicht nach dem Weg fragen, ist wissenschaftlich umstritten.)

Für Jesus war diese Zeit ein Übergang. Sein altes Leben als Zimmermann im nördlichen Israel endete. Sein eigentliches Leben als Heiland begann. Und als »Menschensohn« wurde er nun geprüft.

In Versuchung zu geraten, ist zutiefst menschlich. In der Schriftlesung haben wir von Adam und Eva im Paradies gehört (1. Mo/Gen 3,1–19). Bemerkenswert: wirklich das Erste, was die Bibel über uns Menschen berichtet, ist unsere Verführbarkeit. Mensch und Versuchung – das passt zusammen, wie »Pott auf Deckel«.

Wir alle sind schon versucht worden. Versucht werden wir von dem, was wir nicht haben, aber gerne hätten. Und der Versuchung nachzugeben, ist nicht in Ordnung: Das, was uns versucht, ist »verbotene Frucht«, darf nicht gepflückt werden, weil dies eventuell sogar Schaden anrichten würde.

Wie tückisch Versuchung ist, wissen wir auch. Manchmal ist der Schaden beim Erliegen einer Versuchung gering, da muss nicht notwendigerweise etwas kaputtgehen. Wenn mich die Schokolade zu sehr anlacht, darf ich sie naschen. Aber wenn ich das öfter mache, idealerweise abends, wird mein Hausarzt mich bald ernst anschauen und meine Waage am Ende der Messung nicht mehr piepen, sondern knirschen, bevor das Display implodiert.

Schokolade

Wenn ich einer Versuchung nachgebe, ist der Schaden im Regelfall moralischer Natur und das merke ich, weil mein Gewissen sich regt. Jetzt wird sicher jedem unter uns ein Beispiel einfallen, wo das geschehen ist und wir wissen alle um unsere Versuchungen, also die Dinge, die wir im Griff haben müssen, wo wir uns selbst an die Kandare nehmen müssen. Das Wort Versuchung aus dem Neuen Testament kann man auch mit Prüfung übersetzen und, das wissen wir, durch eine Prüfung kann man auch durchfallen. Also: »Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen!« (Mt 6,13)

Jesus als Vorbild

Jesus jedenfalls hat dem Satan standgehalten. Dreimal wurde er versucht. Dreimal hat er widerstanden, nicht nachgegeben. Wie schwer muss das gewesen sein! Und dann war er hindurch. Wie gut fühlt sich das an, wenn man es schafft, standhaft zu bleiben und das Gute und Richtige zu tun. Wenn man es schafft, das in einen gesetzte Vertrauen nicht zu enttäuschen, weil man zu seinen Vereinbarungen steht und nicht mit »gezinkten Karten spielt«.

Indem Jesus der Versuchung nicht erliegt, durchbricht er dieses menschliche Schema, dass wir unseren Versuchungen immer wieder nachgeben. Jesus verlässt damit die irdische Sphäre, stellt sich in die himmlische, ist mit einem Bein im Paradies. Denn Versuchung ist etwas Irdisches, dem Himmel fern und Ausdruck dafür, dass wir noch nicht bei Gott sind.

Liebe Gemeinde, jetzt in der Passionszeit können wir diese sieben Wochen nutzen, unsere Versuchungen aufs Korn zu nehmen. Machen Sie doch mal eine Liste mit all den Dingen und Situationen, in denen Sie in Versuchung geraten. Vielleicht gehen Sie in der Zeit bis Ostern eine davon systematisch an, nehmen ihr die Verlockung und werden davon frei.

Eines bleibt zu sagen. Als Menschen geraten wir immer wieder in Versuchung. Wir können uns nur nach Kräften bemühen, dem nicht nachzugeben. Bei Jesus war es der Teufel als personifizierte Versuchung, die von Gott trennt: »Das Böse aber zeichnet sich gerade dadurch aus, dass es sich nicht beherrschen lässt und dass ihm die zum Opfer fallen, die meinen, es handhaben zu können.«3 Das heißt nichts anderes, als dass wir unseren Versuchungen immer wieder erliegen; manchmal sind diese eben stärker und manchmal haben wir einen schwachen Moment.

Wie gut, dass Christus widerstanden hat. Er kann uns Vorbild sein, immer wieder »aufzustehen«, wenn wir »in Versuchung gefallen« sind. Wie gut, dass er uns immer wieder die Hand reicht, um uns aufzuhelfen. Gott will uns Kraft geben, damit wir nicht in unseren Versuchungen gefangen und unfrei sind. Also: nutzen wir diese Passionszeit zum »Versuchungen-Fasten«. Und wo es uns nicht gelingt, sollten wir die Hand, die Jesus uns ausstreckt, ergreifen und es erneut probieren. Lassen wir das unsere Herausforderung sein.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinnen in Christus Jesus, Amen.

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