29.12.2019

Predigt über Hiob 42,1–6: Gott finden

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Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen!

Liebe Gemeinde, Weihnachten ist vorbei und der heutige Predigttext führt uns so recht in eine »weihnachtslose Zeit«, in eine Episode, in der Gott fern scheint. Einen scheinbar fernen Gott kennen wir alle. Der Titel dieser Predigt lautet: »Gott finden«.

Hiob und ich, oder: wo ist Gott? Deus absconditus

Ich bete mit einem Wort des 13. Psalms:

Herr, wie lange willst du mich so ganz vergessen?
Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir?
— Ps 13,2

Im Predigttext geht es um Hiob, den Mann, der Gottverlassenheit ganz drastisch in seinem Leben erfahren hat. Ihm wurde alles genommen: sein Haus als seine Wohnung, sein Viehbesitz als sein Betriebskapital und zuletzt seine Kinder, seine Familie. Aller Hoffnung beraubt saß er schließlich in Sack und Asche, dem Bußgewand, denn er wähnte Gott fern und sich von Gott verlassen aufgrund einer Verfehlung, die er doch begangen haben müsste. Gott, der ihm sein Leben geschenkt und ihn aufgebaut hatte – er war ihm auf die schlimmste Weise abhanden gekommen, wie aus den Händen gerissen.

Interim: Wo ist Gott?

Vielleicht waren die Fragen, die in einem Lied der Kölner Gruppe Könige & Priester angesprochen werden, Hiobs Fragen. Hören wir es einmal.

Könige & Priester, Heldenreise (2017): Warum hast Du mich verlassen.1

Perspektivwechsel: Gott weist den Menschen auf seinen Platz

Ich bete nochmals mit Worten aus Psalm 13 für alle, die Gott fern wähnen und ihn nicht fassen können:

Wie lange soll ich sorgen in meiner Seele / und mich ängsten in meinem Herzen täglich?
Wie lange soll sich mein Feind über mich erheben?
— Ps 13,3

Hiob forderte Gott schließlich heraus. Ihn, der scheinbar seine Hand von ihm zurückgezogen hatte, rief er auf, sich zu erklären. Wieso ging es ihm so dreckig; ihm, der stets nach Gottes Wort gelebt und gehandelt hatte? Und wo war Gott, gerade jetzt? »O hätte ich einen, der mich anhört« (Hi 31.35) rief er – »🎵 Warum hast Du mich verlassen?«

Und Gott antwortete ihm, aber nicht so, wie Hiob es erwartet hatte. Ich lese aus Hiob 38:

Hiob 38,1–13.17–20.31–33: Die erste Rede des Herrn aus dem Sturm (Lutherbibel 2017)
Und der Herr antwortete Hiob aus dem Sturm und sprach:
2 Wer ist’s, der den Ratschluss verdunkelt mit Worten ohne Verstand?
3 Gürte deine Lenden wie ein Mann! Ich will dich fragen, lehre mich!
4 Wo warst du, als ich die Erde gründete? Sage mir’s, wenn du so klug bist!
5 Weißt du, wer ihr das Maß gesetzt hat oder wer über sie die Messschnur gezogen hat?
6 Worauf sind ihre Pfeiler eingesenkt, oder wer hat ihren Eckstein gelegt,
7 als die Morgensterne miteinander jauchzten und alle Gottessöhne jubelten?
8 Wer hat das Meer mit Toren verschlossen, als es herausbrach wie aus dem Mutterschoß,
9 als ich’s mit Wolken kleidete und in Dunkel einwickelte wie in Windeln,
10 als ich ihm seine Grenze bestimmte und setzte ihm Riegel und Tore
11 und sprach: »Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter; hier sollen sich legen deine stolzen Wellen!«?
12 Hast du zu deiner Zeit dem Morgen geboten und der Morgenröte ihren Ort gezeigt,
13 damit sie die Enden der Erde fasste und die Frevler von ihr abgeschüttelt würden?

[…] 17 Haben sich dir des Todes Tore je aufgetan, oder hast du gesehen die Tore der Finsternis?
18 Hast du erkannt, wie breit die Erde ist? Sage es, wenn du das alles weißt!
19 Welches ist der Weg dahin, wo das Licht wohnt, und welches ist die Stätte der Finsternis,
20 dass du sie zu ihrem Gebiet bringen könntest und kennen die Pfade zu ihrem Hause?

[…] 31 Kannst du die Bande des Siebengestirns zusammenbinden oder den Gürtel des Orion auflösen?
32 Kannst du die Sterne des Tierkreises aufgehen lassen zur rechten Zeit oder die Bärin samt ihren Jungen heraufführen?
33 Weißt du des Himmels Ordnungen, oder bestimmst du seine Herrschaft über die Erde?

Gott hört Hiob und antwortet ihm! Und doch: mit solch einer Antwort hatte er nicht gerechnet. Gott führte ihm drastisch vor, wer er ist und wer Hiob ist; hier spricht der Schöpfer zum Geschöpf, weist unmissverständlich auf den Unterschied zwischen ihnen hin.

Liebe Gemeinde, können wir das hören? Ich meine, wir modernen Menschen sind es doch gewohnt, dass die Welt nach unserer Pfeife tanzt.

In unserer Zeit leben wir so, als ob Gott nicht wäre. »Frohe Feiertage«, »Winterferien«, »Geschenkefest« sind nur einige Vokabeln aus den letzten Wochen, die zeigen, wie wir unser Land säkularisieren und einen Gott, der Anspruch auf unser Leben hat, zurückweisen. Gott hat gefälligst der liebe Gott zu sein, der macht, wie es uns gefällt!

Im Predigttext werden wir durch Hiob auf unsere Hybris, unsere Überheblichkeit, hingewiesen: dass wir uns selbst für den Nabel der Welt und das Maß aller Dinge halten.

Canossa und der Mensch im 21. Jahrhundert

Es gibt eine historische Parallele dazu.2 Im elften Jahrhundert gab es zwei Dickköpfe, die auch beide meinten, das alles nach ihrer Pfeife tanzen müsste. Das waren der Papst Gregor VII. und der deutsche König Heinrich IV. Ihr Streit hatte es in sich.

König Heinrich hatte durchsetzen wollen, dass er der oberste Geistliche in seinem Reich war und deshalb Bischöfe und Priester in ihr Amt einsetzen (investieren) dürfe. Diese hatten in Gesellschaft und Politik damals gewaltigen Einfluss.

Papst Gregor hingegen meinte, dass dieses Recht alleine ihm zustehe. Im Laufe ihres Streits versuchten beide, die Oberhand zu gewinnen. Der König forderte den Papst schließlich zum Amtsverzicht auf und der reagierte in nie zuvor dagewesener Form: Papst Gregor exkommunizierte König Heinrich und erklärte die Treueide von dessen Vasallen für nichtig. Damit war der König faktisch entmachtet.

Einige Zeit konnte König Heinrich sich noch halten, aber schließlich musste er vor dem Papst zu Kreuze kriechen, um seine Krone zu retten. Von seinen Fürsten hatte er nur wenig Hilfe zu erwarten, denn den meisten war König Heinrichs Exkommunizierung eine willkommene Angelegenheit: warum sich mit einem Lehen von des Königs Gnaden begnügen, wenn man dies gleich ganz besitzen konnte, weil der König ja nicht mehr König sein konnte?

Heinrich machte sich auf den Weg zu Papst Gregor nach Italien, zur Burg von Canossa. Im Dezember 1076 zog er los. Es war eine sehr schwierige Reise und als er ankam, soll Papst Gregor den König nicht empfangen haben. Drei Tage lang soll Heinrich barfuß und in einem Bußhemd in der Kälte vor der Burg gestanden haben, bis Gregor ihn schließlich empfing. Nach langen Gesprächen nahm der Papst König Heinrich wieder in die Kirchengemeinschaft auf. Später allerdings versuchte er, König Heinrich erneut zu demontieren.

Zwei Dickköpfe, die die Welt nach ihren Vorstellungen hatten formen wollen. Gescheitert sind sie beide, denn König Heinrich ließ später (1080) nach weiteren schweren Konflikten mit Gregor einen Gegenpapst (Clemens III.) wählen. Papst Gregor starb 1085 in Salerno, wohin er in Folge geflohen war. Ihre Hybris hat beide Männer zerstört.

Ich bete mit Worten des 13. Psalms:

Schaue doch und erhöre mich, Herr, mein Gott!
Erleuchte meine Augen, dass ich nicht im Tode entschlafe,
dass nicht mein Feind sich rühme, er sei meiner mächtig geworden,
und meine Widersacher sich freuen, dass ich wanke.
— Ps 13,4–5

Hiobs Antwort

Liebe Gemeinde, wer ist Gott und wer bin ich? Auf diese Frage läuft alles zu, wenn wir nach Gott fragen. Dem Hiob hat Gott geantwortet und ihm den Platz gewiesen.

Gott ist nicht so, wie wir ihn gerne hätten oder ihn uns vorstellen. Wenn wir dahin kommen, Gott den Schöpfer und Herrn des Lebens sein zu lassen, dann erst können wir die Frage »Wo ist Gott?« stellen.

Hiob hat sich von Gott zurechtweisen lassen, hat in Demut »kleine Brötchen« gebacken. Im eigentlichen Predigttext – und die Predigt dauert nicht mehr lange – hören wir davon. Ich lese aus Kapitel 42 des Hiob-Buches:

Hiob 42,1–6 (Lutherbibel 2017): Und Hiob antwortete dem Herrn und sprach:
2 Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer.
3 »Wer ist der, der den Ratschluss verhüllt mit Worten ohne Verstand?« (Hi 38,2; Anm. d. Verf.) Darum hab ich ohne Einsicht geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe.
4 »So höre nun, lass mich reden; ich will dich fragen, lehre mich!«
5 Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen.
6 Darum gebe ich auf und bereue in Staub und Asche.

Hiob hat eine Korrektur vorgenommen: er hat Gott die Majestät zugestanden. Wie später König Heinrich IV. ist er »nach Canossa gezogen«.

Damit ist für ihn die Frage nach dem »Wo bist Du Gott, wenn ich leide; wie kann ich Dich finden?« wieder eröffnet.

Vermutlich haben wir alle diese Frage schon einmal gestellt; da, wo es hart auf hart kam und unsere Mittel, unser Ratschluss, unsere Möglichkeiten vor die Wand liefen und wir nichts mehr ändern konnten. Und auch so gibt es genügend Gelegenheit, nach Gott zu fragen. Wo ist er, wenn Menschen Menschen schinden, die Erde zerstören und sich zu Herren aufschwingen? Ein Blick in die Nachrichten zeigt, wozu wir fähig sind. Wo ist Gott da?

Weihnachten: Gott wird offenbar (Deus revelatus)

Schenke Gott uns allen, dass wir ihn im Herzen behalten, wo er uns abhanden kommt. Schenke er uns Kraft zum Gebet, dass wir zu ihm rufen. Schenke er uns Geschwister, die auf ihn weisen.

Hiob hat ihn, da er zu ihm so überdeutlich wie zu uns nie gesprochen hat, gefunden. Er sagt: »Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen.« (Hi 42,5)

Heute, am Sonntag nach Weihnachten, erinnert mich das an den Ruf des alten Simeon, als er den acht Tage alten Jesus sah:

Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.
— Lukas 2,29

Ihn, den Heiland, hatte er sein Leben lang erwartet. Gott zu sehen, der in Christus zur Welt gekommen ist, war der Höhepunkt seines Lebens; nun konnte er loslassen.

Liebe Gemeinde, wenn wir die Frage nach Gott stellen, wo er ist, dann haben wir einen »Stern über Bethlehem«, ein unübersehbares Leuchtfeuer: er ist in Christus, auf den wir getauft sind, mit dem wir verbunden sind.

Ganz besonders in den schwierigen Situationen können wir Gott an unserer Seite wissen. Er ist nicht fern, sondern bei uns und gibt uns Kraft, schwierige Zeiten zu überstehen – so wie Heinrich, der im Winter die Alpen zu Fuß überquerte und kaum vom Fleck kam.

Wie mit Gott umgehen in Anfechtung – und wie alles gewinnen, was verloren scheint? Indem wir die Hände falten und unsere Kraft von ihm nehmen, der uns niemals allein lässt. So wie er sich dem Hiob geoffenbart hat, hat er sich auch uns in dem Kind in der Krippe gezeigt. Gott sei Dank!

Ich bete mit Worten des 13. Psalms:

Ich traue aber darauf, dass du so gnädig bist; / mein Herz freut sich, dass du so gerne hilfst.
Ich will dem Herrn singen, dass er so wohl an mir tut.
— Ps 13,6

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen.

 Pfr. Marc Platten am 1. So. nach dem Christfest, 29.12.2019, in Wiedenest.

Lied: eg 56 (5 Str.) Weil Gott in tiefster Nacht erschienen


  1. https://youtube.com/watch?v=rQu35uEi5yg, abgerufen am 27.12.2019. ↩︎

  2. Der Abschnitt orientiert sich an: Wolf-Dieter Hauschild, Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte, Band 1 Alte Kirche und Mittelalter, § 9.6 Kampf um die rechte Ordnung der Christenheit und Investiturstreit, Gütersloh: Chr. Kaiser 2. Aufl. 2000, 513–522.
    Der leicht zugängliche, aber qualitativ mäßige Wikipedia-Artikel gibt ein ungefähres Verständnis: https://de.wikipedia.org/wiki/Gang_nach_Canossa. ↩︎

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