22.12.2019

Predigt über Philipper 4,4–7: Freut euch!

thumbnail for this post

Audio MP3

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen!

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt.
Erst eins,
dann zwei,
dann drei,
dann vier,
dann steht das Christkind vor der Tür.

Und wenn die fünfte Kerze brennt,
dann hast du Weihnachten verpennt!

Liebe Gemeinde, jetzt brennen alle vier Kerzen auf dem Adventskranz. Es ist hohe Zeit, dass Weihnachten werde!

Advent – das heißt Vorfreude. Seit unserer Kindheit wissen wir das und, wer einen Adventskalender hat, hat nur noch zwei Türchen vor sich. Auch der Predigttext passt zur Vorfreude auf Weihnachten. Ich lese aus Kapitel 4 des Philipperbriefs. Paulus schreibt:

Phil 4,4–7 (Lutherbibel 2017) Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!
Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe!
Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren.

Gott, wir danken Dir für Dein Wort. Sende Deinen Heiligen Geist, dass es zum unseren werde. Amen.

Liebe Gemeinde, »Freut Euch in dem Herrn allewege« schreibt Paulus den Menschen im mazedonischen Philippi, damals, in den späten 50-er Jahren. Heute, fast 1.900 Jahre weiter, gilt dieser Aufruf zur Freude auch uns. Also: Freut Euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich Euch: Freuet Euch!

Aber Halt: Was für ein Ruf ist das?! Wir sind doch darin geübt, die Schattenseiten und Defizite im Leben zu entdecken und den Finger »in die Wunde zu legen«, denn das Glas ist halb leer und die Medien berichten nur über Probleme.

»Freut Euch« – können wir diesen Aufruf zur Freude fassen, ihn uns gar zueigen machen? Ist die Weihnachtszeit nicht sowieso eine hektische Stresszeit, in der die liebe Routine hart geprüft wird?

Noch einmal Halt – Machen wir diese »Tür« zu; öffnen wir lieber die »Pforte«, die Paulus uns öffnet: die in die Freude. Und gehen wir in diesen »Raum« hinein, denn was Paulus schreibt, passt gut in diese Zeit im späten Advent.

  • Erinnern Sie sich an die Adventsfreude, die Sie als Kind erlebt haben, an das sehnsüchtige Erwarten nicht nur der Ferien, sondern das nächste Türchen öffnen zu dürfen?
  • Haben Sie noch die Gerüche aus ihrer Kindheit in der Nase; Plätzchenduft, der durch’s Haus zieht?
  • Wie war das kurz vor der Bescherung, wenn man es kaum erwarten konnte, endlich in die gute Stube zu kommen?

Überlegen Sie doch einmal und dann erzählen Sie es bitte Ihrer Sitznachbarin, ihrem Sitznachbarn: Wie riecht, schmeckt und fühlt Weihnachten sich an und was ist Ihre schönste Weihnachtserinnerung?

(Zeit für Austausch – am Ende können einige Erinnerungen laut gesagt werden.)

Danken wir Gott für alle schönen Erlebnisse, an die wir uns erinnern. Danken wir ihm mit den ersten beiden Strophen des Lieds 🎵 eg 12,1–2 Gott sei Dank durch alle Welt.

Liebe Gemeinde, Weihnachten ist eigentlich die Zeit der Freude, die in Pauli Worten anklingt, wenn er ruft: »Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe!«

Diese Freude ist uns als Erwachsenen zumeist abhanden gekommen: was haben wir da fahren lassen!

Holen wir sie uns zurück; lassen wir uns diesen Schatz doch nicht wieder nehmen. Freude wärmt und lässt es hell in uns werden. Hätte Freude eine Farbe, wäre die vielleicht sonnengelb, warm und freundlich.

Ein schönes Beispiel für Freude ist der heutige 22.12., allerdings 1989. Das Brandenburger Tor wurde heute vor 30 Jahren als Grenzübergang zwischen BRD und DDR geöffnet.

»Berlin, nun freue dich!«, sagte der Berliner Bürgermeister Walter Momper in seiner Rede zur Öffnung des Brandenburger Tores.1 Und ein Meer an Leuten war da, schon in der Nacht, als mit Kränen Teile der Grenzbefestigungen entfernt wurden. Als dann die ersten Menschen aus Ost und West einander begegneten, lagen sie sich in den Armen. Das war Freude, pure gelebte Freude. Heute jährt sich dieses Ereignis.

Doch lassen wir die Geschichte einmal hinter uns, so bemerkenswert sie auch ist. Wenn Paulus von der Freude schreibt, dann geht es heute, am Vierten Advent, doch um die Weihnachtsfreude. Lassen Sie uns das Lied auf dem Handzettel singen: 🎵 Liedblatt: Freue dich Welt

Freuet euch! Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Sorgt euch um nichts!

Paulus gibt drei Befehle: Freude, Güte und Sorgenfreiheit ordnet er an. Das erinnert ein wenig an den brachialen Trost »Hör endlich auf zu Heulen!«, den zwischenmenschlich nicht so geschickte Zeitgenossen manchmal anwenden. Alles das kann man nicht befehlen und wenn es uns richtig schlecht geht, dann hört der Verstand solche »Kopf hoch!« Rufe wohl, doch das Herz kann es nicht fassen.

Weihnachten hat die Welt verändert. »Gott wurde Mensch« – diese so überhörte, fast zur Phrase verkommene Aussage hat es in sich. Gott wurde Mensch – das ist alles andere als eine Phrase. Es ist ein Glaubensbekenntnis, das man nur mit dem Herzen fassen kann.

Axel Kühner2 erzählt dazu folgende Geschichte:

Drei junge Männer stiegen eines Tages in ein Zugabteil. Sie lachten und waren sehr fröhlich. Sie konnten ihre übergroße Freude nicht verbergen. Sie hatten sich entschlossen, Jesus nachzufolgen, und kamen von einer Konferenz, auf der sie in ihrem Glauben bestärkt und neu motiviert worden waren.
Im Abteil saß eine Dame, die schließlich bissig anmerkte: »Sie scheinen ja besonders fröhlich zu sein!« – »Raten Sie mal, warum!« antwortete einer der drei. »Sie sind vielleicht ein wenig betrunken?« »Nein, das ist es nicht!« – »Dann haben Sie wohl eine Fete gefeiert.« – »Nein.« – »Haben Sie vielleicht im Lotto gewonnen?« – »Das ist es auch nicht!« – »Ja, dann muss wohl einer von den Toten auferstanden sein!« meinte die Dame gekränkt. »Ganz recht, das ist es!« meinten die jungen Leute. »Dann war der Betreffende wohl nur scheintot!« – Die drei lachten: »Nein, er war richtig tot. Aber nun lebt er auch richtig und ist wahrhaftig auferstanden. Und darum haben wir eine so große Freude!« Erschrocken fragte die Dame zurück: »Davon habe ich ja gar nichts gehört! Wer war denn das?« Da erzählten ihr die drei jungen Männer von Jesus, der für sie gestorben und wiederauferstanden ist.

Das ist der Grund, weshalb Paulus den Imperativ gebraucht. Wir sollen uns freuen, weil das, was an Weihnachten geschehen ist, für uns ebenso persönlich Folgen hat wie die Ostererzählung in der Geschichte. Es ist mehr als nur eine Weihnachtsduselei.

Güte und Sorgenfreiheit sollten also eigentlich eine Folge sein, weil wir eine neue, bessere Perspektive auf das Leben haben und wissen: alles Vorläufige wird in Christus, dem Vollender, abgelöst.

Nun ja. Ich denke, es ist sicher zu sagen: zwischen Theorie und Praxis klafft eine Lücke. Gerade deshalb ist es gut, dass Paulus die Befehlsform gebraucht. Manchmal ist ein »Hör auf zu heulen!« vielleicht doch gar nicht so brachial, sondern eine Hilfe, wieder ins Gleichgewicht zu finden.

Liebe Gemeinde, Weihnachten ist Gott Mensch geworden. Wo wir das im Heiligen Geist fassen können, ist es keine Phrase mehr, sondern eine Aussage, die uns Kraft geben kann. Und dann können wir uns freuen und unseren Sorgen die richtige Bedeutung zuweisen.

Paulus schreibt noch mehr:

»Macht euch keine Sorgen, sondern wendet euch in jeder Lage an Gott und bringt eure Bitten vor ihn. Tut es mit Dank für das, was er euch geschenkt hat.« (V. 6, Gute Nachricht Bibel 1997)

Sich freuen zu sollen und dazu auch wirklich Grund zu haben, ist das eine, das Sorgen auf die richtige Bedeutung zurechtstutzen kann. Paulus weist uns auf das Gebet hin als Weg, Gott unsere Sorgen abzugeben.

Vor ein paar Tagen zeigte mir jemand ein Video3 aus den USA. Eine mehrspurige Straße war überflutet und zwei von drei Spuren standen so unter Wasser, dass sie nicht mehr benutzt werden konnten. Ein einsamer Arbeiter stand mehr als knietief im Wasser und versuchte, einen verstopften Gulli wieder frei zu bekommen. Als er es schließlich geschafft hatte, floss das Wasser in einem großen Strudel ab. Nach kurzer Zeit waren wieder alle Fahrspuren benutzbar.

Ist das ein Sinnbild für Gebet? Unsere Sorgen nehmen uns Lebenskraft und -freude, schränken uns ein und nehmen Besitz von unseren Gedanken. Das ist doch wie eine blockierte Fahrspur. Um im Bild zu bleiben: Gebet ist dann so etwas wie ein frei Machen des verstopften Ablaufs, so dass es wieder weitergehen kann.

»Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.« (1. Petr 5,7) heißt es im Ersten Petrusbrief. Das passt zu Paulus’ »Macht euch keine Sorgen, sondern wendet euch in jeder Lage an Gott und bringt eure Bitten vor ihn.« Im Gebet können wir Sorgen abgeben und dann ist es viel leichter, das zu tun, was Paulus schreibt: »Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!«

Liebe Gemeinde, Gott sei Dank, dass er in Jesus Christus Mensch geworden ist. Wo wir ihm in unserem Leben Raum geben, kann Schwieriges einfacher werden und wir können uns freuen – so, wie wir uns damals auf die Bescherung gefreut haben. Übermorgen haben wir eine Chance, das für uns wieder zu entdecken: die Gerüche duftender, die Farben wärmer und die Freude überschwänglicher zu machen und diese Freude festzuhalten, dass sie unserem Leben und Glauben Würze gebe. Denn Gott ist in Christus zu uns gekommen. Was für ein Grund zur Freude!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen.

Lied: eg 12,3–4 Gott sei Dank durch alle Welt


  1. https://www.tagesspiegel.de/berlin/mauerfall-in-berlin-vor-25-jahren-wurde-das-brandenburger-tor-geoeffnet/11148040.html, abgerufen am 17.12.2019. ↩︎

  2. Axel Kühner, Hoffen wir das Beste, 14. April Der Grund der Freude, Neukirchen-Vluyn: Aussaat, 6. Aufl. 2005, 99. ↩︎

  3. https://www.youtube.com/watch?v=vJnAowdUyK4, abgerufen am 20.12.2019. ↩︎

Predigten als E-Mail Newsletter abonnieren

Ihre E-Mail Adresse:  

Der Newsletter wird via Google Feedburner ausgeliefert.