Predigt über Hiob 2,11–13: Seelsorge?!

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Die Gnade unseres Herrn, Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen!

Liebe Gemeinde, um Sorge – vielmehr: um Seelsorge! – geht es in diesem Gottesdienst. Einen Haken hat es allerdings: Können Sie in wenigen Worten erklären, was Seelsorge eigentlich ist?

Wir haben alle eine Vorstellung davon, was Seelsorge ist, aber wie man das ganz konkret beschreibt, wissen wir meist nicht. Was Seelsorge ist, ist ziemlich unklar.

Ich habe deshalb im Internet gesucht. Wenn man auf die Bilder schaut, die eine solche Suche zutage fördert, sieht man viele Fotos von gehaltenen Händen. Das Ergebnis ist also: Seelsorge muss so etwas wie »frommes Händchenhalten« sein.

Wie nützlich das ist, sei einmal dahingestellt. In unserer Zeit legen wir doch Wert auf Fachleute: Wenn jemand in inneren Nöten ist, sucht man heutzutage einen Psychologen oder eine Therapeutin auf, aber keinen Seelsorger – Händchenhalten kann man auch zuhause.

Aber vielleicht ist Seelsorge ja doch etwas ganz anderes und vielleicht sind diese Vorurteile nicht unbedingt zielführend. Denn, umgedreht: weshalb gibt es Seelsorge von Anbeginn der Christenheit an als wichtige Einrichtung – ohne dass das damals eine neue Erfindung des Christentums gewesen ist?

Im Alten Testament findet sich eine Erzählung, die eine ganz harte Wirklichkeit beschreibt und zugleich eine Idee gibt, was Seelsorge in Wirklichkeit ist, jenseits von Vorurteilen oder Verklärung.

Im Buch Hiob geht es um heftige Schicksalsschläge. Hiob hatte großes Unglück erfahren: sein Vieh war geraubt worden, seine Kinder waren umgekommen und er selbst schwer erkrankt.

Ich lese aus dem zweiten Kapitel des Buches Hiob:

Ijob hatte drei Freunde: Elifas aus Teman, Bildad aus Schuach und Zofar aus Naama. Als sie von all dem Unglück hörten, das Ijob getroffen hatte, beschlossen sie, ihn zu besuchen. Sie wollten ihm ihr Mitgefühl zeigen und ihn trösten. Sie sahen ihn schon von ferne, doch sie erkannten ihn nicht. Als sie näher kamen und sahen, dass er es war, fingen sie an, laut zu weinen. Sie zerrissen ihre Kleider und warfen Staub in die Luft und auf ihre Köpfe. Dann setzten sie sich neben Ijob auf die Erde. Sieben Tage und sieben Nächte blieben sie so sitzen, ohne ein Wort zu sagen; denn sie sahen, (dass der Schmerz sehr groß war)1.
— Hiob 2,11–13, Gute Nachricht Bibel, mit Konjekturen

(Notfall-)Seelsorge

Heute habe ich Ihnen die Arbeit der Notfallseelsorge vorgestellt. Ein Stück weit ist Notfallseelsorge so etwas, wie es die Freunde von Hiob getan haben. Nein, nicht den Teil mit dem die Kleidung zerreißen, sondern zuerst einmal: da zu sein. Das ist in der Notfallseelsorge ganz wichtig: Menschen in existentiellen Krisen nicht allein zu lassen. Die Notfallseelsorgerin bleibt, wenn andere Einsatzkräfte abrücken und gewöhnlich niemand mehr da ist.

Die meisten Menschen sind in so einer Situation wie vor den Kopf gestoßen, weil ihre Welt plötzlich und radikal aus dem Angeln gehoben wurde. Dann ist es gut, wenn jemand da ist, so wie es bei Hiob die Freunde waren.

Seelsorge kann ganz unterschiedlich sein. Sie ereignet sich zum Beispiel im Krankenhaus, wenn Menschen ganz deutlich die Grenzen von Gesundheit erfahren, oftmals in ihrer gewohnten Lebensführung eingeschränkt sind oder ihnen selbstverständliche Dinge zeitweilig unmöglich sind. In solchen Situationen haben viele Menschen Fragen, bewerten neu, weil ihr Alltag unterbrochen ist:

  • Was gilt in meinem Leben? Was ist selbstverständlich, fest, klar, unumstößlich?
  • Und was ist in meinem Leben eigentlich nicht »aus Stein gemauert«; was ist nur so gerade eben im Gleichgewicht; was hat drastische Folgen, wenn es sich verändert?

Manchmal ist die »Mauer« gar nicht so hoch und stabil, die unsere Ordnung davor bewahrt, ins Chaos zu stürzen.

Es sind doch gerade die Dinge, die uns ganz wichtig sind und am Herzen liegen, die uns erschüttern können. Das sind Situationen, in denen Seelsorge helfen kann.

Seelsorge begleitet auf dem Lebensweg – besonders in Veränderungen und Krisen. Seelsorge ist dabei aber mehr als nur »Händchenhalten«. Seelsorgerinnen und Seelsorger können Wegbegleiter sein, die einem helfen, aus Chaos einen eigenen gehbaren Weg zurück in die Ordnung zu finden. Nein, sie räumen einem nicht die Hindernisse aus dem Weg und sagen: »Genau da lang musst du gehen und alles wird wieder gut.« Sie halten einem vielmehr das Licht, wo man in der Dunkelheit einen Weg sucht, leuchten gemeinsam Wege aus, damit man eine eigene Richtung findet.

Wer ist Seelsorger?

Wer ist denn eigentlich Seelsorgerin, Seelsorger? Hiobs drei Freunde waren es ganz bestimmt, obwohl sie eigentlich genau gar nichts »gemacht« haben.

Wir wissen alle, wie unsäglich das ist, wenn sich jemand um uns kümmert, aber eigentlich gar nicht bei uns ist. Hiob hatte gerade alles verloren, was ihm im Leben etwas bedeutete. Seine Kinder waren tot, sein Vieh fort, das Eigentum verloren.

Hiobs Freunde sind einfach nur da gewesen, ohne irgendwelche Aktionen. Wie unpassend gleich irgendwelche Taten sein können, können wir uns mit einem bisschen Phantasie ausmalen.

Also, jetzt nur einmal vorgestellt, kommen seine Freunde zu Hiob, legen ihm den Arm um die Schultern und sagen: »Kopf hoch, alter Junge, es hätte schlimmer kommen können. Denk mal an den alten Zacharias, wie es dem im letzten Winter ergangen ist. Und weißt Du noch, wie viel schlimmer das neulich bei mir war, als …«

Nicht wahr: das sind solche »Tröster«, die einem überhaupt nicht gut tun.

Es gibt Situationen, da ist es dran, einfach da zu sein, jemanden nicht allein zu lassen und sich so zwischen ihn und die Verzweiflung zu stellen.

Hiobs Freunde haben das gemacht. Sie waren sensibel genug, erst einmal den Mund zu halten, hinzuhören und Hiob nicht mit wohlgemeinten Rat-schlägen zu »vertrimmen«. Und sie haben das ausgehalten, nicht gleich irgendetwas zu tun.

Wie wohltuend ist das, wenn man nicht allein gelassen wird und niemand einem erzählt, was bei einem selbst gar nicht dran ist. Das hilft, wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen, wieder zu sich selbst zurück zu finden.

Wie kann ich seelsorgerlich handeln?

Wir alle können seelsorgerisch handeln und ich bin sicher: wir alle haben das schon oft getan.

  • Seelsorgerisch handeln wir, wenn wir dem anderen Raum lassen, Belastendes auszusprechen, ohne gleich zu kommentieren, zu werten oder Ratschläge zu geben.
  • Seelsorgerisch handeln wir, wenn wir jemandem ein Ohr leihen oder eine Schulter geben; jemanden einfach in den Arm nehmen, ohne etwas zu erwarten oder zu fordern. Vielleicht ja sogar dann, wenn wir jemanden an die Hand nehmen.

Wo wir in Sorge, Ungewissheit oder Nöten sind, sehnen wir uns auch zuallererst nach Halt und Geborgenheit und nicht nach den Einschätzungen oder Lösungsideen anderer – schon gar nicht nach Vergleichen oder Parallelgeschichten, wie es jemand anders geht oder ergangen ist.

Wo wir es schaffen, den anderen als die, als den anzunehmen, der er ist, ist ganz viel gewonnen.

Ein Weiteres können wir tun: uns einen starken Verbündeten dazuholen. Dies wäre keine Predigt, wenn es nicht Gott wäre, den ich meine. »*Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch*« heißt es im Ersten Petrusbrief (1. Petr 5,7; Lutherbibel 2017). Wir können ihm im Gebet sagen, was uns drückt. So können wir Ruhe und neue Kraft finden, weil Gott ein Fels ist, der jeder Brandung trotzt.

Dieses Vertrauen in Gott ist etwas, was in der Notfallseelsorge ganz wichtig ist und auch zur Sprache kommen kann – freilich, und das sei ganz ausdrücklich gesagt: da, wo Menschen das auch wollen. Notfallseelsorge ist Hilfe in der Not, aber keine »Sachsenmission« nach dem Motto: »Willst du nicht mein Bruder sein, so schlag’ ich dir den Schädel ein«. Das spezifisch religiöse oder christliche Moment von Notfallseelsorge kann sich auch darin erschöpfen, dass man lediglich darauf hinweist, von der Kirche zu sein und das ist dann auch alles. Umgekehrt: vielen Menschen hilft ein Gebet, nicht nur dann, wenn ihnen Gott fremd geworden ist.

Dem Hiob hat es gut getan, dass seine Freunde für ihn da waren. Das ist Seelsorge: dem Gegenüber das zu sein, was es gerade braucht.

  • Das kann derjenige sein, der seine Schulter zur Verfügung stellt.
  • Das kann diejenige sein, die zuhört oder in den Arm nimmt.
  • Das kann manchmal auch derjenige sein, der einfach mit anpackt und die Karre aus dem Dreck zieht oder
  • die, die einen an den Leben möglich machenden Gott erinnert, weil sie für oder mit einem betet.

Schenke Gott uns allen, dass wir erkennen, wo andere uns brauchen und dann den Mut und das Geschick, wirklich da zu sein.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


  1. Die Gute Nachricht Bibel übersetzt den Text in Klammern: »wie furchtbar Ijob litt«. Dem kann ich mit dem Grundtext in BHS (Hi 2,13bβ.γ, כִּ֣י רָא֔וּ כִּֽי־גָדַ֥ל הַכְּאֵ֖ב מְאֹֽד׃) nicht folgen: כְּאֵב bedeutet laut Gesenius’ hebräischem Handwörterbuch, 17. Auflage, allein »Schmerz«. [return]