Predigt über Lukas 10,38–41: Maria, Martha und ich

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Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

Liebe Gemeinde, noch fünfzig Tage sind es bis Ostern! Im Kirchenjahr sind wir noch auf dem Weg dahin, so wie auch Jesus auf dem Weg durch Israel war. Mit seinen Jüngern hatte er sich aus der Gegend um den See Genezareth aufgemacht, nach Jerusalem zu gehen.

Auf diesem Weg, der mehrere Tagesreisen lang war, kam er durch viele Dörfer, traf die Menschen dort und sprach zu und mit ihnen.

Hören Sie dazu den Predigttext aus dem Lukasevangelium, Kapitel 10:

Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihnen zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll! Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.
— Lukas 10,38–42 (Lutherbibel 2017)

Gott, wir danken Dir für Dein Wort. Sende uns Deinen Heiligen Geist, dass er sie in unsere Herzen lege. Amen.

Hoher Besuch oder die Kunst der Gastfreundschaft

Eines Tages hatte Jesus bei Martha Rast gemacht. Gastfreundschaft wurde in Israel groß geschrieben und sie fühlte sich geehrt, denn eine Witwe galt nicht viel, hatte auch nicht viel – um so bemerkenswerter, dass sie Jesus herzlich aufnimmt. Nun geht es eigentlich gar nicht, dass ein Mann mit einer fremden Frau spricht, sie sogar noch besucht, aber ihre Schwester Maria ist auch da, Gott sei Dank. Und während Martha sich abmüht, es dem Gast gemütlich zu machen, setzt sich Maria einfach zu Jesus, statt ihrer Schwester zu helfen.

Jan Vermeer, 1654/1655: Christus bei Maria und Martha. Wikipedia, public domain.

Können wir Marthas Entrüstung über ihre Schwester nicht gut verstehen? Vielleicht ging Martha folgendes durch den Kopf: »Statt mit anzupacken, macht sie es sich gemütlich! Wie dreist! Nein, also wirklich, so was geht doch nicht. Da kommt dieser bekannte fromme Gelehrte vorbei, der obendrein noch ein Mann ist, und statt zu putzen und zu kochen, unterhält sie sich mit ihm! Einem Mann! Also wirklich: so was gehört sich doch nicht. Und was wird man sich jetzt wohl im Dorf über uns erzählen!«

Vielleicht ist das die Denkweise, die hinter Marthas Protest steht. Männer und Frauen waren im Israel dieser Zeit nicht gleichberechtigt. Aber einem Gast macht man es schön, gibt das letzte Hemd. Wer schon einmal in einem orientalischen Land war oder Menschen von dort kennt, weiß, was Gastfreundschaft dort ist.

Schauen wir einmal auf Marias Standpunkt. Was macht sie? Sie setzt sich zum Gast, »hörte die Rede des Herrn, nachdem sie sich ihm zu Füßen niedergelassen hatte«, so der Predigttext. Möchte man da nicht eigentlich »wie nett!« ausrufen? Die eine fuhrwerkt wild herum – für den Gast wohlgemerkt – aber die andere nimmt sich Zeit für ihn, setzt sich zu ihm.

Es steckt mehr hinter der Erzählung

Und es geschieht noch mehr: Beide Frauen wissen, dass Jesus nicht ein x-beliebiger Gast auf der Durchreise ist. Sie wissen, dass er ein Rabbi ist, ein Mann Gottes. Sicher ist auch zu ihnen gedrungen, was Jesus alles getan hat, dass er Kranke geheilt hat, dass er höchst erstaunliche Dinge gemacht hat, sogar von Wundern munkelte man. Und jetzt war er bei ihnen, in Marthas Haus! Kein Wunder, dass diese sich bemühte, es diesem Gast schön zu machen. Und so geriet sie dann außer sich: Jesus sollte ihrer Schwester doch bitte einmal klar machen, wie wichtig, toll und berühmt er war und sie nur ja auch ans Putzen schicken.

Jesu Antwort haben wir eben gehört: »Martha, Martha! Du sorgst dich und kümmerst Dich um vieles – ein einziges aber ist notwendig. Maria hat das gute Teil gewählt, das ihr nicht genommen werden wird.«

Jesus bestätigt Maria auch noch, schickt sie nicht an die Arbeit, sondern klopft ihr sozusagen auf die Schulter! Was für ein Schlag für die arme Martha.

Der Predigttext endet mit den Worten Jesu. Der Evangelist Lukas erzählt nicht, was sie darauf entgegnet hat. Oder ob sie vielleicht nichts gesagt und sich empört abgewendet hat, um ihren Zorn durch lautes Klappern mit dem Küchengerät abzureagieren. Oder ob sie sich dazu gesetzt hat.

Schade eigentlich. Das wäre doch wirklich interessant zu wissen, wie sie reagiert hat. Sie ist ja eigentlich nicht die putzwütige Kratzbürste, als die Lukas sie schildert. Ihre Motive sind lauter, sie meint es gut mit Jesus. Mag sie sich nicht gesagt haben: »Also dieser Jesus ist ja ein undankbarer Rüpel! Statt meine Gastfreundschaft mal zu loben, hält er mir einen Vortrag, wie toll das ist, das Maria so stinkend faul ist.«

Wie gesagt: Lukas schreibt dazu nichts weiter. Warum wohl? Die Antwort liegt auf der Hand: für ihn ist das der Höhepunkt dieses kurzen Gesprächs und die Pointe spricht für sich selbst.

Und ich? Bin ich wie Martha oder wie Maria?

Holen wir den Predigttext einmal in unsere Zeit. Schauen wir, wo wir vorkommen: Welcher Typ sind Sie? Sind Sie eher jemand wie Martha, der seine Gäste das perfekte Ambiente erleben lassen möchte? Oder sind Sie eher wie Maria, also jemand, der die Dinge einmal liegen lassen kann und sich dazu setzt?

In allen vier Evangelien wird deutlich, dass Jesus sich den Menschen zuwendet, dass er in Kontakt zu ihnen steht. Indem er das tut, Beziehung eröffnet, zeigt er Gottes Liebe zu den Menschen.

Maria hat auch Kontakt zu Jesus. Während Martha durchs Haus wirbelt, setzt sie sich ihm zu Füßen. Den Stuhl bekam der Gast, Jesus, als Ehrenplatz. Die »Schüler« sitzen, wie in der Antike üblich, ihm als dem Lehrer zu Füßen und lernen. Und ebenso erstaunlich wie der Besuch Jesu bei einer Frau ist, ist, dass der Schüler dieses Rabbis eigentlich eine Schülerin ist, Maria. In der damaligen Gesellschaft galt das als noch schlimmer, eine Frau zu unterrichten. Besuchen war schon anstößig, aber das war einfach nur völlig unmöglich.

Doch »das gute Teil«, das ihr nicht genommen werden kann ist eben das, was Jesus zu ihr sagt. Evangelium, gute Nachricht?

Vielleicht hat Jesus Maria davon berichtet, dass Gottes Reich nahe ist. Dass es offen steht für alle Menschen. Dass er, Jesus, den Weg dahin bereitet und dass in ihm Unterschiede und unsere sozialen Normen ohne Belang sind.

Sich auf Gott einlassen

Was würden wir wohl tun, wenn es nachher bei uns zu Hause klingelte und Jesus stünde vor der Tür? Spielen Sie das doch einmal in Gedanken durch. Also: es klingelt, draußen steht Gott. Was tun? Reinlassen? Und was, wenn ihm der Wohnzimmerschrank nicht gefällt?

Das wäre vielleicht eine moderne Fassung von Marthas Gedanken. An der Geschichte sehen wir: es kommt eben nicht darauf an, sich viel Aufwand und Sorgen wegen Gott zu machen, wie man es ihm rechtmachen kann.

Maria zeigt uns, worauf es ankommt: dass wir uns ganz einfach auf Gott einlassen. Das ist das Einzige, was wichtig ist.

Doch wie kann das gehen? Wie lässt man sich auf Gott ein? In unserem Alltag klingelt es nicht und Gott steht vor der Tür.

Wir können uns auf Gott einlassen, indem wir ihm Raum in unserem Leben geben, Kontakt zu ihm haben, eine Beziehung zu ihm pflegen. Das kann ganz unterschiedlich gehen. Einige Beispiele:

  • Wir können Gott Raum geben, indem wir vor den Mahlzeiten ein kurzes Dankgebet sprechen. Oder vor dem Schlafen gehen.
  • Wir können Gott Raum geben, indem wir ihm sagen, was uns schwer fällt, »Ballast abwerfen«.
  • Wir können Gott Raum geben, indem wir ihm zuhören. Ein Blick in die Bibel ist einfach und das Lukasevangelium immer ein guter Startpunkt.

Maria zeigt, wie einfach es eigentlich ist, sich Gott zu öffnen. Die Fülle unserer Alltagssorgen kann es uns vergessen machen, so dass wir wie Martha nur noch von Sache zu Sache laufen, aber das Wesentliche aus dem Blick verlieren. Es gibt so viele Dinge, die im ein oder anderen Augenblick unheimlich wichtig zu sein scheinen – und manche sind es auch wirklich. Doch wo geben wir dem zu hohen Stellenwert und lassen Gott und die Menschen aus den Augen?

Erinnern wir uns daran, wenn wir gleich miteinander das Heilige Abendmahl feiern. Und mehr noch: Nehmen wir dabei einander in Blick, so wie Maria und Jesus einander im Blick hatten. Einander im Blick zu haben heißt doch, Kontakt zueinander zu haben, in Beziehung zu stehen. Das ist das gute Teil: in Jesus Christus eröffnet Gott uns eine Beziehung zu sich selbst und uns untereinander. Er schenkt uns eben nicht allein (wie es in der Lesung hieß) Glaube und Hoffnung, sondern auch die Liebe.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Lied: eg 221,1–3 Das sollt ihr, Jesu Jünger, nie vergessen