Predigt über Apostelgeschichte 2,1–21 – Gott trägt uns durch

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen!

Pfingsten ist kein beliebtes Fest

Liebe Gemeinde, »endlich Pfingsten«: wer hat sich das heute Morgen gesagt? Bitte winken Sie doch einmal!

Dann winken doch bitte mal alle, die sich mit dem Ruf »Endlich Weihnachten!« anfreunden können.

Eigentlich ist dieses Ergebnis nicht erstaunlich. Weihnachten – Ostern – Pfingsten, das ist eine Hitparade mit ersten und letzten Plätzen und vielleicht stellen wir auf unserer inneren Liste das Erntedankfest oder den Reformationstag noch vor das Pfingstfest.

Pfingsten, das »Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes«, wie es so herrlich altmodisch bezeichnet wird, ist irgendwie wenig greifbar. Es geht um den Heiligen Geist, aber gesehen hat den noch niemand. Und überhaupt: was soll das sein, Heiliger Geist? Kleine Kinder denken dabei am Ende noch an ein Nachtgespenst …

Pfingsten ist das Schlusslicht bei den großen christlichen Festen. Dass Weihnachten als die Zeit des Handelns Gottes des Vaters, Ostern als die++ Zeit des Handelns Gottes++ des Sohnes und Pfingsten als Zeit des++ Handelns Gottes des++ Heiligen Geistes gleichrangig sind, weiß kaum jemand.

Der Heilige Geist fristet in unserer Theologie ein Nischendasein, sitzt wie ein ungeliebter Verwandter am Ende der Festtafel. Das sehen wir sogar im Kalender: Weihnachten ist von Ende November bis Ende Januar das Thema. Ostern nimmt mit der Passionszeit von Februar bis in den Mai++ mit der österlichen Freudenzeit++ einen breiten Teil ein. Pfingsten dauert genau eine Woche, denn der nächste Sonntag ist schon Trinitatis, wo es dann um den dreieinigen Gott geht.

Was ist Pfingsten? Hören Sie den Predigttext aus Apostelgeschichte Kapitel 2:

Apg 2,1–18 (NGÜ) Schließlich kam das Pfingstfest. Auch an diesem Tag waren sie alle wieder am selben Ort versammelt. Plötzlich setzte vom Himmel her ein Rauschen ein wie von einem gewaltigen Sturm; das ganze Haus, in dem sie sich befanden, war von diesem Brausen erfüllt. Gleichzeitig sahen sie so etwas wie Flammenzungen, die sich verteilten und sich auf jeden Einzelnen von ihnen niederließen. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt, und sie begannen, in fremden Sprachen zu reden; jeder sprach so, wie der Geist es ihm eingab.
Wegen des Pfingstfestes hielten sich damals fromme Juden aus aller Welt in Jerusalem auf. Als nun jenes mächtige Brausen vom Himmel einsetzte, strömten sie in Scharen zusammen. Sie waren zutiefst verwirrt, denn jeder hörte die Apostel und die, die bei ihnen waren, in seiner eigenen Sprache reden. Fassungslos riefen sie: »Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wie kommt es dann, dass jeder von uns sie in seiner Muttersprache reden hört? Wir sind Parther, Meder und Elamiter; wir kommen aus Mesopotamien und aus Judäa, aus Kappadozien, aus Pontus und aus der Provinz Asien, aus Phrygien und Pamphylien, aus Ägypten und aus der Gegend von Zyrene in Libyen. Sogar aus Rom sind Besucher hier, sowohl solche, die von Geburt Juden sind, als auch Nichtjuden, die den jüdischen Glauben angenommen haben. Auch Kreter und Araber befinden sich unter uns. Und wir alle hören sie in unseren eigenen Sprachen von den wunderbaren Dingen reden, die Gott getan hat!«
Alle waren außer sich vor Staunen. »Was hat das zu bedeuten?«, fragte einer den anderen, aber keiner hatte eine Erklärung dafür. Es gab allerdings auch einige, die sich darüber lustig machten. »Die haben zu viel süßen Wein getrunken!«, spotteten sie.
Jetzt trat Petrus zusammen mit den elf anderen Aposteln vor die Menge. Mit lauter Stimme erklärte er: »Ihr Leute von Judäa und ihr alle, die ihr zur Zeit hier in Jerusalem seid! Ich habe euch etwas zu sagen, was ihr unbedingt wissen müsst. Hört mir zu! Diese Leute hier sind nicht betrunken, wie ihr vermutet. Es ist ja erst neun Uhr morgens. Nein, was hier geschieht, ist nichts anderes als die Erfüllung dessen, was Gott durch den Propheten Joel angekündigt hat.
›Am Ende der Zeit‹, so sagt Gott,
›werde ich meinen Geist über alle Menschen ausgießen.
Dann werden eure Söhne und eure Töchter prophetisch reden;
die Jüngeren unter euch werden Visionen haben
und die Älteren prophetische Träume.
Sogar über die Diener und Dienerinnen, die an mich glauben,
werde ich in jener Zeit meinen Geist ausgießen,
und auch sie werden prophetisch reden.
Sowohl droben am Himmel als auch unten auf der Erde
werde ich Wunder geschehen lassen,
und es werden furchterregende Dinge zu sehen sein:
Blut und Feuer und dichte Rauchwolken.
Die Sonne wird sich verfinstern,
und der Mond wird rot werden wie Blut,
bevor jener große Tag kommt,
an dem der Herr in seiner Herrlichkeit erscheint.
Jeder, der dann den Namen des Herrn anruft,
wird gerettet werden.‹«
— Joel 3,1–5

Pfingsten erinnert: Gott trägt mich

Pfingsten erinnert uns daran, dass wir getragen sind: Gottes guter Geist trägt uns. Im Alltag ist das oft kaum zu spüren und doch: wo wir uns auf Gott zurückbesinnen, da können wir sein Tragen erkennen.

Wer kennt das nicht? Immer wieder erleben wir doch, an Grenzen zu geraten und Wege finden zu müssen, die man gehen kann:

  • Was ist, wenn es in der Partnerschaft hakt? Die funktioniert nicht, wenn einer von beiden immer nur seine Vorstellungen realisieren will. Und, nebenbei bemerkt: so etwas ist ja auch keine richtige Partnerschaft; diese setzt ein Miteinander und gemeinsames Entscheiden auf Augenhöhe voraus.
  • Was ist, wenn Krankheit es notwendig macht, das Leben zu ändern und liebe Gewohnheiten aufgeben zu müssen, sich selbst auch ein Stück weit neu zu erfinden?
  • Was ist, wenn die Arbeit sich ganz grundsätzlich ändert, weil Abläufe, Inhalte und so weiter geändert werden müssen, um weiter im Geschäft zu bleiben?

Das sind drei Beispiele, was sich alles ändern kann. Fragen wie die nach Unfällen, der Notwendigkeit Umzuziehen und Veränderungen in der Familienstruktur habe ich außen vor gelassen.

Allen diesen Situationen gemeinsam ist, dass sie uns aus dem Tritt bringen, wenn es um unser »Eingerichtet sein im Leben« geht. Routinen müssen sich wandeln, Pläne geschmiedet werden und viel Energie eingesetzt werden, um »den Kahn wieder auf Kurs zu bringen«.

Das sind die stürmischen Zeiten im Leben, auf die oft eine Flaute++ wie in den Roßbreiten++ folgt. Nach der Hektik kommt das Ausharren müssen und wie es weiter geht, ob alles klappt, steht – nein, nicht in den Sternen – in Gottes Hand.

Pfingsten bewegt

Die Apostel haben alles das erlebt. Was für ein Wechselbad der Gefühle hatten sie hinter sich! Lebensgefährlich war es geworden, auch für sie. Seit Jesus an Palmsonntag in Jerusalem eingezogen war, war die Woge der Begeisterung immer höher geklettert, bis sie am Abend des Gründonnerstags brach. Judas hatte Jesus im Garten Gethsemane verraten – mit einem Kuss. Die Jünger suchten ihr Heil in der Flucht, tauchten ab und versteckten sich. Zitternd und bangend harrten sie aus, warteten auf das Klopfen einer römischen Patrouille an der Tür und die eigene Verhaftung. Dann Jesu Hinrichtung und Tod am Karfreitag.

Am Ostermorgen wurde dieses Wechselbad der Gefühle ausgekippt. Die Frauen konnten unbehelligt tun, was den Männern verwehrt war. Sie berichteten, dass Jesus lebt, ihnen begegnet war. Und dann kam er auch zu ihnen.

Alles wurde anders in diesem Moment der Begegnung mit dem Auferstandenen Christus. Da war Bewegung, da wirkte der Heilige Geist. Und dann, an diesem ersten Pfingsttag damals in Jerusalem, da hielt Gott ihn nicht mehr zurück.

Kennen Sie solche Momente, in denen man den »Rückenwind« regelrecht spürt? Wo man weiß, welche Schritte man gehen muss und sich sicher ist, dass das von Erfolg gekrönt sein wird?

Das sind unsere »Pfingstmomente«, wenn wir spüren, Anschub zu haben. Und das klappt auch in den schwierigen Situationen, wo man kaum einen Schritt vor den anderen setzen kann, weil man den Weg nicht weiß oder Tragweite und Konsequenzen nicht abzuschätzen sind. Auch dann kann man – bei aller Zaghaftigkeit – darauf vertrauen, dass Gott mit einem auf dem Weg ist.

In der Rückschau erkenne ich so manche Situationen, in denen Gott mich getragen hat, wo ich allein »stecken geblieben« wäre.

Das ist Pfingsten, das ist das Markenzeichen des Heiligen Geistes: mit ihm überwinden wir Abgründe. Und dabei handelt er so unscheinbar. Das Gedicht »Spuren im Sand« beschreibt das so:

Fußspuren im Sand

Eines nachts träumte jemand:
Er lief mit dem Herrn.
Über den Himmel flackerten Szenen aus seinem Leben.
Für jede Szene bemerkte er zwei Fußspuren im Sand: eine gehörte ihm, die andere dem Herrn. Als die letzte Szene seines Lebens fertig war, sah er zurück auf die Fußspuren im Sand.
Er bemerkte, dass zu vielen Zeiten auf seinem Lebensweg nur eine Fußspur war. Er bemerkte auch, dass das zu den schwierigsten und traurigsten Zeiten seines Lebens der Fall war. Das beunruhigte ihn sehr und er fragte den Herrn danach: »Herr, als ich beschloss, Dir zu folgen, sagtest Du, dass Du den ganzen Weg mit mir gingest. Aber ich erkenne, dass in den allerschwierigsten Zeiten meines Lebens nur eine Spur sichtbar ist. Ich verstehe nicht, wie Du mich verlassen konntest, als ich Dich am meisten brauchte!« Der Herr antwortete:
»Mein liebes Kind, ich liebe Dich und würde Dich niemals verlassen.
Während Deiner Zeiten voller Versuchung und Leiden,
wo Du nur eine Fußspur siehst,
war es, dass ich Dich getragen habe. — Margaret Fishback Powers (?), übers. d. Verf.

Im Gedicht ist es die Frage nach der scheinbaren Gottverlassenheit, die sich als das Gegenteil entpuppte. Pfingsten ist zwar ein unscheinbares Fest, aber es ist für unser Glaubensleben sicherlich das Wichtigste. Gottes Geist bringt Freiheit, weckt und nährt unseren Glauben. Der heilige Geist ist so etwas wie »Treibstoff«: unsichtbar wie Strom oder der Sprit im Tank, doch er gibt Kraft. Wenn er fehlt, heißt das Stillstand, auch im Glauben. Und dann scheint Gott ganz fern zu sein.

Doch das gilt ja auch: Wer »die Segel nicht hisst«, weil er aus eigener Kraft vorwärts kommen will, wird den Geist auch nicht zur Wirkung kommen lassen. Deshalb ist es gut, dass Christenmenschen Geschwister und eine Gemeinde haben. Das kann helfen, das Wirken von Gottes Geist zu erkennen.

Liebe Gemeinde, unser Glaubensleben bewegt sich zwischen dem wehenden Wind des Heiligen Geistes und der totalen Flaute. Hoffentlich finden wir immer wieder die Kraft, genau hinzuschauen, um das eine vom anderen zu unterscheiden und, vor allem: Gottes Tragen im Heiligen Geist immer wieder zu erleben.

Sich für sein Handeln immer wieder zu öffnen, wünsche ich uns allen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen.

Lied: eg 129,1–4 Freut euch, ihr Christen alle