Predigt über Römer 1,16–17: Selber denken!

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Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen!

Liebe Gemeinde, »selber denken« ist das Motto dieses Gottesdienstes. Ich finde, das passt zum Anlass, der Vorstellung unserer angehenden Konfirmandinnen und Konfirmanden. Selber denken ist ein zutiefst protestantisches Motto und hat ganz wesentlich damit zu tun, was evangelisch sein ausmacht.

Konfiunterricht als Beitrag zur Bildung einer christlichen Persönlichkeit

Konfiunterricht hat mit Selber denken zu tun, denn dabei geht es darum, sich mit der Bedeutung der eigenen Taufe auseinanderzusetzen und Grundlagen christlichen Glaubens kennenzulernen.

Von Anfang an ging es Reformatoren wie Martin Luther oder Philipp Melanchthon darum, dass Menschen sich ihres gottgegebenen Verstands bedienen. Vor der Reformation war vorgegeben, was zu denken war und die Gesellschaftsordnung war auch festgelegt. Seinen Verstand als mündige Person selbst zu benutzen, das war in religiösen, politischen und sozialen Fragen gar nicht erlaubt.

Evangelisch sein ist nicht einfach: es bedeutet, sich selbst damit auseinanderzusetzen, was man glaubt, das zu durchdenken. Protestantismus heißt, zu Denken. Das ist Chance und Risiko zugleich:

  • Chance ist es, weil es Menschen zu mündigen Christenmenschen macht.
  • Risiko ist es, weil Denken vielen Menschen zu anstrengend ist und es einfacher ist, das Leben durch äußere Rahmen wie Schule, Arbeit, Freunde und Vereine gestalten zu lassen, statt es selbst in die Hand zu nehmen.
    Viele Menschen schwimmen lieber mit dem Strom und übernehmen Meinungen und Positionen anderer. Man könnte frech sagen: wer so lebt, lebt in geistiger Hinsicht eigentlich noch im Mittelalter, auch wenn das, was man sich vorgeben lässt, heute ganz zeitgemäß via TV, WhatsApp oder online zu einem gelangt.
    Das ist die Hürde: Selber Denken und mündig zu handeln ist anstrengend.

Bildung ist die Aufbauung einer mündigen Person. Dazu trägt der Konfiunterricht auf seine spielerische Art bei: Ihr Konfis solltet am Ende kompetent sein, zu Grundfragen christlichen Glaubens eine begründete Meinung äußern zu können. Ihr solltet am Ende auch eine Idee haben, was Christsein für Euer Leben bedeutet. Damit seid – könnt – ihr mehr, als vor dem Q-Club. Mehr noch: Als evangelische Christenmenschen solltet ihr mündig sein und Euren Kopf zum Denken benutzen. Das schließt das unreflektierte Übernehmen der Meinungen anderer aus.

Luthers Erkenntnis als Grundlage: Römer 1,16–17

Für Martin Luther war klar: mündig Christin oder Christ zu sein heißt, zu denken und sich eine Meinung zu bilden. Jesus Christus als festen Grund und Fundament zu haben war ihm dabei wichtig.

Wie wichtig das ist, hat Martin Luther an Paulus’ Römerbrief erkannt. Darin steht ein Vers, der bei Luther regelrecht eingeschlagen ist. Paulus schreibt:

Röm 1,16f (M.P.) Ich schäme mich des Evangeliums [von Jesus Christus] nicht, denn es ist Gottes Kraft, jede und jeden, der [an Christus] glaubt, zu retten … Denn im Evangelium wird Gottes Gerechtigkeit im Glauben erkennbar, wie [es schon im Alten Testament] steht: »Der Gerechte wird aus Glauben leben.« (Hab 2,4)

Luther hat daran erkannt: In Jesus Christus ist uns alles geschenkt, was wir brauchen, um mit Gott zu leben. Glaube an Jesus Christus ermöglicht uns, christlich zu handeln und diese Welt, unsere Gesellschaft – angefangen im Kleinen – zu einem besseren Ort zu machen. Die Welt besser zu machen heißt, sich für Werte wie Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit einzusetzen. Und christlicher Glaube bleibt bei diesen drei nicht stehen, weil Christ zu sein heißt, mehr »Tiefgang« zu haben.

Was bedeutet das? Diese Frage ist in einer Gesellschaft, die Religion und Glauben kritisch beäugt, notwendig. Konfirmation ist ein Bekenntnis: es ist die eigene Bejahung des »Ja«, das Gott in der Taufe zu uns gesagt hat. Das wird im Mai zuerst Euch gelten, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, aber in gleicher Weise geht es die Menschen an, die bei Eurer Konfirmation zugegen sind. Auch sie können sich an ihre Taufe erinnern und was das bedeutet.

Viele Menschen leben heute, als seien sie nicht getauft worden. Gott kommt in ihrem Leben nur am Rand vor oder ist auf ein »O Gott«, wenn etwas passiert, reduziert.

Paulus hat anderes erfahren: Glaube an Jesus Christus schafft eine lebendige Beziehung. Wer mit Christus lebt, kann sich in diesem Glauben getragen wissen. Wir erleben ja nicht nur die guten und schönen Tage und so manches Erlebnis, so manche Nachricht zieht uns den Boden weg, lässt uns aus der Sicherheit in ein »nichts ist, wie es war« fallen. Wer Gott in Jesus Christus an seiner Seite weiß, ist gerade dann nicht allein. »Da ist einer, der mit mir geht, durch dick und dünn«, das ist eine gute Erfahrung. Wir müssen nicht verzweifeln, das ist die Gute Nachricht – das Evangelium.

Und darum geht es heute Morgen. Dass da ein Gott ist, der nicht fernab ist oder nur ein netter Gedanke, sondern dass Gottes Kraft im Glauben mitten in uns wirksam wird.

Dazu gehört, sich zu diesem Gott zu bekennen – nicht nur, wenn es brenzlig wird oder opportun ist, sondern grundsätzlich. »Ich schäme mich des Evangeliums nicht« hat Paulus den Römern geschrieben, damals, vor zweitausend Jahren. Martin Luther hat an diese Worten und ihrer Fortsetzung die Erkenntnis gewonnen, mit der er diese Welt zu einer anderen gemacht hat: »Es ist Gottes Kraft, jede und jeden, der [an Christus] glaubt, zu retten«.

Ein halbes Jahrtausend ist das her, doch die Folgen sind bis heute spürbar. Luthers Erkenntnis hat letztlich Freiheit gebracht:

  • Freiheit, Gottes Liebe zu erkennen und zu erwidern.
  • Freiheit, sich mit Gottes Wort zu beschäftigen.
  • Freiheit, sich eine eigene Meinung bilden zu dürfen.

Diese drei Freiheiten sind grundsätzlich. Sich mit Gottes Wort zu beschäftigen ist in Deutschland erlaubt. Die neue Lutherbibel gibt es noch bis Oktober umsonst für’s Smartphone, Luther 2017 heißt sie.

Noch grundsätzlicher ist die Freiheit, sich eine eigene Meinung bilden zu dürfen. Wir erleben dieser Tage, dass in vielen Ländern Religionsfreiheit eingeschränkt ist. Mit ihrer Luther 2017-Bibel-App sollten sie besser nicht auf die Malediven reisen oder in Antalya öffentlich daraus vortragen; ihr Urlaubserlebnis könnte sich nämlich drastisch verschlechtern. Mit dem Evangelium zu leben, hat Folgen.

Mit dem Evangelium zu leben hat Folgen

Jedes Jahr wird ein Bibelvers ausgelost, der als Motto darüber stehen soll. Dieses Jahr ist es ein Vers aus dem Buch des Propheten Ezechiel:

Gott spricht: »Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.« (Ezechiel 36,26, Jahreslosung 2017)

Der Prophet Ezechiel hat dem Volk Israel dieses Wort in einer schwierigen Situation gesagt. Der Tempel in Jerusalem war von den Babyloniern zerstört worden und damit gab es für die Israeliten keinen Ort mehr, an dem man Gott begegnen oder ihm nahe sein konnte.

In dieser Zeit hat Ezechiel den Leuten dieses Wort Gottes gesagt: »Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.« Gott ist nicht bloß im Tempel in Jerusalem zu finden – ihr findet ihn überall, wo ihr euer Herz an ihm festmacht. Das ist die Bedeutung dieses Wortes und das passt zu Paulus’ »Ich schäme mich des Evangeliums [von Jesus Christus] nicht, denn es ist Gottes Kraft, jede und jeden zu retten«.

Wenn wir Gott in unserem Herzen haben, können wir anders leben. Wir sind frei, mit Gott zu leben, der der Schöpfer des Lebens ist. Mit ihm kann Leben gelingen, selbst wenn es anders verläuft, als wir das wünschen, planen oder ersehnen. Dann sind wir auch in den Krisenzeiten nicht allein, sondern haben ein Fundament, mit dem wir Stürmen trotzen und uns wieder Aufmachen können. Gott ist dann der »archimedische Punkt«, mit dem wir die Welt aus den Angeln heben können. Wo wir ihn im Herzen haben, können wir voller Hoffnung leben, weil Gott mehr für uns bereithält.

Liebe Konfis, liebe Gemeinde: In der Taufe haben wir ein neues Herz schon bekommen. Das ist ein Herz, in dem mehr Raum ist als nur für uns selbst oder die, die wir lieben. Den Gott, der uns das möglich macht, sollten wir nicht verschweigen, sondern frei heraus bekennen.

Als evangelische Christinnen und Christen sind wir mündige Menschen. Unser Verständnis geht noch weiter: wir alle sind Priesterinnen und Priester Jesu Christi. Deshalb können wir in seinem Namen handeln, damit auch andere Leben können – Gott finden können. Das ist eines der großen Verdienste Martin Luthers: dass wir frei sind. Mit Christus im Herzen können wir es fassen und verwirklichen.

Ein Letztes: Konfirmation, darin steckt das Wort »firm«, befestigt. Konfirmation ist eine »Befestigung im Glauben«. Das zu sein wünsche ich Euch, liebe Konfis, und allen unter uns: Festen Halt in Jesus Christus zu haben und ein Herz, das Freiheit möglich macht und Gottes Liebe ausbreitet. Dazu helfe uns Gott.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen.

Lied: Ein neues Herz