Predigt über Markus 12,41–44: Investitionen – mehr als Geld

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen!

Liebe Gemeinde, was ist Ihnen Ihr Glaube wert?

Eine seltsame Frage ist das, nicht wahr? Man könnte sie leicht so verstehen, dass sie meinte: »Was darf Glaube kosten

Wenn es um Kosten geht, ist nämlich ganz schnell das Ende der Fahnenstange erreicht. Glaube darf im Regelfall nichts kosten – keine Kirchensteuer, keine Zeit und auch keine Mühe. In Deutschland rechnen wir und es ist Brauch, dass eine Leistung ein Schnäppchen sein muss. Geiz ist geil – so kurzsichtig eine solche Haltung ist, so verbreitet ist sie auch. Ein Glaube, der kostet, fällt dann schnell hintenüber, denn daraus kann man nichts ziehen, was man nach Hause tragen und dort aufstellen kann oder was einem ganz unmittelbar etwas bringt. Wenn wir nachher nach Hause gehen, dann werden wir weder reicher noch schöner noch besser sein als heute Morgen.

Für manche der Jüngeren ist das heutzutage ein Grund, sich von Religion zu verabschieden: warum denn Kirchensteuer zahlen, wenn man sowieso nie in den Gottesdienst geht und gar nichts davon hat? Und wenn man dann hingeht, hört man am Ende noch eine solche Predigt! Ganz klar: Religion ist etwas Explosives und wer eine hat, ist vielleicht am Ende noch ein Fanatiker.

Aber Halt – gehen wir einen Schritt zurück. Eben fragte ich: »Was ist Ihnen Ihr Glaube wert?« Diese Frage stellt sich auch Jesus Christus. Hören Sie den Predigttext aus Markus 12:

Markus 12,41–44 (Lutherbibel 2017) Und Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten. Und viele Reiche legten viel ein. Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das ist ein Heller. Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: »Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. Denn sie haben alle etwas von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.«

Liebe Gemeinde, wenn es um Geld geht, ist dieser Text im Neuen Testament eine wahre Fundgrube, gleich drei Münzwerte werden hier genannt. Gerne hätte ich Ihnen gesagt, was die zwei Scherflein der Witwe denn in Euro wert gewesen wären, aber nach Lektüre mehrerer langatmiger Lexikonartikel weiß ich: das kann niemand sagen. Wohl kennt man die Münzen und kann sie zueinander in Beziehung setzen, aber sobald es um Wert und Kaufkraft geht, ist alle Erkenntnis am Ende.

Wie viel ist ein Heller wert? Ungefähr 1/50 Tageslohn, der aber von Region zu Region stark unterschiedlich war. Bei einem Stundenlohn von zehn Euro wären das zwanzig Eurocent, doch solche Überlegungen führen trotzdem zu nichts, weil das, was man mit solch einem Betrag heute in Deutschland und vor zweitausend Jahren in Palästina kaufen konnte, nicht in Einklang gebracht werden kann. Es bleibt, zu sagen: die Witwe hat einen ziemlich kleinen Betrag eingeworfen, aber für ihre Verhältnisse war das ziemlich viel Geld. Und das stellt Jesus ja auch so fest.

Sich für Gott investieren

Erinnern Sie sich noch an die Eingangsfrage: »Was ist Ihnen Ihr Glaube wert?« Natürlich liegt es nahe, wenn jetzt jeder nach diesem Predigttext die Frage für sich mit dem in die Klingelbeutelkollekte eingelegtem Betrag beantwortete. Aber das wäre eine billige Antwort; wir sind hier ja nicht beim Finanzamt. Auch der Slogan »Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt!«1 ist seit 500 Jahren ausgemustert.

»Welche Folgen darf mein Glaube im Alltag haben?« Das ist die bessere Frage, die wir uns vor dem Hintergrund des Predigttextes stellen können. Wie würden Sie das beantworten?

Diese Frage ist ja zugleich die nach der »Dosis«, also danach, wie intensiv Glaube gelebt wird: Wie verbindlich darf es sein? Wie locker muss es sein? Was ist das rechte Maß?

Mancher beantwortet das so, dass Religion sich mit dem Blick auf den Kirchturm am Straßenrand ausreichend vollzogen hat, für andere ist der regelmäßige Gottesdienstbesuch, die Teilnahme oder das Mitgestalten gemeindlicher Treffen der Normalfall. Und für die meisten Menschen bewegt es sich irgendwo dazwischen, mal mehr zur einen, mal mehr zur anderen Seite hin.

Der Predigttext weist auf die Frage nach dem Maß. Gehen wir einen Schritt weiter: dieses Maß bewegt sich ja nicht allein in der Frage nach der Religionsausübung. Es geht dabei doch auch um die Verbindlichkeit: hat mein Glaube Folgen für die Art und Weise, wie ich mein Leben führe?

Glauben leben dürfen

Heutzutage befinden wir uns meines Erachtens auf einem gefährlichen Kurs in Europa und in Deutschland. Religion wird immer mehr an den Rand gedrängt. Denken Sie nur an das Urteil des EuGH, das religiöse Symbole am Arbeitsplatz verbietbar macht.«). Natürlich war es davon inspiriert, das Musliminnen auf dem Tragen des Kopftuchs») bestanden, was in unserem Kulturkreis schwierig wahrgenommen wird, weil es auch politisches Symbol und Zeichen eines von unserem Verständnis abweichenden Frauenbildes ist.

Dieses Urteil zeigt neben der offensichtlichen Zielrichtung aber auch etwas anderes, nämlich dass es in Europa zunehmend geschieht, dass Religion aus dem öffentlichen Leben verbannt und ins Private abgedrängt wird. Auch in Deutschland geschieht dies, trotz der grundgesetzlich garantierten Religionsfreiheit. Diese scheint mir zunehmend als ein »frei sein von Religion« fehlgedeutet zu werden. Eine solche Haltung bedenkt nicht die Bedeutung, die Religion – ganz besonders die Errungenschaften der Reformation – in untrennbarer Weise für das hat, was uns als Volk ausmacht. Deutsche Sprache und freie Bildung sind nur zwei Stichpunkte, die ich hier nenne. Das alles zu Verleugnen oder ins Private zu verbannen, ist deshalb falsch.

Der Sonntag im Kirchenjahr

Der Sonntag Okuli hat Nachfolge zum Thema und damit auch das Thema, wie verbindlich Glaube sein darf und was man bereit ist, in seinen Glauben zu investieren. Okuli markiert die Mitte der Passionszeit, ist so eine Art »Bergfest«. Für unsere katholischen Geschwister ist die Bedeutung dieses Sonntags noch offensichtlicher, als für uns. Katholische Christinnen und Christen begehen – zumindest ist das die Tradition der katholischen Kirche – die Passionszeit als Fastenzeit. Vierzig Tage liegen zwischen dem mit Aschermittwoch zu Ende gegangenen Carneval und der Karwoche, eine Zeit, in der Katholikinnen und Katholiken auf Fleisch verzichten – wie verbindlich das gelebt wird, variiert.

Es geht an Okuli mit der Frage, was uns unser Glaube »kosten« darf, also um ein Doppeltes: einerseits um die Vergewisserung, wie weit wir in der Nachfolge persönlich gekommen sind, und andererseits darum, wie wir Nachfolge in Zukunft leben wollen.

Okuli – Nachfolge gelingt, wo wir Gott nicht aus dem Blick verlieren

Der Name des Sonntags Okuli kann uns auch für unser künftiges Christus Nachfolgen einen Hinweis geben. Die Namen der Sonntage im Kirchenjahr folgen häufig Worten aus den Psalmen. Der heutige Sonntag orientiert sich an Psalm 25, in dessen lateinischer Fassung ein Vers (V. 15) heißt: oculi mei semper ad Dominum …, »Meine Augen sehen stets auf den Herrn …« und fährt fort, »denn er wird meinen Fuß aus dem Netze ziehen.« (Luther 2017) Gottvertrauen kann helfen, in der Nachfolge Jesu weiterzukommen:

  • Wer Gott vertraut, weiß ihn an seiner Seite als den, der Kraft gibt, wo man schwach wird;
  • als den, der Mut macht, wo man verzagt oder die Sorgen überhand nehmen;
  • als den, der aufhilft, wo man feststeckt.

Wer Gott so erlebt, kann Nachfolge anders gestalten. Dann wird Glaube zu gelebtem Glauben, der eine echte Größe im Leben ist. Solcher Glaube hat Folgen, den lässt man sich etwas kosten. Und Nachfolge kann gelingen, wenn wir auf Gott und seinen Christus schauen, ihn nicht aus den Augen verlieren. Einige Bereiche, für die das beispielsweise gilt: Wie gehe ich mit anderen um? Das unterscheidet sich, ob ich an einen mitgehenden, erlösenden Gott glaube oder mir das fern liegt. Wie bewerte ich die Flüchtlingskrise und die Menschen, die in unser Land kommen? Wer weiß, dass Jesus Christus zur Erlösung aller Menschen ans Kreuz gegangen ist, wird eher auch in Flüchtlingen den oder die Nächste erkennen.

Ein letzter Gedanke: Früher wurde die Passionszeit als Fastenzeit gefeiert, also als Zeit bewussten Verzichts. Ich lasse es mich auf Zeit etwas kosten, um die Bedeutung dessen zu verstehen, was Christus für mich auf sich genommen hat. Dieser Gedanke liegt uns seit der Reformation ferner, denn die Reformatoren verstanden bewusste Handlungen wie Fasten als Werkgerechtigkeit, als den Versuch, sich Heil zu erarbeiten. Die protestantische Passionszeit ist deshalb mehr eine Zeit des Erinnerns und Bedenkens, was Jesus für uns getan hat, als eine Zeit der Bußhandlungen.

Liebe Gemeinde, die Mitte der Passionszeit haben wir erreicht, es ist »Halbzeit«. Noch zwei Sonntage liegen vor uns, dann ist es schon Ostern. Das sind drei Wochen, in denen wir uns Gedanken um das machen können, was wir eigentlich glauben, was uns das »kosten« darf und wie wir leben möchten. Ich wünsche Ihnen, dass Sie die Nähe Gottes in dieser Zeit ganz besonders erleben.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen.

Lied: eg 659 Ins Wasser fällt ein Stein