Predigt über Exodus 3,1–14 – Mose am brennenden Dornbusch

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Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen!

Liebe Gemeinde, hören Sie den Predigttext aus dem Zweiten Buch Mose, Exodus 3,1–17 – ich lese aus der Lutherbibel 2017:

Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Wüste hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb.  Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. Da sprach er: »Ich will hingehen und diese wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt.« Als aber der HERR sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: »Mose, Mose!« Er antwortete: »Hier bin ich.« Er sprach: »Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!« Und er sprach weiter: »Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.« Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen. Und der HERR sprach: »Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen, und ihr Geschrei über ihre Bedränger habe ich gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie aus diesem Lande hinaufführe in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt, in das Gebiet der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter. Weil denn nun das Geschrei der Israeliten vor mich gekommen ist und ich dazu ihre Drangsal gesehen habe, wie die Ägypter sie bedrängen, so geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.« Mose sprach zu Gott: »Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten?« Er sprach: »Ich will mit dir sein. Und das soll dir das Zeichen sein, dass ich dich gesandt habe: Wenn du mein Volk aus Ägypten geführt hast, werdet ihr Gott dienen auf diesem Berge.« Mose sprach zu Gott: »Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: ›Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!‹, und sie mir sagen werden: ›Wie ist sein Name?‹, was soll ich ihnen sagen?« Gott sprach zu Mose: »Ich werde sein, der ich sein werde.« Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »›Ich werde sein‹, der hat mich zu euch gesandt.«

Das Katharinenkloster am Sinai liegt vielleicht da, wo Gott dem Mose im brennenden Dornbusch erschien. Foto: Berthold Werner, CC BY-SA 3.0.

Gott stellt Moses Leben auf den Kopf

Liebe Gemeinde, aus Mose, dem Adoptivsohn von Pharaos Tochter, war ein Viehhirte fernab der Zivilisation geworden, in der Mitte von nirgendwo. Es waren nicht einmal seine Tiere, die er hütete, sondern die seines Schwiegervaters. Ein bequemes Leben im Palast war für ihn ebenso wenig in Sicht wie Komfort oder eine reich gedeckte Tafel. Stattdessen konnte er sich mit Kleinvieh abgeben und in der kargen Landschaft nach Grün und Wasser suchen, damit die Viecher etwas zum Fressen fanden. Zum Schlafen konnte er sich einen Platz nahe den Tieren suchen, damit er in der Kälte der Nacht ein wenig Wärme fand. Ein hartes Leben war das und auf seiner Suche nach guter Weide zog Mose weite Strecken. So kam er schließlich auch an den Gottesberg, wo der ihm im brennenden Dornbusch erschien und sein Leben auf den Kopf stellte.

Gott sprach zu ihm. Auch wenn er ihn nicht sehen konnte, nur einen Busch, der, obwohl er brannte, nicht von den Flammen verzehrt wurde: Gott sprach zu ihm. Und er machte Mose gleich klar, dass hier nicht irgendein Phänomen am Werk war, sondern er selbst, Gott, zugegen war: »›Komm nicht näher!‹, sagte der HERR. ›Zieh deine Schuhe aus, denn du stehst auf heiligem Boden.‹« (Ex 3,5, Gute Nachricht Bibel) Und Gott sprach weiter zu Mose und in den wenigen Sätzen, die folgten, gab er ihm den Auftrag, den Pharao aufzufordern, das Volk Israel freizulassen.

Was für eine Situation: da erscheint Gott einem armen Viehhirten im nirgendwo und sendet ihn zum größten König der gesamten Region, damit dieser die Sklaven, die im ganzen Land umsonst die schweren Arbeiten taten, freiließe. Mose fragt dann auch, wie er das den Ältesten des Volkes Israel mitteilen sollte, ohne dass diese einmal herzlich lachten und ihn als verrückten Schafskopf zurück zu seinem Kleinvieh schickten.

Und dann macht Gott ihm klar, dass es nicht nur ein verrückter Traum ist, den er hat, sondern dass er wirklich da ist, dass er mit Mose gehen würde. Später gibt er Mose noch mächtige Fähigkeiten, mit denen dieser seine göttliche Sendung auch beweisen konnte.

Und noch etwas macht Gott: er offenbart Mose seinen Namen. Doch was für ein Name ist das? Keiner, den irgendjemand tragen könnte. Streng genommen ist es gar kein Name, den Gott nennt, sondern einen Zustand, den er beschreibt: »Ich bin, der ich bin«, sagt Gott. Das Sein an sich, die Essenz aller Existenz, das ist Gott, der sich dem Mose offenbart. Damit ist klar: der Auftrag, den Mose eben bekommen hat, wird mehr als ein Wüstentraum sein, er wird Wirklichkeit werden.

»Dornbuscherfahrungen« – Situationen, die das Leben verändern

Liebe Gemeinde, es gibt Begegnungen und Erlebnisse, die das Leben schlagartig verändern, die die Welt auf den Kopf stellen. Alles wird anders in so einem Moment, die Weichen für die »Fahrt durch’s Leben« werden neu gestellt. Dornbuscherfahrungen, so will ich diese Momente in Anlehnung an den Predigttext nennen, denn ein komplett anderes Leben ist die Folge der Begegnung, die Mose mit Gott hatte.

Aus dem Flüchtling, der im Exil sein Leben als Viehhirt fristete, wurde der größte Anführer Israels, der mit Gottes Hilfe ein ganzes Volk in Freiheit führte, in das Land, »darin Milch und Honig fließen« (Ex 3,8).

Wir alle haben schon eine ›Dornbuscherfahrung‹ gehabt – manche unter uns mehr, als ihnen lieb ist. Unsere Dornbuscherfahrungen sind weniger dramatisch als das, was Mose erlebt hat. Nein, Gott begegnet uns nicht, um gleich Anführer eines ganzen Volkes zu werden. Aber die Tragweite, die unsere Dornbuscherfahrungen haben, ist für uns selbst doch meist gewaltig. Leben wird anders, wenn man eine Dornbuscherfahrung macht. Einige Beispiele:

  • Ein Heiratsantrag, der angenommen wird
  • Die Diagnose einer schweren Erkrankung
  • Die Mitteilung, dass die Bewerbung auf eine Arbeitsstelle geklappt hat, man genommen wurde
  • Scheidungspapiere in der Post
  • Ein großer Gewinn oder eine Erbschaft

Je nach Ausmaß können das Dornbuscherfahrungen sein, können solche Erlebnisse das Leben kräftig verändern.

Gott geht mit – als Fixpunkt, wenn alles anders wird

Mose hat erlebt, dass Gott nach seiner Dornbuscherfahrung mit ihm gegangen ist. Als Wolken- und Feuersäule hat er Mose und dem Volk Israel den Weg in die Freiheit gewiesen. (Vgl. Ex 13)

Für uns ist das Mitsein Gottes weniger offenbar. Gott erscheint uns oft als verborgener Gott. Dennoch: Auch für uns gilt das, was Mose erfahren durfte: dass Gott mit uns geht, ›durch dick und dünn‹. Das Gebet im Privaten und die Gemeinde im Öffentlichen sind Wege, sich für ihn zu öffnen, sein Handeln zu spüren. Wo uns das gelingt, bekommen wir Kraft, Mut und Hoffnung, die auch durch die schwierigen Situationen im Leben tragen kann.

Leben birgt mehr als Schattenseiten, es gibt ja auch die schönen, hellen, frohen Momente – auch da ist Gott da. Auch da kann man zu ihm beten, ihn für das Gute in seiner Welt loben und ihm danken.

Dem Mose verspricht Gott ein Land, in dem ›Milch und Honig fließen‹. Mit diesem Bild können wir sofort etwas anfangen. Milch ist Symbol für Nahrung schlechthin, ein richtiges Lebens-mittel, und Honig steht für das Süße, Leckere, Gute im Leben. Selbst heute gilt dies noch, auch wenn raffinierter Rohrzucker längst die Süßungsmittel unserer Vorfahren, Honig und Zuckerrüben zum Beispiel, abgelöst hat. Ein Land, in dem Milch und Honig fließen, ist mehr als nur ein Schlaraffenland, in dem man sich durch Puddingberge frisst. So ein Land ist eines, in dem Gott nahe ist.

Jüdinnen und Juden glaubten in der Antike, dass Gottes Rocksäume unsichtbar knapp oberhalb der Tempelzinnen endeten (vgl. Jes 6,1). Für Israel war deshalb die Zerstörung des Tempels durch die Römer die schlimmste Katastrophe, die es gab. Dreißig Jahre dauerte es, bis die Rabbinen sich besannen, dass Gott auch in den Heiligen Schriften zu finden ist – das Alte Testament wurde damals in seinem Umfang festgelegt.

Das Land, in dem Milch und Honig fließen, ist für uns Christen das Reich Gottes, dessen Bürgerinnen und Bürger wir jetzt schon sind. »Wir aber sind Bürger im Himmel« (Phil 3,20), schreibt Paulus. Darauf hoffen wir und können immer wieder erleben, dass dieses Reich schon jetzt aufscheint – da, wo »Gerechtigkeit und Friede sich küssen.« (Ps 85,11) Daran, dass dies geschieht, können wir mitwirken, indem wir da, wo wir können, auf Gerechtigkeit und Frieden hinarbeiten – für alle.

Mose hat seine Dornbuscherfahrung überstanden. Sein Leben ist ein anderes geworden. An Gott, der sich ihm offenbart hat, ist er geblieben – fast, denn am Ende hat er das nicht durchgehalten (vgl. Num 20).

Wir haben die Verheißung, dass Gott uns in Jesus Christus nicht fallen lässt, wenn wir ihn fahren lassen, sondern dass er uns treu bleibt (vgl. 1. Kor 1,9; 10,13). In diesem Glauben können wir in unseren Dornbuscherfahrungen bestehen. Das schenke uns Gott und dass wir ihn erkennen und finden, jeden Tag auf’s Neue.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen.

Foto: Berthold Werner, CC BY-SA 3.0, https://de.wikipedia.org/wiki/Katharinenkloster_(Sinai)#/media/Datei%3AKatharinenkloster_Sinai_BW_2.jpg