Vorbild sein, schon jetzt – Predigt über Philipper 3,17–21

Liebe Gemeinde,
lassen Sie uns »Kopfkino« spielen: Welche Bilder und Gedanken fallen Ihnen ein, wenn ich das Stichwort »Mutter Teresa« nenne? […]

Es gibt kaum jemanden, der Ihren Namen nicht kennt und ihn einzuordnen weiß: sie lebte im indischen Kalkutta, arbeitete mit Obdachlosen, Sterbenden, Leprakranken und wirkte ganz besonders in der Armenfürsorge. Weniger bekannt ist, dass sie auch an Gott gezweifelt hat und Glaubenskrisen nur zu gut kannte. Anfang letzten Monats (04.09.2016) wurde sie in der Katholischen Kirche Heiliggesprochen. Für viele Menschen, besonders in unserer Schwesterkirche, ist sie ein echtes Vorbild.

Es gibt weitere Vorbilder. Nochmal Kopfkino, anderer Film: Dietrich Bonhoeffer. […]

Dietrich Bonhoeffer wirkte als Pfarrer in der Zeit, als die Nazis in Deutschland die maßgebliche politische Kraft wurden. Er ist einer der Vorreiter in der ökumenischen Bewegung, also des Austauschs und der Begegnung von Christen aus verschiedenen Konfessionen. Er blieb in seinem Glauben und Leben standhaft, als vielen das nicht gelungen ist. In der Zeit des »Dritten Reiches« engagierte er sich in der Pfarrerausbildung und stand gegen das Naziregime auf, das ihn zuletzt, kurz vor Kriegsende, ermordete.

Jetzt haben wir uns Gedanken um Vorbilder gemacht. In der heutigen Predigt geht es um Vorbilder. Paulus nennt sich, ganz unbescheiden, selbst ein gutes Vorbild, dem wir nacheifern sollen. Hören Sie den Predigttext aus dem Philipperbrief, Kapitel drei – ich lese aus der Gute Nachricht Bibel:

Haltet euch an mein Vorbild, Brüder und Schwestern, und nehmt euch ein Beispiel an denen, die so leben, wie ihr es an mir seht. Ich habe euch schon oft gewarnt und wiederhole es jetzt unter Tränen: Die Botschaft, dass allein im Kreuzestod von Christus unsere Rettung liegt, hat viele Feinde. Ihr Ende ist die ewige Vernichtung (ὧν τὸ τέλος ἀπώλεια). Der Bauch ist ihr Gott.1 Statt der Herrlichkeit bei Gott warten auf sie Spott und Schande. Sie haben nichts als Irdisches im Sinn.
Wir dagegen haben schon jetzt Bürgerrecht im Himmel, bei Gott. Von dort her erwarten wir auch unseren Retter, Jesus Christus, den Herrn. Er wird unseren schwachen, vergänglichen Körper verwandeln, sodass er genauso herrlich und unvergänglich wird wie der Körper, den er selber seit seiner Auferstehung hat. Denn er hat die Macht, alles seiner Herrschaft zu unterwerfen. (Phil 3,17–21, Gute Nachricht Bibel)

Von richtigen und falschen Vorbildern

Paulus will also Vorbild sein. Eben haben wir mit Mutter Teresa und Dietrich Bonhoeffer an zwei ganz bekannte Personen gedacht, die für viele Menschen Vorbilder sind – gute Vorbilder. Doch das geht ja auch ganz anders: Wer fällt Ihnen ein, wenn Sie an schlechte Vorbilder denken? […]

Lassen Sie uns hier lieber auf Namensnennungen verzichten. Falsche Vorbilder kennen wir alle, zur Genüge. Jugendliche erleben beim Heranwachsen, dass sich ihr Beziehungsnetz ändert, weil sie mit bestimmten Leuten nichts mehr zu tun haben wollen und zu anderen in Beziehung treten. Im Erwachsenenleben setzt sich dies fort, auch hier prüft man gewöhnlich, mit wem man zu tun haben will und mit wem nicht. In vielen Dingen geht es dabei auch um Vorbilder. Von so mancher, so manchem meint man, sich gut »eine Scheibe abschneiden« zu können. Das sind Menschen, die wir in bestimmter Hinsicht als vorbildlich erachten.

Doch es geht auch anders: allzu leicht machen wir wieder Abstriche an denen, die uns als Vorbild erscheinen, orientieren uns um. Das Problem bei Vorbildern ist doch, dass Menschen dabei auf Idealvorstellungen reduziert werden. Das wird gewöhnlich niemandem gerecht und irgendwann bekommt so ein Idealbild zwangsläufig Risse, dann nämlich, wenn die Wirklichkeit sich die Bahn bricht.

Paulus als Vorbild

Wie passt Paulus nun da hinein, wenn er die Philipper auffordert, ihm als ein Vorbild nachzueifern? Ist Paulus in so einem schwarz-/weiß-Denken die Idealvorlage, der Prototyp, der »Held der Welt«?

Paulus selbst zeigt an vielen Stellen seiner Briefe Bescheidenheit. Klar, Paulus selbst weiß, wer und was er ist: einer der bedeutendsten Apostel. Er versteckt sich nicht, vertritt selbst dem wichtigstem Apostel, Petrus, gegenüber seine Linie und findet dafür Anerkennung.2

Doch wie kann Paulus für uns heutige Menschen ein Vorbild sein? Kann das angesichts zweier Jahrtausende Abstand überhaupt gelingen? Würden wir Paulus verstehen können, wenn wir ihm begegneten? Die Welt ist seitdem doch eine völlig andere geworden und ein antiker Mensch ist von uns weiter entfernt als der Mond von der Erde, meine ich.

Paulus als Vorbild – lassen Sie uns sehen, ob das gehen kann. Der Predigttext gibt uns dazu Hinweise. Kein Vorbild sind laut Paulus die Menschen, die Gegner der Guten Nachricht von Jesus Christus sind. »Sie haben nur Irdisches im Sinn« (V. 19), schreibt Paulus über sie. Irdisches? Damit meint Paulus die greifbaren, konkreten Dinge wie Reichtum – sogar an Nahrung, das ist mit dem Satz »Der Bauch ist ihr Gott« gemeint. Und wer viel hat, der meint ja auch schnell, Gott nicht zu brauchen. »Not lehrt beten« wissen die Alten zu sagen. Wie war das denn in der schlechten Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als es nichts gab?

Heute sind alle satt und zufrieden und viele haben Gott in die Ecke geschoben. Wie schnell das alles umkippen kann, zeigt uns die Flüchtlingskrise, die das ja eigentlich nicht ist, sondern eine Folge des schrecklichen Krieges, der die Menschen vertreibt und zu »saftigeren Ufern« aufbrechen lässt – wer würde nicht so handeln?

Was Paulus als vorbildlich beschreibt, ist ein Festhalten an Jesus Christus. Gelebter Glaube ist gemeint: da, wo Christus das Fundament ist, auf das wir unser Leben aufbauen und fest machen und, so ganz gegen den Zeitgeist, auch in unseren Mitmenschen unseren Nächsten erkennen. Das ist auch mehr als ein Sonntagsglaube, der in unreflektiertem und folgenlosem Gewohnheitstrott langsam in Bedeutungslosigkeit versinkt. An Christus festzuhalten und Glauben zu Leben – darin kann Paulus für uns ein Vorbild sein.

»Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!« (Mt 22,21)

So ein Glaube schenkt die Gewissheit, schon das »Bürgerrecht im Himmel« (V. 20) zu haben – das ist vielleicht so etwas, wie die deutsche Staatsbürgerschaft denen scheint, die aus einem arabisch geprägten Land ohne Freiheit nach unserem Verständnis kommen, wo es keine Chancengleichheit für beide Geschlechter oder Meinungsfreiheit gibt. Übrigens: für diese Werte einzustehen ist auch eine Aufgabe, wenn wir den zu uns Geflüchteten begegnen und sie sich in unsere Gesellschaft integrieren sollen.

Das »himmlische Bürgerrecht« hat, wer mit Gott lebt. Es besteht nicht in möglichst hohem Gehalt bei möglichst leichter Arbeit im Warten auf das Wochenende, um da »das eigentliche Leben« zu leben. Es besteht in der Bereitschaft, den anderen wahrzunehmen und sich zu engagieren.

Als Christenmenschen sind wir schon jetzt Bürgerinnen und Bürger der »himmlischen Welt«, weil wir von Jesus Christus die »Einlasskarte« bekommen haben. Wo, wie erleben wir das? Klingt das nicht, angesichts unseres Seins in dieser Welt, wie eine fromme Fiktion? Ich meine, dass wir nicht den »Boden unter den Füßen verlieren« oder in ein schwärmerisches Träumen geraten, wenn wir glauben, schon jetzt zu Gottes kommender Welt zu gehören. Wenn wir an Jesus Christus glauben, dann gehören wir zu Gott. Und christlicher Glaube weiß um seine Wiederkehr am Ende der Zeiten, wenn er sein Reich aufrichtet, was wir mit dem altmodischen Wort Paradies bezeichnen.

Wenn wir ein Bürgerrecht bei Gott haben, können wir uns vielmehr als seine »Bautruppe« verstehen: wir sind diejenigen, die an der Realisation dieses Gottesreiches hier und heute mitwirken. »Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist«, sagte Jesus Christus in der Schriftlesung (Matthäus 22,15–22) zu denen, die ihn herausforderten. Gott geben wir, was ihm gehört, wenn wir als die Seinen Leben und Handeln.

Wie das geht? Indem wir nicht nachlassen, immer wieder Nächstenliebe und Vergebung zu üben – und ein Üben ist das ja. Indem wir nicht nachlassen, immer wieder in anderen unsere Nächsten zu erkennen – selbst in den unangenehmen Zeitgenossen. Indem wir nicht nachlassen, unseren Glauben an Jesus Christus die bestimmende Größe in unserem Leben sein zu lassen und ihn nicht schamvoll verleugnen oder »politisch korrekt« verschweigen, wo seine Botschaft Dinge zu Besseren wenden könnte. Umgekehrt heißt das, dass wir als Christenmenschen Glieder unserer Gesellschaft sind, ein Teil davon und kein abgehobener Club oder ähnliches.

Christus verwandelt uns schon jetzt

Im Schlussteil des Predigttextes heißt es: »Er wird unseren schwachen, vergänglichen Körper verwandeln, sodass er genauso herrlich und unvergänglich wird wie der Körper, den er selber seit seiner Auferstehung hat.« (Phil 3,21) Das ist mal eine »Schönheitsoperation«! Paulus meint, dass Gott alles verwandeln wird, wenn er am Ende der Zeiten wiederkommt.

Für uns ist es aber gar nicht so verkehrt, diese Verwandlung an uns schon heute Morgen zu entdecken. Nein, wer zu viel auf die Waage bringt, wird wohl auch weiter Fasten und Schwitzen müssen; so ist das mit der Verwandlung nicht gemeint. Christus verwandelt uns schon jetzt, weil wir da, wo wir im Glauben an ihn leben, zu einer anderen Sicht auf die Welt finden können. Wer mit Christus lebt, hofft und erwartet alles von ihm.3 Im Römerbrief beschreibt Paulus das so:

Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus. […] Wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den heiligen Geist, der uns gegeben ist. (Römer 5,1–5, Lutherbibel 2017)

In Gottes Geist können wir Kraft finden, auch in schwierigen Zeiten und Situationen noch das Positive zu entdecken. Im Gebet können wir mit Gott nach Wegen suchen, Zustände besser zu machen.

Wo wir so handeln, sind wir schon von Gott Verwandelte: Menschen, die in und aus ihrem Glauben an Jesus Christus heraus handeln und nicht nachlassen, diese Welt zu einer besseren, gerechteren zu machen.

Ob Paulus Dein Vorbild sein kann, musst Du für Dich selbst entscheiden – vorzugsweise nach ausführlicher Lektüre seiner Schriften, um auch eine ordentliche Grundlage zu haben. Paulus wurde von Jesus Christus verwandelt4 und sein Glaube an ihn hat ihm Kraft gegeben, schwierige Situationen auszuhalten5 und anderen die gute Nachricht von ihm weiterzusagen. In dieser Hinsicht ist er, finde ich, ein wirkliches Vorbild. Schenke uns Gott, ebenso zu handeln – immer wieder.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen. (Phil 4,7)


  1. »Bauch« wird hier allegorisch für alles Irdische, Weltliche, gegenständlich Greifbare verwendet. Paulus meint, dass seine Gegner ganz diesseitig orientiert sind und deshalb den in Jesus Christus offenbarten Gott nicht erkennen. [return]
  2. Zum Thema Bescheidenheit: vgl. z. B. Röm 12,3; Gal 6,14. Zum Anerkanntsein als Apostel mit eigener theologischer Ausrichtung: vgl. Gal 2,11; zur Bedeutung des Paulus vgl. Röm 1,1–6; 1. Kor 9,1–2; 2. Kor 11,16–30; Gal 1,1. [return]
  3. Vgl. Phil 4,6; 1. Petr 5,7. [return]
  4. Vgl. Apg 9,1–30. [return]
  5. Vgl. 2. Kor 16,11–33; Apg 16,23–40; 21,27–36.22,22–29. [return]