Predigt über Matthäus 6,25–34: Guten Morgen, liebe Sorgen …

Liebe Gemeinde, vor einigen Jahren wurde bei Management-Seminaren angeblich folgende Frage häufig gestellt: »Wenn Sie auf eine einsame, unbewohnte Insel fahren, was packen sie dann in ihren Koffer ein?«

Nehmen wir diese Frage einmal auf: was würden denn Sie in ihren Koffer packen?

Wenn Sie jetzt denken: »Was für eine blöde Frage ist denn das?«, dann liegen Sie richtig. Ich hoffe, es hat niemand so etwas gedacht wie: »Koffer packen? Das macht doch meine Frau!«

Die Frage ist doch deshalb so einigermaßen ärgerlich, weil es auf der Insel eben nichts gibt und ein einzelner Koffer sofort unzureichend wäre. Was nutzt einem eine bequeme Garderobe, wenn es keine Unterkunft gibt? Was nutzt einem ein Fieberthermometer, wenn es keine Ärzte vor Ort gibt? Was nutzt einem ein Fön, wenn es keine Steckdose gibt?

Ich denke, die Leute, die man mit dieser Frage gequält hat, waren zurecht darüber verärgert. Eine realistische Lösung gibt es ja gar nicht in diesem Szenario.

Sorgen und Planen

Dieses »Ich packe meinen Koffer«-Spiel kann man verallgemeinern. Was planen wir eigentlich, jeden Tag auf’s Neue? Wir machen doch genauso Pläne für das, was vor uns liegt – beinahe so, wie beim Überlegen, was in den Koffer für eine Reise muss.

Das hängt mit etwas anderem zusammen: unseren Sorgen. Was wird kommen? Wie wird das sein? Was werde ich brauchen, um da durchzukommen?

Das sind vielleicht die Fragen, die dazugehören. Und schon sind wir in Gedanken beim »Kofferpacken«, also dem Planen dessen, was wir für die ein oder andere Situation brauchen werden.

Der Predigttext: Matthäus 6,25–34

Der Predigttext für heute passt zu diesem Thema. Ich lese aus Kapitel 6 des Matthäusevangeliums:

Mt 6,25–34 (Lutherbibel 1984) Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie? Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt? Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen? Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.

Gib deinen Sorgen gute Nacht

Liebe Gemeinde, es gibt kaum einen anderen biblischen Text, der das Sorgen so sehr thematisiert wie der heutige Predigttext. Und der Tenor ist ganz unmissverständlich: sorge dich nicht, heißt er.

Wer in Deutschland aufgewachsen ist und durch unsere Kultur geprägt wurde, wird mit diesen Versen seine liebe Mühe haben: »Wie bitte – ich soll mich nicht sorgen, sondern mich ganz in Gottes Hände begeben und vertrauen?« Das ist schwierig für jemandem, der in unserem Kulturkreis beheimatet ist.

Und nun kommt Jesus Christus, dessen Bergpredigt der Evangelist Matthäus überliefert, daher und sagt so etwas. Was sollen wir jetzt machen? Wie können wir damit umgehen?

Variante 1: Wir ignorieren es fröhlich und machen weiter wie bisher. Das ist auch, nebenbei bemerkt, der bequemste und schnellste Weg. Wenn man sich für ihn entscheidet, entfallen alle weiteren Planungen und man ist schon am Ziel, wie praktisch.

Einen kleinen Schönheitsfehler hat das allerdings schon: Die Sache mit dem sich Sorgen, die bleibt. Wenn man alles von sich selbst erwartet, dann muss man eben auch eine ganze Menge leisten.

Variante 2 ist anders, viel schwieriger. Es ist die Variante, die ein ganzes Stück der also geliebten Kontrolle abgibt, weil sie mit Gott rechnet. Wie kann das denn gehen?

Im Predigttext gibt Jesus den sich Sorgenden eine Menge Beispiele:

  • Wenn Gott für die Vögel sorgt, die nicht planen – sollte er dann nicht auch für uns sorgen?
  • Wenn Gott die Blumen wunderbar gemacht hat – sollte er dann nicht auch für uns sorgen?
  • Wenn Gott das Gras macht – sollte er dann nicht auch für uns sorgen?

Und Jesus begründet diese Beispiele damit, dass wir Menschen doch so viel mehr seien als diese trivialen Beispiele. Ihm geht es darum, dass wir zuerst nach Gottes Reich trachten – alles Übrige wird sich dann schon finden.

Der Lieddichter Paul Gerhard hat das 1653 so in Worte gekleidet (Befiehl Du deine Wege, eg 361,1.7):

1) BEFIEHL du deine Wege
und was dein Herze kränkt
der allertreusten Pflege
des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken Luft und Winden
gibt Wege, Lauf und Bahn
der wird auch Wege finden,
da dein Fuß gehen kann.

7) AUF, auf, gib deinem Schmerze
und Sorgen Gute Nacht!
Lass fahren, was das Herze
betrübt und traurig macht;
bist du doch nicht Regente,
der alles führen soll:
Gott sitzt im Regimente
und führet alles wohl.

»Gib Deinen Sorgen Gute Nacht!« – was für eine Aufforderung. Und doch: Menschen, die in einer Beziehung zu Gott stehen, leben definitiv gesünder und glücklicher – das ist mittlerweile Konsens in der Wissenschaft und durch Studien belegt.1 Variante 2 ist also die sinnvollere, von einem neutralen Standpunkt aus betrachtet.

»Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat«, sagt Jesus (in Vers 34). Auch wer glaubt, ist nicht frei von Sorgen, im Gegenteil. Doch wie man sein Leben angesichts von Sorgen und Nöten lebt und durch Zeiten mit schlaflosen Nächten durchkommt, ist das Entscheidende.

Jesus Christus weist mit diesen Worten doch als erstes darauf hin, Sorgen, Ängste und Nöte nicht alles sein zu lassen. Wir alle haben einige davon und erleben schmerzhaft, wie wenig sie sich oft kontrollieren lassen. So manches macht uns doch deshalb Sorgen, weil wir daran eben nichts drehen oder verändern können, ausgeliefert sind. Die Menge an Kontrolle, die wir uns wünschen, ist da eben nicht gegeben.

Paul Gerhard hat das mit seinem »Gib deinen Sorgen Gute Nacht« treffend aufgenommen. Diese sind eben nicht alles und im Blick auf Gott können wir weiter sehen als nur bis auf das, was uns gerade ganz unmittelbar an den Nerven reibt. Das relativiert vieles und hilft, wieder frei zum Handeln zu werden und sich nicht von Sorgen gefangen nehmen zu lassen.

Gottvertrauen heißt nicht, die Hände in den Schoß zu legen

Ein Missverständnis könnte entstehen, wenn man den Text so hört, dass Jesus darin auffordert, nichts zu tun. Von Kindesbeinen an haben wir anderes gelernt: dass man sich vorbereitet. Dass man plant. Dass man für eine Rücklage für harte Zeiten sorgt, wenn man es kann.

Gottvertrauen kommt in dieser Gleichung nicht vor. Wie denn auch – wenn man gewohnt ist, alles berechnen zu können, aufzuschreiben und zu überprüfen, hat Gott »schlechte Karten«.

Doch so ist das nicht gemeint. Christus ermuntert uns sehr wohl, uns unserer gottgegebenen Möglichkeiten nach bestem Vermögen zu bedienen: zu planen, vorauszudenken, uns vorzubereiten und zu handeln. Was wir tun können, das sollen wir auch tun. Aber eben nicht, indem wir uns von Sorgen und Nöten klein machen lassen, sondern im Vertrauen auf Gott. Vor allem: im Blick auf sein Reich, an dem wir schon heute mitbauen können.

Geschieht das nicht ein ganzes Stück weit, wenn bei uns in Gummersbach viele Menschen sich aufmachen, Flüchtlinge willkommen zu heißen? Ich bin beeindruckt von der Selbstlosigkeit und Motivation, mit der so viele Menschen sich für eigentlich Wildfremde engagieren. »Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan«, sagt Jesus Christus (Mt 25,40).

Liebe Gemeinde, so manche und mancher unter uns wacht morgens so auf, dass er das Lied von Jürgen von der Lippe, Guten Morgen, liebe Sorgen, seid ihr auch schon alle da! singen könnte. Paul Gerhard hält mit seinem Gib Deinen Sorgen Gute Nacht dagegen.

Sorgen haben wir alle Tage. Wo wir auf Gott schauen, finden wir aber die Kraft, die wir brauchen, um in unseren Sorgen zu bestehen. Wo wir auf Jesus Christus blicken, können wir weiter sehen und Not und Besorgnis auf den rechten Platz verweisen.

Ein Letztes: Als Christinnen und Christen sind wir Teil einer Gemeinde. Hier ist deshalb auch ein Ort, an dem unsere Sorgen vorkommen dürfen, wo man sie aussprechen darf und vor Gott kommen kann. »Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch« (1. Petrus 5,7), heißt es im Ersten Petrusbrief, und das gilt auch hier und heute.

Ich wünsche Ihnen deshalb guten Mut in allen Sorgen und die Kraft, den Blick immer wieder auf Gott zu richten, der wie die Sonne alle dunklen Wolken weitertreiben kann.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen.

Lied: eg 322,1–5 Nun danket all und bringet Ehr


  1. Vgl. Neal Krause: Trust in God and psychological distress: exploring variations by religious affiliation, in: Mental Health, Religion & Culture, Volume 18, Issue 4, 2015, pages 235–245, Published online: 17 Mar 2015, DOI: 10.108013674676.2015.1021311, http://www.tandfonline.com/toc/cmhr20/current#/doi/full/10.1080/13674676.2015.1021311, abgerufen 08.09.2015. Vgl. American Psychological Association: What Role Do Religion and Spirituality Play In Mental Health? Five questions for psychology of religion and spirituality expert Kenneth I. Pargament, PhD., March 22, 2013, http://www.apa.org/news/press/releases/2013/03/religion-spirituality.aspx, abgerufen 08.09.2015. Vgl. Katholische Presseagentur, Wien, Österreich: Studie: Religion fördert die psychische Gesundheit, 22. April 2013, http://www.kath.net/news/40750, abgerufen 08.09.2015.

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