Predigt über Galater 5,1–26 – Vom Geist regiert

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit Euch allen!

Liebe Gemeinde, am letzten Sonntag ging es um das, was uns heil machen kann. Wir hörten im Galaterbrief, was Paulus denen geschrieben hat. Er reagierte auf die Situation, dass judenchristliche Missionare den Galatern erklärt hatten, dass für sie Jesus Christus allein nicht genügte, um zum Heil zu kommen, sondern dass sie auch die jüdischen Gebote und Feiertage einhalten müssten. Paulus hatte deutlich gemacht: das ist Unsinn.

Ein weiteres hatten diese Störenfriede den Galatern erklärt: dass bei den Männern die Beschneidung notwendig sei, so wie sie in Israel bei Jungen am achten Tag nach der Geburt durchgeführt wird.

Im für heute vorgeschlagenen Predigttext wird dies thematisiert, doch ich denke, dass dies für uns nur in akademischer Hinsicht interessant ist und beschränke mich auf das für uns Relevante: das, was mit unserer Lebenswirklichkeit zu tun hat.

Der Predigttext: Galater 5,1.4–6.13f.16.18–26

Hören Sie, was Paulus in Kapitel fünf des Galaterbriefs schreibt – ich lese eine gekürzte Fassung aus der Neuen Genfer Übersetzung (NGÜ):

Zur Freiheit hat Christus uns befreit! Bleibt daher standhaft und lasst euch nicht wieder unter das Joch der Sklaverei zwingen! …
Wenn ihr versucht, mit Hilfe des Gesetzes vor Gott gerecht dazustehen, habt ihr euch aus der Verbindung mit Christus gelöst, und euer Leben steht nicht mehr unter der Gnade.
Wir hingegen warten auf die Gerechtigkeit, die Gott für uns bereithält, und diese Hoffnung verdanken wir dem Geist Gottes; sie ist uns aufgrund des Glaubens geschenkt. Denn wenn jemand mit Jesus Christus verbunden ist, spielt es keine Rolle, ob er beschnitten oder unbeschnitten ist. Das einzige, was zählt, ist der Glaube – ein Glaube, der sich durch tatkräftige Liebe als echt erweist. …
Geschwister, ihr seid zur Freiheit berufen! Doch gebraucht eure Freiheit nicht als Vorwand, um die Wünsche eurer selbstsüchtigen Natur zu befriedigen, sondern dient einander in Liebe. Denn das ganze Gesetz ist in einem einzigen Wort zusammengefasst, in dem Gebot: »Du sollst deine Mitmenschen lieben wie dich selbst.« …
Was will ich damit sagen? Lasst den Geist Gottes euer Verhalten bestimmen, dann werdet ihr nicht mehr den Begierden eurer eigenen Natur nachgeben. …
Wenn ihr euch jedoch vom Geist Gottes führen lasst, steht ihr nicht mehr unter der Herrschaft des Gesetzes.
Im Übrigen ist klar ersichtlich, was die Auswirkungen sind, wenn man sich von der eigenen Natur beherrschen lässt: sexuelle Unmoral, Schamlosigkeit, Ausschweifung, Götzendienst, okkulte Praktiken, Feindseligkeiten, Streit, Eifersucht, Wutausbrüche, Rechthaberei, Zerwürfnisse, Spaltungen, Neid, Trunkenheit, Fressgier und noch vieles andere, was genauso verwerflich ist. Ich kann euch diesbezüglich nur warnen, wie ich es schon früher getan habe: Wer so lebt und handelt, wird keinen Anteil am Reich Gottes bekommen, dem Erbe, das Gott für uns bereithält.
Die Frucht hingegen, die der Geist Gottes hervorbringt, besteht in Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Rücksichtnahme und Selbstbeherrschung. Gegen solches Verhalten hat kein Gesetz etwas einzuwenden.
Nun, wer zu Jesus Christus gehört, hat seine eigene Natur mit ihren Leidenschaften und Begierden gekreuzigt. Da wir also durch Gottes Geist ein neues Leben haben, wollen wir uns jetzt auch auf Schritt und Tritt von diesem Geist bestimmen lassen. Wir wollen nicht überheblich auftreten, einander nicht provozieren und nicht neidisch aufeinander sein.

Freiheit von …

Freiheit vom Gesetz ist das Thema, das im Galaterbrief wichtig ist. Gemeint ist damit die Freiheit von den jüdischen Geboten – die sind für Paulus nicht der Weg zum Heil. Deshalb wendet er sich auch so vehement gegen die Ideen, die die Gegner seiner Theologie den Galatern einreden wollten. Deren Weg ist laut Paulus ein Irrweg und muss abgelehnt werden.

In Jesus Christus liegt die Freiheit, die zu Gott führt. Wenn die Galater nun versuchten, durch eigenes Vermögen zu Gott zu gelangen – also dadurch, dass sie sich Regeln, Vorschriften und Gebote des Judentums zueigen machten, würden sie die Verbindung mit Jesus Christus aufgeben (V. 4).

Liebe Gemeinde, unsere Lebenswirklichkeit trifft das so nicht. Es gibt bei uns keine Missionare, die uns erklären, dass unser Weg zu Gott – Jesus Christus – ein falscher sei.

Natürlich könnten Sie jetzt einwenden, dass diese Sicht aber Scheuklappen und einer dicken Augenbinde gleichkäme, erleben unsere christlichen Geschwister in Syrien, im Nahen Osten und Teilen Nordafrikas eine Christenverfolgung, wie es sie vermutlich nicht einmal in der Antike gegeben hat.

Es gibt eine regelrechte »Schwertmission«, die den Glauben an Jesus Christus als Weg zu Gott leugnet.

Hier, in Deutschland, ist dies jedoch – Gott sei Dank! – anders. Bei uns ist die Religionsausübung frei.

Christus reicht nicht?

Bei uns herrscht heute eher eine andere Strömung – eine, die Religion ablehnt, diese ins Private drängt und kritisch beäugt.

Da geht es nicht um ein »Christus allein reicht nicht«, sondern um ein »Christus braucht man nicht – man kommt aus eigener Kraft zurecht« – in diesem Leben, wohlgemerkt.

Was glauben wir eigentlich? Brauchen wir diesen Jesus Christus? Ist das, was wir hier machen nur ein schönes Brauchtum in einem wunderschönen, geschichtsträchtigen Raum?

Oder ist da nicht mehr:

  • Das Wissen darum, dass Leben nicht immer so gradlinig verläuft, wie wir uns das wünschen.
  • Das Erleben, dass es manche Lebensstrecke gibt, die so »daherschlingert« und so ungewiss verläuft, dass man gar nicht mehr weiß, wo man im Leben eigentlich dran ist und was kommen könnte.
  • Die Erfahrung, dass Lebensplanungen und Hoffnungen manchmal, von einem Augenblick zum anderen, zerbrechen. Unfälle, Krankheiten, Verlust der Arbeitsstelle sind nur drei Umstände, die so etwas hervorbringen können.

Viele Menschen erleben eben da, was es heißt, Gott zu haben – keinen Gott, den man durch Riten oder Handlungen beruhigen muss, dem man Opfer bringen muss, sondern einen Gott, der vorbehaltlos »Ja« zu einem sagt und der im Leiden nicht fern, sondern bei einem ist.

Und ja, das gibt es auch, dass Menschen in solchen Zeiten Gott nicht gefunden haben und an der Frage »Wo war Gott, als …« verzweifelt sind, allen Glauben verloren haben.

Wer erlebt, Gott an seiner Seite zu haben, weiß, was es im Leben bedeutet, solch einen Halt zu haben.

Christliches Handeln

Im Predigttext steckt noch mehr als die Frage nach unserem Glauben. Paulus schreibt den Galatern eine so genannte Paränese – das kann man als »Trostwort« übersetzen, aber eher noch in ganz anderem Sinn: als Ermahnung.

Paulus stellt zwei Bilder einander gegenüber: Slaverei und Freiheit. Sklaverei ist für ihn der Weg, wenn Heidenchristen sich unter das jüdische Gesetz stellen. Freiheit hingegen ist das Vertrauen auf Jesus Christus allein.

Paulus nimmt im Fortgang ein Problem auf, das es bei den Galatern wohl gegeben haben muss, sonst würde er dazu ja nicht Stellung nehmen. Schon einer anderen, der korinthischen Gemeinde, hatte er in ähnlicher Sache geschrieben.1

Was ist das Problem? Die Älteren unter uns kennen noch den Begriff »Persilschein« – so wurde in der »Entnazifizierung« nach dem Zweiten Weltkrieg das Papier genannt, das einem bescheinigte, kein Nazi gewesen zu sein und deshalb zum Beispiel Ämter und öffentliche Funktionen wahrnehmen zu dürfen. Die alte Werbung, dass ein bestimmtes Waschmittel angeblich weiß wie Schnee wasche, stand bei der Bezeichnung wohl Pate, wenn es darum ging, »braunen Dreck« abzuwaschen.

Christ zu sein, Gottes Vergebung zu haben, haben einige in der Gemeinde wohl als Freibrief zum Sündigen verstanden – Gott vergibt ja. In der korinthischen Gemeinde war das so gewesen, war das Evangelium von Jesus Christus als »Persilschein« zur Legitimation eines Lebens missbraucht worden, dass dem Evangelium von Jesus Christus widerspricht. Den Galatern schreibt Paulus nun – begründet oder vorbeugend – eine Ermahnung, wie christliches Leben sein sollte und wie nicht.

Ermahnung – was für ein Wort. Lassen wir uns ermahnen? Haben wir das überhaupt nötig? Stehen wir da nicht drüber, sind sowieso zu alt dafür?

Vielleicht haben in Galatien einige Leute ähnlich gedacht.

Den Galatern schreibt Paulus, dass Freiheit nicht bedeutet, zu tun und zu lassen, was man will. Christliche Freiheit bedeutet viel mehr, den Nächsten im Blick zu haben (Vgl. V. 13–16).

Paulus nennt einen ganzen Katalog über das, was christliches Leben auszeichnen sollte. Er schreibt (V. 22–26):

Die Frucht hingegen, die der Geist Gottes hervorbringt, besteht in Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Rücksichtnahme und Selbstbeherrschung. Gegen solches Verhalten hat kein Gesetz etwas einzuwenden.
Nun, wer zu Jesus Christus gehört, hat seine eigene Natur mit ihren Leidenschaften und Begierden gekreuzigt. Da wir also durch Gottes Geist ein neues Leben haben, wollen wir uns jetzt auch auf Schritt und Tritt von diesem Geist bestimmen lassen. Wir wollen nicht überheblich auftreten, einander nicht provozieren und nicht neidisch aufeinander sein.

Wie würde eine Welt aussehen, in der alle dies lebten? Für uns bleibt es sicher eine Utopie oder viel mehr: das, was uns in Jesus Christus für das Leben bei Gott verheißen ist.

Nein, hier und heute ist das noch nicht verwirklicht. Immer wieder teilweise gelingt es aber doch. Sind das nicht »Sternstunden«, wenn es uns gelingt, wirklich zu teilen, uns wirklich für andere zu freuen, für sie da zu sein – für andere, wohlgemerkt, damit meine ich nicht bloß die Menschen, die wir lieben? Ich wünsche es Ihnen und auch für mich selbst, dass uns das immer öfter immer besser gelingen möge.

Liebe Gemeinde, heute haben wir uns mit dem vorletzten Kapitel des Galaterbriefs beschäftigt und zwei Gedanken daraus beleuchtet:

  1. Dass uns nichts von unserem Glauben an Jesus Christus abbringen soll (und wir uns klar machen müssen, was uns unser Glaube bedeutet) und
  2. dass Glaube an Jesus Christus nicht bedeutet, bei sich selbst stehen zu bleiben, sondern auch die Nächsten im Blick zu haben.

Schenke uns Gott das eine wie das andere und ein offenes Herz, es zu empfangen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


  1. Vgl. den 1. Korintherbrief ab Kapitel 5. [return]