Predigt über Galater 4,8–31 – Vom Rückfall bedroht

Die Gnade unseres Herrn, Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch!

Liebe Gemeinde, heute geht es im Rahmen der Sommer-Predigtreihe zum Galaterbrief um das vierte Kapitel.

Als ich gelesen habe, was das Thema in diesen Sommerferien sein würde, habe ich mich sehr gefreut: endlich mal ein schönes und anspruchsvolles theologisches Thema und nicht die üblichen sonntäglichen Predigtreihen, die teilweise doch sehr im Thema springen oder wochenlang mehr oder minder Dasselbe thematisieren.

Nun, als ich mit der Predigtvorbereitung zu diesem so herrlich theologischen Thema begann, machte sich schnell Ernüchterung bei mir breit: nun ist ja nicht jeder Theologe und meine Begeisterung muss ja eben nicht notwendigerweise die Ihre sein.

Theologische Themen jemandem vorzulegen, der das eher mit einem, nun ja: gesunden Abstand genießt, kann aber ganz schnell Langeweile, ja: Desinteresse hervorrufen. Vielleicht zählt man dann die Fresken, anstatt zuzuhören, oder überlegt schon einmal, wie der weitere Tagesverlauf wohl aussehen könnte.

Da es das zu verhindern gilt, will ich die Theologie also auf das Notwendige beschränken und stattdessen aufzeigen, was der Predigttext mit uns heute Morgen zu tun haben könnte.

Die Galater – wer sind die überhaupt?

Schauen wir kurz auf die Empfänger, an die Paulus seinen Brief schreibt, die Galater. Wenn ich in einer siebten Klasse frage, wo die gelebt haben, ist die gewöhnliche Antwort: in Frankreich.

Besser macht es das nicht, denn Gallier sind eben keine Galater und Paulus war auch nicht klein, blond und Träger eines Flügelhelms. Römer allerdings, die gab es in Galatien. Die Römer haben sogar eine Provinz Galatia eingerichtet.1 Die lag definitiv nicht in Frankreich, sondern in der heutigen Türkei. Das heutige Ankara lag mittendrin und die Galater hätten, würden sie heute noch so heißen, einen türkischen Pass.

Die Gemeinde hat Paulus wohl recht spät, auf seiner Dritten Missionsreise (52–56 n. Chr.) gegründet und den Brief im Spätherbst 55 n. Chr. in Mazedonien geschrieben.2

Die Galater waren eine heidenchristliche Gemeinde, das heißt: bevor Paulus sie mit der guten Nachricht von Jesus Christus vertraut gemacht hat, hatten sie andere, heidnische Kulte ausgeübt.

Eine Gemeinde gerät auf Irrwege – der Predigttext

Jetzt, wohl wenige Jahre nach der Gemeindegründung, kam es bei den Galatern zu Problemen und das ist der Anlass für Paulus gewesen, den Galatern einen Brief zu schreiben.

Was war denn passiert? Paulus hatte erfahren, dass in der Gemeinde plötzlich die Forderung aufkam, dass die nun Christen gewordenen Galater auch die jüdischen Reinheitsvorschriften beachten müssten. Und nicht nur das: auch die Speisevorschriften, die Regelungen zu jüdischen Feiertagen und Festen (vgl. Gal 4,10) und sogar die Beschneidung sollten die Galater auch – wie die Juden – beachten.

Paulus schreibt nun an die Galater, was er davon hält. Kurz gesagt: Paulus hält von solchen Ideen überhaupt nichts.

Hören Sie selbst, was Paulus den Galatern im vierten Kapitel schreibt – ich lese aus der Neuen Genfer Übersetzung (NGÜ): Gal 4,8–31

Warnung vor einem Rückfall

Früher, als ihr den wahren Gott noch nicht kanntet, sah das ganz anders aus: Damals dientet ihr Göttern, die in Wirklichkeit gar keine Götter sind, und wart ihre Sklaven. Jetzt aber kennt ihr Gott – oder vielmehr: Gott kennt euch. Wie ist es da möglich, dass ihr wieder zu den kraftlosen und armseligen Vorstellungen dieser Welt zurückkehrt? Wollt ihr ihnen wirklich von neuem dienen und ihre Sklaven sein? Ihr seid ängstlich darauf bedacht, bestimmte Tage heilig zu halten und die monatlichen und jährlichen Feste zu feiern. Ich bin in Sorge wegen euch! Sollte es etwa umsonst gewesen sein, dass ich mich euretwegen abgemüht habe?

Wo ist nur eure Freude geblieben?

Richtet euch nach meinem Beispiel, liebe Geschwister, so wie ich mich nach euch gerichtet habe; ich bitte euch darum. Bisher habt ihr mir doch noch nie Kummer bereitet! Ihr wisst, unter welchen Umständen ich euch das erste Mal das Evangelium verkündete: Ich musste wegen einer Krankheit bei euch Halt machen. Und obwohl mein körperlicher Zustand für euch eine Zumutung gewesen sein muss, habt ihr nicht mit Verachtung oder gar Abscheu reagiert, im Gegenteil: Ihr habt mich wie einen Engel Gottes aufgenommen, wie Jesus Christus persönlich. Ihr wart so glücklich damals! Was ist nur aus eurer Freude geworden? Wenn es euch möglich gewesen wäre, hättet ihr euch sogar die Augen ausgerissen und hättet sie mir gegeben; das kann ich bezeugen. Habe ich mich etwa zu eurem Feind gemacht, nur weil ich euch die Wahrheit sage?
Jene Leute bemühen sich nicht in guter Absicht um euch, ganz im Gegenteil: Sie wollen einen Keil zwischen euch und mich treiben, damit ihr euch dann um sie bemüht. Es ist gut, sich um etwas Gutes zu bemühen. Aber tut es nicht nur, wenn ich bei euch bin; tut es immer!
Meine Kinder, es ist, als müsste ich euch ein zweites Mal zur Welt bringen. Ich erleide noch einmal Geburtswehen, bis Christus in eurem Leben Gestalt annimmt. Was würde ich darum geben, gerade jetzt bei euch zu sein und im Gespräch mit euch den richtigen Ton zu finden! Denn ich weiß mir keinen Rat mehr mit euch.

Hagar und Sara: Sinnbilder für den Alten und den Neuen Bund

Ihr wollt euch also dem Gesetz des Mose unterstellen! Ich frage euch: Hört ihr nicht, was eben dieses Gesetz sagt? In der Schrift wird doch berichtet, dass Abraham zwei Söhne hatte; die Mutter des einen war eine Sklavin, die Mutter des anderen war eine freie Frau. Und zwar wurde der Sohn der Sklavin infolge von menschlich-eigenmächtigem Handeln geboren, der Sohn der Freien hingegen aufgrund einer Zusage Gottes.
Das Ganze kann sinnbildlich verstanden werden, nämlich so, dass es sich bei den beiden Frauen um zwei Bündnisse handelt. Der eine Bund, am Sinai geschlossen, bringt Sklaven hervor; er wird von Hagar repräsentiert. »Hagar« steht für den Berg Sinai in Arabien und entspricht dem jetzigen Jerusalem; denn dieses Jerusalem lebt mit seinen Kindern in der Sklaverei. Das Jerusalem im Himmel dagegen ist frei, und dieses Jerusalem ist unsere Mutter. Von ihr heißt es in der Schrift: > »Freu dich, du Unfruchtbare, die du nie ein Kind zur Welt gebracht hast; > brich in Jubel aus und jauchze, die du nie Mutter geworden bist! > Denn die Kinder der Einsamen werden zahlreicher sein als die Kinder der Frau, die einen Mann hat.« Ihr nun, Geschwister, gehört – genau wie Isaak – zu den Kindern, die Gott versprochen hat; ihr verdankt euer Leben der Zusage Gottes. Und genau wie damals der Sohn, der infolge von menschlich-eigenmächtigem Handeln geboren wurde, den Sohn verfolgte, der durch das Wirken von Gottes Geist zur Welt kam, genauso ist es auch heute. Doch was sagt die Schrift? »Schick die Sklavin und ihren Sohn weg! Denn der Sohn der Sklavin soll keinen Anteil an dem Erbe bekommen; der ganze Besitz gehört dem Sohn der Freien.« All das, liebe Geschwister, zeigt, dass wir nicht Kinder der Sklavin sind, sondern Kinder der Freien.

Die Frontstellung im Galaterbrief: Tora oder Taufe?

Vermutlich waren judenchristliche Missionare in die Gemeinde eingedrungen und hatten den Menschen dort eine noch sehr durch jüdische Vorstellungen geprägte Theologie vorgelegt. Was Paulus nun macht, ist bemerkenswert. In der geschichtlichen Beurteilung hat es ihm den Vorwurf eingebracht, judenfeindlich zu sein.

Paulus greift auf die Erzählungen über den Erzvater Abraham zurück, wie dieser mit der Dienerin seiner Frau Sara, der Hagar, einen Sohn zeugt, weil er mit seiner Frau Sara keine Kinder bekommt. (Gen 16) Später dann – wir haben es als Schriftlesung gehört – hat er mit seiner Frau Sara ein Kind bekommen, den Isaak. Hagar ist daraufhin mit ihrem Sohn Ismael davon gelaufen, wohl weil Sara garstig zu ihr war.

Paulus überträgt dieses Bild auf die galatische Gemeinde. Er schreibt ihnen, dass die judenchristlichen Missionare so eigenmächtig wie Abraham handeln, wenn sie ein jüdisch verfremdetes Evangelium predigen. Paulus sagt den Galatern: ihr seid aber nicht eigenmächtig Christen geworden – vielmehr ist es so, dass ihr aufgrund der Zusage, die Gott in Jesus Christus gemacht hat, zu ihm gehört.

Und weiter argumentiert Paulus: Wenn ihr also versucht, über den jüdischen Weg zu Gott zu gelangen, dann lasst ihr Jesus Christus hinten herunter fallen; das funktioniert nicht, das ist so, als wolltet ihr Kind einer anderen Mutter sein. Paulus spitzt dies so weit zu, dass er den Galatern schreibt, dass sie sozusagen seine »Kinder« und er ihre »Mutter« ist. (V. 19)

Der Vorwurf des Antijudaismus ist insoweit unzutreffend, als dass Paulus nicht so etwas schreibt wie: »Durch das Judentum kann man nicht zu Gott kommen.« Ihm dies zu unterstellen, wäre auch schwierig, denn Paulus war eben Judenchrist. Heute verstehen wir das Judentum selbstverständlich als Weg zu Gott – aber als einen Weg zu Gott, der den Kindern Israels vorbehalten ist. Uns, die wir keine Juden sind, steht dieser Weg in Jesus Christus offen.

Was hat das mit uns zu tun?

Liebe Gemeinde, Sie merken: jetzt habe ich doch recht »theologisch« gepredigt. Die Frage bleibt: was hat dieses innergemeindliche Gezänk eigentlich mit uns zu tun? Fakt ist doch: wir erleben nicht, dass uns Menschen drängen, nicht allein auf Christus zu vertrauen, sondern durch jüdische Lebensweise zu Gott zu kommen. Freilich: Dass das Judentum so klein in unserem Land ist, ist Folge unserer schrecklichen Geschichte und Bewegungen wie »Pegida« und wie sie sich alle nennen zeigen in erschütternder Weise, dass solches Gedankengut immer noch in einigen Köpfen herumspukt.

Wodurch werde ich heil, das ist die Frage, auf die uns heute morgen dieser so anspruchsvolle Predigttext stoßen kann.

Diese Frage kann sich jeder unter uns nur selbst beantworten. Wir leben in einem Land, in dem Religion und Glaube zunehmend abgelehnt wird. Der islamistische Terror, der als religiöse Äußerung wahrgenommen wird (und Islamisten vertreten diesen Anspruch!), fördert dies.

Immer mehr Menschen meinen, dass sie Gott nicht brauchen, dass sie selbst »heil« werden – Jugendliche nennen als Wege dazu oft Familie, Freunde und ein gutes Einkommen. Dass diese Sicht bei wacher Betrachtung mehr als unzureichend ist, übersehen viele Menschen. Die Scheidungsquote spricht für sich und was wirtschaftliche Absicherung wert ist, würden Menschen aus Südeuropa oder gar Griechenland sicherlich ganz deutlich relativieren und kaum als »Heilsweg« bezeichnen.

Was bleibt wirklich? Man kann sich nicht wie der Münchhausen am eigen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Man kann sein Segelschiff nicht durch Pusten vorwärtsbringen. Das letzte Hemd hat bekanntlich auch keine Taschen.

Wenn es um unser Heil geht, brauchen wir einen äußeren Fixpunkt, der das auch wirklich ist und nicht nur ein trügerischer Schein.

In Gottes Wort erfahren wir, was wirklich bleibt. Er ist es, Gott, der schon war, als es nichts gab und der am Ende immer noch da ist. In Jesus Christus hat er uns gezeigt, wie wir zu ihm finden können.

Liebe Gemeinde, die Galater liefen Gefahr, in die Religion zurückzufallen, aus der das Christentum erwachsen ist. Paulus zeigt ihnen, dass das als Heilsweg für sie nicht funktioniert.

Wir hingegen laufen Gefahr, unserem Glauben nichts mehr zuzutrauen oder uns auf dem Weg zum Ziel ein Licht zu sein.

Wo die Galater vom Rückfall bedroht waren, sind wir regelrecht vom »Herausfallen« aus dem, was uns durchtragen kann, bedroht.

»Wodurch werde ich heil?« Die Antwort ist einfach: Durch Jesus Christus. In Gottes Wort, der Bibel, erfahren wir, wieso er so wichtig für uns ist. Im Gebet können wir ihm begegnen und bei ihm das Abladen, was uns auf der Seele drückt. Und auf die Frage nach unserem Heil kann das Gebet die Nahrung sein, die unseren Glauben nicht verschmachten lässt. Lassen Sie uns das deshalb tun und darin nicht nachlassen – Beten:

Gott, himmlischer Vater: in unserer Zeit scheint nichts mehr gewiss. Hab’ Dank, dass Du da bist, dass Du der feste Halt in unserem Leben sein kannst. Hab’ Dank, dass Du uns in Jesus Christus als Deine Kinder angenommen hast. Lass uns in schwierigen Zeiten erleben, dass Du mit uns gehst, so dass wir hindurch finden. Führe Du uns zum Ziel, zu Dir, wenn unser Leben einst endet.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen.


  1. Hier folge ich Udo Schnelle, Einleitung in das neue Testament, Göttingen 8. Auflage 2013, 115–133, der gut begründet, dass die Landschaftshypothese wohl zutreffender als die Provinzhypothese ist. Die Provinz war wesentlich größer als die Landschaft und umfasste »auch die angrenzenden Gebiete Paphlagonien, Lykaonien, Kilikia Tracheia und Pisidien«, vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Galatien#Die_r.C3.B6mische_Provinz_Galatia. In dieser Predigt ist dies jedoch kein Thema. [return]
  2. Vgl. A.a.O., 118. [return]