Predigt über 1. Thess 5,14–24

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen!

Liebe Gemeinde, lassen Sie uns einen Moment in unserer Erinnerung kramen. Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Sie sind fünfzehn Jahre alt und wollen gerne mit ihrer Freundin oder ihrem Freund das Wochenende über in einem etwas entfernten Ort zelten. Damit es nachts nicht so kalt ist, wollen Sie auch ein paar Flaschen Wein mitnehmen. – Was hätten Ihre Eltern Ihnen zu diesem Ansinnen erzählt?

Nicht wahr, das anschließende Gespräch wäre mutmaßlich in einer auch für taube Ohren geeigneten Lautstärke erfolgt … Und noch eines ist ebenso sicher: mit fünfzehn Jahren wären Sie nicht in begeisterte Zustimmung zur Entscheidung ihrer Eltern ausgebrochen, sondern wären ziemlich enttäuscht und verärgert gewesen. Mit ein paar Jahren Abstand und etwas mehr Reife erkennt man natürlich, wie unsinnig und gefährlich solche Wochenendpläne sind.

Der heutige Predigttext mutet auf den ersten Blick auch ein wenig unerfüllbar an. Ein starker Appell klingt darin an und der könnte wie eine Überforderung klingen – wie eine Entscheidung, die man nicht akzeptieren will.

Hören Sie einmal, was der Apostel Paulus an die Gemeinde in Thessaloniki schreibt:

  1. Thess 5,14–24 (Lutherbibel 1984, mit Konjekturen M.P.) Wir ermahnen euch aber, liebe Geschwister: Weist die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig gegen jedermann. Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach untereinander und gegen jedermann.
    Seid allezeit fröhlich,
    betet ohne Unterlass,
    seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch.
    Den Geist dämpft nicht.
    Prophetische Rede verachtet nicht.
    Prüft aber alles, und das Gute behaltet.
    Meidet das Böse in jeder Gestalt.
    Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus. Treu ist er, der euch ruft; er wird’s auch tun.

Situation und Briefempfänger

Liebe Gemeinde, was Paulus da schreibt, ist anspruchsvoll.

Es war wohl um das Jahr 50 n. Chr., dass Paulus diese Worte an die Thessalonicher schrieb, eine Gemeinde in Mazedonien, die er auf seiner zweiten Missionsreise gegründet hatte.1 Dieser Gemeinde gibt er nun Verhaltensregeln mit auf den Weg: so sollen sich die Christinnen und Christen in Thessaloniki im Alltag verhalten.

Paulus schreibt auch im Namen seiner Mitarbeiter Silas und Timotheus. Mit Silas (Silvanus) zusammen hatte er die Gemeinde gegründet und als er sie nicht erneut besuchen konnte, hatte er Timotheus hingeschickt, nach dem Rechten zu sehen. Die anfänglichen Verse des Predigtexts reagieren vielleicht auf Fragen der Thessalonicher an Paulus und den Bericht, den Timotheus über die Gemeinde mitgebracht hat.

In Christus die Welt neu sehen (V. 14)

Da ist von Unordentlichen, Kleinmütigen und Schwachen die Rede (V. 14): sie sollen ermahnt werden, Jesus Christus mehr Raum in ihrem Leben zu geben als ihren Zweifeln und Sorgen.

Liebe Gemeinde, wäre das nicht etwas, was wir uns auch öfters zu eigen machen sollten? »Seht genau hin,«, ruft Paulus doch, modern gesagt, den Thessalonichern zu, »das Glas ist nicht halbleer! Schaut auf Jesus Christus, der Wasser zu Wein gemacht hat!«. Denn darum geht es hier: in Jesus Christus zu sein, ihn im Herzen zu haben, und so die Welt neu zu sehen.

Das erinnert mich an den Vers aus dem Markusevangelium: »Alles ist dem möglich, der glaubt.« (Mk 9,23c, M.P.) Nein, damit ist kein »Machbarkeitswahn« gemeint, kein alle Grenzen Überwinden. Gemeint ist, dass uns der Glaube an Jesus Christus ganz viel möglich macht, wo wir ihn leben, wo wir uns wie ein Segelschiff vom Geist Gottes Wind in die Segel blasen lassen.

Wie schwer das ist, weiß ein jeder – »dunkle Tage« haben wir alle schon erlebt. Paulus schreibt: tragt die Schwachen. Gemeinde, also die Gemeinschaft derer, die zu Jesus Christus gehören, soll ein Raum sein, in dem man füreinander da ist. Gerade für die, die eine »dunkle Zeit« erleben. »Seid füreinander da«, das meint Paulus.

»Seid geduldig gegen jedermann«, das schreibt er auch. Was für eine Herausforderung! Stellen Sie sich doch noch einmal die Jugendlicher-will-mit-Freundin-und-viel-Wein-Zelten-Geschichte von vorhin vor. Okay: Sie dürfen diesmal in die Elternrolle schlüpfen. … Und: wären sie beim folgenden Gespräch »geduldig gegen jedermann« gewesen?

Nicht wahr: was Paulus da schreibt, ist kaum erfüllbar. Wenn man sich ansieht, wie oft er sich auf seinen Missionsreisen mit Mitarbeitern überworfen hat, ist der Satz um so interessanter. Paulus selbst vermochte ihn nicht zu erfüllen.

Aber vielleicht geht es ja gar nicht um’s Maximum, um 100 %. Vielleicht ist es ja das Versuchen, das Paulus meint. Das Wort, das Paulus im griechischen Original schreibt, kann man auch so übersetzen, dass der Satz heißt: »Seid langmütig.« Modern gesagt: »Atme erst einmal durch und zähl bis zehn, bevor du den Mund aufmachst …«

Christen sind anders! (V. 15)

Im nächsten Vers wird Paulus noch deutlicher:

Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach untereinander und gegen jedermann.

Der Vers erinnert ein wenig an einen Vers aus der Bergpredigt: »Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.« (Mt 5,39 Lutherbibel 1984)

Paulus fordert die Thessalonicher auf, stets dem Guten nachzujagen, nachzueifern, danach zu trachten. Ein anspruchsvolles Ansinnen. Aber stellen wir uns einmal eine Welt vor, in der alle Christen das versuchten: dem Guten untereinander und gegenüber jedermann nachzueifern. Wer wollte nicht in so einer Welt leben!

Paulus stellt hier allerdings keine Forderung. Das Verb, das er gebraucht (… πάντοτε τὸ ἀγαθὸν διώκετε …) fordert zu einem Versuchen auf – es geht nicht um ein zwanghaftes Erreichen-Müssen. Möglichst jederzeit das Gute anzustreben, das zu Erreichen zu trachten, das ist gemeint. Damit beschreibt Paulus ein Ziel, gibt aber nicht den Weg streng und unabänderlich vor.

Paulus’ Rezept für christliches Leben (VV. 16–22)

Die folgenden Verse sind beinahe hymnisch, sind wie ein Lied. Paulus verrät den Thessalonichern das Rezept für ein Christenleben:

Seid allezeit fröhlich, / betet ohne Unterlass, / seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch. / Den Geist dämpft nicht. / Prophetische Rede verachtet nicht. / Prüft aber alles, und das Gute behaltet. / Meidet das Böse in jeder Gestalt.

Was für eine begeisterte Aufforderung Paulus da trifft! »Seid allezeit fröhlich« – wie schön, wenn das möglich ist! Es gibt ja Menschen, die sind mehrheitlich gut gelaunt, meistern auch die Klippen im Alltag mit einem Lächeln und gutem Mut. Vielen Menschen geht es anders.

Vielleicht kann eben der nächste Satz da helfen: »betet ohne Unterlass.« Das Gebet ist doch unser »heißer Draht« zu Gott, über den wir zu Gott in Beziehung treten können. Im Gebet können wir Lasten abgeben. Wieder ruhig werden. Neue Kraft bekommen.

Das kann uns dankbar machen, weil wir die Welt so sehen, wie Gott sie gemeint hat. Und das kann uns in Bewegung setzen, an dieser Welt mitzubauen.

»Prüft aber alles, und das Gute behaltet.« Mit dieser Empfehlung kann man vieles erreichen, namentlich ein glückliches Leben. »Sieh auf das, was gut ist«, könnte man es modern sagen.

Doch Halt: damit ist nicht gemeint, die Welt in Watte zu hüllen und sich verklärt lächelnd seines Lebens zu freuen – an dem, was nicht gut ist, sollen wir anpacken, so das in unserem Vermögen steht. Aber wenn wir anfangen, unser Leben zu bilanzieren, dann hilft dieser Satz ganz ungemein, einen gesunden Blickwinkel zu finden. Das, was gut, gelungen, schön ist – das empfiehlt der Apostel zu behalten.

Ein Mut-mach-Ruf (VV. 23f)

Finden Sie, dass der Predigttext immer noch mehr nach einem schwierigen Forderungskatalog klingt und nicht wie ein fröhliches Rezept zu gutem Leben? Dann könnte der Schluss des Predigttextes Sie versöhnen:

Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus. Treu ist er, der euch ruft; er wird’s auch tun.

Geist, Seele und Leib nennt Paulus und es ist passend, dass er seinen Brief im Original in griechischer Sprache geschrieben hat, denn die Griechen unterschieden diese drei recht deutlich. Der ganze Mensch ist es, wovon Paulus hier schreibt. Paulus erlebt am eigenen Leib, wie vergänglich der ist. Krankheit, Schwäche, Leiden – das alles sind keine Unbekannten für ihn.

Gott erhält dich, das meint er mit diesen Worten. Ja, es stimmt: menschliches Leben ist ab der Geburt zum Tode verfasst. Die Christen in Korinth erlebten das ganz anschaulich, denn beliebt waren sie wegen ihres Glaubens an Jesus Christus nicht. Mitten in einer von griechischem Denken durch und durch geprägten Umwelt erdreisteten sie sich, alle Götter, die den Griechen heilig waren, zu verschmähen und ihr Heil allein von Christus zu erwarten. »Blasphemie« wird noch der harmloseste Schmähruf, den sie von ihren Zeitgenossen zu hören bekamen …

Gott erhalte, bewahre dich – mit diesem Trostruf ermutigt Paulus die Thessalonicher, nicht von Gott zu lassen. An ihm zu bleiben. Auch im Schweren.

Mehr noch: Paulus schließt: »Treu ist er, der euch ruft; er wird’s auch tun.« Für Paulus ist klar, dass Gottes »Ja« zu seinen Kindern steht und nicht wankt.

Schluss

Das können auch wir heute gut hören: dass Gott uns erhält und dabei ganz treu bleibt. In unserer Gesellschaft wird das Wort »treu« mittlerweile anders gefüllt als früher. Treue ist heute etwas zeitlich befristetes, dass bei Nichtgefallen problemlos aufgekündigt werden darf. Individualität geht vor Gemeinschaft.

Wenn wir Gottes Treue mit dem heutigen Treuebegriff zu begreifen versuchen, greifen wir aber viel zu kurz. Gottes »Ja« zu uns ist nicht beliebig, nicht nur zeitweilig gültig, nicht nur in Kraft, solange wir seine Gebote befolgen oder gar ihn selbst in unserem Leben wichtig sein lassen.

Gottes Treue ist von einer zeitlosen, ja: die Zeit überdauernden Qualität: Er lässt uns nicht, nie wieder.

Paulus rechnet in diesem, seinem ersten Brief, noch damit, dass Jesus Christus zu seinen Lebzeiten auf die Erde wiederkehrte, das hört man gerade in diesem letzten beiden Versen ganz deutlich. In seinen späteren Briefen fasst er dies weiter.2 Dass Gott uns bewahrt stellt er dann auch in einen größeren Zusammenhang, indem er bis ans Ende der Zeiten ausgreift.

Jetzt, in dieser Welt sind wir eben sterblich, nicht perfekt und noch umerlöst. Gott bewahrt uns gerade darin, dass er uns bis zu seiner Wiederkunft, die dann das Ende der Zeiten ist, erhält. Da ist mehr, das ist unser Glaube ganz kurz gesagt. Und etwas länger: Dieses Mehr ist, dass Gott uns an allen Tagen dazu bewahrt, einst Gemeinschaft mit ihm von Angesicht zu Angesicht zu haben. Das ist es, was uns in »dunklen Zeiten« Kraft und Mut geben kann.

Paulus schreibt einen fröhlichen Text, dem ein großer Anspruch innewohnt. Auf den ersten Blick klingt es unerfüllbar. Doch Paulus schreibt eben nichts, was in Stein gemeißelt ist, sondern die Grundlage einer Welt, die wir immer wieder zu verwirklichen trachten, einen Abglanz des einstigen Reiches Gottes schon heute. Wo es uns gelingt, seinen Ideen nahe zu kommen, geschieht das. Doch über alle dem steht eben, dass es bei einem Versuchen bleibt – und das genügt auch.

Vielleicht passt das, was Jesus seinen Jüngern damals sagte, dazu auch für uns heutige Jüngerinnen und Jünger:

In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. (Joh 16,33b)

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen in Christus Jesus, Amen.

Lied: Seid fröhlich in der Hoffnung


  1. Vgl. Apg 17. [return]
  2. Vgl. 1. Kor 11 z.B. [return]