Predigt über 1. Mose/Genesis 37,12–36: Geschwisterliebe

thumbnail for this post

Liebe Gemeinde, in der Predigtreihe der Sommerkirche geht es 2014 um die Fenster der Kreuzkirche. Heute ist das Fenster über dem Taufstein im Blick, auf der Postkarte können Sie es anschauen.

(Bild: Hinterstes Fenster im linken Seitenschiff der Ev. Kreuzkirche Wiedenest. Foto: Marc Platten.)

Tun Sie das doch jetzt, während ich Ihnen den Predigttext vorlese:

(1. Mose/Genesis 37,12–36, Gute Nachricht Bibel) Einmal waren Josefs Brüder unterwegs; sie weideten die Schafe und Ziegen ihres Vaters in der Nähe von Sichem. Da sagte Jakob zu Josef: »Du weißt, deine Brüder sind mit den Herden bei Sichem. Ich will dich zu ihnen schicken.« »Ich bin bereit«, antwortete Josef. Sein Vater gab ihm den Auftrag: »Geh hin und sieh, ob es deinen Brüdern gut geht und ob auch bei den Herden alles in Ordnung ist. Dann komm wieder und bring mir Nachricht!« So schickte Jakob ihn aus dem Tal von Hebron nach Sichem. Dort traf ihn ein Mann, wie er auf dem Feld umherirrte, und fragte ihn: »Was suchst du?« »Ich suche meine Brüder«, sagte Josef, »kannst du mir sagen, wo sie ihre Herden weiden?« Der Mann antwortete: »Sie sind nicht mehr hier. Ich hörte, wie sie sagten: ’Wir wollen nach Dotan gehen!’« Da ging Josef ihnen nach und fand sie in Dotan. Die Brüder sahen Josef schon von weitem. Noch bevor er herangekommen war, stand ihr Entschluss fest, ihn umzubringen. Sie sagten zueinander: »Da kommt der Kerl, dem seine Träume zu Kopf gestiegen sind! Schlagen wir ihn doch tot und werfen ihn in die nächste Zisterne! Wir sagen einfach: Ein Raubtier hat ihn gefressen. Dann wird man schon sehen, was aus seinen Träumen wird!« Als Ruben das hörte, wollte er Josef retten. »Lasst ihn am Leben!«, sagte er. »Vergießt kein Blut! Werft ihn in die Zisterne da drüben in der Steppe, aber vergreift euch nicht an ihm!« Er hatte die Absicht, Josef heimlich herauszuziehen und zu seinem Vater zurückzubringen. Als Josef bei ihnen ankam, zogen sie ihm sein Obergewand aus, das Prachtgewand, das er anhatte. Dann packten sie ihn und warfen ihn in die Zisterne. Die Zisterne war leer; es war kein Wasser darin. Dann setzten sie sich zum Essen. Auf einmal sahen sie eine Karawane von ismaëlitischen Kaufleuten aus der Richtung von Gilead herankommen. Die Ismaëliter waren auf dem Weg nach Ägypten; ihre Kamele waren mit den kostbaren Harzen Tragakant, Mastix und Ladanum beladen. Da sagte Juda zu seinen Brüdern: »Was nützt es uns, wenn wir unseren Bruder umbringen? Wir werden nur schwere Blutschuld auf uns laden. Lassen wir ihn leben und verkaufen ihn den Ismaëlitern; er ist doch unser Bruder, unser eigen Fleisch und Blut!« Die anderen waren einverstanden. Als die reisenden Kaufleute herankamen, zogen sie Josef aus der Zisterne. Sie verkauften ihn für 20 Silberstücke an die Ismaëliter, die ihn nach Ägypten mitnahmen. Als nun Ruben wieder zur Zisterne kam, war Josef verschwunden. Entsetzt zerriss er seine Kleider, ging zu seinen Brüdern und rief: »Der Junge ist nicht mehr da! Was mache ich nur? Wo bleibe ich jetzt?« Die Brüder schlachteten einen Ziegenbock und tauchten Josefs Prachtgewand in das Blut. Sie brachten das blutbefleckte Gewand zu ihrem Vater und sagten: »Das haben wir gefunden! Ist es vielleicht das Gewand deines Sohnes?« Jakob erkannte es sogleich und schrie auf: »Mein Sohn! Es ist von meinem Sohn! Ein Raubtier hat ihn gefressen! Zerfleischt ist Josef, zerfleischt!« Er zerriss seine Kleider, band den Sack um seine Hüften und betrauerte Josef lange Zeit. Alle seine Söhne und Töchter kamen zu ihm, um ihn zu trösten, aber er wollte sich nicht trösten lassen. »Nein«, beharrte er, »voll Kummer und Gram gehe ich zu meinem Sohn in die Totenwelt hinunter!« So sehr hatte ihn der Verlust getroffen. Die Kaufleute aber brachten Josef nach Ägypten und verkauften ihn dort an Potifar, einen Hofbeamten des Pharaos, den Befehlshaber der königlichen Leibwache.

»Geschwisterliebe« als Überschrift der Predigt

Liebe Gemeinde, stellen Sie sich doch einmal folgendes vor:

Sie sind Reporterin oder Reporter und schreiben für eines der hiesigen Blätter. Bei dem eben Gehörten waren Sie dabei: sie haben zugesehen, wie die Brüder den Josef in das trockene Brunnenloch hineinwarfen, ihre Mordpläne beim Essen besprachen und ihn dann an eine vorbeikommende Menschenhändlerbande loswurden.

Welche möglichst aussagekräftige Überschrift hätten Sie über Ihren Artikel geschrieben?

Ein kleines Geständnis muss ich Ihnen machen: diese Predigt heute habe ich lange Zeit nicht geschrieben, nicht schreiben wollen. Der Grund dafür liegt zum einen in der vorgegebenen Überschrift dieser Predigt: »Geschwisterliebe«. Ich weiß nicht, wie es Ihnen mit diesem Titel geht, bin mir aber recht sicher: so einen Titel hat sich hier niemand als Überschrift überlegt, denn das Erzählte mutet doch alles – wirklich alles – andere als liebevoll an.

Eine Familie, in der man nur im Ansatz wie gehört miteinander umgeht, könnte nur schwerlich als Familie bezeichnet werden – das klingt doch viel eher nach einer »ehrenwerten Familie«, denn bei der Mafia herrschen wohl eher solche Sitten.

Zum Fensterbild

Das Fensterbild fällt durch seine dunkle Farbgebung auf: Grün-, Braun- und Grautöne wurden verwendet, nur im oberen rechten Bereich ist ein erdiges Rot-Braun zu sehen, das an die Farben der Fresken erinnert.

Die Personen sind alle hell gezeichnet, der Glasmaler Hermann Gottfried hat ihnen eine an Eulen erinnernde Gesichtsphysiognomie gegeben, was wohl sein Stil, Menschen darzustellen, ist.

Im Bibeltext ist unklar, wer Josef verkauft, hier werden gleich zwei Varianten genannt:

  1. In den Versen 25 und 27 heißt es, dass die Brüder Josef an eine ismaelitische Karawane verkauften,
  2. in Vers 28 steht, dass midianitischer Kaufleute Josef fanden, ihn aus der Zisterne befreiten und dann an Ismaeliten mit Ziel Ägypten verkauften – der weitere Verlauf stützt diese zweite Variante.

Wie auch immer: am Ende war Josef auf dem Weg in die Skaverei, weil seine mordlustigen Brüder ihn in die Zisterne geworfen hatten.

Im Fensterbild sehen wir einen Menschenhändler, dessen überlanger Zeigefinger auf den kleinen Josef zeigt – »Oh« scheint dieser zu sagen. Den Geldbeutel hält der Händler noch bei sich, der vordere Bruder reckt beide Hände gierig danach. Das Fensterbild vermischt beide Textvarianten und stellt damit eine Deutung eigener Herkunft dar, was vielleicht unter das Stichwort der »künstlerischen Freiheit« fällt.

Wie es nach dem Verkauf weiter ging

Der Fortgang folgt der zweiten Variante, die ich für die ursprünglichere halte. Als Ruben später zur Zisterne geht und entdeckt, dass sie leer ist, packt ihn das Entsetzen: Kein Josef in der Zisterne! (וְהִנֵּ֥ה אֵין־יוֹסֵ֖ף בַּבּ֑וֹר)

Was können die Brüder jetzt tun? Sie entschließen sich zum Betrug. Den schönen Mantel, den Jakob Josef als Ausdruck seiner besonderen Liebe geschenkt hatte, tauchen sie in Blut und zeigen das dem Patriarchen: »Schau mal, Papa, den haben wir gefunden. Kann es sein, dass ein wildes Tier Josef gefressen hat?« – Da ist sie wieder, die »ehrenwerte Familie« …

Die Genesis erzählt weiter, wie Josef nach Ägypten gelangte und es, freilich nach großen Schwierigkeiten, schaffte, einer der wichtigsten Minister des Pharaos zu werden. Als dann eine Hungersnot eintrat, die Josef vorausgesagt hatte, konnten die Ägypter durch seine Vorsorge überleben und auch aus anderen Ländern kamen Menschen nach Ägypten, um Getreide zu kaufen. Auch Josefs Brüder kamen deshalb nach Ägypten und, nach einigem Gewese, wurde die Familie letztlich wieder vereint: Jakob bekam seinen tot geglaubten Sohn zurück und Josef verzieh seinen Brüdern und versöhnte sich mit ihnen.

Geschwisterliebe in der Josefsgeschichte

In diesem Teil, übrigens den Kapiteln 42–45 in der Genesis, spielt Josef zuerst mit seinen Brüdern. Sie, die ihn hatten töten wollen, stellt er auf die Probe, indem er erst Simeon und später den zweiten Lieblingssohn Jakobs, Benjamin, gefangen nimmt und die Brüder auffordert, für vermeintliche Verbrechen gerade zu stehen.

Als seine Brüder das tun und für die von Josef Gefangenen einstehen, erkennt er, dass seine Geschwister sich verändert haben, dass sie liebevoll innerhalb der Familie handeln können und das auch tun – ein großer Fortschritt.

Geschwisterliebe heute?

Liebe Gemeinde, sicherlich kennen die meisten unter uns die Josefsnovelle am Ende des Ersten Mosebuchs gut. Im Fortgang erzählt sie noch, dass der Patriarch Jakob Josefs Söhne Ephraim und Manasse, adoptiert. So werden seine zwölf Söhne die Stammväter Israels, dessen zwölf Stämme nach ihnen benannt sind.

So gilt Josef zwar nicht als einer der Erzväter, aber sein Vater, Großvater und Urgroßvater, also Abraham, Isaak und Jakob, sind dies sehr wohl. Josef ist einer der zwölf Söhne Jakobs, des letztgenannten Erzvaters Israels.

Schauen wir kurz vor die Zeit der Josefsgeschichte. Josefs Urgroßvater Abraham, um den es übrigens nächste Woche anhand des vordersten Fensters im rechten Seitenschiff gehen wird, hatte zwei Söhne: Isaak und Ismael.

Ismael ist Muslimen eine sehr wichtige Person. Gemeinsam mit Abraham soll er die Ka’aba in Mekka errichtet haben. Überhaupt gilt er als eine der Urväterfiguren des Islams, so wie Josefs Großvater Isaak dem Judentum.

Weshalb erzähle ich Ihnen das? Weil diese beiden Halbbrüder, Ismael und Isaak, Josefs Großvater, eine Familie sind. Kundige Bibelleser wissen, dass Abraham seinen Sohn Ismael samt dessen Mutter vertrieb, als seine Frau Isaak bekam (Gen 16.21).

In den letzten Wochen ist der Dauerkonflikt zwischen Israel und Palästinensern wieder zu einem Bodenkrieg eskaliert – dieser Konflikt tobt seit der Gründung des Staates Israel, wenn man vom alttestamentlichen Zeugnis des Konflikts zwischen Israeliten und den Menschen im Lande einmal absehen will.

Israel beruft sich auf Isaak als Erzvater. Die Palästinenser berufen sich auch auf Ismael. Es sind die Kindeskinder dieser Brüder, die hier erbitterten Krieg führen und den Hass aufeinander schüren und schon ihre Kinder zum Hass aufeinander erziehen.

Geschwisterliebe ist der unglücklich gewählte Titel dieser Predigt, die sicher treffender mit »Bruderkrieg« oder »Familienfede« überschrieben gewesen wäre.

Fast ein wenig entmutigt könnte man nun fragen: »Was bleibt denn dann zum Thema Geschwisterliebe zu sagen? Gibt es überhaupt nichts Positives?«

Nehmen wir den Blick von diesem Fenster und seiner Geschichte einmal fort – die dunklen Farben darin schließen das Licht bloß aus.

Geschwisterliebe existiert!

Im Neuen Testament finden sich zum Thema Geschwisterliebe andere Aussagen. Vorhin, in der Schriftlesung, hörten wir Worte aus Apostelgeschichte 4,32–37], wo beschrieben wird, dass christlicher Glaube Gemeinschaft wie in einer guten Familie ermöglicht. Das ist Geschwisterliebe im besten Sinne.

Selbst den Menschen im Umfeld der ersten Gemeinden fiel der liebevolle Umgang der Christen auf. Der römische Schriftsteller Tertullian zitiert ausgerechnet Kritiker der ersten Christen folgendermaßen:

»Siehe«, sagen sie (über die Christen; M.P.), »wie sie sich untereinander lieben« (…) und »wie einer für den andern zu sterben bereit ist …«1

Schluss

Liebe Gemeinde, das Thema Geschwisterliebe ist sicherlich ambivalent besetzt. Wer Geschwister hat, weiß um Licht und Schatten dabei aus erster Hand.

Mit dem Fensterbild konnten wir auf die Schattenseiten blicken, wobei die Drastik der Szene erschreckend ist. Die Lesung illustrierte in hellen Farben, was Geschwisterliebe idealerweise ist: ein Sich-Einsetzen für die, die zu einem gehören, die Familie sind. Dass Glaube an Jesus Christus, wo er wirklich gelebt wird, Geschwisterliebe in einer neuen, nämlich »Gottes Familie«, ermöglicht, ist eine gute Nachricht. Als Christinnen und Christen haben wir Geschwister, selbst als Einzelkinder.

Als Kain seinen Bruder Abel getötet hatte, fragte Gott ihn, was mit Abel sei. Kain antwortete: »Bin ich vielleicht der Hüter meines Bruders?« (Gen 4,9)

Wie ist das bei uns: Sind wir Hüterinnen oder Hüter unserer Geschwister? Sind wir für sie da, wenn sie uns brauchen? Nehmen wir Anteil an ihrem Leben, ihren Hoffnungen und Träumen, ihrem Gewinnen und Verlieren?

Ich wünsche Ihnen die Geschwisterliebe, die es braucht, um ihre Familie als solche zu pflegen. Und was uns als Menschen angeht, die in Jesus Christus untereinander zu einer Familie verbunden sind: ich lade Sie ein, gleich im Fürbittgebet besonders unserer Geschwister in Israel und Palästina zu gedenken.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen. (Phil 4,7)

Lied: Da berühren sich Himmel und Erde


  1. Tertullian, Apologeticus, Kap. 39, gekürzt nach http://www.tertullian.org/articles/kempten_bkv/bkv24_08_apologeticum.htm#C39, abgerufen am 21.07.2014. [return]