Predigt über Numeri 11,11–12.14–17.24–25 – Gottes Geist als Lotse durch die Zeit

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen!

Liebe Gemeinde, wann haben Sie eigentlich das letzte Mal eine Spukgeschichte gehört? Erinnern Sie sich daran, wie sich die Nackenhärchen langsam aufrichten und man ganz kribbelig wird?

Filme setzen das doch ganz regelmäßig um. Da schleicht – natürlich im Dunkeln, von immer dramatischer werdender Musik untermalt – ein fieses Wesen näher und näher an den nichts Böses ahnenden Helden heran. Da! Wird es ihn packen? Wird er entkommen?

Früher waren es wirklich noch Spukgeschichten. Heute sind es eher Dämonen, Vampire oder Außerirdische, die sich da »anschleichen«. Böse Geister – die wähnen heutzutage nur noch wenige Menschen unter Bett oder im Keller. Und doch: Das Geschäft mit der Angst blüht in einem Land, in dem es sicher ist.

Geister faszinieren uns:

  • Als Kinder haben wir Spukgeschichten gehört und anschließend unter dem Bett und im Kleiderschrank nach diversen Schrecken gesucht.
  • Ein Schloss ohne Gespenst? Langweilig. J.K. Rowling hat das in Harry Potter auf eine entlarvend komische Weise umgesetzt.
  • Viele Menschen glauben, dass Geister ihnen Auskunft über ihr Schicksal geben könnten und lassen sich auf die absonderlichsten Praktiken ein.

Ja, Geister gibt es viele und ihre Unterscheidung ist eine Kunst. So manche Geister sollten wir besser in eine Schweineherde wünschen, die sich dann ins Wasser stürzt, so wie es einst nahe dem See Genezareth geschah. (Mt 8,28–34) Und so mancher »Geist« entpuppt sich bei näherem Hinsehen nur als böse Phantasie.

An Pfingsten geht es um einen anderen Geist

Heute, am Pfingstfest geht es um einen anderen Geist, um den Geist des höchsten Gottes, der Herr über alle Mächte und Gewalten ist. Es ist der Geist, der uns mit Gott verbindet. Wer kennt sie nicht, die Geschichte von Jesu Taufe, bei der Gottes Geist wie eine Taube auf Christus herabkam. Eine andere »Geistergeschichte« haben wir eben in der Schriftlesung gehört (Apg 2,1–18).

Sicher mutmaßen Sie, dass einer dieser bekannten Texte vom Wirken des Heiligen Geistes der Predigttext ist, doch das ist er nicht. Der Geist Gottes wirkt nicht erst seit Pfingsten. Er hat auch vorher schon immer wieder Menschen erreicht und durch sie gewirkt.

Allen voran ist Mose zu nennen. Auf ihm ruhte der Geist Gottes, war ihm Hilfe und Kraft auf dem Weg ins gelobte Land. Dennoch war Mose die Verantwortung, die ihm übertragen war, zu viel, so dass er Gott um Entlastung bat. Das geschah, indem Gott den Geist nahm und auf siebzig Älteste verteilte. Dadurch wurde die Kraft des Geistes nicht kleiner, sondern sein Wirkungsfeld wurde größer. So beginnt Gott, durch seinen Geist in das Volk Israel hinein zu wirken.

Moses Situation

Damals, als Israel auf dem Weg ins gelobte Land war, ließ Gott es ihnen an nichts fehlen. Mit dem Manna ernährte er sie, sorgte dafür, dass kein Hunger da war. Doch das genügte dem Volk nicht. Hunger hatten sie keinen, aber ihr Appetit war dafür umso größer. Sie murrten und beklagten sich bei Mose, tagein, tagaus immer nur Manna. Fleisch wollten sie haben, endlich Fleisch. Und so klagten sie bei Mose, jammerten wie schlecht erzogene Kinder an der Supermarktkasse. Gott ärgerte es, und auch Mose ärgerte sich. Hören wir den Predigttext, der im 4. Buch Mose, Numeri, im 11. Kapitel steht:

Num 11,11–12.14–17.24–25 Mose sprach zu dem HERRN: »Warum bekümmerst du deinen Knecht? Und warum finde ich keine Gnade vor deinen Augen, dass du die Last dieses ganzen Volks auf mich legst? Hab ich denn all das Volk empfangen oder geboren, dass du zu mir sagen könntest: Trag es in deinen Armen, wie eine Amme ein Kind trägt, in das Land, das du ihren Vätern zugeschworen hast?
Ich vermag all das Volk nicht allein zu tragen, denn es ist mir zu schwer. Willst du aber doch so mit mir tun, so töte mich lieber, wenn anders ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe, damit ich nicht mein Unglück sehen muss.« Und der HERR sprach zu Mose: »Sammle mir siebzig Männer unter den Ältesten Israels, von denen du weißt, dass sie Älteste im Volk und seine Amtleute sind, und bringe sie vor die Stiftshütte und stelle sie dort vor dich, so will ich herniederkommen und dort mit dir reden und von deinem Geist, der auf dir ist, nehmen und auf sie legen, damit sie mit dir die Last des Volks tragen und du nicht allein tragen musst.« Und Mose ging heraus und sagte dem Volk die Worte des HERRN und versammelte siebzig Männer aus den Ältesten des Volks und stellte sie rings um die Stiftshütte. Da kam der HERR hernieder in der Wolke und redete mit ihm und nahm von dem Geist, der auf ihm war, und legte ihn auf die siebzig Ältesten. Und als der Geist auf ihnen ruhte, gerieten sie in Verzückung wie Propheten und hörten nicht auf.

Mose war es einfach zu viel geworden. Tagein, tagaus musste er sich mit diesem nörgelnden, undankbaren Pack abschleppen, die immer nur murrten und alles Gute für selbstverständlich erachteten. »Es reicht«, dachte er bei sich. »Was soll ich mir immer das Gejammer wegen allem Möglichen anhören. Wer bin ich denn?« Und so wandte er sich an Gott und klagte es ihm.

Das Volk wie unmündige Kinder – im Bild, das Mose gebraucht, wird dies deutlich. Er klagt Gott, weder die Mutter noch die Amme des Volkes zu sein, nimmt Gott als Eltern dieses Volkes in Anspruch. Seine Nerven liegen blank und er weiß einfach nicht mehr weiter.

Gott nahm Moses Klage ernst, wenn er auch den Grund, das Murren des Volkes, als Frechheit erachtete. Später hat er darauf reagiert, hat das Manna gegen Wachteln vertauscht und dies so konsequent durchgeführt, dass das Volk schon bald die Wachteln – tagein, tagaus nur Wachteln – nicht mehr sehen konnte … So sind sie »vom Regen in die Traufe geraten«, weil sie sich nicht an dem genügen ließen, was gut für sie war.

Gottes Geist ist nicht exklusiv

Doch bevor Gott die »Speisekarte« änderte, nahm er sich des »Kellners« an. Moses Überforderung in der Leitung des Volkes wollte er abstellen. Siebzig Älteste, das waren siebzig von den Anerkannten im Volke, ließ er Mose hervorrufen und gab von seinem Geist auch in sie, dass sie Mose halfen, das Volk ins gelobte Land zu führen. So war Mose entlastet und konnte sich wieder seiner eigentlichen Aufgabe widmen.

Das erinnert uns an das Pfingstfest, wie es Lukas im zweiten Kapitel seiner Apostelgeschichte beschreibt. Auch da kam der Geist Gottes auf die Apostel, damit sie fähig wurden, die Christenheit zu leiten. Auch sie haben nicht alles allein gemacht, sondern das ist das besondere: jede Christin, jeder Christ erhält durch die Taufe Anteil am Geist Gottes, ist seinerseits aufgerufen, an Gottes Gemeinde mitzubauen.

Seit Pfingsten ist das so. Vor Pfingsten war Anteil an Gottes Geist eine exklusive Angelegenheit. Mose war einer der Ersten, der Anteil daran hatte. Später waren es die Propheten und die Könige Israels und an König Sauls Schicksal sehen wir, dass Gott seinen Geist auch zurücknehmen kann, wo ein Mensch nicht in diesem Geiste lebt und handelt.

Heute, an Pfingsten erinnern wir uns daran, das Gott seinen Geist unter uns gesandt hat. Gottes Geist, das ist der Speis, der die Steine der Kirche zusammenhält: er verbindet Menschen jeden Alters, jeder Herkunft, jedes Standes und Berufs, jeder Nationalität und Hautfarbe.

Das ist das besondere an uns Christen: dass wir Geschwister haben, dass wir eine Kirche bilden.

Bei den Kirchentagen zum Beispiel wird dies immer wieder greifbar, wenn Menschen aus ganz unterschiedlichen Orten zusammenkommen. Da ist ein besonders Flair: wildfremde Menschen haben miteinander Gemeinschaft, kommen in Bussen, S-Bahnen und auf den Straßen ins Gespräch, singen und – das wird heutzutage eine Ausnahme in Deutschland – die Menschen grüßen einander.

Ich meine, die Kirchentage sind gute Beispiele dafür, dass Gott im Heiligen Geist seine Kirche baut und dabei alle Grenzen zwischen Menschen überwindet. Pfingsten ist deshalb das Geburtstagsfest der Kirche.

Gottes Geist verbindet uns

Pfingsten ist auch der Abschluss einer Zeit der Gottesferne. Vor zehn Tagen haben wir Christi Himmelfahrt gefeiert, eben das Christus zu Gott zurückgekehrt ist und damit seine Jüngerinnen und Jünger verlassen hat. Zehn einsame Tage sind es, die zwischen Himmelfahrt und Pfingsten liegen und erst im Heiligen Geist, den Christus als einen Tröster beschreibt, wird diese Entfernung wieder aufgebrochen, ist ein Stück Himmel auf die Erde zurückgekehrt.

Durch die Taufe sind wir im Heiligen Geist mit Gott und untereinander verbunden. Es ist derselbe Geist, der Mose und den siebzig Ältesten geholfen hat, das Volk Israel ins gelobte Land zu leiten. Auch uns kann der Heilige Geist im Leben leiten, sowohl im persönlichen Leben als auch in dem unserer Gemeinde.

Uns persönlich ist der Heilige Geist die Quelle, durch die Gott uns immer wieder Kraft, Mut und Vertrauen schenkt. Für unsere Gemeinde ist der Heilige Geist der, der uns hilft, »auf Kurs« zu bleiben. Ihn, Gottes Geist, brauchen wir als Kirche, um mehr zu sein als nur eine Institution mit Gesetzen und Regeln — gerade angesichts der Tatsache, dass es eben nur Menschen sind, die in Kirche arbeiten, und so auch immer wieder Fehler machen und Enttäuschungen bereiten.

Aber bleiben wir bei den Hauptamtlichen als »Repräsentanten« von Kirche nicht stehen. Das Priestertum aller Gläubigen wird wieder stärker in unser Bewusstsein rücken müssen. Für uns als Gemeinde heißt das, den Geist von Pfingsten in unseren Herzen wehen zu lassen, lebendige Zeuginnen und Zeugen für Jesus Christus in Wort und Tat zu sein.

Ein letztes: Dieser Geist von Pfingsten, Gottes Heiliger Geist, kann der »Treibstoff« für uns als Christinnen und Christen im Alltag sein. Er befähigt uns, in Jesu Geist zu handeln. Wie können wir das aber tun?

Ich denke, eine Möglichkeit, pfingstlich zu handeln ist, wenn wir uns immer wieder bewusst machen, wo andere Menschen von »allen guten Geistern« verlassen zu sein scheinen und sie unterstützen. Fragen wir uns einmal, wer dies sein könnte:

  • das sind diejenigen, die krank sind und darunter leiden,
  • das sind diejenigen, deren Pläne einfach nicht zum Ziel gekommen sind und die sich als gescheitert empfinden,
  • das sind diejenigen, deren Beziehung nicht mehr ist.

Sicherlich fallen Ihnen weitere Beispiele, vielmehr: Menschen ein, die im Moment eine schwierige Zeit erleben. Für sie können wir beten und auf Gottes Geist vertrauen, der alle Gebete zu Gott trägt (vgl. Röm 8,26). Mehr noch: sie können wir besuchen, ihnen ein gutes Wort sagen, ihnen zeigen, dass sie nicht allein sind. Das ist auch ein Stück Pfingsten: ein Miteinander auf dem Fundament des Geistes zu verwirklichen.

Das ist sicherlich nicht immer so einfach, wie es jetzt klingt. Lassen Sie mich deshalb damit schließen: Moses war auch einiges zu schwer. Er hat sich Hilfe geholt und Gottes Geist als Kraftquelle genutzt. Und dann ging es auch. Lassen Sie uns das auch tun: da, wo wir mit unserer Kraft nicht weiterkommen, auf Gottes Geist vertrauen und neue Schritte wagen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Lied: eg 129,1–4 Freut euch, ihr Christen alle (alle 4 Strophen)