Predigt über Genesis 8,1–12 – Die Sintflut

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen!

Liebe Gemeinde, hören Sie den Predigttext aus dem Ersten Mosebuch, Genesis:

Der Predigttext: Genesis 8,1–12 Das Ende der Sintflut

Genesis/1. Mose 8,1-12 (Lutherbibel 1984) Da gedachte Gott an Noah und an alles wilde Getier und an alles Vieh, das mit ihm in der Arche war, und ließ Wind auf Erden kommen, und die Wasser fielen. Und die Brunnen der Tiefe wurden verstopft samt den Fenstern des Himmels, und dem Regen vom Himmel wurde gewehrt. Da verliefen sich die Wasser von der Erde und nahmen ab nach hundertundfünfzig Tagen. Am siebzehnten Tag des siebenten Monats ließ sich die Arche nieder auf das Gebirge Ararat. Es nahmen aber die Wasser immer mehr ab bis auf den zehnten Monat. Am ersten Tage des zehnten Monats sahen die Spitzen der Berge hervor. Nach vierzig Tagen tat Noah an der Arche das Fenster auf, das er gemacht hatte, und ließ einen Raben ausfliegen; der flog immer hin und her, bis die Wasser vertrockneten auf Erden. Danach ließ er eine Taube ausfliegen, um zu erfahren, ob die Wasser sich verlaufen hätten auf Erden. Da aber die Taube nichts fand, wo ihr Fuß ruhen konnte, kam sie wieder zu ihm in die Arche; denn noch war Wasser auf dem ganzen Erdboden. Da tat er die Hand heraus und nahm sie zu sich in die Arche. Da harrte er noch weitere sieben Tage und ließ abermals eine Taube fliegen aus der Arche. Die kam zu ihm um die Abendzeit, und siehe, ein Ölblatt hatte sie abgebrochen und trug’s in ihrem Schnabel. Da merkte Noah, dass die Wasser sich verlaufen hätten auf Erden. Aber er harrte noch weitere sieben Tage und ließ eine Taube ausfliegen; die kam nicht wieder zu ihm.

Die Sintflut – eine wissenschaftlich angefochtene Idee

Liebe Gemeinde, von der Sintflut haben wir alle schon gehört und selbstverständlich davon, dass das alles nur Humbug sei, wissenschaftlich nicht bewiesen werden könne, usw.

Als ich mich mit dem Predigttext beschäftigte, bin ich dem einmal nachgegangen. Ich fand erstaunliches heraus:

zum einen, dass Sintfluterzählungen in Kulturen auf der ganzen Erde verbreitet sind, praktisch auf allen Kontinenten. Ob man in Asien, Südamerika, Europa oder Afrika nachschaut: über 500 Sintfluterzählungen sind vorhanden.

Das andere: Selbst in Gebirgen findet man immer wieder Muscheln und Meerestierchen im Gestein, zum Teil auf Bergen, die man aufgrund ihrer Höhe als Hochgebirge bezeichnet, wie den Alpen. Auch hierfür werden alternative Erklärungen angeboten.

Aufgrund dieses Befundes finde ich die Möglichkeit einer Sintflut, die sich in Urzeiten ereignet hat, nicht unmöglich1.

In dieser Predigt soll es aber nicht um ein »ob ja« oder »ob nicht« der Sintflut gehen, sondern um die Frage, was die Erzählung im Predigttext uns heutigen Menschen sagen kann und welche Bedeutung sie für uns haben kann.

Die Sintflut – ein radikales Ende

Was Sintflut an sich bedeutet, ist uns allen klar. Sintflut steht für vollständige Vernichtung, Auslöschung alles Lebens. Nichts bleibt übrig.

Das Alte Testament erzählt von solch einer Katastrophe und deutet sie als Wirkung des Handelns Gottes. In 1. Mose 6 steht:

Genesis 6,1–7 (Hermann Menge, 1949) Als nun der HERR sah, dass die Bosheit der Menschen groß war auf der Erde und alles Sinnen und Trachten ihres Herzens immerfort nur böse war, da gereute es ihn, die Menschen auf der Erde geschaffen zu haben, und er wurde in seinem Herzen tief betrübt. Darum sagte der HERR: »Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vom ganzen Erdboden weg vertilgen, die Menschen wie das Vieh, das Gewürm wie die Vögel des Himmels; denn ich bereue es, sie geschaffen zu haben.«

Liebe Gemeinde, das allein ist schon ein Affront für viele Menschen: dass der »liebe Gott« sich hier entschließt, seine Schöpfung und seine Geschöpfe darin auszulöschen, zu tilgen. »Alles zurück auf Start«, das ist die Maxime. Gott macht hier sozusagen von seinem „Umtauschrecht“ Gebrauch.

Die Sintfluterzählung ist eine Art »umgekehrte Schöpfung«. Im Alten Testament steht die Erzählung der Sintflut ja auch ganz nahe bei den Schöpfungserzählungen. Mit der Schöpfung beginnt die Bibel, doch noch darin wird auch berichtet, dass die Menschen sich entschieden, gegen Gott zu handeln – die Vertreibung aus dem Paradies folgte. Dann, außerhalb des Paradiesgartens, ereignet sich auch schon der erste Mord, als Kain den Abel umbringt. Und praktisch danach lernen wir Noah kennen und finden den Predigttext.

Nein, seine Schöpfung hatte Gott sich anders vorgestellt. Weniger blutrünstig, weniger ungerecht. Die Möglichkeit, zu entscheiden, die er seinen Geschöpfen gegeben hatte – sie war es, die diese Dinge mit sich brachte. Und nun hatte Gott genug davon, dass seine Geschöpfe es immer schlimmer trieben und dass das Unrecht zum Himmel schrie.

Reset, Zurück auf Los, Neustart, alles von vorn – das sollte diese Sintflut sein: ein Mittel, gottlose Ungerechtigkeit und Unrecht zu Ersäufen, das weg zu tun. Wie bei einem Planer am Reißbrett ist die Sintflut der große »Radiergummi« Gottes, der Missratenes tilgt.

Doch so endgültig wiederum, so entschieden zur totalen Vernichtung war Gott eben auch nicht:

Noah aber hatte Gnade beim HERRN gefunden. (Gen 6,8)

Im weiteren Teil wird Noah dann vorgestellt. Er ist ein gottesfürchtiger Mensch, der in all der Ungerechtigkeit, die ringsum grassierte, aufrecht lebte. Ihm offenbarte Gott seinen Plan und befahl ihm, eine Arche zu bauen.

Dann kommt die Sintflut, löscht alles gründlich aus. Nur Noah und die Seinen überleben in der Arche, zusammen mit den geretteten Tieren. Fünf Monate dauerte die Flut und dann, nachdem Gott die »Brunnen der Tiefe« wieder verschloss, dauerte es noch zwei weitere Monate, bis die Arche landete. Nach weiteren zweieinhalb Monaten tauchten die ersten Berggipfel wieder auf. Vierzig Tage später sandte Noah den ersten Vogel aus um zu sehen, ob er Land fände, doch erst der dritte Vogel brachte Zeichen von Land zurück.

Am ersten Tag des ersten Jahres nach Beginn der Sintflut war die Erde wieder ohne Überflutung. Dreizehn Monate nach Beginn der Sintflut, als alles trocken war, verließ Noah die Arche.

Neubeginn, Verheißung und Bundesschluss

Ende und Anfang, das ist diese Sintflut. Gott hielt im letzten Moment doch noch inne, bevor er seine Geschöpfe, die Menschen, vernichtete und gab ihnen mit Noah eine neue Chance.

Bald darauf schloss Gott einen Bund mit Noah, den ersten Bund Gottes mit der Menschheit:

Weiter sagte Gott zu Noach und zu seinen Söhnen: »Ich schließe meinen Bund mit euch und mit euren Nachkommen und auch mit allen Tieren, die bei euch in der Arche waren und künftig mit euch auf der Erde leben, den Vögeln, den Landtieren und allen kriechenden Tieren. Ich gebe euch die feste Zusage: Ich will das Leben nicht ein zweites Mal vernichten. Die Flut soll nicht noch einmal über die Erde hereinbrechen. Das ist der Bund, den ich für alle Zeiten mit euch und mit allen lebenden Wesen bei euch schließe. Als Zeichen dafür setze ich meinen Bogen in die Wolken. Er ist der sichtbare Garant für die Zusage, die ich der Erde mache. Jedes Mal, wenn ich Regenwolken über der Erde zusammenziehe, soll der Bogen in den Wolken erscheinen, und dann will ich an das Versprechen denken, das ich euch und allen lebenden Wesen gegeben habe: Nie wieder soll das Wasser zu einer Flut werden, die alles Leben vernichtet. Der Bogen wird in den Wolken stehen, und wenn ich ihn sehe, wird er mich an den ewigen Bund erinnern, den ich mit allen lebenden Wesen auf der Erde geschlossen habe. Dieser Bogen«, sagte Gott zu Noach, »ist das Zeichen für den Bund, den ich jetzt mit allen lebenden Wesen auf der Erde schließe.« (Genesis 9,8–17, Gute Nachricht Bibel)

Der Regenbogen ist das Erinnerungszeichen: Gott will diese Welt nicht zerstören. Dies ist eine Verheißung, die Gott durch Bundesschluss besiegelt hat.

Freilich: durch die Klimaerwärmung steigen die Meeresspiegel kontinuierlich an, was in Polynesien zum Beispiel heute schon zu Problemen führt.2

»Sintflut« und »Regenbogen« bei uns

»Sintflut« bei uns

So etwas wie eine Sintflut kann es in übertragenem Sinn auch in unserem Leben geben. Unsere persönlichen Katastrophen können in dieses Bild hineinpassen.

Bei uns in Bernberg gibt es gelegentlich kleine »Sintfluten«, wenn in Zeiten der Schneeschmelze oder bei heftigem Regenwetter zu viel Wasser vom Berg kommt — unsere Gemeindeglieder in der Steinerwiese können davon ein trauriges Lied singen.

Viel schlimmer trifft es die Menschen, die in der Nähe von Flüssen wohnen. Und erinnern Sie sich noch an den Oderbruch, wo es 1997 und zuletzt vor vier Jahren schlimme Überflutungen gab? Sogar die Bundeswehr wurde ‘97 zur Katastrophenhilfe eingesetzt.

Doch auch anderes kann, wie bei einer Sintflut, das förmlich wegspülen, was uns das Leben lebenswert macht. Krieg ist so etwas im großen Stil. Im persönlichen Leben kann das aber auch schwere Krankheit, Überschuldung in Folge von Einkommensverlust, Scheidung oder durch den Verlust eines Partners sein. Wenn Eltern ihre Kinder verlieren, verändert das ihre Welt ebenfalls ganz massiv und nachhaltig.

Solche schlimmen Erlebnisse können uns wie eine Sintflut treffen und den Himmel für uns verdunkeln. Wie Noah treiben wir dann dahin, aller Orientierung beraubt, ohne eine »Landkarte« oder des Wissens: hinterm Horizont gehts weiter.

»Regenbogen« bei uns

Bei Noah ist es nicht bei der »Sintflut« geblieben. Noah hat erlebt: Gott kann auch der ferne, der zornige Gott sein, der auf den Widerspruch des Menschen reagiert wie damals, als er die Sintflut kommen ließ. Doch er hat auch erlebt, dass Gottes Zorn ein flüchtiger ist, wenn es um seine Vaterliebe geht.3

Wo sehen wir die »Taube mit dem Ölzweig im Schnabel« (Gen 8,11)? Wo sehen wir in unseren Sintfluten Hoffnungszeichen? Ich denke, dass wir in unseren persönlichen Katastrophen dafür offen bleiben sollten, wie Noah nach Zeichen der Zuwendung Gottes zu suchen, die uns Kraft geben können. Und manchmal heißt es, dafür einen langen Atem zu haben so wie Noah, der mit den Seinen eine schiere Ewigkeit in der Arche, seiner Zuflucht im Chaos, ausharren musste – wie mit gebundenen Händen, treibend, ohne etwas tun zu können.

Am Ende der Sintfluterzählung steht der erste Bundesschluss Gottes mit der Menschheit, die sich von Gott so weit entfernt hatte, dass er sie gar auszurotten gedachte. Dieser Bund ist ein Bund des Lebens: Gott wird es nicht sein, der eine weitere Sintflut, eine weitere existenzbedrohende Katastrophe heraufführen wird. Wie gesagt: wir Menschen schaffen diesen Teil auch allein ganz gut …

Der neue Bund in Christus – Verheißung des Durchstehens aller Katastrophen

Diesen Bund des Noahs, der mit dem Regenbogen sein farbenprächtiges Erinnerungszeichen für uns hat, hat Gott in Jesus Christus überboten. In geistlicher Hinsicht ist das Kreuz Jesu Christi für uns Sintflut und deren Überwindung zugleich: In der Taufe sind wir mit Christus verbunden und was in der Taufe ersäuft wurde, der alte Adam, ist alles das, was uns von Gott trennt.

Auch wir sind wie die Zeitgenossen Noahs: Menschen, die mehr selbstgerecht als gerecht handeln, denen die eigene Nase immer noch am Nächsten ist und die den Splitter im Auge des Nächsten deutlicher als den Balken im eigenen sehen. Ungerechtigkeit und Schlechtigkeit gibt es auch bei uns.

So sind wir auf dem endlosen »Meer der Gottesferne« unterwegs wie Noah in seiner Arche. Unsere »Arche« ist hier, wo wir, die zu Christus gehören, zusammenkommen. Hier, im Gottesdienst, erinnern wir uns daran, dass es Gott gibt und dass er der Herr unseres Lebens ist. Hier können wir uns darin einüben, dass er ein Ziel für unser Leben hat, wo wir nur endlosen Ozean, aber keine Orientierung sehen. Hier erfahren wir, dass es ein »Nach der Sintflut« gibt, weil wir durch Jesus Christus zu Gott zurückkommen und alle Trennung durch ihn überbrückt ist.

Jesus Christus ist der »Regenbogen«, der über unserem Leben steht und uns Hoffnung geben kann, selbst wenn uns das Wasser bis zum Hals steht. Jesus selbst sagt: »Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.« (Mt 28,20b)

Liebe Gemeinde, ich wünsche Ihnen, dass Sie das in Ihren eigenen »Sintfluten« erleben: dass Gott Ihnen einen »Regenbogen« schickt und sie den in Jesus Christus finden.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen.

Lied: Seid nicht bekümmert (oder: eg 66 Jesus ist kommen)


  1. Vgl. dazu auch http://www.zeit.de/1999/11/Streitfall_Sintflut und http://www.welt.de/594968. [return]
  2. Vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/Current_sea_level_rise. [return]
  3. Vgl. dazu Kazo Kitamoris Theologie des Schmerzes Gottes. Eine kurze Zusammenfassung bietet das im Zusammenhang dieser Predigt lesenswerte Kapitel bei Wilfried Joest: Dogmatik, Bd. 1 Die Wirklichkeit Gottes, § 11.3 Deutungen des Kreuzesgeschehens in der neueren Theologie (hier: S. 251f). [return]