Predigt über Hebräer 13,8f

Liebe Gemeinde, das alte Jahr geht zu Ende, der größte Teil dieses letzten Tages ist schon um. Die ersten Böller sind schon zu hören und nachher gehen die Feiern los.

Aber noch ist es ja nicht so weit – noch sind wir im alten Jahr. Lassen Sie uns darin noch einen Moment bleiben und uns an einige Stationen darin erinnern.

Blick zurück: das Jahr 2013

Vieles ist 2013 geschehen, das bis heute weiterwirkt:

  • In Griechenland sind viele Menschen immer noch ohne Hoffnung.
  • In Syrien ist nach wie vor Krieg.
  • Im Mittelmeerraum hat eine Flüchtlingskatastrophe die Welt entsetzt.
  • In der römisch-katholischen Kirche ist ein Papst zurückgetreten und in Deutschland hat ein Bischof massiv Schindluder mit anvertrauten Geldern getrieben.
  • Unsere Landeskirche, die Evangelische Kirche im Rheinland, muss in den nächsten vier Jahren extreme und schmerzhafte Einsparungen vornehmen.
  • Unsere Kommunikation wird flächendeckend überwacht und gespeichert, was einem Ende jeglicher Privatsphäre entspricht. In Deutschland gab es dazu nur einige zaghafte Proteste, jedoch keine Versuche, dies abzuwenden.

Liebe Gemeinde, Sie merken: dieser Jahresrückblick richtet sich auf Ereignisse, die in den Medien Raum eingenommen haben und uns in irgendeiner Weise betreffen oder betroffen gemacht haben.

Wie ist es bei Ihnen: überlegen Sie doch einmal, was Ihre persönlichen »Highlights« 2013 waren: was war der schönste Moment? Der Spannendste? Der Schwierigste? Der, den Sie am liebsten Weitererzählen?

Doch lassen Sie uns nicht bei all dem Stehen bleiben.

Auf der Schwelle vom Alten ins Neue

Am Ende eines Jahres stehen wir wie auf einer Schwelle und es ist richtig, dann zurückzublicken auf den Lebensweg, den wir zurückgelegt haben und auf bedeutende Ereignisse im Jahr. Doch der Ausblick, das Vorfühlen des Kommenden, darf auch nicht fehlen.

Haben Sie eine Liste mit »guten Vorsätzen« für 2014 schon bereit? Haben Sie schon Pläne geschmiedet, was Sie im kommenden Jahr erreichen wollen, was Sie anders machen möchten, welche Ziele Sie in Angriff nehmen werden?

Und doch ist es so, dass wir gleich weiter fragen müssen: wie ernst ist es damit? Was davon will man wirklich verändern, wozu sich definitiv aufraffen, sich in Bewegung setzen?

Was es mit den »guten Vorsätzen« auf sich hat, wissen wir alle. Die meisten haben so etwas wie eine Halbwertszeit: Am Anfang ist man noch Feuer und Flamme, aber mit der Zeit werden die Vorsätze irgendwie unbedeutender und irgendwann sind sie, von einem gelegentlichen »Pieksen« abgesehen, Geschichte.

Veränderungen zu beginnen erfordert eigentlich immer mindestens eine der »Zutaten« Zeit, Kraft, das Aufgeben oder Einschränken von anderem, ein sich-aufraffen.

Kurz gesagt: Veränderungen fallen einem nicht in den Schoß, sondern erfordern echten Einsatz und Mühe. Sie kommen mit einem »Preisschild« daher, das dann, wenn man die Vorsätze fasst, meist niedriger angesetzt wird als in dem Moment, in dem man anfangen will. Und dann zaudert man, schreckt zurück, schiebt noch ein bisschen auf, macht sich bereit, die guten Vorsätze genau das sein zu lassen: gute Vorsätze, die man zum Jahresanfang gefasst, äh, also überlegt … jedenfalls einmal flüchtig darüber nachgedacht hatte.

Für die Ewigkeit baut heute ja auch niemand mehr wirklich, weshalb also sollte man nicht auch ein paar all zu ambitionierte Vorsätze einfach wieder über Bord werfen.

Sicherer Grund in einer schwankenden Welt

Liebe Gemeinde, als Christinnen und Christen hat unser Glaube Bedeutung für unser Leben und die Art und Weise, wie wir unseren Alltag meistern. Der Predigttext für diesen Altjahresabend 2013 passt zu unserer eben beschriebenenSituation an einem Übergang wie »Pott auf Deckel« Ich lese, was in Kapitel dreizehn des Hebräer-Briefes steht:

Hebräer 13,8f (Lutherbibel): Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.

Liebe Gemeinde, dieser Satz: »Jesus Christus ist gestern, heute und in Ewigkeit derselbe« kann uns als zeitlichen Wesen eine Deutungshilfe sein, wenn wir danach fragen, wer wir sind, wie wir leben, was wir sein wollen.

Jesus Christus gestern

»Jesus Christus gestern« – lassen Sie uns mit diesem Versteil auf das zur Neige gehende Jahr schauen. Christus war da, das heißt dieser Satz. Die spannende Frage lautet: haben Sie das auch erlebt? Können Sie sagen, wo es Situationen 2013 gegeben hat, wo Sie merken: da hat Gott mich getragen. Da hat er mir Kraft gegeben, weiterzukommen. Da war er da.

Nicht wahr: Gott in unserem Leben können wir immer nur im Erinnern finden und selbst dann geht es uns wie dem Mose, als er Gottes Herrlichkeit so ganz schauen wollte. Gott hat ihm das verwehrt, dem Mose erklärt: mich kann man nicht ansehen, aber stelle dich hier in eine schützende Felsnische, und wenn ich vorbeikommen, dann kannst Du mir hinterher blicken und eine Ahnung von mir bekommen. (Vgl. 2. Mose/Exodus 33,12–23) Auch wir erkennen Gott immer nur schemenhaft.

Jesus Christus heute

»Jesus Christus heute« – unser »heute« ist immer der kurze Abschnitt zwischen Vergangenheit und Zukunft, ein kurzer Moment, in dem wir auswählen können, wie wir entscheiden. Das hat Auswirkungen auf die kommende Zeit und wird in der Rückschau zu unserer Vergangenheit, mit der wir leben müssen – mit dem Gelungenen wie dem Gescheiterten, dessen schmerzhafter Ruf ein »Hätte ich doch …« ist.

Jesus Christus heute, das erinnert uns daran, dass Gott mit uns ist, uns Kraft gibt. An ihn können wir uns wenden, können zu ihm beten, können ihn um Orientierung bitten.

Vielleicht wäre diese Welt eine andere, wenn wir mehr beteten und mehr auf Gott setzten.

Jesus Christus morgen

»Jesus Christus morgen« – dieser Satz lässt uns wissen, dass Gott auch in Zukunft für uns da ist. Er, den wir im Rückblick auf Vergangenes als Kraftquelle erkennen können, den wir im Jetzt, dem Heute, als Orientierungshilfe auf dem Weg nutzen können, wird auch im Kommenden da sein.

Das ist ein verheißungsvoller Satz: wir gehen nicht in Leere, das meint er. Wir wissen nicht, wie das Kommende beschaffen sein wird. Wir wissen nicht, wie wir in der ein oder anderen Situation entscheiden, argumentieren, handeln werden. Aber wir können wissen: Gott geht mit uns und hat ein Ziel für uns.

Die Zukunft mag ein dunkler Pfad sein, jetzt nur sporadisch durch solche »Lichter« wie kommende Feiern, Verabredungen und Termine erhellt werden. Aber Gott ist mit uns, so dass wir nicht ins Leere irren werden auf unserem Weg dorthin.

Gott ist die Konstante in unserem Leben

»Jesus Christus gestern und heute und in Ewigkeit derselbe« heißt, dass er die Konstante in unserem Leben sein kann, wenn wir das annehmen. Wo wir unser Leben mit ihm leben, können wir unsere Vergangenheit anders bewerten, wo sie nicht gelungen ist. Da können wir unser Jetzt wie auf einen Felsen einfundamentiert wissen und auf dieser Grundlage Entscheidungen treffen. Da wissen wir uns im Morgen auf dem Weg zu einem Ziel, das nicht schwankt, zerbröselt wie eine Bank in der Krise oder geschwächt ist wie eine Kirche, die immer weniger jüngere Menschen erreicht.

Verbunden bleiben: die Jahreslosung 2014

Die Jahreslosung für 2014 gibt eine Wertung ab, wenn es um das Verhältnis von uns Menschen zu Gott geht. Sie lautet:

»Gott nahe zu sein ist mein Glück.« (Psalm 73,28)

Liebe Gemeinde, in unserer Kirchengemeinde versuchen wir, ein Ort zu sein, wo dies erlebbar wird. Wir sind als Christinnen und Christen durch die Taufe mit Gott und untereinander verbunden.

Als Kirche sind wir eine Gemeinschaft von Menschen, die einander in der Fürbitte unterstützen. Mit einem guten Wort, wo jemand allein ist. Von vielen Beispiele, wo dies mit Rat und Tat geschieht, könnte ich Ihnen erzählen.

Doch nicht nur für uns als Menschen, die eine Gemeinde bilden, zählt diese Jahreslosung. Das »Gott nahe zu sein ist mein Glück« hat für uns persönlich Bedeutung. Es steht für unseren je eigenen Glauben an Jesus Christus.

Glauben heißt, mit Gott zu Leben und an ihm zu bleiben

Glauben zu haben ist ein Geschenk Gottes, eine Gnadengabe des heiligen Geistes. Aber das ist doch auch wahr: Solcher Glaube ist immer und überall gefährdet, und versucht man sich seines Glaubens zu vergewissern, hascht man allzu oft nach Wind. Wer sich nach seinem Glauben selbst befragt, ist schon mit einem Bein im Zweifeln.

Was also tun – gerade heute, an der Schwelle zwischen den Jahren? »Gott nahe zu sein ist mein Glück« – diese Jahreslosung erinnert uns daran, dass Gott die Quelle unseres Glücks ist, dass er das Ziel unseres Lebens ist.

Im Alltag erleben wir oft, dass wir wenige Gedanken an Gott haben. »Gott nahe zu sein ist mein Glück«, aber allzu häufig geben wir Gott seine Zeit in unserem Leben, geben ihm nur einen bestimmten »Raum« in unserem »Lebenshaus«. Gott und ich: das kann immer wieder eine schwierige Verhältnisbestimmung werden.

Lassen Sie mich Ihnen dazu ein Gedicht von Dietrich Bonhoeffer vortragen, das er in seiner Zelle in der Gefangenschaft durch die Nazis 1944 geschrieben hat. Es ist sein Stellen der Frage, wer der Mensch sei und seine Antwort auf die Frage nach dem Verhältnis von Mensch und Gott:

Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich trete aus meiner Zelle, gelassen und heiter und fest wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich spräche mit meinen Bewachern frei und freundlich und klar, als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch, ich trüge die Tage des Unglücksgleichmütig, lächelnd und stolz, wie einer, der siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß? Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig, ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle, hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen, dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe, zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung, umgetrieben vom Warten auf große Dinge, ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne, müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen, matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener?

Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer? Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling? Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer, das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott.

Wer bin ich? Diese Frage stellt sich auch uns an der Schwelle zum neuen Jahr, wenn Rückblick und Ausblick aufeinander treffen. Wer sind wir? Wie leben wir als Christen? Was ist mit uns als Kirche? Davon haben wir heute Abend ebenso gehört wie davon, dass Gott selbst, unser Herr, wie eine schützende und alles zusammenhaltende Klammer um unser Leben ist, oder, wie es die Jahreslosung beschreibt: Gott nahe zu sein ist mein Glück. Und so ähnlich war auch Bonhoeffers Antwort, er sagte: »Dein bin ich, o Gott«.

Vertrauen wir darauf: wo wir auf Gott bauen, haben wir nicht auf Sand gebaut, sondern auf einen festen Fels. Davon können, ja: davon sollen wir in unserem Alltag weitererzählen, damit mehr Menschen diese gute Nachricht erfahren und festen Grund auf dem Weg durchs Leben finden.

Was das kommende Jahr auch bringen mag: wir gehören zu Gott – unserem Ursprung, unserer Kraftquelle und unserem Ziel. Amen.