Predigt über Esther 4,1–17: Machtspiele

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen!

Liebe Gemeinde, in der Ferienpredigtreihe geht es um Menschen, die ihr Leben von Gott leiten lassen, die mit Gottes Hilfe besondere Situationen bestanden haben. In der heutigen Predigt geht es um das Buch Esther im Alten Testament. Wer von Ihnen spannende Romane gerne liest, wird auch an diesem biblischen Buch großes Gefallen finden.

Die Vorgeschichte

Das Buch Esther erzählt über die Zeit des Exils, die Große Babylonische Gefangenschaft. Nebukadnezar II. hatte Israel besiegt und erst die Oberschicht, Jahre später auch das Volk ins Exil geführt. Diese Gefangenschaft war eine leichte, denn die Babylonier gestanden den Israeliten vieles zu, zum Beispiel, eigene Sitten und Gebräuche zu pflegen.

Das taten sie auch, und genau dies ist die Spitze, die im Buch Esther zum Nadelstich wurde. Aber der Reihe nach.

Einer der Nachfolger des Nebukadnezar war Xerxes. Er pflegte das Brauchtum seiner Zeit, dass Männer und Frauen strikt trennte. Im dritten Regierungsjahr feierte Xerxes ein Fest, eine ganze Woche lang. Seine Frau, die Königin Waschti, feierte im Palast mit den Frauen.

Als Xerxes weinselig Waschti rufen ließ, um mit ihr vor seinen Ehrengästen anzugeben, weigerte diese sich, zu kommen.

Nun muss man wissen, dass Xerxes nicht der Fürst von Monaco oder so etwas war, sondern gerade Herrscher über 127 Provinzen, von Äthiopien bis Indien. Wer einen halben Kontinent beherrscht, mag es gewöhnlich nicht so sehr, wenn die liebe Ehefrau, nun ja, Widerworte gibt. Insbesondere dann nicht, wenn es in der Gesellschaft Konsens ist, dass die Männer das Sagen und die Frauen das Hören haben. Nun ja.

Waschti jedenfalls wurde abgesetzt, durfte nie wieder vor den König und Xerxes ließ eine andere Frau für sich im ganzen Land suchen. Da die Babylonier auch die erste wirklich funktionierende Post hatten, verschickte Xerxes damit einen Erlass in sein ganzes Reich, dass Waschti ob ihres Ungehorsams von seinem Angesicht verbannt sei, man ihm jetzt die schönsten Jungfrauen zur Brautschau senden möge und im Übrigen alle Ehefrauen gewarnt waren, wie es einer ergeht, wenn frau ihrem Mann widerspricht. »Auf diese Weise wollte er sicherstellen, dass jeder Mann in seinem Haus der Herr bleibt.« (Est 1,22b, Gute Nachricht Bibel).

Meine Herren, legen Sie in ihrer Bibel doch einfach ein Bändchen am Ende des ersten Kapitels im Estherbuch ein, damit auch Sie im Bedarfsfall zu Hause Ordnung schaffen können… :-)

Esther kommt an Xerxes Hof

An Xerxes Hof und in seinem Reich begann nun die Suche nach einer schönen jungen Frau und die, die ihm am besten gefiel, wollte er zur Königin machen.

An Xerxes Hof lebte auch Mordechai, einer der verschleppten Juden. Seine Cousine Esther, die er nach dem Tod ihrer Eltern als Kind angenommen hatte, war außerordentlich schön und auch sie kam in den Harem des Xerxes, wo sie besonders vorbereitet wurde. Ein Jahr lang wurde sie gepflegt, verhätschelt und vertätschelt, bis sie an der Reihe war, Xerxes zu begegnen. Der ließ jeden Tag ein Mädchen aus dem Harem kommen, dass anschließend in den Nebenfrauenharem ging.

Als Xerxes Esther sah, machte er sie zur Königin und feierte dies so, dass er den Provinzen seines Reiches sogar Steuernachlässe gewährte.

Mordechai verärgert Haman

Etwas später deckte Mordechai eine Verschwörung gegen Xerxes auf und ließ diesen durch Esther warnen. Mordechai war inzwischen in den Dienst des Königs aufgestiegen, wie auch Haman.

Haman war begabt, deshalb machte Xerxes ihn zum Premierminister und das brachte mit sich, dass jeder, dem Haman begegnete, vor ihm knien musste.

Mordechai tat das nicht. Er fühlte sich als Jude allein vor Gott zu knien verpflichtet, nicht vor einem Menschen. So blieb er stehen, wenn Haman kam, was diesem zwangsläufig auffallen musste. Und ihm gehörig gegen den Strich ging. Haman war nämlich ein ganz eitler Geselle und, obwohl er alles hatte – diese Nichtigkeit, dass Mordechai sich nicht vor ihm in den Dreck warf, machte ihm sein ganzes Leben schwer.

Schließlich beschloss Haman: Mordechai muss weg, Mordechai muss sterben. Und weil Mordechai sein Nichtknien damit begründete, dass er Jude war, beschloss Haman: sein ganzes Volk muss auch weg.

Haman ging zu Xerxes und sagte zu ihm (Est 3,8–11):

»Es gibt ein Volk in deinem Reich, das über alle Provinzen zerstreut lebt und sich von den anderen Völkern absondert. Seine Bräuche sind anders als die aller anderen Völker, und die königlichen Gesetze befolgt es nicht. Das kann sich der König nicht bieten lassen. Wenn der König einverstanden ist, soll der Befehl erlassen werden, sie zu töten. Ich werde dann in der Lage sein, den Verwaltern der Staatskasse 10.000 Zentner Silber auszuhändigen.« Der König zog seinen Siegelring vom Finger, gab ihn dem Judenfeind Haman und sagte zu ihm: »Ihr Silber überlasse ich dir! Und mit ihnen selbst kannst du machen, was du willst!«

An dieser Stelle beginnt der Predigttext, in Kapitel vier des Estherbuches:

Est 4 (Gute Nachricht Bibel) Als Mordechai erfuhr, was vorgefallen war, zerriss er sein Gewand, band sich den Sack um und streute sich Asche auf den Kopf. So ging er durch die Stadt und stieß laute, durchdringende Klagerufe aus. Er kam bis vor den Palastbezirk, den er jedoch im Trauerschurz nicht betreten durfte. Auch in allen Provinzen herrschte unter den Juden große Trauer, nachdem der königliche Erlass dort eingetroffen war. Sie fasteten, weinten und klagten, und viele saßen im Sack in der Asche. Die Dienerinnen und Diener Esters berichteten ihrer Herrin von Mordechais Trauer. Ester war ganz erschrocken und ließ Mordechai Kleider bringen, damit er den Sack ablegen und zu ihr in den Palast kommen konnte. Aber er wollte ihn nicht ausziehen. Da schickte Ester den Eunuchen Hatach, den der König ihr als Diener gegeben hatte, zu Mordechai hinaus. Er sollte ihr berichten, warum Mordechai sich so auffallend verhielt. Hatach ging zu Mordechai auf den großen Platz vor dem Palastbezirk. Mordechai erzählte ihm alles, was geschehen war, und nannte ihm auch die Geldsumme, die Haman dem König für seine Staatskasse versprochen hatte, wenn er die Juden umbringen dürfte. Er gab ihm eine Abschrift des königlichen Erlasses, in dem die Ausrottung der Juden befohlen wurde. Er sollte sie Ester zeigen und sie dringend auffordern, zum König zu gehen und für ihr Volk um Gnade zu bitten. Hatach berichtete Ester alles, was Mordechai ihm aufgetragen hatte. Ester aber schickte den Eunuchen noch einmal zu Mordechai und ließ ihm sagen: »Alle, die im Dienst des Königs stehen, und alle seine Untertanen in den Provinzen des Reiches kennen das unverbrüchliche Gesetz: Wer ungerufen, ob Mann oder Frau, zum König in den inneren Hof des Palastes geht, muss sterben. Nur wenn der König ihm das goldene Zepter entgegenstreckt, wird er am Leben gelassen. Mich hat der König jetzt schon dreißig Tage nicht mehr zu sich rufen lassen.« Mordechai schickte Ester die Antwort: »Denk nur nicht, dass du im Königspalast dein Leben retten kannst, wenn alle anderen Juden umgebracht werden! Wenn du in dieser Stunde schweigst, wird den Juden von anderswo her Hilfe und Rettung kommen. Aber du und deine Familie, ihr habt dann euer Leben verwirkt und werdet zugrunde gehen. Wer weiß, ob du nicht genau um dieser Gelegenheit willen zur Königin erhoben worden bist?« Da ließ Ester Mordechai die Antwort bringen: »Geh und rufe alle Juden in Susa zusammen! Haltet ein Fasten für mich. Drei Tage lang sollt ihr nichts essen und nichts trinken, auch nicht bei Nacht; und ich werde zusammen mit meinen Dienerinnen dasselbe tun. Dann gehe ich zum König, auch wenn es gegen das Gesetz ist. Komme ich um, so komme ich um!« Mordechai ging und tat, was Ester ihm aufgetragen hatte.

Liebe Gemeinde, was ist da nur schief gegangen! Mordechai geht nicht direkt zu Esther, sondern legt Trauerkleidung an – die Folge: er darf gar nicht zu ihr. So läuft er weinend und klagend vor dem Palastbezirk herum, bis irgendwann jemand Esther Bescheid sagt, dass Ihr Pflegevater dort draußen herumgeistert.

Als sie ihn dann näher zu sich holen will, kommt er nicht – die Kleidung, die Esther im gesandt hat, zieht er nicht an. Nein, so übermittelt man so wichtige, existentiell wichtige, Nachrichten nicht!

Esthers Diener ist letztlich der Bote, über den die Kommunikation abgewickelt wird. Den sendet Mordechai, mit einer Kopie des königlichen Dekrets als Beweis, und der Anweisung, beim König Fürsprache für die Juden in der Babylonischen Gefangenschaft einzulegen, zu Esther zurück.

Esther sitzt in der Zwickmühle

Was für eine Hiobsbotschaft! Esther erfährt hier auf einen Schlag, dass ihr Volk ausgelöscht werden wird, dass das Datum dafür schon festgelegt ist. Und dann fordert Mordechai sie auf: Du sollst das aufhalten!

Wie sollte das denn gehen? Wie sollte ausgerechnet sie das bewältigen? Sie als Frau in einer durch und durch männlich dominierten Welt, in der die Frauen nur zur Verschönerung des Lebens dienten! Ausgerechnet sie, die sogar der Ersatz für eine Frau war, die es gewagt hatte, eigene Entscheidungen zu treffen und diese ihrem Mann mitzuteilen!

So war Esther in doppelter Not: einerseits sollte und wollte sie ihr Volk retten, andererseits hieß das, ihr eigenes Leben aufs Spiel zu setzen. Als sie dies Mordechai mitteilen ließ, erhöhte er nur den Druck auf sie.

Und Esther? Sie machte sich schließlich bereit. Drei Tage des Fastens legte sie ein, drei Tage, um zu sich selbst neu zu finden, Gott neu zu finden, sich auf den drohenden Tod vorzubereiten.

Dann brach sie auf zu Xerxes, hoffend, dass er das Szepter gegen sie ausstrecken möge, wenn sie den Thronsaal beträte, um am Leben zu bleiben. Um ihre Botschaft ausrichten zu können.

Alles setzt sie auf diese eine Karte: dass Xerxes Zuneigung zu ihr ausreichte, sie anzuhören. Und dass eben dieser Xerxes es nicht so mit unaufgeforderten Äußerungen seiner Frauen hatte, wissen wir.

Gott trägt

Esther hat sich also aufgemacht zu einer Reise ohne Widerkehr. Sie hat »den Rubikon überschritten«, als sie den Schutz der Frauengemächer verließ, um sich auf für sie so verbotenes Territorium zu begeben. Die Angst um ihr Volk hat sie ihr eigenes Leben zurückstellen lassen. »Wer weiß, ob du nicht genau um dieser Gelegenheit willen zur Königin erhoben worden bist?« – diese Worte Mordechais hatte sie vielleicht noch im Ohr.

Doch vielleicht hatte sie auch noch ganz andere Worte im Ohr, zum Beispiel diese aus Psalm 118:

Psalm 118 (Luther 1984) Danket dem HERRN; denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich. In der Angst rief ich den HERRN an; und der HERR erhörte mich und tröstete mich. Der HERR ist mit mir, darum fürchte ich mich nicht; was können mir Menschen tun? Der HERR ist mit mir, mir zu helfen; und ich werde herabsehen auf meine Feinde. Man stößt mich, dass ich fallen soll; aber der HERR hilft mir. Der HERR ist meine Macht und mein Psalm und ist mein Heil. Ich werde nicht sterben, sondern leben und des HERRN Werke verkündigen. Der HERR züchtigt mich schwer; aber er gibt mich dem Tode nicht preis.

Esther hat sich auf einen Weg gemacht, der ihr letzter werden konnte. Wie das Buch weitergeht, können Sie zuhause in ihrer eigenen Bibel nachlesen.

Und wir?

Auch wir müssen manchmal Wege gehen, die wir nicht gehen wollen. Manchmal gibt es kein Zurück mehr, manchmal gibt es nur ein Vorwärts, ein sich in etwas Hineinbegeben, dessen Folgen man gar nicht abschätzen kann.

Esther konnte diesen Weg sicherlich durch Gottesvertrauen gehen. »Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!« (Jes 43,1) – dieses Wort Gottes gilt auch uns, besonders dann, wenn wir auf solchen Wegen unterwegs sein müssen.

Es ist gut, darauf vertrauen zu können: Gott geht mit uns, gerade da, wo wir kaum einen Schritt vor den anderen setzen mögen. Das kann unsere Fesseln immer wieder lösen, uns frei machen, zu handeln.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen in Jesus Christus! Amen.