Predigt über Exodus/2. Mose 12,1.3f.6f.11–14 – Passa – ein letztes Ma(h)l

Die Vorgeschichte

Liebe Gemeinde, heute an Gründonnerstag geht es um Jesu letztes Abendmahl mit seinen Jüngern. Nach diesem Mahl war Jesus noch in den Garten Gethsemane gegangen, hatte dort gebetet und Todesangst ausgestanden – Angst vor dem, was kommen würde.

Seine engsten Vertrauten hatten ihn begleitet, doch sie waren ihm keine Stütze in dieser Zeit – sie schliefen.

Als schließlich Judas kam, verriet er Jesus mit einem Kuss und die Bewaffneten, die er mitgebracht hatte, nahmen Jesus fest, führten ihn zum Verhör ab.

Petrus ging ihm nach, voller Furcht, selbst verhaftet zu werden. Mehrfach wurde er erkannt, mehrfach leugnete er, zu diesem Christus zu gehören. Als der Hahn krähte, hatte er Jesus drei Mal verleugnet und unbändige Trauer überkam ihn.

Christus aber war in dieser Zeit im Gewahrsam des Hohenpriesters, bis zum Morgen des Karfreitags, an dem man ihn vor Pilatus brachte.

Passa – ein jüdisches Fest

Der Predigttext für den heutigen Gründonnerstag beschreibt den Kontext, in dem dieses letzte Abendmahl stattfand. Ich lese aus dem Zweiten Mosebuch, Exodus, Kapitel 12:

2. Mose 12,1.3–4.6-7.11–14 Der HERR aber sprach zu Mose und Aaron in Ägyptenland: Sagt der ganzen Gemeinde Israel: Am zehnten Tage dieses Monats nehme jeder Hausvater ein Lamm, je ein Lamm für ein Haus. Wenn aber in einem Hause für ein Lamm zu wenige sind, so nehme er’s mit seinem Nachbarn, der seinem Hause am nächsten wohnt, bis es so viele sind, dass sie das Lamm aufessen können. und sollt es verwahren bis zum vierzehnten Tag des Monats. Da soll es die ganze Gemeinde Israel schlachten gegen Abend. Und sie sollen von seinem Blut nehmen und beide Pfosten an der Tür und die obere Schwelle damit bestreichen an den Häusern, in denen sie’s essen. So sollt ihr’s aber essen: Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt es essen als die, die hinwegeilen; es ist des HERRN Passa. Denn ich will in derselben Nacht durch Ägyptenland gehen und alle Erstgeburt schlagen in Ägyptenland unter Mensch und Vieh und will Strafgericht halten über alle Götter der Ägypter, ich, der HERR. Dann aber soll das Blut euer Zeichen sein an den Häusern, in denen ihr seid: Wo ich das Blut sehe, will ich an euch vorübergehen, und die Plage soll euch nicht widerfahren, die das Verderben bringt, wenn ich Ägyptenland schlage. Ihr sollt diesen Tag als Gedenktag haben und sollt ihn feiern als ein Fest für den HERRN, ihr und alle eure Nachkommen, als ewige Ordnung.

Die Einsetzung des Passafestes und des Festes der ungesäuerten Brote wird hier beschrieben. Es ist eine finstere Erzählung, die wir da hören.

Der Kontext des Predigttextes

Mose hatte dem Pharao mehrfach Gottes Botschaft überbracht. »Lass mein Volk ziehen«, hatte Gott gefordert, denn Israel wollte er in die alte Heimat Abrahams, Isaaks und Jakobs zurückführen. Doch der Pharao hatte nicht darauf reagiert, ebenso wenig auf die Zeichen, die Mose im Namen Gottes tat und die das Land als Plagen heimgesucht hatten.

Der Predigttext handelt von der Nacht, bevor der Verderbeengel umherging und alle Erstgeborenen tötete. Das Blut der geschlachteten Passalämmer sollte das Erkennungsmerkmal für den Verderbeengel sein, welche Häuser er in Frieden lassen sollte, wo er harmlos vorübergehen sollte.

In dieser Nacht sollten die Israeliten das Passamahl zu sich nehmen – eilig, im Stehen, bereit zum Auszug aus Ägypten. Auf dem Weg sollten sie das ungesäuerte Brot essen – ungesäuert, weil eilig gebacken.

Die Bibel erzählt weiter:

2. Mo/Ex 12,29–31 Und zur Mitternacht schlug der HERR alle Erstgeburt in Ägyptenland vom ersten Sohn des Pharao an, der auf seinem Thron saß, bis zum ersten Sohn des Gefangenen im Gefängnis und alle Erstgeburt des Viehs. Da stand der Pharao auf in derselben Nacht und alle seine Großen und alle Ägypter, und es ward ein großes Geschrei in Ägypten; denn es war kein Haus, in dem nicht ein Toter war. Und er ließ Mose und Aaron rufen in der Nacht und sprach: Macht euch auf und zieht weg aus meinem Volk, ihr und die Israeliten. Geht hin und dient dem HERRN, wie ihr gesagt habt.

Irritierende Bilder

Liebe Gemeinde, es ist ein erstaunlicher Predigttext, den die Liturgische Konferenz der EKD 1978 für den Gründonnerstag ausgewählt hat – ein alttestamentliches Wort, dessen Bildersprache heute nicht einfach angehört werden kann.

Diese Bilder beinhalten doch

  • einen Gott, der tötet,
  • einen Gott, der geheime Zeichen verabredet,
  • aber eben auch einen Gott, der zu seinem Volk steht und sein Wort hält.

Das Blut ist das verbindende Element zum Karfreitag, an dem Christus sein Leben am Kreuz hingab. Und schon früher, am Gründonnerstag, genauer: nach dem letzten Abendmahl, kam Blut vor. Bei Lukas heißt es dazu:

Lk 22,39–46 Und er ging nach seiner Gewohnheit hinaus an den Ölberg. Es folgten ihm aber auch die Jünger. Und als er dahin kam, sprach er zu ihnen: Betet, damit ihr nicht in Anfechtung fallt! 41 Und er riss sich von ihnen los, etwa einen Steinwurf weit, und kniete nieder, betete und sprach: Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe! Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel und stärkte ihn. Und er rang mit dem Tode und betete heftiger. Und sein Schweiß wurde wie Blutstropfen, die auf die Erde fielen. Und er stand auf von dem Gebet und kam zu seinen Jüngern und fand sie schlafend vor Traurigkeit und sprach zu ihnen: Was schlaft ihr? Steht auf und betet, damit ihr nicht in Anfechtung fallt!

Blut ist ein Sinnbild für das Leben selbst, es ist der buchstäbliche Lebenssaft, ohne den kein Leben möglich ist. Wer sein Blut lässt, gibt etwas Grundsätzliches auf.

Blut ist freilich nichts, mit dem wir etwas zu tun haben wollen. Wenn Blut fließt, hält man Kindern die Hand vor die Augen, um ihnen den Anblick zu ersparen. Und heutzutage, wo Kinder sehen, dass die Milch aus der Tüte und das Fleisch aus der Plastikpackung aus Discounters Kühltheke kommt, ist uns der Umgang mit Blut noch fremder geworden.

Ein Beispiel: In Lied eg 350 heißt es:

eg 350,1.2: 1. Christi Blut und Gerechtigkeit, / das ist mein Schmuck und Ehrenkleid, / damit will ich vor Gott bestehn, / wenn ich zum Himmel werd eingehn.
2. Drum soll auch dieses Blut allein / mein Trost und meine Hoffnung sein. / Ich bau im Leben und im Tod / allein auf Jesu Wunden rot.

Darf man dieses Lied heutzutage singen, wenn kleine Kinder anwesend sind? Ich habe meine Zweifel, ob da nicht hinterher die ein oder andere Beschwerde käme.

Wie wir damit umgehen können

Heutzutage möchten wir – lassen Sie mich diese Spitze setzen – doch so eine Art »Wellness-Christentum«. Gott ist in erster Linie für uns der liebe Gott, der alles verzeiht und bei wirklich jedem beide Augen fest zudrückt. Ein Christus, der am Kreuz starb – für mich – nein, da setzt es doch schon ein, das Unbehagen. Und wenn dann noch Blut dazukommt …

Selbst Theologen tun sich damit schwer, dass Christus für uns gestorben ist, zur Vergebung unserer Schuld. Ein Beispiel:

2009 etwa löste der Bonner Altsuperintendent Burkhard Müller mit mehreren Radioandachten auf WDR 5 in unserer Landeskirche eine lebhafte Debatte dazu aus. Müller behauptete, dass Christus umsonst am Kreuz gestorben sei, dass erst das Ostergeschehen bedeutend sei. Erst da habe Gott sich ganz mit Christus identifiziert, vorher nicht.

Glauben Sie das auch? Oder ist es nicht vielmehr so, dass Christus derjenige ist, der um unseretwillen ans Kreuz gegangen ist, ja: dass es Gott selbst war, der in Jesus Christus ans Kreuz gegangen ist und unsere Schuld ein für alle Mal getötet hat. Dass es Gott war, der seinem Sohn am dritten Tag neues Leben schenkte als Zeichen: Christus lebt und wir werden auch leben (vgl. Joh 14,19). Christus selbst sagt: »Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und ich lebe um des Vaters willen, so wird auch, wer mich isst, leben um meinetwillen« (Joh 6,57).

Liebe Gemeinde, Gott ist nicht nur der liebe Gott. Er hat viele Gesichter, auch das des Zorns und der Vernichtung derer, die sein Volk antasten, so wie im Predigttext. Machen wir nicht den Fehler, uns ein Bild von Gott zu machen – wir würden zwangsläufig zu kurz greifen.

Das aber gilt: Dass Gott so Ja zu uns sagt, wie er zu Israel Ja gesagt hat. Die Taufe – das ist die Taufe auf den gestorbenen und auferstandenen Jesus Christus, verbindet uns.

Das Abendmahl ist dafür ein Erinnerungszeichen. Wir erinnern uns in diesem Mal an das, was Jesus Christus für uns getan hat. So wie die Apostel an seinem Tisch saßen und miteinander das Brot brachen, brechen auch wir das Brot. Indem wir Brot essen und Wein trinken, erinnern wir uns an Jesus Christus, der nicht nur am Ostersonntag auferstanden ist, sondern an Jesus Christus, der für uns sein Leben hingegeben hat, der am Kreuz grausam gestorben ist, den Tod erduldet hat, und der am Ostersonntag auferstanden ist, damit wir neues Leben haben.

Es fällt uns nicht leicht, mit dem Leid der Passionserzählung umzugehen. Wir wollen kein Leid und keinen Gott, der um unseretwillen leidet.

Doch dies ist geschehen: Aus Liebe zu uns hat Gott in Christus den Tod auf sich genommen. Dieser Tod ist der Tod alles dessen, was uns von Gott trennt. Er hat es aus der Welt geschafft.

Liebe Gemeinde, wenn wir heute an Gründonnerstag davon hören, kann uns das in unserem Inneren berühren und uns zum Nachdenken bringen:

  • Wie gehe ich damit um, dass Gott für mich so Großes getan hat?
  • Was bedeutet das für mich, für mein Leben?
  • Welchen Ausdruck gebe ich dem?

Vielleicht ist der letzte Punkt der Wichtigste. Da hat jemand sein Leben gegeben, um meines zu retten. Daraus sollten wir etwas machen und schmerzlich muss ich zugeben: da geht mehr.

Gott sei Dank ist Christus bei uns, kommt uns ganz besonders nahe, ja: steht in unserer Mitte, wenn wir zum Abendmahl zusammenkommen. Das Brot und der Wein sind nur kleine Zeichen. Sie erinnern an das Passa, das Fest, das Christus beim letzten Abendmahl feierte, und eben an diese letzte Mahlzeit Jesu mit seinen Jüngern.

Was danach geschah, der Weg nach Golgatha und bis Ostern – im Abendmahl wird dies alles wieder gegenwärtig. Mehr noch: Jesus Christus ist im Abendmahl gegenwärtig und berührt uns auf’s Neue. Und das ist der Grund, auf dem unser Leben wachsen und gedeihen kann – denn Gott hat den Weg zum Leben für uns in Jesus Christus frei gemacht.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Lied: eg 96,1–3.6 Du schöner Lebensbaum des Paradieses