Predigt über Jesaja 60,1–6: Licht und Dunkelheit

Liebe Gemeinde, heute ist Epiphanias. Dieser Tag fällt selten auf einen Sonntag, weshalb wir die »Sonntage nach Epiphanias« besser kennen. Doch was bedeutet Epiphanias eigentlich? So mancher denkt jetzt vielleicht an eine Hautkrankheit oder einen »Heiligen« der alten Kirche – mitnichten.

Epiphanias ist der Tag der Erscheinung des Herrn, Jesu Christi. Dazu passt die ökumenische Vielfalt dieses Datums: in der orthodoxen Christenheit ist es gar das Weihnachtsfest, in der katholischen Kirche der Dreikönigstag – davon haben wir in der Evangeliumslesung ja gehört. (Mt 2,1–12) Der Predigttext steht beim Propheten Jesaja, im sechzigsten Kapitel. Ich lese ihn in einer eigenen Übersetzung:

Jesaja 60,1–6 (M.P.) Zions kommende Herrlichkeit
Erhebe dich, werde hell, denn dein Licht kommt und die Herrlichkeit des HERRn geht über dir auf! Ja, sieh: Finsternis bedeckt die Erde und dunkle Wolken die Nationen. Aber der HERR geht über dir auf und wird über dir erscheinen! Und die Völker werden zu deinem Licht kommen und die Könige zum Glanz deines Aufgangs. Hebe deine Augen auf, sieh ringsum! Sie versammeln sich alle, um zu dir zu kommen: deine Söhne kommen von fern und deine Töchter werden auf der Hüfte zu dir getragen. Dann wirst du es sehen und vor Freude strahlen und freudig erregt sein, dein Herz wird dir aufgehen, denn der Reichtum des Meeres wird dir zufallen und das Vermögen der Völker zu dir kommen. Ein Überfluss an Kamelen wird dich bedecken; die Jungkamele Midians und Efas, sie alle werden aus Saba zu dir kommen. Gold und Weihrauch werden sie tragen und die Ruhmestaten des HERRn verkünden.

Der Kontext

Liebe Gemeinde, Zion, die Stadt Jerusalem, ist hier angesprochen. Der Autor ist der dritte Jesaja: der, der aus der Babylonischen Gefangenschaft wieder nach Israel heimgekehrt war. Er sagt Jerusalem nun Heil an, blickt in einer Vision in die Zukunft aus.

Die Situation der Israeliten war zu dieser Zeit nicht einfach. Zwar waren sie aus dem Exil entlassen worden, doch die Fremdbevölkerung, die die Babylonier im Lande angesiedelt hatten, machten ihnen das Leben schwer. Angriffe mussten sie aushalten und Armut und Hunger schufen große Probleme.

Jesaja verheißt hier eine kommende Herrlichkeit, die durch Gott selbst heraufgeführt werden wird.

Alle werden heimkehren, großer Reichtum wird herrschen, so dass alle gegenwärtige Not nur noch eine ferne Erinnerung sein wird. Aus dem sagenhaften Königreich Saba werden die verstreuten Israeliten heimkehren, mit Schätzen beladen.

Jesaja 60 als Text der Christenheit

Liebe Gemeinde, dieser Text ist ein Text Israels, doch zugleich auch einer der unseren.

Bei Matthäus klingt der Predigttext in der Erzählung von den Weisen aus dem Morgenland – also aus der Himmelsrichtung, in der die Sonne aufgeht – an. »Gold und Weihrauch werden sie tragen und die Ruhmestaten des HERRn verkünden« (V. 6): da fehlt nur noch die Myrrhe und die Gaben, die die Weisen aus dem Morgenland mitbrachten, sind komplett.

Warum sollten wir diesen Text aus der Zeit nach dem Exil Israels auch nicht als eine Prophezeiung verstehen, die mit der Geburt Jesu Christi erfüllt wurde? Mit der Prophetie Jesajas können wir die Bedeutung der Geburt Jesu wunderbar unterstreichen.

Wenn Licht die Finsternis durchbricht …

Im Predigttext hören wir: »Finsternis bedecket die Erde und dunkle Wolken die Nationen«. Liebe Gemeinde, in diesen Wintermonaten sind die Tage kurz und auch wir erleben eine ganze Menge Finsternis. Dunkle Wolken haben wir im Oberbergischen sowieso öfter einmal.

Als Bild verstanden werden die dunklen Wolken und die Finsternis zu etwas, was wir persönlich kennen, weil wir dies schon erfahren haben.

Dunkle Wolken: ist das nicht ein treffendes Bild für unsere Sorgen, unsere Ängste, unsere Befürchtungen? So vieles gibt es, über das wir uns den Kopf zerbrechen, so vieles, was uns innerlich seufzen lässt.

Solche »dunkle Wolken« machen uns das Leben schwer, binden Kraft und Freude. Ersparen wir uns heute Morgen die Beispiele – es ist Sonntag und da dürfen wir uns Ruhe von allem, was uns umtreibt, einmal gönnen. Unsere Sorgen werden morgen schon noch da sein …

Der Predigttext treibt das Bild noch weiter, wenn er von Finsternis spricht. Finster wird es, wenn das Licht ausgeht, die Karre endgültig in den Dreck gefahren ist; wenn kein Licht mehr am Ende des Tunnels scheint und es zappenduster ist. Wenn Träume zerplatzen, Planungen ins Leere laufen und Vorstellungen, Ziele, Ideen, Beziehungen und Karrieren radikal umgestaltet werden müssen: das sind Situationen, die manchmal mit dem Wort Finsternis betitelt werden können.

Liebe Gemeinde, es ist immer noch Sonntag und wir sind am richtigen Ort zusammengekommen, wenn es um die dunklen Wolken und die Finsternis in unserem Leben geht. Paul Gerhardt dichtete 1653:

Auf, auf, gib deinem Schmerze und Sorgen gute Nacht, / lass fahren, was das Herze / betrübt und traurig macht; / bist du doch nicht Regente, / der alles führen soll, / Gott sitzt im Regimente / und führet alles wohl. (eg 361,7 Befiehl du deine Wege)

Damit ist der Grund benannt, der uns trotz unserer Sorgen, die uns innerlich so oft hilflos und wie im freien Fall befindlich machen, doch noch festen Boden unter die Füße stellen und uns Halt geben kann.

Gott ist es, der wie ein helles, strahlendes Licht alle dunklen Sorgenwolken durchbrechen und hoffnungslose Finsternis vertreiben kann.

… beginnt ein neuer Tag

Wenn Licht die Finsternis durchbricht, dann beginnt für uns gleichsam ein neuer Tag. Gott kann für uns dieses Licht sein, wo wir ihn lassen und die Augen unserer Seele, das ist unser Herz, nicht vor ihm verschließen.

Der Predigttext spricht von dem Licht, das Gott bringt – bei Jesaja heißt es:

  • Erhebe Dich, werde hell, denn dein Licht kommt und die Herrlichkeit des Herrn geht über dir auf. (V. 1)
  • Der HERR geht über dir auf und wird über dir erscheinen. (V. 2)
  • Du wirst vor Freude strahlen – dein Herz wird dir aufgehen. (V. 5)

Liebe Gemeinde, Gott kann Großes in unserem Leben bewirken, wenn wir mit ihm leben. Das ist auch das Thema der Epiphaniaszeit, die das Erscheinen Gottes thematisiert und damit sein Wirksamwerden in der Welt und unserem Leben meint. Im Predigttext finden wir diesen Bezug doch durch und durch in dieser immer noch weihnachtlichen Zeit.

Wie Gott in unserem Leben wirksam wird, wollen wir bedenken – es gibt ein Lied von Albert Frey, dass dies beschreibt:

Lied: Albert Frey, Morgenstern (Für den König, 2006) / https://www.simfy.de/artists/110275-Albert-Frey/albums/28124-Fuer-den-Koenig/tracks/822715-Morgenstern

Liebe Gemeinde, »meine Seele singe, denn die Nacht ist vorbei« – das haben die Hirten damals am Stall in Bethlehem getan und erlebt: dass mit Christus Licht in diese Welt gekommen ist – er ist dieser »wahre Morgenstern«.

Das Lied nimmt dies auf und geht so weit, zu sagen: »Gottes Töchter und Söhne strahlen in seinem Licht.« Bei Jesaja finden wir dies im Predigttext, wenn da vom aufgehenden Licht, der aufgehenden Herrlichkeit Gottes (V. 1.3) und dem vor Freude strahlen (V. 5) die Rede ist.

Licht, dass die Finsternis vertreibt – dieses Bild ist beiden, dem Predigttext in Jesaja 60 und dem Lied, gemeinsam.

Vielleicht ist dieses so einfache Bild deshalb so klar und schön, weil es uns ganz unmittelbar einleuchtet. Was »Finsternis« und »dunkle Wolken« in unserem Leben sein können, wissen wir alle. Wir alle sehnen uns stattdessen nach »Licht«. Sind die Momente, in denen es »über uns aufging« nicht unsere schönsten Erinnerungen?

Einige Beispiele, was so ein »hell Werden« sein kann:

  • Wenn Kinder in einer Familie glückliche Momente und echte Gemeinschaft erleben.
  • Wenn man einen lieben Menschen findet und selbst geliebt wird.
  • Wenn man etwas schafft, das nicht unbedingt selbstverständlich oder alltäglich ist.
  • Wenn man erlebt, dass auch ein Zuwenig voll angerechnet wird.

Was sind Ihre Beispiele – wo haben Sie erlebt, dass es für Sie hell geworden ist? Es gibt keinen Menschen, der das nicht schon erlebt hat und Gott erbarme sich derer, die es vergessen haben und aus ihren Mängeln Befriedigung beziehen, bei denen das Glas immer nur halb leer ist.

Die neue Jahreslosung passt zu dem Spiel mit Finsternis und Licht, das dem Predigttext und dem Lied unterliegt. Sie heißt:

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Jahreslosung 2013: Hebräerbrief, Kapitel 13 Vers 14 (Lutherbibel)

Im Predigttext beschreibt Jesaja, wie das Finden der »zukünftigen Stadt« gerade eingetreten ist: es ist das Erleben, dass Gott in unserem Leben ist. Die Reaktion darauf klingt im Text an mit dem »Du wirst es sehen und vor Freude strahlen und freudig erregt sein, dein Herz wird dir aufgehen.« (V. 5); im Lied klingt es an mit dem »Meine Seele singe, denn die Nacht ist vorbei«.

Liebe Gemeinde, an Epiphanias geht es darum, wie Gott in unserem Leben wirksam ist. Wie sieht es denn mit Gott und Ihnen aus – oder mit Ihnen und Gott?

Erleben Sie, dass Gott ihnen Halt gibt und ein Licht in Ihre Dunkelheiten scheint? Gerade in der Rückschau können wir doch immer wieder Spuren Gottes in unserem Leben entdecken: Zeiten und Ereignisse, die wir doch irgendwie überstehen konnten, weil Gott uns nicht allein gelassen hat.

Der Predigttext spricht vom Licht der Herrlichkeit Gottes. Geht sie über uns auf? Jubeln wir? Gott schenke es uns – in Jesus Christus haben wir nämlich allen Grund zu Jubeln, weil er dieser Morgenstern, dieses über uns aufgehende Licht ist – damals, heute, an jedem Tag.

Ein Letztes

Das führt uns zum letzten Gedanken dieser Predigt. Im Text geht es um die über uns aufstrahlende Herrlichkeit Gottes. Ich frage mich: ist dies die richtige Verortung? Ist es nicht vielmehr so, dass dieses »Licht« in uns aufgeht?

Der Schluss des Predigttextes erinnert an die Weisen aus dem Morgenland, die mit ihren Gaben zum Christuskind kamen. »Sie verkündigen die Ruhmestaten des HERRN«, so endet der Text.

Liebe Gemeinde, diese Worte aus Jesaja 60 können uns daran erinnern, was Gott für uns bedeutet, wo wir ihn erfahren und wie wir damit umgehen.

Vielleicht ergibt sich bei Ihnen ja die ein oder andere Gelegenheit, weiterzuerzählen, wo Gott Ihnen durch Glauben geholfen hat, dunkle Zeiten durchzustehen und wieder sonnige Zeiten zu erleben.

Auch im Lied hören wir davon: »Gottes Töchter und Söhne werden strahlen in seinem Licht«, heißt es da. Liebe Gemeinde, ich lade Sie ein, im Anschluss an die Predigt nach vorne zu kommen und ein Licht an der Osterkerze zu entzünden. Widmen Sie es der Person oder dem Anlass, wo sie Finsternis durch Licht vertreiben möchten.

Gebet

Gott, himmlischer Vater, wir danken Dir dafür, dass Du mit Jesus Christus das strahlende Licht Deiner Liebe in unsere Welt gesandt hast. Das bitten wir Dich, Gott: Lass uns nicht aufhören, Dich und Dein Licht zu suchen, wenn Dunkelheit uns umfängt. Schenke uns immer wieder, Dein Licht schon jetzt zu finden: in unseren Nächsten, in einem freundlichen Wort, in einer Hilfe, die wir nicht erwartet haben. Und umgekehrt: lass uns das Licht Deiner Liebe und Wärme mehren, indem auch wir es ausbreiten, wo andere in der Finsternis aus Sorgen, Krankheit, Not und Gottlosigkeit gefangen den Weg aus den Augen verloren haben. Amen.