Predigt über Johannes 7,28–30: Gott lässt sich finden

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Liebe Gemeinde, heute ist Heilig Abend. Weihnachten ist endlich da, bricht an. Für eine kurze Zeit ändert sich unser Lebensrhythmus, ist der Alltag ein Stück weit in die Ferne gerückt. Und nachher kommt, was allen Kindern an Weihnachten das Allerwichtigste ist: die Bescherung. Jetzt soll eine Zeit der Familie sein, der ganz kleinen wie der großen, des guten Essens und des Feierns. Morgen ist Weihnachten, aber der Heilige Abend ist schon heute der erste Höhepunkt.

Und wie das Essen, wie die Geschenke, so gehört ganz wesentlich die Weihnachtsgeschichte dazu: »Es begab sich aber zu der Zeit …« – diese Worte sind uns nur all zu vertraut. Jedes Kind kennt sie und weiß, was das ist. In der Lesung haben wir die Weihnachtsgeschichte eben schon gehört. Und wir erfahren da: Gott kam in Jesus auf die Welt. Als kleines, armes, nacktes, verletzliches Menschlein, unter schlimmen Bedingungen.

Weihnachten – eine Ausnahmesituation mit Folgen

Joseph wird sich ganz schön gesorgt haben, Maria solchen Umständen auszusetzen. Keine Unterkunft hatte er finden können, und das in dieser Situation. Und Maria, die Erstgebärende? Kein Geburtsvorbereitungskurs, kein Frauenarzt, kein Kreißsaal und nicht einmal eine Hebamme – nur die paar Bretter des Stalls gaben ihr Schutz, das Kind auf die Welt zu bringen.

Was für eine erbärmliche Situation. Da war Essig mit Weihnachtsstimmung. Mit einer Hochschwangeren musste Joseph sich wegen eines zählwütigen Imperators aus aller Sicherheit fortmachen, um unter größten Entbehrungen nach Bethlehem zu kommen. Schlimmer hätte es wohl kaum sein können.

Vielleicht ist das das Symptomatische an Weihnachten: das Gott sich als Licht der Welt in einer Extremsituation angeschickt hat, das Licht dieser Welt zu erblicken. Das er alle Sicherheiten hat fahren lassen. Das er eben nicht irgendwelche Vorkehrungen getroffen hat, sondern sich, volles Risiko, mitten ins Leben gestürzt hat.

Und das Bemerkenswerte ist doch, dass er als kleines, hilfsbedürftiges Neugeborenes schon beginnt, die Welt zu verwandeln: große Freude hat er zu denen gebracht, die ihn aufgesucht haben. Damals waren es die Hirten, die sich zum Stall aufgemacht hatten. Mehr noch: Sie hatten auch Augen, Ohren und ihre Herzen weit gemacht für das, was da geschehen war. Lukas berichtet, wohin dies führte: »Sie priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten« (Lk 2,20).

Das kleine Kind in der Krippe hatte sie, hatte ihr Leben verwandelt. Und die Engel nennen das Ziel, auf das diese Veränderung zustrebt: Es ist »Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens« (Lk 2,14) – das ist der Friede, den wir mit Gottes Hilfe beginnen können.

An Weihnachten können auch wir uns verwandeln lassen, den Alltag, den Stress, unsere innere Noch-zu-Erledigen-Liste einen Tag lang hinter uns lassen. Wir sind eingeladen, wie die Hirten in den Stall zu blicken, genau hinzusehen – lassen Sie uns davon singen:

Lied: eg 48 Kommet ihr Hirten

Die Hirten haben in den Stall gesehen und sich gefreut. Da lag mehr für sie, als nur ein gewöhnliches Kind.

Und wir: was liegt da für uns bereit? Doch dieser eine: Der »Heiland« – der, der heil machen kann, was bei uns nur in Bruchstücken vorhanden ist und der uns daran erinnert: vor Gott können wir mit ihm an der Seite bestehen, fallen nicht durch, auch wenn wir oft hinter Erwartungen zurückbleiben.

Dass in dem kleinen Kind eine gewaltige Kraft lag, besingt schon ein Minnegesang aus dem 12. Jahrhundert, in dem das Wort Weihnachten erstmals vorkommt: »Er ist gewaltig und stark / der Weihnachten geboren ward« (Grimms Deutsches Wörterbuch, Art. Weihnachten).

Von dieser Stärke hören wir im Predigttext. Im Handzettel steht er abgedruckt, ich lese ihn uns:

Johannes 7,28–30 Da rief Jesus, der im Tempel lehrte: Ihr kennt mich und wisst, woher ich bin. Aber nicht von mir selbst aus bin ich gekommen, sondern es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt. Ich aber kenne ihn; denn ich bin von ihm, und er hat mich gesandt. Da suchten sie ihn zu ergreifen; aber niemand legte Hand an ihn, denn seine Stunde war noch nicht gekommen.

Liebe Gemeinde, welch ein Kontrast bildet dieses Bibelwort zu Lukas’ Weihnachtsgeschichte vom Kind im Stall: da steht Jesus im Tempel in Jerusalem und lehrt, legt ein Wort der Schrift aus. Viele andere sind dabei, hören zu, nehmen Anteil am Gesagten und werden auch nicht an Kritik gespart haben.

So vieles hatte Jesus schon getan: aus dem kleinen Kind von damals war ein Mann geworden. Er war durch das Land gezogen, hatte viele Begegnungen gehabt und dabei oft Dinge getan, die vielen nicht geheuer waren. Kranke hatte er geheilt, wo kein Quacksalber hatte helfen können; Wasser hatte er zu Wein gemacht, Brot scheinbar aus dem Nichts geholt; Stürme gestillt und Wasser überlaufen.

Gott kam in die Welt

Bei alle dem hatte er auf einen hingewiesen: auf Gott, der ihn in die Welt gesandt hatte als Botschafter, um den verschütteten Weg von uns Menschen zu Gott frei zu räumen. [Schuld sind Brocken] Und als Jesus an dem Tag, den der Predigttext beschreibt, im Tempel – dem Ort, zu dem man kam, um Gott nahe zu sein – lehrte, da wird er nicht nur Zustimmung geerntet haben. Gegen den Rabbi aus Nazareth wird sich auch Widerspruch kundgetan haben (Joh 7,15).

In diese Situation spricht der Text. Luther übersetzte: »Jesus rief«. Doch das ist viel zu zahm. Wie das Kind in der Krippe schrie (ἔκραξεν) Jesus diese Worte, schrie sie denen entgegen, die ihm die Kompetenz der Schriftauslegung absprachen. Und er schrie: »Ja, ihr kennt mich; wisst, woher ich stamme; wer meine Familie ist und so fort. Das ist der Grund, aus dem ihr Anstoß nehmt.« [Woran nehmen wir Anstoß?]

Damals, in der Krippe, da war allen Beteiligten klar, wer Jesus war: den Weisen zeigte es der Stern, den Hirten sagten es die Engel. Damals knieten sie, beteten an. Im Tempel dagegen kam es auf die Spitze, musste Jesus seinen Gegnern die Scheuklappen von den Augen reißen und das Maul damit stopfen.

Was diesen Text bei Johannes beinahe zu einer Weihnachtsgeschichte anderer Art macht, ist eben dies, dass Jesus sich hier erstmals im Tempel als der zu erkennen gibt, der er ist. Er schreit es in die Welt hinaus, damit die Menschen es hören und sagt, dass er nicht von sich aus da stehe, sondern weil Gott selbst ihn in die Welt gesandt hat. »Ihr kennt ihn nicht«, schreit er den Zuhörern entgegen, denn sie blickten nicht weiter als auf das, was ihnen unmittelbar vor Augen war. – Nicht, dass das nicht auch uns all zu oft genau so geht.

Jesus sagt ganz deutlich: »Ich kenne Gott, dem ihr so fern seid. Er hat mich zu euch gesandt; ich selbst bin es.« Das ist eben, was den Predigttext bei Johannes mit der Weihnachtsgeschichte verbindet: dass Gott in die Welt gekommen ist und dass wir Menschen so drastische Hilfen wie Sterne oder Engel oder einen Schrei ins Gesicht brauchen, das zu verstehen – zu verstehen: damals im Stall kam Gott zu uns. Lassen Sie uns davon singen:

Lied: eg 56 Weil Gott in tiefster Nacht erschienen

Alles neu

Weil Gott in tiefster Nacht erschienen – ja, damals, in Bethlehems Stall: das war ein besonderer Moment für alle Welt. »Unsere Nacht kann deshalb nicht traurig sein« haben wir gerade gesungen. Diesem Gedanken möchte ich nachgehen: was hat denn die Weihnachtsgeschichte mit aller Idylle und aller Fremdheit der geschilderten Situation bitteschön mit mir, mit meinem Leben heute zu tun?

Damals, in Bethlehems Stall, kam Gott in die Welt, um etwas wieder aufzubauen, was verloren gegangen, zusammengestürzt war. Das war eben der direkte Kontakt zwischen uns Menschen und Gott.

Damals wie heute versuchen die Leute, auf alle erdenkliche Art einen »Draht« zu Gott zu bekommen. Zahllose Tempel dienten den Menschen damals als Verbindungsorte. Heute ist das nicht anders. Kaum eine Zeitung, kaum ein Internetportal kommt heute ohne Horoskope aus, wo man angeblich Hinweise für die Zukunft erhalten kann. Manche ziehen dazu sogar die Kalendarien untergegangener Völker heran – der Weltuntergang vorvorgestern hat dann ja doch nicht stattgefunden.

Astrologie, Konsum, Events – das sind nur einige aktuelle Formen, wie Menschen ihr Bedürfnis nach »Mehr« im Leben bedienen, und es kann durchaus Zufriedenheit schaffen, ist letztlich auch kontrollierbar in der Anwendung.

Heil machen kann es indessen nicht. Es bleiben dies alles Spielformen einer kommerzialisierten Sinnschaffungsindustrie, in der sich Scharlatane und Abzocker groß tun. Schauen Sie zehn Minuten »Astro-TV« und Sie wissen, wovon ich rede.

Wenn es um ein wirkliches »Mehr« im Leben geht und darum, wirklich heil zu werden, dann kommt das Weihnachtsgeschehen ganz unmittelbar in Blick, dann geht an dem Kind in der Krippe kein Weg vorbei – auch nicht an der Schwelle zum Jahr 2013, und es ist auch keine Geschichte für Ochs und Esel.

»*Weil Gott in tiefster Nacht erschienen / kann unsere Nacht nicht traurig sein / der immer schon uns nahe war / stellt sich als Mensch den Menschen dar*« (eg 56,1) – das ist das Besondere der Weihnacht, das uns angeht.

In Jesus Christus hat Gott die Distanz zu uns überbrückt, ist Mensch geworden und hat alles, was Menschsein ausmacht, erlebt: Geboren werden und sterben müssen – sogar vor der Zeit, unter schrecklichen Umständen. Er hat gehungert und gedürstet, hat Freundschaft wie Feindschaft kennen gelernt, hat vertraut und ist enttäuscht werden, kannte Angst haben und sich Freuen – kurz: in Christus ist Gott selbst Teil seiner Schöpfung geworden, ist mitten hineingegangen und hat alle Überlegenheit ausgesetzt. So ein sich Hineinbegeben in das, was man ausgerichtet hat, würde ich mir von so mancher Politikerin und so manchem Politiker sehr wünschen.

Weil Gott in tiefster Nacht erschienen – weil Gott an Weihnachten Mensch geworden ist – hat dieses Fest für mein Leben Konsequenzen. Gott wollte an Weihnachten nicht nur Mensch werden und in diese oft schwierige Welt kommen, er wollte in unser Leben kommen. In Jesus Christus hat er uns die Hand gereicht. Damals, im Tempel, hat niemand Hand an ihn gelegt – für seine Feinde war er zu diesem Zeitpunkt noch unberührbar, erzählt der Predigttext.

Doch für uns ist seine Hand immer noch ausgestreckt und greifbar.

Wo wir zugreifen, da ändert sich in unserem Leben alles und nichts. Nichts insofern, als dass wir viele unserer Sorgen, Probleme, Erkrankungen usw. genauso behalten. Christ sein heißt nicht, wie der Jesus des Predigttextes unberührbar zu sein.

Doch alles ändert sich insofern, als das Gott in uns selbst etwas verändert, uns den neuen Blick schenkt, dass dieses Leben noch nicht alles ist: Jesus Christus ist der Schlüssel zum »Mehr« im Leben – durch ihn können wir hier eine neue Sicht auf uns, unser Leben und unser Handeln bekommen und darüber hinaus eben den Weg zu Gott zu Ende gehen, wo unser Leben an seine Grenzen stößt.

Das Kind in der Krippe, das ohne Knalleffekt in die Welt kam, zeigt uns: Diese Veränderung im Leben erfolgt ohne Begleitzeichen. Die gibt es erst dort, wo wir Glaube in unserem Leben Folgen haben lassen.

Weihnachten, das heißt für uns: »Nimm an des Christus Freundlichkeit / trag seinen Frieden in die Zeit.« (eg 56,4) Dazu helfe uns Gott. Amen.

Lied: eg 46 Stille Nacht, heilige Nacht