Predigt über Offenbarung 2,8–11

Ängstlich schrie Katharina auf und drückte sich mit dem Rücken an die Wand. Stephanus griff sie bei der Hand: »Schnell, nichts wie weg hier!« zischte er in ihr Ohr. Dann zog er sie zum Fenster und gemeinsam kletterten sie auf die Gasse hinaus und liefen fort, so schnell sie konnten. Nach ein paar Minuten blieben sie keuchend stehend. Einige Passanten sahen sie merkwürdig an. Doch keine Rufe wurden laut und keine Miliz war hinter ihnen her. Sie waren entkommen. »Was sollen wir jetzt tun?« fragte Katharina und sah ihn müde an. Ja, was sollten sie nur tun. Stephanus zuckte wütend die Achseln. Sie würden Sizilien verlassen müssen, so schnell es nur ging. Ihre Sachen würden sie sowieso nie mehr wieder sehen. Die Soldaten würden alles zerstört oder sich unter den Nagel gerissen haben. Immerhin waren sie beide entkommen. Wieder einmal. So konnte das nicht mehr weitergehen. Das Geld trug er in einem Lederbeutel um den Hals. Viel war es nicht, aber für eine Überfahrt würde es reichen. Und die Geschwister unterwegs würden ihnen mit dem Nötigsten aushelfen. Bitter lachte er auf. »Was?« fragte Katharina. »Ach, Geliebte, ich hasse es. Domitian ist ein Tyrann. Ich meine, ja, es ist besser als unter Nero. Aber warum haben wir als römische Bürger unter Nachstellungen zu leiden, nur weil wir dem Kaiser nicht das Trankopfer darbringen wollen? Mir reicht es einfach.« Traurig blickte er sich um. »Lass uns aufbrechen. Hier können wir nicht bleiben. Lass uns nach Catania gehen und von dort nach Rom fahren, zu deinem Onkel Markus. Das hätten wir schon vor Wochen tun sollen.« Katharina nickte traurig. Dann nahm sie Stephanus’ Hand und ging los. »Immerhin haben wir uns. Und wir leben und sind frei.«

Liebe Gemeinde, einige unter uns erkennen in dieser Geschichte Parallelen zu je eigener Verfolgung aufgrund dessen, was man glaubt, ist, aufgrund der Herkunft, Meinung oder Geschichte.

Und das passt zu diesem Tag, der in Deutschland ein Volkstrauertag ist – zumindest für diejenigen, die über sich selbst hinauszublicken fähig sind.

In dieser Predigt geht es darum, was christlicher Glaube im Leben bedeuten, welchen Stellenwert er haben kann. Dass christlicher Glaube ein angefochtener Glaube ist, zeigt nicht nur der heute gepflegte Spott und Hohn, der in der jüngeren Generation scheinbar zum guten Ton gehört, sondern ein Blick in die Geschichte, wie der von Stephanus und Katharina, die die Zeit der frühen Christen illustriert.

Unsere Mütter und Väter im Glauben hatten es damals im Imperium Romanum alles andere als einfach. Am Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus war so vieles geschehen. Längst hatte sich die Kirche zu gründen begonnen. Paulus, der den Glauben nach Norden und Westen getragen hatte, war schon lange tot, wie alle Apostel und fast alle aus der ersten und viele aus der zweiten Generation. Doch das Christentum wuchs unaufhörlich weiter. In den 60er Jahren hatte Nero den Christen die Schuld dafür in die Schuhe geschoben, als er Rom angezündet hatte und eine blutige Verfolgung ausgelöst. Und als Vespasian und Titus dann im Jahre 70 Jerusalem erobert, den Tempel geplündert hatten, waren die Christen ins ganze römische Weltreich verstreut worden.

Nun wurden sie immerhin weitgehend geduldet. Nur eines war für die Christen nicht zu erfüllen: Der Kaiserkult, denn der römische Kaiser galt als lebendiger Gott, dem deshalb nicht nur Steuern zu zahlen, sondern auch Opfer als Anerkenntnis seiner Göttlichkeit darzubringen waren. Bei den Juden duldeten die Römer mit ihrer Vielgötterei immerhin schon die Verehrung des HERRn als einzigen Gott, wenngleich ihnen das merkwürdig vorkam, nur einen einzigen Gott zu haben. Doch dieses Christenpack mit seinem als Verbrecher durch römische Rechtsprechung hingerichteten Zimmermann wollten sie nicht akzeptieren. Das ging einfach zu weit, war einfach zu Unanständig und Lästerung der Götter.

Und so hatten es die Christen eben schwer. Zur Zeit des Kaiser Domitians, in den 90er Jahren, wurde verlangt, dass ein römischer Bürger dem göttlichen Kaiser neben den Steuern auch Opfer darbrachte. Die Christen taten sich damit mehr als schwer, denn Anbetung gebührt Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat, allein. So wurden die Christen verfolgt und bestraft, wenn sie sich am Kaiserkult nicht beteiligten.

Ein Buch des neuen Testaments geht auf einen Verfasser zurück, der genau unter dieser Situation litt, der verfolgt wurde, weil er den Kaiserkult verweigerte. Man hatte ihn, den einflussreichen Prediger, deshalb kurzerhand ins Exil geschickt, so dass er keinen Schaden mehr anrichten konnte. »Aus den Augen, aus dem Sinn« schien man sich gedacht zu haben und hatte den Unruhestifter kurzerhand deportiert. Doch die Römer hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Gottes Wort kam durch ihn in einem langen Brief an die Christen in der ganzen Westtürkei. Es war der Seher Johannes, den man auf die kleine Ägäisinsel Patmos verschleppt hatte.

Angesichts der Verfolgungen, die die Christen wegen ihrer Verweigerung des Kaiserkultes erlitten, schreibt Johannes ihnen folgendes:

Offbenbarung 2,8–11 Und dem Engel der Gemeinde in Smyrna schreibe: Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden: Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut – du bist aber reich – und die Lästerung (βλασφημίαν) von denen, die sagen, sie seien Juden, und sind’s nicht, sondern sind die Synagoge des Satans. Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, damit ihr versucht werdet, und ihr werdet in Bedrängnis sein zehn Tage. Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem soll kein Leid geschehen von dem zweiten Tode.

Liebe Gemeinde, Johannes schreibt den Gemeinden einen Trost-Text. Die Menschen damals litten unter der Verfolgung und den Anfeindungen. Einzig dem Judentum standen sie nahe. Bei Johannes erfahren wir nun, dass sie sogar unter Angriffen von Leuten litten, die behaupteten, Juden zu sein und es nicht waren. Er entlarvt sie als Mitglieder der »Synagoge des Satans« – ein Bild für die Gesamtheit aller, die die Christen um ihres Glaubens willen verfolgt hatten.

Angesichts der Verfolgung erinnert Johannes die Christen in Smyrna an das, was Jesus Christus uns gesagt hat … Er wendet sich an alle, die unter der Situation leiden.

Wir heute können uns ebenfalls angesprochen fühlen. Was Johannes schreibt, ist ein Trost-Text auch mitten in diesen verregneten Novembertagen, ein Trosttext für die stillen traurigen Sonntage, die wir zurzeit begehen. Heute am Volkstrauertag denken wir an die Schrecken, die der Krieg in unserem Land angerichtet hat. Und am nächsten Sonntag gedenken wir aller derer, von denen wir in diesem Jahr Abschied nehmen mussten. So hören wir bei Johannes einen Trosttext für alle, die leiden – damals wie heute.

»Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben« (V. 10)« schrieb er nach Smyrna angesichts von Verfolgung. Mahnte die Gemeinde, in dieser Situation auszuhalten, standhaft zu bleiben im Glauben.

Und wir heute? Es gibt sie doch in unserem Leben, die schlimmen Situationen. Wir brauchen nicht die Nachrichten einzuschalten, um die Neuesten brühwarm serviert zu bekommen. So viele Dinge nehmen doch auch uns den Atem, machen uns das Leben schwer …

Johannes mahnt zum Aushalten, erinnert uns an die Herrlichkeit, die Gott für uns bei sich bereit hält. Mit diesem Aushalten ist nicht gemeint, die Hände in den Schoß zu legen und passiv alles hinzunehmen, was an uns herangetragen wird. Das meint auch der Seher Johannes auf seiner Insel nicht.

Es ist richtig, viele Dinge hat keiner von uns in der Hand. Zum Beispiel ist es Glück, dass wir uns keine Sorgen um Nahrung und Kleidung machen müssen, dass wir in einem reichen Land leben. Und auch Unfälle und Krankheiten können wir zwar versuchen zu vermeiden, doch auch das steht nicht in unserer Hand. Da kann man nur Aushalten.

Bei allem, was mir zustößt, Gutem wie Bösem, ist es nicht egal, wie meine Einstellung ist. Vertrauen ist wichtig. Der Psychologe Paul Watzlawick beschreibt es in seinem Buch »Anleitung zum Unglücklichsein«, wie wichtig es ist, mit welcher Einstellung man in ein Gespräch geht. Allein durch die Einstellung kann man sich unglücklich machen: Er beschreibt einen Mann, der von seinem Nachbarn einen Hammer borgen möchte. Aber dann kommen ihm Zweifel: »Was ist, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht borgen will, er hat mich gestern nur so kurz gegrüßt. Vielleicht ist er ja böse auf mich.« Und dann steigert sich der Mann so in die Vorstellung hinein, der Nachbar könnte ihm den Hammer nicht borgen, dass er schließlich hinübergeht, ihn, anschreit: »Behalten sie ihren Hammer, sie Idiot.«

Vertrauen ist schon für das Zusammenleben von Menschen wichtig, doch mindestens genau so wichtig ist es, Gott zu vertrauen. Dann, wenn ich Gott vertraue, kann ich aushalten. Dann kann ich so aushalten, dass ich mich im Gebet an Gott wende, mir bei ihm Kraft hole und ihm klage, was mich bedrückt und mir wie ein Gewicht auf der Brust die Luft abschnürt.

Zu Beten ist eine große Hilfe: »Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch« (1. Petr 1,5) heißt es schon im Ersten Petrusbrief. Im Beten kann ich nicht nur neue Kraft bekommen, um aus-, ja: standzuhalten, sondern unternehme ich auch den ersten Schritt, die Situation zu verändern. Im Gebet besinne ich mich auf das, was Gott mir an Möglichkeiten geschenkt hat, ändert sich meine Einstellung von passivem Erleiden zu aktivem Gestalten. Da zeige ich den Umständen, »wo der Hammer hängt.«

Die Christen, an die Johannes sich damals gewandt hat, haben ihr Schicksal in die Hand genommen. Sie haben gebetet und eine Gemeinschaft gebaut, haben sich gegenseitig unter die Arme gegriffen, wo es für einzelne schwer wurde.

So wie uns die Worte des Johannes gelten, können wir uns vom Verhalten unserer Vorfahren im Glauben inspirieren lassen, unsere Gemeinde einen Ort des Gesprächs und des Austauschs machen auch über das, was uns sorgt. Da können wir erleben, dass sich schlimme Situationen so zu verändern beginnen, dass wir standhalten können – eben weil wir im Gebet und durch den Rückhalt in der Gemeinde neue Kraft bekommen. »Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst!« (V. 10) schreibt Johannes.

Ein letztes: Wenn wir heute darüber hören, dass christlicher Glaube immer auch ein angefochtener ist, dann lasst uns dieses »Gefecht« auch führen, wo Mitmenschen, die allen Glauben verloren haben, sich in blöden Bemerkungen ergehen. Die »Waffen« sind Glaube, Liebe und Hoffnung – dazu zählt auch, an der richtigen Stelle den Mund aufzumachen und das rechte Wort zu finden und auch zu sagen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.