Predigt über Apostelgeschichte 10,9–16: Ein Tagtraum mit Folgen

Siehe auch die Predigt vom 25.08.2013 zu Apg 10,1–48

Liebe Gemeinde, heute möchte ich Sie, ganz passend zur Urlaubszeit, mitnehmen auf eine Reise ins Israel des ersten Jahrhunderts nach Christus. Sind Sie bereit? Na, dann los!

Lassen Sie uns in die kleine Stadt Joppe, dem heutigen Tel Aviv, fahren. Es liegt im Westen Israels an der Küste und es ist eine heiße Landschaft, die Hitze gut zu ertragen, aber nicht ohne. Wer hier nicht genügend trinkt, bekommt schnell Probleme.

Die Menschen in Joppe leben von der Landwirtschaft, und der Fischfang ist natürlich von großer Bedeutung. Viele Juden nehmen ihren Glauben sehr ernst und richten ihre Lebensführung entsprechend aus, auch wenn der Tempel fern ist. Andere sind von der allgegenwärtigen griechischen Kultur angetan, entdecken den so anderen Lebensstil in den hellenistischen Städten.

Die römische Besatzung tut dazu ein Übriges. Natürlich war man den Römern gegenüber – freundlich gesagt – reserviert, waren das doch Besatzer, die sogar das Recht hatten, von jedem Einheimischen bei Bedarf Dienstleistungen einzufordern. Und doch stieß deren Lebensweise bei vielen Menschen auf Interesse. Freilich: für andere waren die Römer geradezu ein Anlass, sich auf die eigene, religiös begründete Identität zu besinnen und sich abzugrenzen.

In dieser Situation waren auch die Apostel in den Jahren nach Jesu Himmelfahrt, als sie begannen, christlichen Glauben im Land auszubreiten. Dieses eine war dabei grundlegend: nur jüdischen Menschen wurde von Christus weitererzählt; Römern, hellenistisch geprägten Menschen und Ausländern mit Sicherheit nicht. Von den Heiden grenzten sich die zu Christen gewordenen Juden noch ganz deutlich ab.

In diesen äußeren Rahmen, das sich die Apostel nur an Juden, nicht aber an andere wandten, spricht der Predigttext für heute.

Ich lese den Predigttext aus Kapitel 10 der Apostelgeschichte:

Apg 10,9–16.34f (NGÜ) Um die Mittagszeit des folgenden Tages … stieg Petrus zum Beten auf das flache Dach des Hauses, in dem er zu Gast war. Nach einiger Zeit wurde er hungrig und bat um etwas zu essen. Während ihm nun eine Mahlzeit zubereitet wurde, hatte er eine Vision. Er sah den Himmel offenstehen und etwas wie ein riesiges leinenes Tuch herabkommen, das – gehalten an seinen vier Ecken – auf die Erde heruntergelassen wurde. In dem Tuch befanden sich Tiere aller Art – Vierfüßer, Reptilien und Vögel. Nun hörte er eine Stimme: »Auf, Petrus, schlachte und iss!« – »Auf gar keinen Fall, Herr!«, entgegnete Petrus. »In meinem ganzen Leben habe ich noch nie etwas Unheiliges und Unreines gegessen!« Doch die Stimme wiederholte die Aufforderung. »Was Gott für rein erklärt hat, das behandle du nicht, als wäre es unrein!«, sagte sie. Und noch ein drittes Mal wurde Petrus zum Essen aufgefordert. Danach verschwand das Tuch so unvermittelt wieder im Himmel, wie es gekommen war. …
»Wahrhaftig«, begann Petrus, »jetzt wird mir erst richtig klar, dass Gott keine Unterschiede zwischen den Menschen macht! Er fragt nicht danach, zu welchem Volk jemand gehört, sondern nimmt jeden an, der Ehrfurcht vor ihm hat und tut, was gut und richtig ist.«

Der Predigttext I – Eine jüdische Geschichte

Liebe Gemeinde, was Lukas hier in seiner Apostelgeschichte erzählt, ist zuerst einmal eine jüdische Geschichte und kann auch nur vor diesem Hintergrund verstanden werden. Gerade haben wir schon etwas darüber gehört.

Woran Petrus scheitert, sind die jüdischen Speise- und Reinheitsgebote – in der Schriftlesung hörten wir davon (2. Mo/Ex 24,1–16.24.27f). Jeder Jude erlernt diese von Kindheit an, sie sind genau so grundlegend für das Judentum wie die Beschneidung der Jungen am achten Tag nach der Geburt.

Von dem unsäglichen Entschluss des Kölner Landgerichts im Juni, diesen seit Jahrtausenden praktizierten und medizinisch unbedenklichen Vorgang als Körperverletzung zu deklarieren und zu verbieten, haben Sie alle in den Medien erfahren.

Die Einhaltung dieser Gebote war ein Mittel, innerhalb des Raumes zu bleiben, den der Bund Gottes ausmacht. Und zugleich diente dies dazu, sich von den Heiden abzugrenzen.

Die Mission der ersten Christen zielte deshalb auch nicht nach außen, auf die Heiden, sondern spielte sich innerhalb des Volkes Israel ab. Das war auch erst einmal völlig unstrittig. Für Petrus muss der Inhalt dieser Vision erst einmal ein Schock gewesen sein. Das ging so was von überhaupt nicht, was Gott ihm da zeigte, dass es für Petrus dann auch völlig unverständlich und erschreckend blieb.

Der Predigttext II – Ein Tagtraum mit Folgen oder von den Schrecken der Freiheit

Drei Mal musste ihm das Tuch gezeigt werden. Drei Mal musste er aufgefordert werden, zu tun, was den jüdischen Reinheitsgeboten zuwiderläuft. Und deutlicher Worte bedurfte es auch: »Was Gott für rein erklärt hat, das behandle du nicht, als wäre es unrein!«

Schließlich hat Petrus sich von seinem Schrecken erholt und begriffen, worum es geht: Gottes Wort an alle Menschen auszurichten, es nicht nur beim Volk Israel zu belassen.

Lukas hat diese Erzählung in der Apostelgeschichte an eine Schlüsselstelle gesetzt. In den ersten acht Kapiteln geht es um die junge Kirche. In Kapitel neun wird Saulus als »Superjude« vorgestellt, der die Christen verfolgt, weil sie gegen die Gebote verstoßen, indem sie in Christus Gott erkennen.

Mit diesem Kapitel, dem zehnten der Apostelgeschichte, kommt der endgültige Umschwung. Gottes Wort wird entfesselt, wird allen Menschen verkündet – das ist das Thema unseres Predigttextes.

Was Petrus und seinen jüdischen Zeitgenossen als unvorstellbar erschien, wurde Wirklichkeit. Durch Jesus Christus kamen nun auch die Heiden zu Gottes auserwähltem Volk dazu.

Davon erzählt Lukas in den Folgekapiteln der Apostelgeschichte. Zuerst gab es noch Streitigkeiten darum, wie mit den Reinheits- und Speisegeboten umgegangen werden musste. Bald wurde klar: diese Vorschriften gelten nicht mehr, weil in Jesus Christus eine neue Qualität der Beziehung von Menschen zu Gott gilt. In Jesus Christus gelten wir für Gott als rein, auch wenn wir unrein sind – unrein, das ist alles, was uns von Gott trennt, zuallererst unsere Unfähigkeit, sein Liebesgebot stets zu erfüllen. Damit begann die Mission unter denen, die nicht jüdisch waren – ohne die Befolgung der jüdischen Religionsgesetze einzufordern.

Die Vision, die Gott Petrus schenkte, erfüllte diesen zuerst mit Schrecken. Doch schon bald hatte Petrus den Schrecken überwunden: »Wahrhaftig«, begann Petrus, »jetzt wird mir erst richtig klar, dass Gott keine Unterschiede zwischen den Menschen macht! Er fragt nicht danach, zu welchem Volk jemand gehört, sondern nimmt jeden an, der Ehrfurcht vor ihm hat und tut, was gut und richtig ist.«

Freiheit ist das Ergebnis dieser Vision. Freiheit, nicht auf Speise- oder Reinheitsgebote achten zu müssen und trotzdem gottgefällig zu leben.

Mitten im Leben – Von Träumen und ihren Folgen

Liebe Gemeinde, Freiheit vom Gesetz und die Hoffnung, durch Jesus Christus allein zu Gott zu gehören, sind das Ergebnis dessen, was wir im Predigttext gehört haben. Dieser Tagtraum, den Petrus hatte, brachte Großes hervor, hatte Folgen.

Spannend finde ich die Dopplung aus Erschrecken und Freiheit, die darin berichtet werden. Erschrecken einerseits, alte vertraute Wege zu verlassen und sich in die neue Freiheit hineinzubegeben.

Es ist eine Schwellenerzählung, die Lukas berichtet, ein Übergang von Altem zu Neuem.

Wie ist das bei Ihnen? Was sind eigentlich in ihrem Leben vergleichbare Erlebnisse: Momente, in denen Sie eine Entscheidung treffen konnten oder mussten und in Folge alles anders wurde?

Schulabschluss, Hochzeit, Besiegelung des Kaufs des ersten Autos oder Motorrads, Antritt einer Stelle… das sind einige Beispiele für solche Schwellensituationen. Schwellensituationen eröffnen neue Möglichkeiten, doch der Weg dahin ist oftmals mit Schrecken und Wagnissen verbunden, nicht frei von Risiko. So ein Abschluss, der alles möglich macht, kommt ja auch erst einmal mit einer Prüfung einher.

Fakt ist: alles Neue im Leben hat seinen Preis – manchmal einen richtige, finanziellen, aber in der Regel einen ideellen, den man in irgendeiner Weise aufbringen oder erreichen muss.

Vielleicht passt es da, dass der Predigttext erzählt, dass Petrus seine Vision in der Mittagsstunde hatte, als er sich zurückgezogen hatte. Petrus hatte Pause gemacht, sich eine Auszeit gegönnt. Bevor er auf’s Dach gestiegen war, war für ihn ganz klar: Jesus ist nichts für die Heiden. Als er vom Dach herunterkam, hatte sich diese Ansicht gründlich verkehrt.

Flachdach in Tel Aviv mittags im Sommer – skeptisch könnte man anmerken, dass Petrus vielleicht weniger eine Vision als vielmehr einen Sonnenstich bekommen habe. Aber das ist für uns heute Morgen nicht von Belang. Nicht das Wie der Erkenntnis Petri, sondern das Dass ist wichtig.

Auch wir verschaffen und Luft, bevor wir wichtige Entscheidungen treffen. Schlafen eine Nacht darüber. Reden mit Partner und Freunden darüber. Holen weitere Informationen ein. Schaffen eine Grundlage für eine gute Entscheidung.

Übrigens: die Redensart »den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf« ist nicht biblisch. Aber irgendwann ist es dann soweit, weiß man Bescheid über das, was man tun will und wird; fallen die Puzzleteile gleichsam an ihren Platz. Auch wir finden im Schlaf, in Ruhezeiten und Pausen, im Traum Lösungen für unsere Entscheidungen.

Sicherlich wäre es so manches Mal recht schön, wenn Gott uns bei unseren Entscheidungen so hülfe wie dem Petrus. Der hat seine Vision ja nicht nur – Gott ist wohl auch Pädagoge – drei Mal gehabt, sondern hat auch noch erklärt bekommen, was das Ganze bedeutet. Da konnte nichts mehr schief gehen oder auch nur ein Fünkchen Unsicherheit zurückbleiben. Die Sache war klar.

Gott hilft uns in dieser Weise wohl meistens nicht. Auch wenn wir irgendwann in der Lage sind, Entscheidungen zu treffen: so schön einfach wie bei Petrus erleben wir das selten.

Und andersherum: nicht alles, was wir meinen, dass Gott es uns eingegeben habe, stammt aus dieser Quelle. Auch wir haben unsere »Hitzschläge« und manchmal ist der Wunsch der Vater des Gedankens, nur eben nicht Gott Vater.

Wie hängt Gott mit unsern Träumen und Entscheidungen zusammen? Darauf kann ich nur sagen: ich weiß es nicht. Allerdings: etwas anderes glaube und erlebe ich: Dass da, wo ich wichtige Entscheidungen in Gottes Hände lege – und das heißt nicht, alle Sorgfalt, Planung und Recherche über Bord zu werfen – dass da, wo ich die Dinge letztlich Gott anvertraue, diese einen guten Ausgang nehmen.

Vielleicht schenkt Gott uns nicht solche holzhammerhaft-eindeutigen Visionen wie Petrus. Aber das Entscheidende ist, dass Gott mit uns geht, wenn wir uns in das hineinbegeben, was wir entschieden haben.

Wie oft zögern wir, den ersten Schritt zu tun. Wie oft wollen wir lieber beim Alten und Vertrauten bleiben – selbst, wenn wir das überhaupt nicht mögen. Wie oft erschrecken wir vor neuer Freiheit und neuen Möglichkeiten und den Risiken, die diese auch bergen.

Der Predigttext erzählt, dass Petrus eine Entscheidung getroffen hat, die so recht gegen Alles war, was er kannte und lebte. Doch mit Gottes Hilfe hat er seinen neuen Weg aufgenommen.

Lukas erzählt weiter, dass es ein guter Weg geworden ist, den Petrus gegangen ist. Heute, 2012, sehen wir das Ergebnis – auch wir gehören aufgrund dieser Entscheidung zu Christus. Wäre Petrus nicht aufgebrochen, wäre das wohl eher anders.

Entscheidungen zu treffen, ist nicht einfach. So manchen Tagtraum verwirklichen wir nicht – manchen aus gutem Grunde, andere aus Furcht, Sorge, Schrecken oder Faulheit. Wie auch immer: dass Gott mit uns geht, ist der Grund, auf dem wir unsere Entschlüsse aufbauen können.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Lied: eg 394 Nun aufwärts froh den Blick gewandt