Predigt über Genesis 12,1–4a: Versauern oder aufbrechen?

Lied: eg 395,1–3 Vertraut den neuen Wegen

Liebe Gemeinde, wie war das eigentlich, als Sie Ihr Elternhaus verlassen haben, als Sie von zu Hause ausgezogen sind? Erinnern Sie sich noch daran, wie das war?

Ich erinnere mich noch gut daran. Es hieß endlich auf eigenen Beinen zu stehen. Selbstständig zu sein. So manche, so mancher von Ihnen kennt den Satz: »So lange Du Deine Füße unter meinen Tisch stellst …« Nicht wahr: nach dem Auszug war das Ihr eigener Tisch und Sie haben die Regeln zu Hause selbst gemacht.

Im Predigttext des heutigen Sonntags geht es auch um jemanden, der ausgezogen ist. Nun ja, er – es war ein Junge – hatte dazu etwas länger gebraucht. Jedenfalls war er nicht mehr 18, als er auszog, sondern schon in den Achtzigern.

Und: haben Sie jemanden vor Augen?

Ich lese den Predigttext aus dem Ersten Mosebuch, Kapitel zwölf:

Gen 12,1–4 (Luther 1984) Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.
Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm.

Abraham zieht aus

Der Erzvater Abraham ist einer der ganz wichtigen Menschen für das Volk Israel. Sein Auszug, seine Reise in ein anderes Land war kein Zuckerschlecken, keine einfache Sache. Zuallererst einmal war es ein gewaltiges Risiko, denn Abraham zog nicht alleine aus. Als Patriarch seiner Sippe waren es zahlreiche Familien, denen er vorstand, mit Frauen und Kindern und natürlich jeder Menge Vieh. Die Großfamilie seines Neffen Lot zog mit ihm aus.

Was, wenn da etwas passierte. Wenn so viele Menschen von einem Gebiet in ein anderes wandern und dabei durch Vieh gebremst werden, dann sind sie lange unterwegs. Sie brauchen Wasser und Weiden. Sie müssen sich mit den Menschen, die die jeweils durchwanderten Gebiete bewohnen, auseinandersetzen …

Dieser Auszug bedeutete, alles hinter sich zu lassen.

Und dann ging es los. Abraham und die Seinen machten sich nach Nordwesten auf. Sie verließen Ur im Zweistromland, heute Irak, und zogen über den »fruchtbaren Halbmond«, folgten in dieser trockenen Landschaft den Flussläufen, wo es genügend Nahrung und Wasser gab. Mehrere Monate werden sie gebraucht haben, bis sie im Land Kanaan, im Gebiet des heutigen Israel, angekommen sind.

Aber nicht die Strecke ist das Besondere an diesem Predigttext. Auch nicht, dass es ein Großfamilienverband war, der sich da aufmachte. Das Besondere an dieser Erzählung ist, dass Abraham sich nicht als junger Erwachsener aufmachte, eine neue, eigene Heimat zu finden, sondern dass er dies erst im fortgeschrittenen Erwachsenenalter tat.

In so einem Alter zieht man nicht mehr groß um. Schon gar nicht nimmt man die gesamte Familie mit und zieht monatelang durch die Landschaft, einem neuen Ziel entgegen. Was Partner und Kinder einem wohl sagen würden, wenn man mit so einer Idee ankäme!

Und was heute überhaupt nicht ginge, ist, dass Abraham sagte: »Gott hat sich mir im Traum offenbart und mich aufgefordert, jetzt alles hinter mir zu lassen. Also, brechen wir auf. Ich kenne das Ziel nicht wirklich, aber schon bald geht es los.«

Nicht wahr, wenn das jemand unter uns täte, würden wir erst einmal große Augen machen und nachfragen, wie das seinen Zugang habe…

Unsere Auszüge

Andererseits: einige unter uns haben dasselbe wie Abraham gemacht. Viele von Ihnen sind im fortgeschrittenen Erwachsenenalter aus der früheren UdSSR hierher nach Deutschland ausgesiedelt. Andere sind schon früher aus Siebenbürgen hierhergekommen, wieder andere sind nach dem Zweiten Weltkrieg aus Schlesien oder Pommern an diesen Ort gekommen. Sicherlich können diejenigen, die solche Erfahrungen haben, mit dem Auszug Abrahams viel mehr anfangen als die, die solch eine Erfahrung nicht gemacht haben.

Sie wissen, was es bedeutet, alte Bande zu zerschneiden und anderswo neu anzufangen. Sie kennen die Risiken, die damit verbunden sind, wenn man alles hinter sich zurücklässt. Und Sie wissen um den Mut, den es braucht, aufzubrechen.

Wie sehnen wir uns nach Heimat, nach einer vertrauten Umgebung, nach Verhältnissen, die wir kennen und einschätzen können. Das alles ist der Rahmen, der unserem Leben Halt und Geborgenheit gibt.

Alles hinter sich zu lassen fällt schwer. Was wird kommen? Wie mag das sein? Das sind Fragen in solchen Situationen.

Freilich: wenn wir mit dem Predigttext Auszüge bedenken, dann können wir an mehr als nur ungewöhnlich herausfordernde Ortswechsel denken.

Ersetzen wir das Wort »Auszug« einmal durch »Aufbruch«: Wo sind sie dann, unsere Aufbrüche? Wo haben wir Altvertrautes verlassen, um Neues anzufangen, es zu wagen / es in Angriff zu nehmen / zu beginnen / alles auf eine Karte zu setzen / uns zu einem Ziel aufzumachen, das nur in unserer Vorstellung Gestalt hatte?

Wenn wir so fragen, dann sind wir alle angesprochen, nicht nur diejenigen, die in ein anderes Land umgezogen sind. Aufbrüche fangen wir in der Kindheit an, die Einschulung ist so ein erster Meilenstein auf dem Weg, der Anfang von etwas zuerst einmal Unvertrautem und Fremden.

Später dann sind es die beruflichen Entscheidungen, die wir treffen. Die Wahl unseres Partners. Die Gründung einer Familie; vielleicht, sich Wohneigentum anzuschaffen. Und so fort.

Sie merken, wir alle sind schon einmal aufgebrochen – nicht nur einmal. Eigentlich besteht unser ganzes Leben aus Aufbrüchen – manche sind freiwillig, zu anderen werden wir durch äußere Umstände gedrängt.

Was sind Ihre Aufbrüche? Sind Sie gerade in einer »sesshaften Phase«? Oder zeichnet sich der nächste Aufbruch, die nächste große Entscheidung schon ab?

Oder geht es Ihnen gerade ganz anders, gibt es da Situationen, in denen Sie festsitzen? Manchmal gibt es ja auch regelrecht festgefahrene Situationen. Manchmal hat man sich selbst in so etwas hineingebracht. Manchmal fühlt man sich sogar so richtig wohl darin, will gar nicht, dass es weitergeht.

Streit kann so etwas sein. Da hat man sich mit jemand anderes überworfen und zementiert diese Situation. Will sich gar nicht bewegen, nicht aufbrechen und etwas ändern. Nicht wahr: uns würde etwas fehlen, wenn es so manche eingefahrene Meinung, so manchen eingefahrenen Zustand nicht gäbe.

Was könnte sein, wenn wir neue Aufbrüche in unserer Beziehung zu anderen wagen würden? Haben wir die Kraft dazu? Wollen wir das eigentlich? Wie schmeckt der Gedanke, aus einer »Steppe« oder »Wüste« »fruchtbares Land« zu machen – sozusagen »Wasser auf unser Beziehungspflänzchen« zu gießen?

Liebe Gemeinde, Abraham ist aufgebrochen. Das, was uns so unendlich schwer fällt, hat er gemacht. Er hat nicht lange gehadert. Er hat sich nicht erst einmal an alles das erinnert, was er schon hatte, konnte, wusste, erreicht hatte. Er hat stattdessen sein Vertrauen auf Gott gesetzt und ist aufgebrochen. Ja, Abraham ist aufgebrochen.

Nicht allein auf dem Weg

Für uns kann Abraham ein Vorbild sein. Abraham ist jemand, der sich nicht von vertrauter Gewohnheit hat gefangen nehmen lassen. Sicher ist es kein Zufall, dass er für das Judentum wie für den Islam grundlegend ist; für uns Christen ist er das Glaubensvorbild schlechthin (vgl. Römer 4; Galater 3); nicht umsonst heißen diese drei großen Weltreligionen Abrahamitische Religionen.

Was Abraham aufzubrechen ermöglichte, war sein Gottvertrauen. Mit Gott brach er auf, mit Gott war er unterwegs und mit Gott erreichte er sein Ziel. »Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will« – so heißt es im Predigttext, und der fährt fort: »Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm.«

Was das für eine Reise ins Unbekannte war, haben wir gehört und auf der Landkarte gesehen. Wir haben uns um unsere Aufbrüche ebenso Gedanken gemacht wie auf das, was uns festhält und uns hindert, neue Anfänge zu wagen.

An Abraham sehen wir, wozu Glaube führen kann. Dass er für gleich drei Weltreligionen und damit für ungefähr zwei Drittel aller Menschen auf diesem Planeten eine Bedeutung hat, unterstreicht dies eindrucksvoll. Gott hatte ihm ja auch verheißen: »Ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.«

Gottes Segen ist Abrahams Kraftquelle gewesen, das, was es ihm ermöglicht hat, loszugehen.

Was ist Gottes Segen eigentlich? Wie wirkt sich dieser Segen Gottes eigentlich auf?

Liebe Gemeinde, wenn Sie jetzt einmal vorne in der Mitte unter Ihre Sitzpolster greifen, dann finden einige – acht – von Ihnen dort ein Kärtchen. Schauen Sie bitte einmal nach, und wer ein Kärtchen findet, der winke doch bitte einmal damit!

Die Kärtchen finden lassen und die Finder bitte, sie vorzulesen. Für die Schüchternen selber lesen:

Kärtchen als PDF herunterladen

  • Galater 3,9 So werden nun die, die aus dem Glauben sind, gesegnet mit dem gläubigen Abraham.
  • Genesis 2,3 Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte.
  • Genesis 9,1 Und Gott segnete Noah und seine Söhne und sprach, Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde.
  • Psalm 65,11 Du tränkst seine Furchen und feuchtest seine Schollen; mit Regen machst du es weich und segnest sein Gewächs.
  • Genesis 24,1 Abraham war alt und hochbetagt, und der HERR hatte ihn gesegnet allenthalben.
  • Psalm 29,11 Der HERR wird seinem Volk Kraft geben; der HERR wird sein Volk segnen mit Frieden.
  • 2. Korinther 9,6 Ich meine aber dies, Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen.
  • Psalm 45,3 Du bist der Schönste unter den Menschenkindern, voller Huld sind deine Lippen; wahrlich, Gott hat dich gesegnet für ewig*.

Liebe Gemeinde, Gottes Segen bewirkt ganz vieles:

  • Segen setzt in Bewegung
  • Segen hilft, Kraft und Ruhe zu finden
  • Segen ist, dass Gott Leben möglich macht
  • Segen ist, wo Menschen teilen
  • Segen ist, am Ende eines Lebensabschnitts sagen zu können: bis hierher hat mich Gott gebracht

Liebe Gemeinde, Abraham ist als Glaubensvorbild eine Herausforderung an uns. Wir streben nach sicheren Zuständen, die klar und überschaubar sind. Doch wenn wir genauer hinsehen, kann uns manches davon zum Gefängnis werden.

Glaube heißt, sich im Vertrauen auf Gott immer wieder aufzumachen, zu unseren Nächsten zuallererst.

Wo uns das gelingt, können wir Gottes Segen erfahren, ganz praktisch. Gerade die unklaren Abschnitte auf unserem Lebensweg sind es doch, in denen wir Gott ganz besonders entdecken können. Wo wir uns erst sicher und fest eingerichtet haben, fällt es schwerer, Gott zu entdecken.

Auch wir können da, wo wir Aufbrüche wagen, Gott entdecken und seinen Segen erfahren. Und das schöne ist: Gottes Segen wird da vermehrt, wo man ihn teilt. Das tun wir, wo wir uns mit ihm auf den Weg machen. Brechen wir also auf.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Lied: eg 352,1–6 Alles ist an Gottes Segen