Predigt über Jesaja 50,4–9 Der leidende Gottesknecht – oder: wenn wir Gott Ohr und Herzenstür öffnen

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Liebe Gemeinde, heute Morgen stehen wir an einer Schwelle. Die alte Woche liegt hinter uns, die Karwoche als Heilige Woche vor uns. Und, das darf nicht unerwähnt sein: die Osterferien ebenfalls. Ob wir wollen oder nicht: wir werden diese Schwelle überqueren, weil die Erde sich weiterdreht. Wir werden sozusagen darüber geschubst, gar nicht gefragt.

Das Thema des heutigen Sonntags ist auch ein Schwellenerlebnis. Jesus zog in Jerusalem ein. Das ist ein bedeutender Schritt auf seinem Weg gewesen und ein unerhört mutiger, denn dass er in Jerusalem sterben würde, das war ihm klar. Er tat diesen Schritt trotzdem und die Menschen bereiteten ihm einen wahrhaft königlichen Empfang, breiteten ihre Mäntel aus, schwangen Palmzweige. Auf dem Bild sehen wir dies auch, wie der Maler Duccio di Buoninsegna sich das am beginnenden 14. Jahrhundert vorgestellt hat.

Die Perspektiven stimmen, wie in dieser Epoche üblich, nicht. Man sieht das Jerusalem, das der Maler sich vorgestellt hat. Jesus sitzt auf einem Esel, seine Jünger sind dicht hinter ihm ins Bild gedrängt.

Vor Jesus, zwischen den Stadtmauern, ist eine Schar von Menschen, die ihn empfangen, Männer, Frauen und Kinder.

Dass dies der Auftakt zu einem anderem, viel drohenderen Geschehen ist, wissen wir. Jesus Christus, der Knecht Gottes, wich nicht von seinem Weg.

Im Predigttext aus dem Buch des Propheten Jesaja steht über den Gottesknecht folgendes:

Jes 50,4–9 (Gute Nachricht Bibel) Gott, der HERR, hat meine Zunge in seinen Dienst genommen, er zeigt mir immer neu, was ich sagen soll, um die Müden zu ermutigen. Jeden Morgen lässt er mich aufwachen mit dem Verlangen, ihn zu hören. Begierig horche ich auf das, was er mir zu sagen hat. Er hat mir das Ohr geöffnet und mich bereitgemacht, auf ihn zu hören.
Ich habe mich nicht gesträubt und bin vor keinem Auftrag zurückgescheut. Ich habe meinen Rücken hingehalten, wenn sie mich schlugen, und mein Kinn, wenn sie mir die Barthaare ausrissen. Ich habe mich von ihnen beschimpfen lassen und mein Gesicht nicht bedeckt, wenn sie mich anspuckten.
Sie meinen, ich hätte damit mein Unrecht eingestanden; aber der HERR, der mächtige Gott, steht auf meiner Seite. Deshalb mache ich mein Gesicht hart wie einen Kieselstein und halte alles aus. Ich weiß, dass ich nicht unterliegen werde. Ich habe einen Helfer, der meine Unschuld beweisen wird; er ist schon unterwegs. Wer wagt es, mich anzuklagen? Er soll mit mir vor den Richter treten! Wer will etwas gegen mich vorbringen? Er soll kommen! Der HERR, der mächtige Gott, tritt für mich ein. Wer will mich da verurteilen? Alle, die mich beschuldigen, müssen umkommen; sie zerfallen wie ein Kleid, das von Motten zerfressen ist.

Liebe Gemeinde, wir Christen deuten diese Worte auf Jesus Christus hin. Seine Situation, die wir in diesen Tagen bedenken, findet sich darin. »Ich habe mich nicht gesträubt, bin vor keinem Auftrag zurückgescheut«, heißt es bei Jesaja. Dieser Knecht Gottes ist jemand, der einen Auftrag hat und diesen ausführt – allen Widerständen zum Trotz.

Nachdem Jesus in Jerusalem eingezogen war, hat er zu den Menschen gesprochen, auch im Tempel. Er hat ihnen vom Nahekommen des Reiches Gottes erzählt – einem Reich, das in seiner Person greifbar geworden ist und in seinem Handeln erkennbar.

Vier Tage später hat ihn einer seiner Vertrauten verraten. Und schon am nächsten Tag wurde Christus hingerichtet.

Das Tor zu Jerusalem war weit offen gewesen, doch die Herzen der Menschen waren es nicht. Und wo der Gottesknecht sein Gesicht gegen falsche Anschuldigungen hart wie einen Stein machte, da waren dies auch die Herzen der Leute, die ihn verklagten und verurteilten. Und zu dem Satz »Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.« (Offb 3,20) hatten viele die Antwort parat: Sollte Christus doch bleiben, wo der Pfeffer wächst.

Liebe Gemeinde, wie würden wir heute handeln? Was wäre, wenn nachher zuhause die Türklingel geht und Christus stünde vor uns auf der Schwelle? Rein oder raus? Tür auf oder zu? Und wie ist das mit unseren Herzen: hat er seinen Platz darin?

Lassen Sie uns die Perspektive wechseln. Im Predigttext hören wir vom Knecht Gottes, der nicht verzagt. Er will zu den Menschen kommen, auch wenn das nicht einfach ist. Auch bricht er nicht ein, sondern tritt ein, wo ihm die Tür geöffnet wird.

Palmsonntag ist so eine geöffnete Tür. In dieser Woche sehen wir noch einmal grundlegend, wie das Verhältnis zwischen Gott und uns Menschen ist. Gott kommt. Gott kommt in unser Leben und begehrt Einlass. Und es gibt Situationen, da breiten wir ihm den roten Teppich aus.

Was sind das denn für Situationen? Die, an denen wir selbst an einer Schwelle stehen. Einige Beispiele: erinnern Sie sich an Ihre letzte wirklich wichtige Prüfung? »Lieber Gott, lass mich nicht durchfallen« – das war vielleicht Ihr »roter Teppich«.

Bild: mplabs – flickr.com

Liebe Gemeinde, diese Situation kennen wir alle. Sie ist austauschbar, denn Schwellensituationen erleben wir immer wieder, in jedem Alter neu.

Nehmen wir eine Hochzeit als Beispiel für eine Schwellensituation. Mann und Frau – heute kann man sich da freilich nicht mehr so sicher sein – eine Frau und ein Mann beschließen, ihren Lebensweg gemeinsam zu gehen. Und mit vereinten Kräften wird der Weg dann auch meist leichter, hier im Bild geht er nach unten – ich sage nicht: bergab.

Schwellensituationen sind Prüfungen, Abschlüsse, Hochzeit, Kinder zu kriegen, der Berufseintritt, aber eben auch Situationen wir der Eintritt in den Ruhestand, der Verlust eines lieben Menschen, eine schwere Krankheit, der Verlust der Arbeitsstelle, und manchmal ein unbedachtes Wort. Und wir alle haben schon so manche Schwelle überschritten oder überschreiten müssen – so wie Jesus, als er in Jerusalem einzog.

Die Frage nach Gott tritt in Schwellensituationen auf. Liebe Gemeinde, lassen Sie uns eine erste Antwort auf die Frage nach Gott in solchen Momenten singen mit einem Lied, das den Predigttext aufnimmt: eg 452 Er weckt mich alle Morgen

  1. Er weckt mich alle Morgen,
    er weckt mir selbst das Ohr.
    Gott hält sich nicht verborgen,
    führt mir den Tag empor,
    dass ich mit seinem Worte
    begrüß das neue Licht.
    Schon an der Dämmrung Pforte
    ist er mir nah und spricht.

  2. Er spricht wie an dem Tage,
    da er die Welt erschuf.
    Da schweigen Angst und Klage;
    nichts gilt mehr als sein Ruf.
    Das Wort der ewgen Treue,
    die Gott uns Menschen schwört,
    erfahre ich aufs neue
    so, wie ein Jünger hört.

  3. Er will, dass ich mich füge.
    Ich gehe nicht zurück.
    Hab nur in ihm Genüge,
    in seinem Wort mein Glück.
    Ich werde nicht zuschanden,
    wenn ich nur ihn vernehm.
    Gott löst mich aus den Banden.
    Gott macht mich ihm genehm.

  4. Er ist mir täglich nahe
    und spricht mich selbst gerecht.
    Was ich von ihm empfahe,
    gibt sonst kein Herr dem Knecht.
    Wie wohl hat’s hier der Sklave,
    der Herr hält sich bereit,
    dass er ihn aus dem Schlafe
    zu seinem Dienst geleit.

  5. Er will mich früh umhüllen
    mit seinem Wort und Licht,
    verheißen und erfüllen,
    damit mir nichts gebricht;
    will vollen Lohn mir zahlen,
    fragt nicht, ob ich versag.
    Sein Wort will helle strahlen,
    wie dunkel auch der Tag.

Liebe Gemeinde: sind es nicht gerade die Schwellensituationen unseres Lebens, in denen wir Gottes Beistand besonders angerufen, diesen Beistand aber auch erlebt haben? Bis hierher hat mich Gott gebracht – können wir das nicht alle sagen?

Die Frage nach Gott wird im Lied doch so beantwortet, dass er der treue, nahe, mitgehende Gott ist, der uns den Rücken stärkt und Kraft gibt.

Wir haben alle schon erlebt, wie man schwierige Situationen im Leben durchstehen kann. Und auch, wie man anderen helfen kann, wenn diese an einer Schwelle stehen. So wie die Mutter ihr Kind tröstet, wenn es Zähne bekommt oder Fieber hat, so wie ein Vater seine Tochter ermutigt, wenn sie vor Prüfungen steht, so wie ein Sohn für seine Eltern da ist, wenn die nicht mehr alleine können – so ist Gott für uns da. Und so sollen wir für andere da sein, wo wir können.

Im Predigttext aus Jesaja 50, dem dritten Gottesknechtslied, hören wir auch davon:

Jesaja 50,4f Gott, der HERR, hat meine Zunge in seinen Dienst genommen, er zeigt mir immer neu, was ich sagen soll, um die Müden zu ermutigen. Jeden Morgen lässt er mich aufwachen mit dem Verlangen, ihn zu hören. Begierig horche ich auf das, was er mir zu sagen hat. Er hat mir das Ohr geöffnet und mich bereitgemacht, auf ihn zu hören. 

Jesus hat sich in Dienst nehmen lassen, hat ein Werk vollbracht, das kein Mensch hätte bewältigen können. Durch den Widerstand, mit dem Schuld Leben schwer gangbar oder unmöglich macht, ist er hindurchgewatet und hat alles das mit ans Kreuz genommen.

Wo wir »hören, wie ein Jünger hört«, uns das sagen lassen und der Heilige Geist den Glauben in uns wirkt, da kommen wir über alle Schwellen. Das ist das Thema dieser Woche zwischen Palmsonntag und Ostern: dass Gott uns förmlich ins Ohr ruft. Und wo wir seine Stimme hören, kann uns das helfen, weiter zu gehen. Schuld und Versagen können wir hinter uns lassen und neu ins Leben gehen.

Denn das ist die eigentliche Schwelle, vor der wir immer wieder stehen: die Frage nach Gott: ob er ist oder ob er doch nur ein Hirngespinst ist. Ob er es gut mit uns meint oder uns und allem Leid der Welt fern bleibt.

Liebe Gemeinde, die Karwoche wird auch als Heilige Woche bezeichnet. Heilig, das ist doch alles, was dem profanen Alltag entnommen ist. Lassen Sie uns diese Woche zur eigenen Heiligung nutzen. Uns heiligen können wir, indem wir uns in den kommenden Tagen ganz besonders auf unseren in Jesus Christus offenbarten Gott besinnen, indem wir uns in Erinnerung rufen, wo wir mit seiner Hilfe Schwellen so überwunden haben, dass wir heute hier sind.

Nehmen wir diese Woche als eine Zeit des neu Hinhörens auf Gott, der mitten in unserem Leben ist, wo wir im Raum geben. Was wir, jede und jeder, Gott bedeuten und ihm wert sind, das können wir uns in dieser Woche neu klar machen, wenn wir Jesu Weg ans Kreuz und in den Tod ansehen – einen Weg, der alles vernichten hat, was uns von Gott trennt. Denn das ist an Ostern Wirklichkeit geworden: Gott will, dass unsere Schwellen Wege zum Leben werden. Wo wir auf Gott hören, jeden Morgen neu, und das leben, da sind wir auf dem Weg.

Nun möge Gott seinen Geist zu uns senden als den Wegweiser, der uns zum guten Ziel führt, das Gott für uns im Sinn hat. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Bild: Duccio di Buoninsegna, Jesus zieht in Jerusalem ein (Anfang des 14. Jahrhunderts)