Predigt über 2. Korinther 12,1–10: Eigenlob stinkt

Liebe Gemeinde, in dieser Woche hat es in den Schulen Zeugnisse gegeben. »Giftblätter mit Geisterschrift« heißen sie bei einigen, da der Inhalt nicht immer so erquicklich ist, wie man sich das eigentlich wünscht.

Damit stehen die Zeugnisse, ein Leistungsanzeiger schwarz auf weiß, in schroffem Gegensatz zu unserer Selbsteinschätzung, oder vielmehr: zu der Art und Weise, wie viele Menschen sich selbst anderen gegenüber präsentieren.

Selbstportraits und ihre Wirkung

Der Baron Münchhausen ist für Selbstpräsentation ein bekanntes Beispiel. Einmal erzählte der »Lügenbaron« folgendes:

Kriege sind keine schöne Sache. Immer muss man wissen, was der Gegner als Nächstes vorhat, um dies für den eigenen Vorteil ausnutzen zu können. So verlangte einmal mein General während einer Schlacht von mir, dass ich eine feindliche Festung auszuspionieren hätte. Wie aber sollte ich ungesehen dort hinein gelangen?
Nichts leichter als das, dachte ich, und schwang mich auf eine Kanonenkugel, die meine Kameraden gerade auf die Festung abgeschossen hatten. Doch da war ich wohl ein wenig zu voreilig gewesen. Im Flug überlegte ich mir nun, wie ich wohl wieder unbeschädigt das feindliche Territorium verlassen könne. Dieses Mal wollte mir allerdings so rein gar nichts einfallen.
Da kam mir der Zufall, wie so oft in meinem Leben, zu Hilfe. Unsere Feinde hatten nämlich auch eine Kanonenkugel abgeschossen, die nun direkt auf mich zuflog. Ohne lange zu überlegen wechselte ich von einer Kanonenkugel auf die andere. Das war für mich ja kein Problem, denn ich war ein ausgezeichneter Reiter. So kam ich zwar unverrichteter Dinge, aber immerhin heile bei meiner Truppe wieder an.

Dass Münchhausen den wenig schmeichelhaften Beinamen »Der Lügenbaron« hat, ist Folge solcher Geschichten. Er hat einfach – freilich absichtlich und mit einem schelmischen Zwinkern – zu dick aufgetragen. Natürlich glaubt niemand solch phantastische Geschichten.

Ist Münchhausen nicht der Prototyp, das Sinnbild schlechthin, für alle, die auch zu dick auftragen? Wir alle tun das irgendwann. Einige Beispiele:

  • Bei Bewerbungen gilt es, seine Stärken und Qualitäten ganz besonders hervorzuheben – die Schwächen werden meist weniger intensiv »beleuchtet«.
  • Wenn die Freundin oder der Freund das erste Mal nach Hause kommt, dann wird ganz besonders aufgeräumt, geputzt, geordnet, um nur einen guten Eindruck zu hinterlassen.
  • Wer in den Urlaub fährt, hat gewöhnlich immer das beste Hotel mit dem leckersten Essen und dem schönsten Wetter.

Licht und Schatten – je nach Zweck betonen wir das eine weit mehr als das andere. Und so manches Mal schießen wir dabei über’s Ziel hinaus, so dass auch wir zu kleinen Münchhausens werden.

Paulus über sich selbst und seine Arbeit

Im Predigttext für den heutigen Sonntag Sexagesimae – sechzig Tage vor Ostern – hören wir vom Apostel Paulus, der im zweiten Korintherbrief Stellung nehmen muss in Fragen seiner Stellung unter den übrigen Aposteln. Hören wir, was Paulus schrieb:

2. Kor 11,18.23–12,10 Aber weil so viele sich auf ihre Vorzüge berufen, will ich es auch einmal tun. […] Sie dienen Christus? Ich rede im Wahnsinn: Ich diene ihm noch viel mehr! Ich habe härter für Christus gearbeitet. Ich bin öfter im Gefängnis gewesen, öfter geschlagen worden. Häufig war ich in Todesgefahr. Fünfmal habe ich von den Juden die neununddreißig Schläge bekommen. Dreimal wurde ich von den Römern mit Stöcken geprügelt, einmal wurde ich gesteinigt. Ich habe drei Schiffbrüche erlebt; das eine Mal trieb ich eine Nacht und einen Tag auf dem Meer.Auf meinen vielen Reisen haben mich Hochwasser und Räuber bedroht. Juden und Nichtjuden haben mir nachgestellt. Es gab Gefahren in Städten und in Einöden, Gefahren auf hoher See und Gefahren bei falschen Brüdern. Ich hatte Mühe und Not und oftmals schlaflose Nächte. Ich war hungrig und durstig, oft hatte ich tagelang nichts zu essen. Ich fror und hatte nichts Warmes anzuziehen.
Ich könnte noch vieles aufzählen; aber ich will nur noch eins nennen: die Sorge um alle Gemeinden, die mir täglich zu schaffen macht. Wenn irgendwo jemand schwach ist, bin ich es mit ihm. Und wenn jemand an Gott irrewird, brennt es mich wie Feuer.
Wenn schon geprahlt werden muss, will ich mit meiner Schwäche prahlen. Der Gott und Vater unseres Herrn Jesus – gepriesen sei er in Ewigkeit – weiß, dass ich nicht lüge.
Als ich in Damaskus war, stellte der Bevollmächtigte des Königs Aretas Wachen an die Stadttore, um mich zu verhaften. Aber durch das Fenster eines an die Stadtmauer gebauten Hauses wurde ich in einem Korb hinuntergelassen und entkam. 2. Kor 12 Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn. Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren – ist er im Leib gewesen? Ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? Ich weiß es auch nicht; Gott weiß es –, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel. Und ich kenne denselben Menschen – ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es –, der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann. Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit. Und wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich nicht töricht; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört.
Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche. Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.

Paulus, den wir heute als einen der weitgereistesten Apostel überhaupt kennen, wurde damals angefochten und hinterfragt. Er, der erst auf dem Weg nach Damaskus von Christus berufen wurde (Apg 9), war eben kein Apostel der ersten Stunde. Das brachte ihm manchen skeptischen Blick ein und der Evangelist Lukas spart konsequent an der Bezeichnung Apostel, wenn er über Paulus berichtet.

Sein Licht unter den Scheffel stellen, das musste Paulus aber auch nicht. Er hat die meisten Gemeinde gegründet und die Gute Nachricht, dass Jesus Christus lebt und wir durch ihn zu Gott kommen können, bis nach Europa gebracht.

Im Predigttext weist Paulus darauf hin, welche Entbehrungen und Schwierigkeiten er im Dienst Jesu Christi überwunden hat:

  • dass er verfolgt und bedroht wurde;
  • dass er mehrfach gefangen wurde;
  • dass er auf vieles verzichtet und unter persönlicher Aufopferung gewirkt hat.

Doch wenn wir nur den Predigttext hören, ohne den Hintergrund zu kennen: hört sich das dann nicht ein wenig nach Münchhausen an? Klingt es nicht so, als ob Paulus ganz unbescheiden zu dick auftrüge? Denken wir nicht automatisch an das Sprichwort »Eigenlob stinkt«, wenn Paulus so unbescheiden seine Verdienste auflistet? Schauen wir näher hin!

Wahre Größe

Paulus fährt fort (Kap. 12), dass er einen Menschen kenne, der bis in den dritten Himmel entrückt worden sei. Der dritte Himmel ist im Judentum der Ort des Paradieses. Paulus schreibt nicht: »Ich war dort.« Er schreibt über jemanden, den er kenne. Paulus weiß sich als Empfänger einer besonderen göttlichen Offenbarung, so wie bei seiner Berufung auf dem Weg nach Damaskus. Aber es geht ihm nicht darum, sich besonders hervorzutun – ihm geht es um die Gute Nachricht von Jesus Christus. Deshalb schreibt er und macht deutlich, dass er etwas zu sagen habe. Nur, das ist Paulus wichtig, soll es dabei um das Evangelium gehen.

Paulus legt einen anderen Maßstab an Größe und Bedeutung an. Wo es seinen Gegnern um Ruhm, Anerkennung und Bekanntheit geht, will er das nur für seine Botschaft, aber eben nicht für sich. Paulus’ Maßstab ist dann der, dass er sich höchstens seiner Schwäche und seines Unvermögens rühmen will.

Dabei soll ihm eine »Schutzmaßnahme« helfen – Paulus beschriebt sie so: »Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe« (V. 7) Diese Worte klingen seltsam, vom Satan und einem Pfahl im Fleisch ist die Rede – das alles klingt eher nach Stoff für einen Film.

Die Bedeutung ist einfach. Wenn Paulus uns heute Morgen seinen Satz erklären würde, dann könnte er vielleicht folgendes sagen: »Ich, Paulus, habe von Gott unaussprechliche Dinge offenbart bekommen, stehe damit in einer Reihe mit den Propheten Israels. Doch ich soll, ja: muss, bescheiden bleiben, darf mich dessen nicht rühmen. Und damit das auch so geschieht, soll Gott mir den Mund stopfen, wo ich mich wichtiger nehme als sein Wort, das ich allen weitersagen soll.«

So vielleicht könnte es klingen, wenn Paulus selbst spräche. Denn das meint der Pfahl im Fleisch, den des Satans Engel einschlagen möge: dass Paulus nicht vergessen möge, was sein Auftrag und was seine Botschaft ist.

In unserem Alltag sind wir so eine Bescheidenheit nicht gewohnt. Heute geht es darum, seine »Guttaten« anzupreisen und bekannt zu machen. Selbstvermarktung und Imagepflege sind Stichwörter unserer Zeit. Wer hingegen etwas Besonderes erlebt hat und aus einer besonderen Vollmacht heraus handelt und das eben nicht »an die große Glocke hängt«, würde von Öffentlichkeitsarbeitern heute müde belächelt.

Doch genau das ist Paulus‘ Programm. »Nicht ich, sondern das Evangelium« ist der Satz, den er sich auf die Fahnen geschrieben hat.

Leicht fällt ihm das auch nicht. Auch Paulus ist nur ein Mensch, und wir Menschen sehnen uns danach, wahrgenommen zu werden. Kleine Kinder brauchen Aufmerksamkeit, Lob und Liebe, um zu gesunden Persönlichkeiten heranzuwachsen. Im Berufsleben erwarten Menschen Anerkennung über ihren Lohn hinaus und wo Leistung nicht anerkannt wird, sind Störungen im Betriebsklima und eine unzufriedene Belegschaft wohl mehr Regel als Ausnahme.

Gott als Kraftquelle

Bescheidenheit ist eine Tugend, aber eine sehr schwierig umzusetzende. Was Paulus hilft, sich auf mehr auf seine Botschaft als sein eigenes Angesehen Sein zu kümmern, ist eine Verheißung Gottes:

»Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.« (2. Kor 12,9).

Dieser Vers ist auch die Jahreslosung für 2012.

Wie Paulus diese Verheißung Gottes in seinem Leben umgesetzt hat, beschreibt er so: »Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.« (VV. 9b-10)

Gott ist bei mir und gibt mir Kraft – diese Verheißung macht es Paulus möglich, seinen Auftrag wichtiger zu nehmen als sich selbst. »Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig«, das ist eine Aussage, die Paulus in seinem Leben wiederfindet. Schwäche kennt er nur zu gut. Es sind nicht nur die Entbehrungen auf Reisen, die Gefangenschaften, sondern auch die Anfeindungen, die er erlebt. Es ist sein Unvermögen, an dem Paulus leidet und das er als Schwächen wahrnimmt.

Paulus, ein Mensch wie Du und ich – so wie wir unsere Schwächen haben, kannte auch Paulus Unvermögen, erlebte auch er seine eigene Begrenztheit.

Wir kennen unsere Grenzen, leiden vielfach daran – besonders an den Schwächen, die wir uns nicht eingestehen. Die Medien zeigen uns die Schwächen unserer Mitmenschen, seien es die Diktatoren im Iran und in Syrien, die um jeden Preis groß sein wollen oder in unserem Land Politiker, die nur noch über ihre Anwälte mit der Bevölkerung zu kommunizieren vermögen, im Übrigen aber an ihrem Prestige kleben und Schande über ihr Amt bringen.

»Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig« – dieser Satz ist der »Treibstoff«, mit dem Paulus im Alltag vorwärts kommt. Paulus steht ehrlich zu seinen Schwächen, geht ehrlich mit sich selbst um. Seine »Tankstelle« ist Gottes Gnade. Wo er sich an Gott festmacht und alles von ihm erwartet, erlebt Paulus sich in allem Unvermögen getragen und gehalten. Diese Ebene ermöglicht ihm, seinen Auftrag zu erfüllen.

Liebe Gemeinde: Heute, im Jahr 2012 nach Christus, sehen wir, welchen Erfolg Paulus gehabt hat. Das Christentum, das er als einer der ersten mitverbreitet hat, ist zu einer Weltreligion geworden. Überall glauben und leben Menschen die Gewissheit, dass Jesus Christus lebt.

Wer sich an ihm festmacht, erlebt, auch in schwierigen Zeiten seine Kraft von ihm zu bekommen, aushalten und überwinden zu können. Und wer das lebt, der wird frei davon, sich selbst aufwerten zu müssen. Wir haben es nicht nötig, uns wie die Münchhausens unserer Zeit zu vermarkten: Wo wir uns an Gott halten, können wir erleben, dass er jeden Tag bei uns ist und uns alles Notwendige gibt, um gut zu leben.

Wo wir uns an Gottes Kraft genügen lassen, können wir uns selbst mit allen Schwächen annehmen, so wie Paulus das getan hat. Und wie Paulus gibt Gott auch uns den Auftrag, die Gute Nachricht von Jesus Christus weiterzuerzählen, damit auch andere es hören und zu ihm kommen. Er handelt an uns – und er handelt an anderen durch uns, in all unserer Schwachheit.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.