Predigt über Klagelieder Jeremias – Threni 3,22–26.31f

Liebe Gemeinde, der Predigttext für heute steht im Buch der Klagelieder Jeremias. Die Situation: Israel ist ins Exil geführt worden, Babylon hatte gewonnen. Doch in die Klage mischt sich etwas anderes: erste Hoffnung – Hoffnung darauf, doch nicht völlig unter zu gehen, sondern von Gott erhalten zu werden. Ich lese den Predigttext aus Kapitel drei der Klagelieder Jeremias:

Klagelieder 3,22–26.31–32: Die Güte des HERRN ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen.
Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen.
Denn der HERR verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.

Liebe Gemeinde, jetzt haben wir den Text und seinen geschichtlichen Anlass gehört. Sie merken: der klingt hier erst einmal gar nicht durch. Vielmehr können wir uns als Adressatinnen und Adressaten hören: wo wir uns als Empfänger dieser Verse verstehen, hören wir tröstende und Kraft gebende Worte, die in unsere schwierigen Momente hinein gesprochen klingen.

Der Herbst ist jetzt da. Überall fallen die Blätter, die dunkle Jahreszeit bricht sich die Bahn. Und auch im Kirchenjahr wird die Endlichkeit unseres Lebens zum Thema. In der Evangeliums-Lesung von der Auferweckung des Lazarus (Joh 11) ging es schon darum – und um die Hoffnung, die wir als Christinnen und Christen haben: Dass dieses Leben zwar endlich ist, Gott aber mehr für uns bereithält.

Diese Hoffnung klingt an. So wie auf den düsteren Herbst ein helles Frühjahr folgt, folgt auf dieses Leben ein anderes Sein bei Gott. Hierin liegt die Parallele zum Predigttext aus Jeremias Klageliedern: dass auf eine schwierige Situation etwas Neues folgt. Die Geschichte hat gezeigt: so ist es für Israel auch gekommen.

»Die Güte des HERRN ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.« – so steht es im Predigttext zu lesen. Schön, wenn wir das sagen können. Es gibt ja Tage und Situationen, da ist man so darin »gefangen«, dass man kein »Morgen« mehr sieht. Das Jetzt, das Schwierige scheint alles andere zu verdrängen, so wie man nachts im Licht der Straßenlampe nur im Lichtkegel etwas sehen kann.

Wie ist das bei denn bei uns – was sind denn die Situationen, die uns das Leben schwer machen? Anders gefragt: Was macht mich »alle«?

Es gibt Ereignisse in unserem Leben, die uns so richtig herunter ziehen. Manchmal ist da kein Licht am Horizont, sondern wir sind wie das Kaninchen, das auf die Schlange starrt.

»Der HERR verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte«, heißt es im Predigttext weiter.

Fragen wir uns also umgekehrt: Wo erlebe ich das? Wo konnte ich schon erleben, dass Gott eben doch da war, durchgetragen hat. Und wie tut Gott das eigentlich in meinem Leben – wie und durch was trägt er mich durch? Wo erlebe ich Gott als Hilfe?

Sie merken: mit diesem Predigttext können wir eine Menge Fragen stellen, den Text auf unser eigenes Leben beziehen.

Die Popgruppe Rosenstolz feiert seit wenigen Wochen ihr Comeback. Das Lied, das dem neuen Album seinen Namen gab, heißt »Wir sind am Leben«. Den Liedtext kann man als Deute-Folie zum Predigttext benutzen – lassen Sie uns das einmal tun!

Von Probieren und Versuchen ist in dem Lied die Rede – gleich zu Beginn. »Hast Du alles probiert? Hast Du alles versucht? Hast Du alles getan?« Drei Fragen, die es »in sich haben«. Es sind Fragen, die ein Resümee darstellen: so fragt man doch, wenn etwas nicht funktioniert hat oder man ein Ziel nicht erreicht hat. Die Frage, wie wir mit unserem Scheitern umgehen, deutet sich darin an.

»Wenn nicht, fang an!« endet diese Strophe – hier gibt es kein Verzagen oder ein Steckenbleiben. Der Blick geht im Lied nicht nach unten, hier geht es weiter, selbst wenn man an etwas gescheitert ist: es geht weiter und Sumpf und Treibsand sind dem Lied nicht bekannt.

Wenn nicht, fang an – das können wir auch auf unsere Geschichte mit Gott hören und deuten. Schritte im Glauben zu wagen, nicht stehen zu bleiben – das macht ein lebendiges Glaubensleben aus. Und dann dreht sich die Welt wirklich.

Die dritte Strophe setzt das Fragen fort. »Was willst Du geben?« – hier wird die Perspektive umgedreht. Es geht nicht mehr darum, zu bekommen. Es geht um das, was wir tun können, wo wir anpacken können, wo wir mehr haben, als wir brauchen.

»Die Güte des HERRn ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu« – das ist doch eine Verheißung, die uns klar macht, dass Gott uns gibt, was wir brauchen, an jedem einzelnen Tag. Wo wir uns an Gott befestigen, wird er uns zu einer nie versiegenden Kraftquelle, aus der uns zuletzt sogar Überschuss erwächst: wir haben mehr, als wir brauchen, wir können abgeben.

Was es ist, das wir abgeben können? Das, wovon wir am Meisten haben, und das ist bei jedem etwas anderes. Der eine hat Zeit, kann sie für andere einsetzen. Eine andere kann etwas besonders gut und kann dies in den Dienst anderer stellen. Aber lassen Sie mich hier keine langweilige Liste aufstellen – was ist es denn, wovon Sie an Können, Möglichkeiten, Mitteln und Begabungen mehr haben, als Sie für sich selbst brauchen – wo und wie könnten Sie denn davon weitergeben?

»Was gibt dir den Frieden / und was ist liegen geblieben« geht das Lied weiter. Hier wird die Frage nach dem gestellt, was uns erfüllt, satt macht, uns Ruhe gibt, und ebenso wird nach dem Gegenteil gefragt, nach dem, was uns nachts nicht schlafen lässt, uns wachhält und grübeln lässt.

Auch der Predigttext spricht von Harren auf Gott und der Notwendigkeit des Geduldig Seins und des Hoffens.

In der auf den Refrain folgenden Strophe werden diese Fragen fortgesetzt. »An was willst Du glauben oder glaubst Du an Dich?« – das ist eine religiöse Frage; mit Goethe gesagt: die Gretchenfrage: Glaube ich?

Jeder Mensch glaubt an etwas, und sei es nur, das man glaubt: der Stuhl, auf dem ich gerade sitze, wird eben so wenig zusammenbrechen wie das Dach über mir. Die Frage nach dem Glauben in religiöser Hinsicht geht viel weiter. Es ist die Frage nach dem, wovon man sein Heil erwartet.

Heil ist ein altes Wort, Synonyme dafür sind Glück, Segen, Wohlbefinden, Erlösung und Seligkeit. Am letzten Wort merken Sie: es geht um unser Innerstes, um das, was uns im Herzen, im ganzen Leben Perspektive, Hoffnung und Ziel haben lässt.

Wir Christen glauben Jesus Christus als unseren Heiland – als den, der uns jenseits dieses Lebens eine Perspektive schenkt. Er kam in eine noch nicht erlöste Welt, in der alles Leben endlich ist. Er kam in eine Welt, in der das Scheitern und Versagen Teil von uns Menschen ist.

Christus hat dies überwunden und schenkt das auch uns. Das können wir als Kraft nutzen, gerade auf den Durststrecken, wo wir Gott fern erleben und nur unsere Probleme, aber nicht die Lösung erkennen. Wo unser Leben bruchstückhaft bleibt und nicht die Wege findet, die wir uns wünschen oder erträumen – da können wir im Glauben an den sich in Christus offenbarenden Gott Heil mitten im Unheil finden, ergreifen und uns daran festhalten.

Das Lied spricht mit dem »Oder glaubst Du an Dich« an, was gang und gebe ist. Viele Menschen halten sich nicht an Gott, sondern an sich selbst. Und das geht in vielen Situationen im Alltag ganz ausgezeichnet. Wozu sich an Gott, Religion oder öde Gottesdienste halten, wenn man seines eigene Glückes Schmied sein kann – oder seine Schmiedin.

So denken viele und, aus christlicher Sicht, denken sie da ganz schön zu kurz. Wer sich selbst heil machen will, versucht sich wie Baron Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Und Erfolg, Geld, Ansehen, Ruhm, usw. ist letztlich nur ein tönernes Fundament, wenn man ein Leben darauf aufbauen will.

Steve Jobs, der Apple-Mitgründer, war schon in jungen Jahren Multimillionär. Mittlerweile dürfte sein Vermögen in die Milliarden gehen, er ist weltbekannt, wird von vielen Menschen regelrecht verehrt. Er ist trotzdem bereits tot.

Wer an sich selbst glaubt, muss sich selbst heil machen. Er muss sein eigener Gott sein – das ist ein hoffnungsloses Unterfangen, denn Heil kann nicht aus uns selbst kommen.

Nochmals zum Lied; darin heißt es sinngemäß: Wer glaubt an mich? Wer betrügt und belügt mich? An welchen Schlössern knacke ich, ohne sie auf zu bekommen? Was lässt mich in die Knie gehen? – So lauten die weiteren Fragen in dieser Strophe.

Egal, wie wir sie durchdenken und zu welchem Ergebnis wir dabei kommen: wo wir uns klar machen, dass wir zu Gott gehören, uns an ihm fest machen, haben wir einen Halt. Da wird Gott wie das Sicherungsseil, das den Bergsteiger beim Sturz auffängt – im englischen heißt es life line, was ein viel stärkeres Wort ist.

Die Güte des HERRn ist’s, dass wir nicht gar aus sind – Gott ist es, der uns erhält, der uns Hoffnung gibt und der unsere existentiellen Fragen beantwortet und den Fragen in der schlaflosen Nacht die richtige Bedeutung zuweist. Den Refrain »Du bist am Leben / Wir sind am Leben / Ich kann Deinen Herzschlag hören« deute ich dann auch so:

Gott hört unseren »Herzschlag« – das, was lebensnotwendig ist, kennt er. Was ist denn im übertragenen Sinn unser Herzschlag? Es sind unsere Gedanken, unsere Hoffnungen, unser Sorgen und unser Fragen. Und Gott hört unsere Gebete und unser Rufen, auch wenn wir seine Antwort doch meistens nicht hören – harren und geduldig sein müssen.

Aber fragen wir uns trotzdem: Wo hören wir ihn? Wo dreht sich unsere Welt weiter, weil Gott uns aufhilft durch Wege, Möglichkeiten, andere Menschen zum Beispiel?

Liebe Gemeinde: Wo wir darauf eigene Antworten suchen, werden wir mehr als nur diese finden. Das ist eine Möglichkeit, Gottes Handeln in unserem Leben neu zu entdecken. Wo uns das gelingt, können wir auch den schwierigen Dingen in unserem Leben eine angemessene Bedeutung einräumen, im Vertrauen darauf, dass unser Heil durch Christus in Gott geborgen ist. Denn die Güte des HERRn ist’s, dass wir nicht gar aus sind – oder mit dem Lied gesagt: Wir sind am Leben. Gott sei Dank!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.