Predigt über Johannes 1,35–42 – Vom Suchen und Finden

Liebe Gemeinde, im Predigttext geht es um etwas, das bei uns allen Thema ist, sich durch unser ganzes Leben zieht – oftmals nur ganz unterschwellig bewusst, aber doch gegenwärtig.

Es geht um das Suchen und Finden, es geht um Ziele und Sinn im Leben und wie man dazu kommen kann.

Wie ist das bei Ihnen: wonach suchen Sie? Wonach sehnen Sie sich? Was brauchen Sie oder hätten, wären es gern? Sind Sie da, wo sie sich das einst erträumt haben, oder kam alles ganz anders?

Was ist Ihr »Kompass«, Ihre »Landkarte« bei dieser Suche; wo sind die Orientierungspunkte?

Und: was haben Sie eigentlich schon gefunden? Was können Sie festhalten? Was mussten Sie loslassen?

Sie merken: das sind Fragen, die eigentlich für ein ganzes Menschenleben durchgängig von Bedeutung sind. Unser Suchen ist vielfältig. Es fängt bei der Suche nach uns selbst an, bei dem Fragen: wer bin ich eigentlich? In der Jugend ist das Thema, wenn man sich von den Vorstellungen der Eltern löst und eine eigene Meinung erfindet. Das setzt sich fort, wenn es darum geht, sich gegen Ideen und Meinungen von Freunden, Mitschülern und Clique abzugrenzen und zu behaupten.

Im Berufsleben muss man sich erst einmal finden, sich ausprobieren, seine eigenen Stärken und Schwächen kennenlernen und eine Haltung finden. In der Partnerschaft ist es dasselbe.

Wer bin ich – dieses Suchen, Finden, Einordnen und sich-neu-Erfinden zieht sich durch unser ganzes Leben durch. Meistens läuft es unbewusst ab, doch es gibt Situationen, wo uns dies ganz bewusst wird und wir es auch ganz bewusst bedenken müssen.

Es ist ein Suchen, das sich nicht nur auf uns selbst erstreckt, sondern weit überboten wird, wenn wir die Frage nach Lebenssinn, Erfüllung und Gott stellen.

Der Predigttext stellt in ganz einfacher und pragmatischer Weise zwei Menschen und ihr Suchen vor. Ich lese den Predigttext aus Johannes eins:

Joh 1,35-42 (NGÜ) Am nächsten Tag stand Johannes wieder am gleichen Ort; zwei seiner Jünger waren bei ihm. Da ging Jesus vorüber. Johannes blickte ihn an und sagte: »Seht, dieser ist das Opferlamm Gottes!« Als die beiden Jünger das hörten, folgten sie Jesus. Jesus wandte sich um und sah, dass sie ihm folgten. »Was sucht ihr?«, fragte er. »Rabbi« [– das heißt Meister –], erwiderten sie, »wo wohnst du?« Jesus antwortete: »Kommt mit, dann werdet ihr es sehen.« Da gingen die beiden mit ihm; es war etwa vier Uhr nachmittags. Sie sahen, wo er wohnte, und blieben für den Rest des Tages bei ihm.
Einer der beiden Männer, die Jesus gefolgt waren, weil sie gehört hatten, was Johannes über ihn gesagt hatte, war Andreas, der Bruder von Simon Petrus. Andreas sah kurz darauf seinen Bruder Simon. »Wir haben den Messias gefunden!«, berichtete er ihm. (»Messias« ist das hebräische Wort für »Christus«.) Dann nahm er ihn mit zu Jesus. Jesus blickte ihn an und sagte: »Du bist Simon, der Sohn des Johannes. Du sollst Kephas heißen.« (Kephas ist das hebräische Wort für Petrus und bedeutet »Fels«.)

Suchen damals und heute …

Eine einfache Erzählung haben wir gerade gehört – man könnte fast sagen: »Typisch Neues Testament: wir hören von Jesus und wie er irgendwelchen Leuten begegnet, die dann mit ihm gehen.«

Aber so ist es nicht.Suchen und Finden ist das heimliche Thema. Mit Johannes dem Täufer fängt der Text an. Dieser Johannes ist Ausdruck für das Suchen nach Gott überhaupt.

Damals kamen zig Leute zu ihm an den Fluss Jordan, wo Johannes unter einfachsten Bedingungen lebte und Gott verkündete. Das tat er in einer rigoristischen Art und Weise. Schwarz/weiß und wenig Grau – so wird Johannes Verkündigung gewesen sein – und an Deutlichkeit kaum zu überbieten. »Kehr um!«, das war seine Botschaft an alle, die zu ihm kamen.

In einer Gesellschaft, deren Werte im Schwanken begriffen waren, suchten die Menschen nach Halt und Orientierung. Bei Johannes fanden sie dies in seiner kompromisslosen Verkündigung und seinem Ruf zu persönlicher Umkehr zu Gott.

Auch bei uns heute geschieht so etwas. Unsere Gesellschaft ist an vielen Punkten »satt«. Die Sorgen und Nöte, die in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg bestanden, sind längst ferne Vergangenheit und heute kaum vermittelbar. Heute gilt unsere Frage nicht, ob wir Wurst haben, sondern welche Sorte. Und heute landet mehr Essen im Müll, als man sich vorstellen kann.

Wir sind längst eine Überflussgesellschaft geworden, in der ein Dach über dem Kopf und ausreichend Nahrung eine Selbstverständlichkeit sind.

Dieses Satt-sein in materieller führt zu einem Hunger in spiritueller Hinsicht. Wer alles Wichtige hat oder bekommen kann, der fragt nach den Dingen, die nicht verfügbar sind, die sich entziehen.

Freilich: viele suchen auch einfach nur nach einem Mehr: einem Mehr an Familie und Freundschaft. Einem Mehr an Sport, Fitness, Diät, Gesundheit. Einem Mehr an Besitz. Und so fort.

Doch Viele fragen eben nicht nach vergänglichen Dingen, die letztlich keinen wirklichen Sinn in sich bergen: »Da muss doch mehr sein!« Viele fragen, suchen Antworten und ziehen zur Klärung heran, was ihnen hilfreich erscheint. Heute geschieht das zunehmend unter Abweisung der christlichen Wurzeln unserer Gesellschaft, was zu einer Diffusion an Werten und Beliebigkeit führt.

Wer suchet, der findet?!

»Wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan« (Mt 7,7f) sagt Jesus. Lassen Sie uns das heute Morgen tun!

Der Predigttext erzählt von zwei Jüngern, die Jesus folgten, nachdem Johannes sie auf seine Bedeutung hinwies. »Messias«, so nannte er ihn und wir wissen: der Messias ist der verheißene König, der von Gott selbst gesandt ist. Er ist die Verbindung zwischen Himmel und Erde und bei ihm finden wir Antworten, die sich dem Repertoire unserer Möglichkeiten entziehen.

Im Text hören wir, dass die beiden Jesus folgten, auf seine Worte hörten und ihm schließlich »auf den Zahn fühlen« wollten: »Wo wohnst du« (V. 39: ποῦ μένεις;), fragen sie Jesus.

Kleine Kinder kennen die Antwort auf diese Frage: »Gott wohnt Himmel.« Doch wir Erwachsenen tun uns mit der Beantwortung dieser Frage ungleich schwerer. Wie schön wäre es, Gottes Adresse zu haben. Und am besten gleich noch seine Telefonnummer und Mailadresse. Und wenn was ist, dann melden wir uns bei ihm, hören mal nach, ob er nicht was tun könne, denn dafür ist er doch da – zur umgehenden und exakten Erfüllung unserer Wünsche. Doch Gott ist für uns erst einmal »unbekannt verzogen«, wenn wir eine direkte Antwort von ihm erwarten.

Die Jünger hat Jesus nach Hause mitgenommen. Sie durften vermutlich in jede Ecke gucken und prüfen, ob es unter seinem Sofa wie bei Hempels aussah. Und sie blieben den Rest des Tages.

Worüber sie sich wohl unterhalten haben?

Wie wäre es für uns, wenn wir Gott nicht nur im Gebet ansprechen, sondern uns richtig mit ihm unterhalten könnten und Antworten auf alle Fragen bekämen? Wenn wir bei Jesus auf dem Sofa säßen? Vielleicht so wie in dem Buch »Die Hütte« (William Young)?

Die Jünger scheinen jedenfalls die richtigen Antworten bekommen zu haben. Sie brechen wieder auf und suchen Verwandte und Freunde auf, erzählen denen weiter, was sie erlebt und wen sie in Christus gefunden haben.

Die machen sich dann auch auf. Petrus bekommt einen neuen Namen, »Fels« soll er heißen.

Gefunden – und dann?

Liebe Gemeinde, in unserem Leben sind wir Suchende, suchen nach uns selbst, nach Liebe, Anerkennung und Sinn. Im Predigttext haben wir vom Suchen der Jünger damals gehört, die dann Gott »auf die Bude rücken« und selbst sehen konnten.

Unser Suchen ist vielfach ähnlich. Wir brauchen Fixpunkte, Leuchttürme und Wegweiser auf unserem Lebensweg. Das ist lebenswichtig, wenn wir zu einem Ziel gelangen wollen, das jenseits von Zufall und Beliebigkeit ist. Die Jünger haben das alles gefunden.

Für uns ist es heute schwieriger. Unsere Welt ist unübersichtlich geworden. Alles soll gelten und erlaubt sein, nichts darf ausgeschlossen werden. Was für ein Unsinn!

Wir können Antworten auf die Frage nach dem tieferen Sinn bei Gott finden. Er ist unser Ziel. Die Schwierigkeit auf dem Weg zu ihm ist, dass wir Gott aus den Augen verlieren, so wie die Jünger Zeiten des Zweifelns, Fragens und Sorgens kannten.

Unser Suchen wird da zum Finden, wo wir nicht nachlassen, uns an Gott in Christus festzumachen. Als Jakob mit dem Gott am Fluss Jabbok die Nacht hindurch kämpfte und rang, sagte er ihm zum Schluss: »Ich lasse dich nicht gehen, bis du mich segnest« (Gen 32). Das sollten auch wir in den Zeiten tun, wo wir mehr Fragen als Antworten haben. Anlass zum Fragen gibt es ja genug.

Die Jünger haben, nachdem sie Christus begegnet sind, davon weitererzählt. Sie selbst sind zum Leuchtturm und Wegweiser für andere geworden.

Liebe Gemeinde, Gott können wir heute auch noch finden, indem wir beten und ihm sagen, was uns wichtig ist. Im Miteinander in der Gemeinde wird Gottes Handeln auch heute noch offenbar.

Jetzt sind wir dran: erzählen wir davon weiter? Riskieren wir es, unser Fragen in Gottes Hände zu legen? Vertrauen wir darauf, dass er die Antworten kennt, wo wir nur fragen können?

Ich wünsche es uns. Ich bete mit Worten des 27. Psalms (ab V. 7):

HERR, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und erhöre mich! Mein Herz hält dir vor dein Wort: »Ihr sollt mein Antlitz suchen.« Darum suche ich auch, HERR, dein Antlitz. Verbirg dein Antlitz nicht vor mir, verstoße nicht im Zorn deinen Knecht! Denn du bist meine Hilfe; verlass mich nicht und tu die Hand nicht von mir ab, Gott, mein Heil! Denn mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der HERR nimmt mich auf. HERR, weise mir deinen Weg und leite mich auf ebener Bahn um meiner Feinde willen. … Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde die Güte des HERRN im Lande der Lebendigen. Harre des HERRN! Sei getrost und unverzagt und harre des HERRN!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Lied: eg 648,1–3 Wir haben Gottes Spuren festgestellt