Predigt über Jesaja 6,1–13 – Gottes Auftrag

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Liebe Gemeinde, mit dem heutigen Sonntag Trinitatis liegen die großen Feste Weihnachten, Ostern und Pfingsten hinter uns. Trinitatis, diese bis November dauernde Zeit, thematisiert die Dreieinigkeit Gottes, der als Vater und als Sohn sichtbar geworden ist und als Heiliger Geist mitten unter uns ist.

Im heutigen Predigttext aus Jesaja sechs geht es um Gott den Vater. Wir hören, wie der Prophet Jesaja berufen wurde, der als Sprachrohr Gottes auch das Kommen Gott des Sohns in Jesus Christus, vorausgesagt hat. Ich lese den Predigttext aus dem Buch des Propheten Jesaja, Kapitel sechs. Da heißt es:

Jesaja 6,1–13 (Lutherbibel, revidiert 1984) In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron, und sein Saum füllte den Tempel. Serafim standen über ihm; ein jeder hatte sechs Flügel: mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße, und mit zweien flogen sie. Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll! Und die Schwellen bebten von der Stimme ihres Rufens, und das Haus ward voll Rauch. Da sprach ich: Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen. Da flog einer der Serafim zu mir und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm, und rührte meinen Mund an und sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt, dass deine Schuld von dir genommen werde und deine Sünde gesühnt sei. Und ich hörte die Stimme des Herrn, wie er sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein?Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich! Und er sprach: Geh hin und sprich zu diesem Volk: Höret und verstehet’s nicht; sehet und merket’s nicht! Verstocke das Herz dieses Volks und lass ihre Ohren taub sein und ihre Augen blind, dass sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren Ohren noch verstehen mit ihrem Herzen und sich nicht bekehren und genesen. Ich aber sprach: Herr, wie lange? Er sprach: Bis die Städte wüst werden, ohne Einwohner, und die Häuser ohne Menschen und das Feld ganz wüst daliegt. Denn der HERR wird die Menschen weit wegtun, so dass das Land sehr verlassen sein wird. Auch wenn nur der zehnte Teil darin bleibt, so wird es abermals verheert werden, doch wie bei einer Eiche und Linde, von denen beim Fällen noch ein Stumpf bleibt. Ein heiliger Same wird solcher Stumpf sein.

Der Tempel als Ort Gottes

Wie Jesaja zum Propheten berufen wurde – das haben wir gerade gehört. In einer Vision beschreibt der Prophet, wie er vor Gott geführt wurde. Zur Zeit des Königs Usija, einem König von Juda, geschah das und der Ort, an dem Jesaja sich befand, war Jerusalem.

Gott trägt in dieser Vision alle Zeichen seiner Majestät, wie ein König sitzt er auf einem Thron. Dieser Thron scheint wie ein gewaltiger Sitz über dem Jerusalemer Tempel aufgestellt zu sein.

Die Unterränder von Gottes Gewand enden im Tempel, dem Ort, an dem die Juden bis ins erste nachchristliche Jahrhundert hinein Gott suchten und fanden, bis der Tempel von den Römern zerstört wurde und das Alte Testament Heilige Schrift für sie wurde.

Der Titusbogen, der neben dem Kolosseum steht, zeigt in seiner Innenseite, wie die Geräte des zerstörten Tempels, unter anderem der siebenarmige Leuchter Menora, im Triumphzug nach Rom gebracht wurden.

Die Westmauer, Klagemauer genannt, ist von diesem Tempel noch da und auch heute noch ein Ort des Gebets.

Im 22. Psalm wird dieses Bild des erhaben thronenden Gottes auch beschrieben: Du aber bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen Israels. Unsere Väter hofften auf dich; und da sie hofften, halfst du ihnen heraus. (Psalm 22,4–5)

Doch so weit, der Tempelzerstörung, ist es im Predigttext noch nicht. Jesaja lebte wohl in der Mitte des achten Jahrhunderts vor Christus – der Erste Tempel stand also noch und Jesaja sieht in seiner Vision Gott diesen Tempel gleichsam als Ablage für sein Kleid nutzen, sieht Gott und den Tempel auf das engste verbunden. Der Tempel ist der Ort Gottes und Gott ist dort gegenwärtig bei seinem Volk.

Unheimliche Begegnung

Und dennoch kann man Gott nicht sehen. Wer Gott sieht, stirbt – das liest man mehrfach in der Bibel, denn kein Mensch kann die Größe Gottes unbeschadet schauen: «Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.» (V. 5b), so ruft Jesaja dann auch entsetzt aus, als er in seiner Vision an den Ort Gottes entrückt wird.

Der Ort Gottes – sagen wir der Einfachheit halber «Himmel» dazu – ist uns Menschen entzogen. Und nun ist Jesaja dabei, mitten drin und sieht die Himmelswesen, wie sie Gott verehren und erlebt das als so gewaltig, dass sogar der Boden des Tempels zu wanken beginnt wie bei einem Erdbeben.

Wenn man sich den Mund verbrennt …

Jesaja ist zutiefst erschrocken über das Gesehene. Wird er überleben? Wie sollte das nur gehen … doch dann greift Gott ein, lässt einen Serafim den Jesaja entsündigen.

Jesaja hat sich den Mund verbrannt durch seinen Ruf, ja überhaupt, dass er da ist. Denn er weiß um den Unterschied zwischen Gott und Mensch und dass er eine Grenze übertreten hat, als er Gott sah.

Mit einer glühenden Kohle reinigt eines der Himmelswesen seinen Mund, was wohl so ähnlich sein muss, wie den Mund mit Seife ausgewaschen zu bekommen. Das man so etwas nicht zu Hause tun sollte, bedarf keiner Erwähnung.

Liebe Gemeinde: wann haben Sie sich eigentlich zuletzt den Mund verbrannt? Nein, ich meine nicht an zu heißem Essen, sondern eine Situation, in der sie das Falsche gesagt haben? Das ist doch Jesajas Entsetzen und auch wir erkennen meist mit Schrecken, wo wir zu weit gegangen, in ein «Fettnäpfchen getreten sind» oder das Los des Überbringens einer schlechten Nachricht hatten.

Das Schwierige an solchen Situationen ist doch, wie man einen guten Weg vorwärts wieder finden kann. Allzu leicht kann ein unbedachtes Wort Schaden anrichten und wir kennen sie alle, die Situationen, wo wir uns am liebsten auf die Zunge gebissen hätten – und eben das nicht getan haben.

Das sind Momente, die Beziehungen verändern, oft ganz nachhaltig.

Jesaja erfährt in der «Reinigung» mit der glühenden Kohle, dass er trotz seines Fehlers bestehen bleiben darf. Er ist nicht dem Untergang geweiht, weil ihm seine Übertretung vergeben wird.

Wie schön ist es, wenn uns dieselbe Chance gewährt wird, wo wir uns den Mund verbrannt haben. Und wie viel macht es möglich, wenn wir anderen verzeihen.

Wie unerhört schwer das ist, Schuld loszulassen und zu vergeben, wissen wir auch. Manchem ist es nicht möglich. Wir kennen alle Menschen, die vergangene Schuld konservieren, wie eingekochte Marmelade in ein Glas sperren und fest verschließen. Und wenn es soweit ist, wird das wieder hervorgeholt und auf’s Brot geschmiert.

So etwas vermeidet Leben. So etwas tötet Beziehung. So etwas verhindert Begegnung und Gemeinschaft. Und dennoch geschieht es an allen möglichen Orten.

Wo sind Ihre «Marmeladengläser»? Wo konservieren Sie die Schuld anderer – oder Ihre eigene?

Nicht wahr: manchmal wäre so ein Serafim ganz praktisch, der alle Schuld kurzerhand «wegsterilisierte» und einen Neubeginn möglich machte.

Das ist doch die spannende Botschaft, die dieser Predigttext uns gibt: dass Gott mehr ist als der hocherhabene Herrscher, der über den Dingen thront. In Jesus Christus ist er in unsere Welt, seinen Tempel, zu uns gekommen. Und im Heiligen Geist kommt er auch zu uns, macht uns zu seinem Tempel.

Der Apostel Paulus beschreibt das so: Wir sind der Tempel des lebendigen Gottes; wie denn Gott spricht: »Ich will unter ihnen wohnen und wandeln und will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein.« (2. Korinther 6,16)

Auch uns will Gott es ermöglichen, «olle Kamellen» loszulassen und vorwärts zu kommen. Gott kann auch uns reinigen und das macht neues Leben und Zukunft möglich.

Freilich: so mancher hat sich so an Schuld und dem darauf herumzureiten gewöhnt, dass dieser «Schnee von gestern» irgendwann zu einem großen, harten «Eisbrocken» wird, und den will man nicht loslassen, weil man selber daran festgefroren ist.

Ja, auch so etwas gibt es und manchen Ballast schleppt man nur allzu gerne mit sich herum, statt ihn abzuwerfen.

Jesaja lässt zu, dass der Serafim ihm die Schuld abnimmt, sie verbrennt, und hat Zukunft. Er, der zu Gott in den Himmel entrückt wurde, lässt nun seinerseits Gott ein.

Wo wohnt Gott da also? Martin Buber erzählte einmal eine Geschichte:

Ein Rabbi war zu Gast bei gelehrten Männern. Er überraschte sie mit der Frage: «Wo wohnt Gott?» – Sie lachten über ihn: «Was redet Ihr! Ist doch die Welt seiner Herrlichkeit voll!» Er aber beantwortete seine eigene Frage: «Gott wohnt, wo man ihn einlässt.»

Was ist mein «Auftrag»?

Jesaja, der in den Himmel entrückt wurde, lässt Gott ein in sein Leben. Er lässt sich von Gott neue Zukunft schenken und reagiert auf diese neue Möglichkeit.

Als Gott fragt, wen er zu seinem Volk als Boten senden könne, fasst Jesaja sich ein Herz und sagt: «Hier bin ich, sende mich…»

Es ist ein schwieriger Weg, auf den Gott ihn sendet und Jesaja wird es nicht einfach haben, den Auftrag auszuführen. Auch Jesaja wird durch die Wüste gehen, als die die Bibel das Loslassen Gottes beschreibt in der schmerzhaften Zukunft, die ins Babylonische Exil führte, hat Israel dies kennengelernt. Das am Ende aber alles wieder gut werden wird, das hören wir auch im Predigttext. Und Jesaja nimmt den Auftrag an.

Wie ist das bei uns? Was ist eigentlich mein Auftrag, wenn ich zu Gott gehöre? Habe ich überhaupt einen?

Vielleicht ist das unser Auftrag: dass wir an den Orten, an die Gott uns gestellt hat, nach Kräften und mit seiner Hilfe versuchen, das Beste möglich zu machen. Geduld und Liebe zu den Mitmenschen, aber auch zu uns selbst, gehören dazu. Der Wille und die Bereitschaft, nicht in Vorurteilen zu beharren und Schuld nicht zu konservieren, sondern Vergebung einzuüben und zu leben, das ist Teil dieses Auftrags, den wir als Christen haben.

Wo wir das leben, wird sich etwas verändern – in uns selbst, aber auch im Verhältnis zu unseren Mitmenschen. Und das haben wir auch gehört: «Ein heiliger Same wird so ein Stumpf sein» – das kann der Stumpf sein, den wir Schuld, Vorurteil und Mangel an Vergebung sein, aber das können auch die ungeklärten und unvergebenen Konflikte sein. Gott macht es durch seinen Geist möglich, dass selbst da heraus wieder etwas Gutes entstehen kann, wie ein Same zum Pflänzchen und dann zum Baum werden kann.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen.

Lied: Du gibst das Leben, das sich wirklich lohnt